Meine neue Heimat Sachsen

Symbolfoto: Von fboudrias/Shutterstock

Hier ein Erlebnisbericht, der zeigt, dass es für das Überleben der deutschen Gemeinschaft in diesen chaotischen Zeiten wichtig ist, zusammenzurücken. Und dass dies am besten im Osten der Republik funktioniert, dort, wo die Heimat noch nicht gänzlich zerstört wurde:

Wir starten, es ist Montag der 21.06.2021, 5 Uhr. Es geht in den Sommerurlaub nach Mitteldeutschland. Es handelt sich nicht nur um einen Urlaub, auch eine große Veränderung im Leben steht uns bevor. Eine, deren Entschluss ich endgültig erst während des Aufenthalts in Sachsen fällte. Dem voraus geht, eine von mir über Monate und Jahre beobachtete, drastische, desaströse  Veränderung in unserem bisherigen Lebensumfeld in Niedersachsen, dem Ort unseres bisherigen Seins. Hole ich hier weitaus, wenn ich von einer exorbitant verfehlten Migration-, Integration- und Asylpolitik in unserem Land, schreibe? Nein, das tue ich nicht. Es wird schlussendlich, vorausschauend, irgendwann nicht mehr zu ertragen sein. Für meinen Mann war das schon viel früher im Kopf realisiert, Monate vor mir, er ließ mir aber Zeit. Nun schnarcht er schlafend neben mir im Auto, den Schlaf der Gerechten, so wie die Kinder auf der Rücksitzbank, die vor Aufregung des bevorstehenden Abenteuers, vergangene Nacht kein Auge zu taten.

Von Anne-Marie

Bei Magdeburg verlassen wir die A2, mein Mann, der Architektur studierte, möchte ein sakrales Bauwerk – den Dom zu Magdeburg – besichtigen. Unsere Planung sieht vor, der Straße der Romanik ein paar Kilometer zu folgen. Ein weitere Station an diesem Tag wird Halberstadt, mit seinem Dom und dem Tierpark Spiegelsberg sein, zur Freude der Kinder. Quartiert wurde in einer kleinen Pension zwischen Halberstadt und Blankenburg. Wie immer fielen alle schon sehr früh am Abend todmüde ins Bett. Außer ich, denn grübelnd lag ich gefüllt ein Ewigkeit wach – noch nie war ich in dieser Region, obwohl sie nur 3 Stunden entfernt von meiner Heimat lag. Es ist mir fast peinlich; ein schönes Fleckchen Erde und allerlei Kultur. Es folgten noch spannende Tag im Harz, wir ließen die Festung Regenstein, die Teufelsmauer, die Rosstrappe u.v.m. hinter uns und fuhren weiter Richtung Südost ins sächsische Land.

Pünktlich einen Tag vor einer geplanten Sommersonnenwendfeier, die ja bekanntlich auf den 21.06. fällt – und hier in Sachsen von unseren Gastgebern erst ein paar Tage später an einem Sonnabend (wie man in Mitteldeutschland zu sagen pflegt) gefeiert wurde, trafen wir in unsere Unterbringung in ein. Den Abend verbrachten wir mit einem sogenannten Botschafter der Initiative „Zusammenrücken in Mitteldeutschland“, mein Mann und er kannten sich schon flüchtig von früheren Zeiten und schriftlich durch email-Verkehr mittels „Zusammenrücken“. Es waren aufschlussreiche Gespräche.

Der Sonnabend brach an, der Tag der Sonnenwendfeier, wir trafen hier viele interessante Menschen, Familien mit Kinder, für unserer wiederum kein Problem, das Eis brach nach wenigen Minuten und ein großen Kinderschar tollte unbeschwert und laut über die Wiesen. Viele Gespräche mit anderen Frau und Männer, wiederum nicht nur ortsansässige, sondern auch Menschen wie wir, die nach einen neuen Lebensmittelpunkt suchten. Wir lernten eine Familie aus Hessen kennen, ein junges Paar aus dem Saarland, sächsische Familien und eine aus Thüringen. Von den Mitteldeutschen, die wir hier kennenlernten, waren einige engagierte „Zusammenrückler“, die dieses Projekt mit voller Überzeugung begleiten und betreuen. Der unterschiedliche Menschentypus fiel dabei auf,  alle immer sehr zu vorkommend und emphatisch. Vom bodenständigen Familienvater, über die alleinstehende Mutter, dem Marathon laufenden 23-jährigen Mädel, die übrigens bestens Kinder betreuen konnte, bis zum voller Energie steckenden jungen Raufbold, dessen Funkeln, fast Brennen in den Augen mich an die meines Mannes erinnerten, als wir blutjung waren.   

Die Atmosphäre der Nacht ist schwierig zu verbildlichen, sie war nicht statisch oder abstrakt, sie war spürbar. Ein laues Lüftchen mit dem Duft der Wiese, den ab und zu, helle leuchtenden Stern an dem leicht bedeckten Himmel, das Knistern des Feuers, das vielerlei Geschnatter der Teils schemenhaften Menschen, groß und klein, die um das Feuer standen. Unvergesslich und prägend, mein Entschluss viel in dieser Nacht.

Die Sonnenwende gab mir einen Impuls, der für einen Ausstehenden vielleicht nicht erklärbar ist oder war. Auch wenn es von meiner Natur als Frau wahrscheinlich als eine erwartbare emotionale Entscheidung interpretiert wird, war diese so rein rational. Auch ich konnte mir nun keine Zukunft mehr in meinem gewohnten Umfeld, meiner geliebten Heimat in Niedersachsen vorstellen, erst recht nicht, wenn ich an die Kinder dachte. Mir kommen die Tränen, während ich diese Zeilen schreibe. In diesem Urlaub lernten wir noch viele Regionen in Thüringen und Sachsen hautnah kennen. Wunderschöne Gegenden, in den es voller Lebendigkeit der Menschen knisterte. 

Ich wünschte mir Gleiches, von den Deutschen in Niedersachsen, die zwar nicht unkritisch sind, aber irgendwie fehlt ihnen das gewisse Etwas. Mein Vermutung: Die Menschen in Mitteldeutschland sind allein durch ihre Geschichte anders geprägt.  

Jetzt, 5 Monate danach – wir unterschrieben letztes Wochenende unseren neuen Mietvertrag in Sachsen – sehne ich mich dem neuen Anfang entgegen und ohne Reue begegne ich der Entscheidung.