Die Bajuwaren – das Volk, das aus dem Dunkel kam

Niemand würde heute ernsthaft die Existenz der Bayern bezweifeln. Doch die Herkunft der Bajuwaren, die mystischen Vorfahren der Bayern und ihres Namens sind nach wie vor umstritten.

Anders als über weitere germanische Stämme, deren Ursprung geschichtlich einigermaßen gesichert und deren Namensgebung relativ klar ableitbar ist, wie jene der Franken, der Sachsen, der Alamannen und einiger weiterer nordeuropäischer Völker der Antike, weiß man eigentlich nichts über den „Stamm“ der „germanischen Bajuwaren“.

Der antike Geschichtsschreiber und Geograph Strabon (etwa 63 v. – 23 n.Chr) erwähnte ein Volk, das bis heute als ein namensgebender Vorläufer der Bajuwaren gehandelt wird. Die Rede ist von den keltischen Bojern, die ursprünglich in Oberitalien, in weiten Teilen des Alpenraums, der Bodenseeregion bis hinüber nach Böhmen und Illyrien (westlicher Balkan, Adriaküste) heimisch waren. Strabon erwähnte auch eine Region namens „Bujaemum“, gelegen irgendwo innerhalb der endlosen „Herkynischen Wälder“, welche sich östlich des Rheins und nördlich der Donau, vom Schwarzwald bis in den Böhmerwald erstreckten. Dieses Bujaemum soll zu Strabons Zeiten Königssitz des mächtigen Markomannenfürsten Marbod (Maroboduus) gewesen sein, der im Verbund mit den suebischen Quaden und anderen Stämmen die weitere Expansion des römischen Machtbereiches in die Germania verhinderte. Etwa einhundert Jahre später schreibt Tacitus in seiner „De origine et situ Germanorum“, kurz „Germania“ vom Volk der Boii, bringt diese mit Strabons Bujaemum in Verbindung und kreiert den Begriff „Boihaemi“ – das „Heim“, oder die „Heimat“ der Bojer.

Die Bojer jedoch waren dort in „Herkynien“ schon zu Strabons Zeit nicht mehr heimisch, denn sie zogen, verdrängt durch einwandernde germanische Stämme, bereits um das Jahr 58 v.Chr. gemeinsam mit den keltischen Helvetiern über den Rhein nach Gallien und bedrängten dort einige andere keltische Völker, die jedoch ihrerseits Schutzbündnisse mit dem gerade aufstrebenden Rom unterhielten. Das Ergebnis war die völlige militärische Vernichtung der Bojer und deren Verbündeten, die Helvetier, durch Gaius Iulius Caesar und die Zwangsansiedlung der Rest-Bojer auf dem Land der „Häduer“, rund um die Stadt Gorgobina, wahrscheinlich im Bereich der heutigen Stadt Saint-Parize-le-Châtel, etwa 40Km südöstlich von Bourges, am Zusammenfluss von Allier und Loire gelegen.

Als die Römer das Voralpenland im Jahr 15 v.Chr besetzten, um die Lücke zwischen Gallien und Pannonien zu schließen, einen Puffer zum italischen Kernland zu bilden und so den vorher häufigen Einfällen beutehungriger keltischer Stämme nach Italien künftig vorzubeugen, stießen sie zwar auf Taurisker, Räter, Likater, Vindeliker und Noriker – doch auf keinen einzigen Bojer, geschweige denn gar auf Bajuwaren. Bojer machten auf dem Gebiet des späteren Bayern nur noch einmal von sich reden und zwar durch ein nach ihnen benanntes römisches Kastell, „Boiodurum“ (Boiotro), dessen Besatzung sich aus zu jener Zeit längst romanisierten, nun gallischen Bojern aus der Region um die oben bereits erwähnte Stadt Gorgobina stammend rekrutierte. Dieses Kastell wurde jedoch bald aufgegeben und unweit davon durch ein, wohl mit germanisch-batavischen Hilfstruppen bemanntes, neues Kastell namens „Batavia“ ersetzt – dem heutigen Passau.

