Der Impfrassismus

2G (Bild: shutterstock.com/Von DesignRage)
2G (Bild: shutterstock.com/Von DesignRage)

In Deutschland eskaliert die Ungleichbehandlung einer Minderheit — wenn man Vergleiche zieht, geben sich die Täter entrüstet.

Von Roland Rottenfußer für Rubikon

Darf man vergleichen? Wenn Sie sich die berühmten Bilder aus Guantanamo Bay anschauen, dann sehen Sie dort Menschen in orangefarbener Überkleidung, kniend auf dem Boden, mit gesenktem Kopf, über den Augen eine Brille, die kein Licht hereinlässt und — Mund-Nase-Bedeckungen, die verdächtig „unseren“ Masken ähneln. Gab es damals schon Corona? Befinden wir uns in einem Operationssaal? Nein: Masken und Brillen dienten der sensorischen Deprivation, der Ausschaltung aller Sinneseindrücke für die Gefangenen. Der Zweck der Übung ist, sie zu verwirren, zu demütigen und zu brechen.

Aber darf man das mit der Maskenpflicht bei uns vergleichen, deren Zweck ja bekanntlich der Gesundheitsschutz ist? Müssen nicht selbst diejenigen, die wissen, dass Hygiene-Masken nicht vollständig schützen und in vieler Hinsicht auch schaden, einräumen, dass die Absicht in beiden Fällen eine ganz andere ist — hier Folter und Erniedrigung, dort Schutz vor Ansteckung? Nun, man kann so argumentieren, gruselig finde ich diese Ähnlichkeit aber schon. Der Vergleich springt mich an, emotional erschüttert mich der Anblick solcher Bilder speziell auch vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen. Vielleicht auch, weil die Wirkung von Gesichtsmasken, zumal dort, wo sie „befohlen“ wurde, immer eine ähnliche ist: der Verlust des eigenen Gesichts, Entstellung, Gleichschaltung, Behinderung des Atems … Wenn dies die Wirkung von Masken ist, ist dann der Gedanke völlig absurd, dass sie beabsichtigt sein könnte?

Die Masken von Guantanamo

Murat Kurnaz, ehemaliger Guantanamo-Gefangener, setzt in seinem autobiografischen Bericht „Fünf Jahre meines Lebens“ bei der Deutung der Gesichtsmasken noch einen anderen Akzent:

„Die Handschuhe sollten nicht meine Hände wärmen, die Ohrenschützer nicht meine Ohren und die Maske nicht mein Gesicht schützen: Das alles diente einzig ihrer Sicherheit. Wir konnten nicht beißen, nicht spucken und nicht kratzen. Wir konnten ihnen keine Bazillen ins Gesicht husten, keine Keime versprühen oder sie mit einer Krankheit anstecken. Ob wir unter der Maske ersticken würden oder nicht, war ihnen egal.“

Nach der Auffassung von Kurnaz stand also nicht sensorische Deprivation im Mittelpunkt der Maßnahme, sondern Selbstschutz für die Wächter, eine Art Ekel und Furcht vor Krankheit — also auch „hygienische“ Erwägungen. Da aber selbst in Strafanstalten Gefangene normalerweise keine Masken tragen müssen, dürften noch andere Motive — solche der psychologischen „Zurichtung“ der Opfer — eine Rolle gespielt haben.

Nächste Baustelle: Die Corona-Maske verdeckt annähernd dieselben Gesichtspartien wie ein Niqab, der im Vergleich zur Burka „gemäßigte“ Gesichtsschleier muslimischer Frauen in einem fundamentalistischen Umfeld. Nur, dass der Niqab gleichzeitig eine Kopfbedeckung ist während der der Corona-Maske Unterworfene frei wählen darf, ob und wie er seine Haare bedeckt. Der Grund für die Tradition, die in vielen Fällen für die Frauen einen gesellschaftlichen Zwang darstellt, ist scheinbar wieder ein ganz anderer: Religion, Sitte, Schutz vor männlichen Blicken. Das Gefühl für Frauen, die sich den Schleier nicht selbst ausgewählt haben, kann aber ein Ähnliches sein: sich partiell entstellt in der Öffentlichkeit zeigen zu müssen und in einem Kollektiv als Persönlichkeit unsichtbar geworden zu sein.