Von Boiodurum wissen wir überhaupt nur aus der „Vita Sancti Severini“. Ihr Autor, Eugippius, ein Zeitgenosse des heiligen Severin und später selbst Mitglied und dritter Abt des Severin-Ordens beschrieb, vermutlich im Jahre 511 n.Chr., in seinem Werk die Klostergründung Severins am Ort des ehemaligen Kastells Boiodurum, nun „Poytro“ genannt. So wurde die Kunde von den vergessenen Bojern vor allem von Eugippius aus der Antike hinübergerettet, denn dessen Schriften über die Taten des heiligen Severin waren im Mittelalter, als „Baiern“ bereits existierte, sozusagen ein „Bestseller“. Die Schriften des Tacitus aber, wurden erst zu Zeiten der spätmittelalterlichen Renaissance wiederentdeckt!

Es ist nicht so, dass man sich immer und zu jeder Zeit einer angeblichen Abstammungslinie von den antiken Bojern hin zu den „Bajuwaren“ bewusst war, sondern man zog Rückschlüsse, indem man das Bestehende betrachtete und dann mit dem Vergangenen verband – ganz einfach deshalb, weil es sich auf demselben Terrain abgespielt hat und weil sich die Dinge rein phonetisch ähnelten. Mit dem gleichen Recht hätte man auch die alten russischen Fürsten, die „Bojaren“ mit dem Bojern in Verbindung bringen können – es wäre nicht wesentlich abwegiger, als zwanghaft die bojisch – bajuwarische Blutlinie zu konstruieren!

Interessant, was die Ethnogenese des baierischen Volkes anbelangt, ist auch die literarische Hinterlassenschaft eines oströmischen Autors namens „Jordanis“, der Mitte des sechsten Jahrhunderts (551 n.Chr.) in seiner „Gotengeschichte“ (Getica) die „Baioras“ angeblich erstmals erwähnte. Jordanis, wahrscheinlich selbst Gote, zählt in seinem Werk zahlreiche germanische Völker auf, die irgendwie mit den Goten in Berührung kamen, darunter auch besagte „Baioras“. Genau schreibt Jordanis:

Jenes Land der Svavoru (Schwaben – Einfügung des Autors) hat nämlich im Osten die Baioras, im Westen die Francos, im Süden die Burgundiones, im Norden die Thuringos zu Nachbarn.

Wenige Zeilen vorher lokalisiert Jordanis das Land der „Svavorus“ allerdings in Pannonien, dem heutigen Ungarn. Dort hatten diese frühen „Schwaben“ aber nie jene genannten Völker zu Nachbarn. Das von Jordanis beschriebene Nachbarschaftsverhältnis der „Baioras“ macht erst zu einem späteren Zeitpunkt Sinn – lange nach Jordanis, etwa zur Zeit Karls des Großen, als das Land Baiern bereits Realität war! Aus jener Epoche stammt auch die älteste noch erhaltene Abschrift der Jordanis-Texte, die sogenannte „Heidelberger Handschrift“. Jordanis hatte also entweder hellseherische Fähigkeiten, oder -was wesentlich wahrscheinlicher ist – ein späterer Kopist fügte die „Baioras“, die übrigens nur ein einziges Mal und zwar an besagter Stelle auftauchen, einfach in den ursprünglichen Jordanis-Text ein.

Hierzu muss man auch wissen, dass zu Zeiten des Jordanis noch sehr wohl unterschieden wurde, zwischen Svavorus (Schwaben) und Alamannen! Erstere siedelten damals, wie bereits angemerkt, noch in Pannonien. Der Name ihres Volkes leitete sich nicht, wie oft behauptet wurde, von den antiken Sueben ab, sondern von der Region um die römische Stadt Savaria in der dortigen Teilprovinz Savia. Der fränkische König Theudebert, der seinen Machtbereich um das Jahr 539 n.Chr. bis ins damals noch oströmisch verwaltete Pannonien ausdehnte, nannte die nun unter seine Herrschaft geratenen „Svavorus“ später in einem Briefwechsel mit dem opponierenden oströmischen Kaiser Justinian „Norsavorum Gente“ was übersetzt in etwa „Die Leute der Provinzen Norikum und Savia“ bedeutet.