Strafe für nicht erfolgte Unterwerfung

Wer vergleicht, sollte auch fähig sein, zu differenzieren. Die OP-Maske eines Arztes ist etwas anderes als eine Maske als Folter-Accessoire. Aber wenn Vergleiche generell verboten beziehungsweise gesellschaftlich sanktioniert werden, hängen aktuelle Ereignisse quasi im luftleeren Raum. Dies nähme uns die Chance, Dinge einzuordnen, sie in einem größeren Rahmen zu sehen, Muster zu erkennen und aus Fehlern der Geschichte zu lernen.

Über Vergleiche mit Guantanamo sollte im Übrigen eigentlich niemand beleidigt sein: Schließlich sind die Gefangenenmasken dort — ebenso wie Corona-Masken — Errungenschaften der freien Welt.

Ich denke manchmal sehr assoziativ. Mir schießen Bilder in den Kopf, lange bevor ich analysiert habe, inwieweit sie mit unserer Corona-Situation wirklich vergleichbar sind. Ich nehme mir ebenso das Recht heraus, als Folge bestimmter politischer Maßnahmen etwas zu fühlen, ohne zuerst die Täter zu fragen, ob ich dies auch fühlen „darf“. Das Verbot für Ungeimpfte, in Restaurants oder Cafés zu gehen, stimmt mich traurig. Ich fühle mich gedemütigt und eines geschätzten Teils meines bisherigen Lebens beraubt. Nein, ich nehme nicht alles ganz cool hin und bewerte nicht alles nur „objektiv“. Und gerade dieses ungute Gefühl, das mich seit Beginn der Corona-Ära verfolgt, ist ja eine beabsichtigte Reaktion. Es ist die Strafe für nicht erfolgte Unterwerfung unter den Willen der staatlichen Institutionen.

O’Brian „Wie versichert sich ein Mensch seiner Macht über einen anderen, Winston?“

Smith: „Indem er ihn leiden lässt“.

(Aus: George Orwell, „1984“)

Schwarzer Tag für Don Shirley

Zum Thema Restaurantverbot für Ungeimpfte kommt mir eine Szene aus dem mit dem Oscar prämierten Film „Green Book“ von Peter Farelly in den Kopf. In diesem Road Movie unternimmt der geniale und feinsinnige Pianist Don Shirley (Mahershala Ali) mit seinem etwas prolligen weißen Chauffeur Tony Vallelonga (Viggo Mortensen) eine Konzertreise durch die Südstaaten der USA. Das Problem: Wir befinden uns in den frühen 60er-Jahren, und da herrschen nicht nur üble rassistische Vorurteile, sondern auch eine teilweise streng exekutierte Rassentrennung.

Don Shirley also ist der Star eines Konzertabends in einem Hotel, zu dem die weiße High Society zahlreich erschienen ist. Vor dem Auftritt wollen Pianist und Chauffeur im hoteleigenen Restaurant essen. Der Schwarze wird jedoch vom Kellner abgewiesen, obwohl alle Gäste eigentlich nur seinetwegen angereist sind. Shirley, der stets um Höflichkeit und Contenance bemüht ist, wirkt sichtlich gedemütigt. Vallelonge „argumentiert“ aggressiv und eher ruppig. Der Kellner pariert alle Versuche, die Rassenbarriere zu durchbrechen, jedoch ebenso schleimig wie in der Sache unnachgiebig. Tradition und Vorschriften zwängen ihn, nur Weiße einzulassen. Unterdessen dinieren die Gäste im Restaurant, von denen viele den Vorfall mitbekommen haben müssen, ungerührt weiter. Keiner tritt für den auf das Übelste diskriminierten Pianisten ein.

Diese Szene steht für mich mittlerweile symbolisch für den Zustand unserer Gesellschaft „unter Corona“. Das gilt sowohl für die in ihrem Willen zur Diskriminierung sehr beharrlichen Büttel als auch für die Gleichgültigkeit der Masse der Nicht-Diskriminierten — aber ebenso für den gesellschaftlichen Druck auf die Opfer, sich bei allem immer kultiviert und duldsam zu verhalten. Im Film sagt Don Shirley am Ende sein Konzert ab und wahrt damit seine Würde. Der Ungeimpfte, der heute an der Tür zu mittlerweile fast jeder öffentlichen Einrichtung abgewiesen wird, hat kaum die Möglichkeit, ein solches Zeichen zu setzen — abgesehen davon natürlich, dass sein Fortblieben für Restaurantinhaber einen kleinen finanziellen Verlust darstellt. Dieser jedoch wird aufgewogen dadurch, dass ungeimpftenfreie Restaurants ihre Tische dann enger stellen und mehr Leute einlassen „dürfen“.

Routinemäßige Herabsetzung

Erschütternd bei „Green Book“ ist vor allem die geschäftsmäßige Unbedenklichkeit, mit der Menschen andere beleidigen, wenn dies „Vorschrift“ ist. So wird Don Shirley in einem Bekleidungsgeschäft der Wunsch abgeschlagen, einen Anzug anzuprobieren. Er hätte diesen nur als „Katze im Sack“ kaufen können, also ohne zu prüfen, ob er überhaupt passt. Warum dieses Theater? Hatte der rassistische Verkäufer Angst, dass nach der Berührung mit dem Schwarzen Schmutz an dem Anzug hängen bleibt?

Nein, obwohl man analytisch einige Unterschiede zwischen der Situation der Schwarzen damals und der heutigen Lage der Ungeimpften herausarbeiten kann, lasse ich es mir nicht nehmen, von dem Film betroffen zu sein, weil sich die Erfahrung, ausgegrenzt zu werden, vermutlich immer und überall ähnlich angefühlt hat.

Ein Vergleichsverbot hat seitens der Corona-Linientreuen ja vor allem auch eine Funktion: Sie wollen selbst nicht mit Mitläufern in Systemen verglichen werden, die zu Recht in keinem guten Ruf stehen.

Ein Unterschied zwischen der Ausgrenzung Ungeimpfter und dem auf Hautfarben bezogenen Rassismus wird mit Sicherheit in Diskussionen ins Feld geführt werden: Ungeimpftsein ist eine Entscheidung, Schwarzsein nicht. Ich selbst könnte mich von heute auf morgen in die Gruppe der Privilegierten hochimpfen lassen. Seine Hautfarbe hat — abgesehen von Michael Jackson — jedoch noch niemand einfach wechseln können. Diesen Einwand muss man bedenken. Jedoch: Was ist das für eine Freiheit, die quasi durch einen Unterwerfungsvorgang erkauft werden müsste? Ungeimpftsein ist unter den Bedingungen des jetzigen massiven Drucks immer auch eine weltanschauliche Entscheidung und Ausdruck der Persönlichkeit des Betroffenen. „Du müsstest dich doch bloß impfen lassen“ heißt übersetzt für viele: Du musst bloß aufhören, du selbst zu sein.

Schwarze können nicht einfach weiß werden, aber Muslime könnten „einfach“ zum Christentum konvertieren, Schwule „einfach“ eine Frau heiraten, Flüchtlinge „einfach“ zuhause bleiben. Wäre der Zutritt zum öffentlichen Leben für diese Gruppen von einem solchen Akt der Selbstverleugnung abhängig, würde speziell durch die „woke“ Gemeinde des links-grünen Milieus ein Aufschrei gehen. Und dies zu Recht. Heute scheint es aber, als wäre die Mehrheit gar nicht grundsätzlich gegen Diskriminierung eingestellt, sondern bekämpfe diese nur höchst selektiv — also wenn es die eigene Person betrifft oder Gruppen, die man zu besonderen „Schützlingen“ erklärt hat, Flüchtlinge zum Beispiel.