Diese Leute (Gente) der norisch-savarischen Region wurden während der Regentschaft des fränkischen Königs Sigibert Mitte des sechsten Jahrhunderts aus strategischen Gründen sowohl in Gebiete zwischen Unstrut und Harz umgesiedelt, welche kurz zuvor von den Sachsen verlassen wurden, weil diese ihrerseits den expandierenden Franken weichen mussten, als auch ins einstige Rätien, dem heutigen Bayern, das einige Jahre vorher, unter dem großen Gotenkönig Theoderich ab 506 n.Chr. den ebenfalls vor den Franken fliehenden „Rest-Alamannen“ Zuflucht bot. Hier vermischten sich, dann jedoch unter fränkischer Ägide, die einstigen „Svavorus“ des Norikums, Savias und Pannoniens, die umgesiedelten „Norsavorum Gente“, mit den bereits ansässigen Alamannen und Goten und wurden dort nominell erst zu „Norosvavos“ und dann, in karolingischer Zeit, zu „Nordosvavos“ (Nordschwaben). Aus der Abkürzung „Noro“, für das einstige „Norikum“ wurde nun eine Himmelsrichtung, nämlich „Nordo“. Begriffe verschwimmen eben mit der Zeit und deren ursprüngliche Bedeutung gerät in Vergessenheit.

In all diesen kriegerischen Wirren, in denen es eher unwahrscheinlich war, eines natürlichen Todes zu sterben, tauchen die „Bajuwaren“, außer in genannten Texten, deren vollständige Authentizität heute zurecht mehr als zweifelhaft scheint, niemals auf. Nach dem Abzug der romanischen Bevölkerung im Jahre 488 n.Chr. siedelten in der einstigen Provinz Rätien, dem späteren Baiern, zwar, wie weiter oben bereits angemerkt, von Franken vertriebene Alamannen, die im gerade gegründeten Reich des Gotenkönigs Theoderich Unterschlupf fanden, sowie „Thoringi“ („Die Leute des Thor“ – später „Thüringer“ genannt), die in und um „Radaspona“ (dem einstigen Castra Regina – heute Regensburg) sesshaft wurden, sowie rätselhafte „Friedenshainer“, die offenbar aus Böhmen kamen und dort, wie in Baiern Siedlungsspuren hinterließen und im Jahr 550 n.Chr. von oströmischen Truppen aus Norditalien vertriebene Goten, Langobarden und Sachsen. Von einem dort siedelnden Stamm germanischer Bajuwaren aber, war nach wie vor nichts bekannt.

Die erste wirkliche Erwähnung der „Bajuwaren“ finden wir in den Reiseberichten des spätrömisch-frühmittelalterlichen Poeten „Venantius Fortunatus“, der irgendwann um das Jahr 568 von der Italia, genauer von Friaul ( ehemals „Forum Iulii“ – weil von Gaius Iulius Caesar zur Handelsstadt erhoben) aus nach Gallien ins fränkische Tours aufbrach. In Reimform und mit Humor gespickt beschreibt er seine Reise entlang des Inns, dem „Land der Breonen“, durch die „Baiovaria“, die vom „Licus Fluvius (Lech) durchströmt“ und von „Baiovarii“ bewohnt werde. Fortunatus sprach also nicht mehr von der „Raetia“, wie man das Land direkt nördlich der Alpen jahrhundertelang nannte.

Fortunatus verfasste auch Reiseführer für christliche Wallfahrer und verriet den Gläubigen, wo sie ihre Idole verehren und ihrer Heiligen gedenken könnten. Einer dieser Orte war eine ehemalige Insel im Lech, südöstlich von „Aelium Augustum“ (Augsburg) gelegen, auf welcher laut Legende die zum Christentum konvertierte ehemalige „Venuspriesterin“ Afra auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Wer allerdings vom Ort des Martyriums der Afra über die damals noch gut erhaltene Römerstraße nach Süden in die Italia aufbrechen wolle, müsse, so Fortunatus, damit rechnen, dass sich dort der „Baiovarius“ breitbeinig in den Weg stelle und unverschämt hohen Wegezoll verlange.

Was war geschehen? Hatte sich, so zwischen vor Franken Zuflucht suchenden Rest-Alamannen, siedelnden Thüringern, aus Norditalien verjagten Goten und Sachsen, versprengten Langobarden und undefinierbaren „Friedenshainern“ endlich der wackere Bajuware aus der Deckung gewagt, um verängstigten römischen Reisenden Schutzzölle abzugaunern? Der Bajuware, von dem vorher nie und nirgends die Rede war, wenn man einmal von den zu jener Zeit längst vergessenen keltischen Bojern absieht? Dies scheint eher unwahrscheinlich!

Viel wahrscheinlicher ist allerdings der literarische Bezug auf Ereignisse, die unmittelbar vor den Reisen des Venantius Fortunatus durch das ehemalige Raetien stattfanden – als ein Volk in Erscheinung trat, das sich die „Avaren“ (auch Awaren) nannte. Diese asiatischen Reiterkrieger, auch als „Weiße Hunnen“ bekannt, versuchten sich vor ihren engen Verwandten in Sicherheit zu bringen, den Türken, von welchen sie aus den Weiten der eurasischen Steppen vertrieben wurden. Die Avaren baten schon im Winter 557/58 am oströmischen Hofe um Asyl, um ihren wohl noch stärkeren Verfolgern zu entgehen. Kaiser Justinian genehmigte den Bedrängten die Ansiedlung am Rande des oströmischen Reiches nördlich der Donaumündung und schloß zugleich ein militärisches Bündnis samt gegenseitigem Beistandspakt mit den äußerst kampferprobten Steppenkriegern, inklusive finanzieller Unterstützung für die Neusiedler. Es gelang ihm offenbar, diese auch gegen die Franken in Stellung zu bringen, denn im Jahre 562 stießen einige tausend Avaren entlang der Donau bis nach Gallien tief ins Frankenreich vor. Justinian hatte ja schließlich noch eine Rechnung offen mit den ausgesprochen expansiven Franken und derer Landnahme, sowohl in Pannonien als auch in Norditalien, wo diese einerseits ihre germanischen Verwandten, die Goten bekämpften und andererseits die vorherigen Rückeroberungen Ostroms in der Italia zunichte machten und sich im Jahr 540 bis zum Fluss „Padus“ (Po) festsetzten.

Der fränkische Krieger war definitiv der Terminator der Spätantike und des frühen Mittelalters. Niemand konnte ihm Paroli bieten, weder Römer, noch andere germanische Krieger. Seine bevorzugte Bewaffnung, die „Franziska“, eine kräftige Wurf- und Streitaxt, die zur Zertrümmerung der gegnerischen Schilde benutzt wurde, stand auch Pate für seinen Namen. Von den Römern wurden diese furchterregenden Kämpfer „Fracti“ genannt, was so viel wie „Zertrümmerer, Zerberster, Zermalmer“ bedeutet – noch heute spricht der Mediziner von „Fraktur“, wenn er gebrochene Knochen meint. Doch den nun in ungeheurer Zahl auftretenden Avaren, ihren schnellen Pferden und ihren treffsicheren Bogenschützen waren auch diese Recken nicht gewachsen, vor allem wohl deshalb, weil die „Weißen Hunnen“, ebenso wie ihre Vorläufer über hundert Jahre zuvor, die „Schwarzen Hunnen“ unter Attilla vornehmlich aus der Distanz töteten und der im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftige Franke seinen Gegner erst gar nicht erreichte.

Es kam, wie es kommen musste und die fränkischen Heere unter ihrem damaligen König Sigibert erlitten im Jahr 566 auf dem Gebiet des heutigen Bayern eine totale Niederlage gegen die Avaren. Diese eroberten gleichzeitig Pannonien (Ungarn), das Norikum (Slowenien und Österreich), sowie Teile Böhmens und unterwarfen sämtliche dort ansässigen Völker, nachdem der Nachfolger des oströmischen Kaisers Justinians, Justinus II, sämtliche Verträge, die sein Vorgänger mit den Avaren geschlossen hatte, für nichtig erklärte.

Der fränkische König Sigibert geriet unterdessen in Gefangenschaft und konnte nur durch die Zahlung eines sehr hohen Lösegeldes und dem Verzicht auf Rache seitens der gedemütigten Franken freigekauft werden. Ebenso musste das Frankenreich die wenige Jahre zuvor von den Goten überlassenen Gebiete nördlich und nordöstlich der Alpen (Rätien und Norikum) an die Avaren abtreten. Das Frankenreich endete nun am Licus (Lech) und die einst prächtige Römerstadt Aelium Augustum (Augsburg) wurde fränkische Grenzstadt.