Das Eingeständnis der eigenen Verwundbarkeit

Kann man das vergleichen? Besteht nicht der ganz entscheidende Unterschied darin, dass Schwarze, Homosexuelle und andere klassische Diskriminierten-Gruppen „nicht schaden“, Ungeimpfte jedoch die Gesundheit der Mehrheit gefährden?

Nun, wann immer Menschen andere Menschen ausgegrenzt haben, behaupteten sie, dass dies eindeutig die Schuld der Ausgegrenzten gewesen sei, da es sich bei ihnen um „Volksschädlinge“ gehandelt habe.

Die Formulierungen lauteten jeweils etwas anderes — „Ketzer“, „Verräter“, „Verbrecher“, „Schmarotzer“, „Wehrkraftzersetzer“, „Brunnenvergifter“ —, gemeint war immer ungefähr dasselbe. Der Diskriminierte „zwang“ angeblich durch sein unverantwortliches Verhalten oder durch sein generell inakzeptables Wesen die Diskriminierenden zur Diskriminierung.

Zu der Frage, dass es sachlich gar nicht richtig ist, dass Ungeimpfte eine größere Gesundheitsgefahr darstellen als Geimpfte, komme ich nachher noch zurück. Vorerst bleibe ich noch eine Weile auf der Erlebnisebene. Ähnlich sind die verschiedenen Formen der Diskriminierung einander stets in der Art, wie sie sich anfühlen. Wut, Hilflosigkeit, Traurigkeit, Gefühle der Erniedrigung, Fluchtgedanken, Angst um die gesellschaftliche Existenz, die Hoffnung auf Schonung, die Hoffnung auf Solidarität. Letztere allerdings meist vergebens.

Wenn ein „Corona-Oppositioneller“ oder ein Überzeugungs-Ungeimpfter Ihnen gegenüber den Eindruck erweckt, das alles lasse ihn völlig unberührt — nehmen Sie ihm das nicht so einfach ab. Diese Erfahrung nimmt jeden mit. Es dürfte mittlerweile sehr viel Verzweiflung und Seelenschwärze geben in diesem Land — das meiste davon für uns unsichtbar. Dies mindert nicht die Leistung, die es unter diesen Umständen bedeutet, durchzuhalten. Im Gegenteil, ich versteige mich zu der Behauptung, dass wir es mit einer Pandemie der Tapferkeit zu tun haben. Denn erst die Anfechtung kann eine Tapferkeit dieser Art hervorbringen. Es schläft ein Knecht in allen Bürgern — aber in so manchem auch unverhoffter, für ihn selbst vielleicht überraschender Mut. All das Agitieren und Angreifen innerhalb der oppositionellen Szene, der Scharfblick und der Scharfsinn, die Scharfzüngigkeit und die Wortgewalt, der Sarkasmus und die Bitterkeit — sie sind am Ende vor allem die Bitte um eine menschlichere Welt.

Wenn es wenigstens Apartheid wäre!

Wann machen Vergleiche Sinn, wann sollte man sie eher vermeiden? Der Wiener Psychiater Raphael Bonelli vergleich die derzeitige Situation in seinem hervorragenden Video-Beitrag „Es ist eine Hetzjagd auf Ungeimpfte!“ mit dem Mittelalter, „wo die Menschen, denen es schlecht gegangen ist, zum Beispiel rund um die Pest, einen Schuldigen gesucht haben. Wir Menschen tief drin, wir haben dieses Animalische: ‚Da muss doch wer Schuld sein, jemand anderer, jemand fremder jemand, der nicht ich bin.‘ (…) Ich merke, dass die Aggression gegenüber Ungeimpften steigt, dass man sich Dinge gegenüber diesen Menschen traut, die man sich nicht hätte vorstellen können.“