Östlich der Lech-Grenze erstreckte sich nun entlang der Donau über Pannonien bis hinunter ans „Mare Pontium“ (Schwarzes Meer) und an die Grenzen des oströmischen Reiches das neue Land der Avaren und ihres Herrschers, dem Khan der Khane, „Khagan Baianos“ – eben jene „Baiovaria“, von der Venantius Fortunatus wenige Jahre später zu berichten wusste. Dort tauchte nun sicherlich nicht plötzlich ein lang vermisster und vor allem von völkisch orientierten Historikern des 19. und 20. Jahrhunderts heiß ersehnter, von keltischen Bojern abstammender germanischer Stamm auf, der von Fortunatus „Baiovarii“ getauft wurde. Jener „Baiovarius“, der ab und an Reisende ausraubte, war ein Avare, oder ein Angehöriger jener Völker (Alamannen, Goten, Sachsen,Thüringer, Langobarden, Svavorus…), welche auf die Franken aus nachvollziehbaren Gründen ohnehin nicht allzu gut zu sprechen waren und die nun innerhalb des Avarenlandes, der „Avaria“, dem Khagan Baianos unterstanden und eine Verfolgung durch fränkische Ordnungskräfte daher nicht zu fürchten brauchten.

Bei dieser Wortschöpfung mag das diffuse Wissen des Venantius Fortunatus über die Völker der „Avaria“, des einstigen Raetiens, eine Rolle gespielt haben, weshalb er diese einfach als „Varii“ bezeichnete, was im damaligen Vulgärlatein in etwa soviel bedeutete, wie „Mischmasch“ und ungefähr unserem deutschen Begriff von „Variationen“ (Spielarten) entspricht. Die Vorsilbe „Baio“ könnte der römischen Vorliebe geschuldet gewesen sein, einfach alles abzukürzen und so wurden aus den zahlreichen Völkerschaften, die nun dem Khagan Baianos verpflichtet waren, die Varii des Baio, die „Baiovarii“.

Wer die Texte des Fortunatus kennt, der weiß, dass dieser Autor weder mit schelmischem Spott, noch mit Doppeldeutigkeiten geizte. Dass sich das Wort „Baiovarii“ rein phonetisch auch als „Die Männer des Baio“ verstehen lässt, ist nicht abwegig, wenn man annimmt, dass diesem spätantiken Autor das germanische Wort für „Mann“ oder „Krieger“, nämlich „Wer“ nicht ungeläufig gewesen sein dürfte, aus welchem sich auch die Wörter für „Krieg“ (germanisch „Werra“ – engl. War, oder auch Quarrel für Streit, ital. Guerra, oder auch das deutsche Wort „Wehr“) und für Krieger (engl. Warrior) ableiten. So könnte man das Wort Baiovarii humorvoll in etwa übersetzen mit: „Die kunterbunt gemischten Männer (Krieger) unterschiedlichster Herkunft im Dienste des Baianos“. Doch bleibt dies, in Ermangelung einer genaueren Erläuterung durch Venantius Fortunatus selbst, leider pure Spekulation.

Unterschiedlichster Herkunft waren die Vorläufer der späteren „Baiern“ aber dennoch. Neben den oben erwähnten Alamannen und Svavorus, welche den Hauptteil der Urbaiern ausmachen dürften, den von Ostrom vertriebenen Goten, den von Franken verjagten Sachsen, eingesickerten Langobarden und Thüringern hatten auch die innerhalb des Avarenreiches sich ausbreitenden Sklavenier (Slawen) gehörigen Anteil an der Stammesbildung der künftigen „Baiern“ – auch was die sprachliche Entwicklung anbelangt. Die Veneter, Wineder, Winden, oder Wenden, wie man die slawischen Völker auch nannte, hinterließen – nicht nur in Bayern – zahlreiche Orts- Flur- und Tierbezeichnungen, die bis heute Teil unserer Sprachkultur sind. Das spezifisch süddeutsche Wort für Sumpf, oder Moor – „Ried“ – hat seine slawische Entsprechung im Wort „Rit“ und deutet ebenso auf sprachliche Spuren der Wineder hin, wie die Namen der Flüsse Regnitz, Pegnitz und Wörnitz oder Vogelnamen wie Stieglitz, Kiebitz und Zeisig, sowie der Zobel, die Grenze (slawisch „Graniza“) und der Kren, wie der Meerrettich in Österreich heute noch genannt wird.

Die awarische Herrschaft über das ehemalige römische Raetien, das angrenzende Norikum und ganz Pannonien war eine lange, wechselvolle und zuweilen überaus blutige Epoche. Sie war geprägt von der Macht der Khane, dem militärischen Niedergang Ostroms, dessen endgültigen Verlustes des Balkans und dem vorläufigen Ende der fränkischen Expansion in Richtung Südosten. Innere Streitigkeiten, sowie immer wieder aufflammende Aufstände vornehmlich slawischer Verbände gegen ihre awarischen Herren schwächten das Avarenreich jedoch enorm. Eine der bedeutendsten Rebellionen fand ab 623 unter einem fränkischen Waffenhändler namens Samo statt, der wegen seiner fundierten Militärberatung schließlich zu einem slawischen König aufstieg und danach autonom irgendwo zwischen Regensburg, Prag und Wien herrschte.

Eine Stammesbildung der Baiern oder gar der „Bajuwaren“ gab es bis zu diesem Zeitpunkt übrigens immer noch nicht, denn von den „Baiovarii“ des Venatius Fortunatus ist in den Wirren jener Tage längst keine Rede mehr! Im Jahr 741 vermerken fränkische Chroniken allerdings, dass die „Baiern“ die Avaren „angreifen“, doch bald darauf wieder Frieden schließen. Waren diese „Baiern“ Nachkommen von König Samos Volk, welches mit fränkischen Abtrünnigen, sowie Sachsen, Goten und Langobarden nicht nur paktierte, sondern sich mit diesen Völkern auch fleißig vermischte? Nannte man diese, gegen die Avaren aufbegehrenden Leute etwa „Baiern“, weil sie Überreste antiker keltischer Bojer waren, die bereits fast sechshundert Jahren zuvor aus der Geschichte verschwanden, oder ist es eher wahrscheinlich, dass man sie immer noch als Männer jenes Baianos klassifizierte, der sich einhundertachtzig Jahre zuvor für lange Zeit schmerzhaft in die Erinnerung der ansonsten sieggewohnten Franken einbrannte?

Erst nach etwa 220 Jahren fränkischer Abwesenheit drängt Karl der Große im Jahr 788 die Avaren bis hinter Wien zurück. Die Baiovaria steht nun, nach der Niederlage des vormals unabhängigen „baierischen Herzogs“ Tassillo III. gegen die Franken im selben Jahr, wieder unter fränkischer Herrschaft und Bayern, damals noch „Baiern“ erblickte endlich das Licht der Welt und trat in die Geschichte ein.

Wenn man bedenkt, dass es nur etwa drei Generationen, ca. achtzig Jahre dauerte, bis sich im romanischsprachigen Gallien siedelnde Westfranken mit ihren Stammesbrüdern östlich des Rheins nicht mehr ohne Übersetzer verständigen konnten, so sollte es nicht verwundern, dass sich während der etwas über zweihundertjährigen, wahrscheinlich relativ hermetischen Herrschaft der Avaren über das ehemalige Raetien und das Norikum eine Kultur, ein Volk heranbildete, das sich in Brauchtum, Sprachklang und Selbstverständnis merklich unterschied, von den benachbarten Völkern. So bildet der alte „Licus Fluvius“, der Lech noch heute eine spür- und hörbare Grenze, die sich nicht nur in der Auffälligkeit zeigt, dass westlich dieses Flusses sehr viele Siedlungen die Endung „ingen“ tragen, östlich des Lechs jedoch die Endung „ing“ vorherrscht. Zeit war also genug für das Werden der Baiern, unter dem weiten, weiß-blauen Himmel des Khans der Khane – dem großen „Baianos“ und seinem Land, der „Baio-Avaria“.

Quellen:

„Der Gallische Krieg“ – Anaconda-Verlag, ISBN: 978-3-7306-0076-4

„Agricola und Germania“ – Marixverlag, ISBN: 978-3-86539-278-7

„Mythos Bayern – Die literarische Erfindung einer Chimäre“ – von Karl Heinz Stoll,

Sequenz Medien, ISBN: 3-935977-60-3