Um aber noch einmal auf die Situation der Schwarzen in den USA der 60er-Jahre zurückzukommen: Manches war damals sicher schlimmer als die Lage der Ungeimpften heute — manches aber vielleicht auch besser. Denken Sie an das Titel gebende „Green Book“. Dabei handelte es sich um eine Art Reiseführer für Schwarze, in dem Hotels und Restaurants aufgeführt waren, zu denen sie Zutritt hatten. Damals keine Selbstverständlichkeit. Die bloße Existenz dieses Büchleins, das Don Shirley für seine Reise nutzte, war blanker Rassismus. Dennoch könnten wir heute froh sein, wenn es Ungeimpften-Restaurants und Hotels für uns gäbe — Ungeimpften-Parallelstrukturen aller Art.

Wirklich Apartheid würde bedeuten, dass es Toiletten für Geimpfte und Ungeimpfte gäbe — beide wären dabei quasi wertungsfrei nebeneinandergestellt. Jedoch sollten sich beide Welten keinesfalls begegnen, was absurd genug wäre. Aber was haben wir stattdessen in Deutschland und Österreich? Die heutige Situation entspricht eher einer Welt, in der Schwarze überhaupt nicht auf die Toilette gehen dürfen. Und wenn sie fragen würden, was sie dann bei Harndrang tun sollen, würde man ihnen die Auskunft geben, dies sei ihre eigene Angelegenheit. Da wären wir dann beim „intellektuellen Niveau“ von Noam Chomsky angelangt, der in einem Interview meinte, man müsse die Ungeimpften von der Gemeinschaft fernhalten. Auf die Frage, wie sich diese dann ernähren sollten, meinte er: „Das ist ihre Angelegenheit.“

Brauchen Ungeimpfte überhaupt Lebensmittel?

Zum Thema „Wie ernähre ich mich als Ungeimpfter?“: Wir wissen nicht, ob die „hessische Lösung“ in der derzeitigen aufgeheizten Atmosphäre nicht wieder auf den Tisch kommt: 3G oder gar 2G in Supermärkten. Die großen Ketten hatten das in Hessen bisher abgelehnt. Ungeimpfte „dürfen“ dort noch essen. Aber wie lange noch, wenn die Verantwortlichen wie bisher die Eskalation vorantreiben? Dies deutet sich in einigen Bundesländern bereits an.

An der Tür meines regionalen Bioladens hing unlängst ein neues Schild: „Hier sind alle willkommen!“ Das hat mich überaus berührt. Ich ging gleich hinein und dankte der Inhaberin. Solche Menschen sind nicht nur ermutigend, sie geben auch ein Stück „Ernährungssicherheit“. Für den Fall, dass die Regierung es ins Belieben jedes Händlers stellen, ob er an Ungeimpfte verkauft oder es einfach als deren Privatangelegenheit betrachtet, ob sie sich noch mit Essen versorgen können (Chomsky-Mentalität), hätte ich dort immer noch eine offene Tür. Notfalls bot sie mir Straßen-Abholung an. Und vieles kann man sich ja auch liefern lassen.

Ein „Green Book“ wäre heutzutage selbstverständlich eher im Internet zu finden. Und ansatzweise gibt es das auch schon: „Animap: Das diskriminierungsfreie Branchenportal“. Auch ein Restaurant in meiner Umgebung wurde mir empfohlen. Der Wirt dort soll sehr hartnäckig auch Ungeimpfte einlassen und deshalb auch schon seit längerer Zeit gegen die Behörden prozessieren. Am Eingang soll sich eine Spendendose befinden, wo Ungeimpfte, aber auch Geimpfte ihm Geld für die Prozesskosten einwerfen können. Ich werde mir das demnächst mal anschauen.

Dennoch stellen sich, was die langfristige Perspektive betrifft, bange Fragen: Wenn ich auf dem Land lebte, sich alle Lebensmittelläden in meinem Umfeld für 2G entscheiden würden, ich kein Auto hätte, Lieferung zu teuer wären oder für Ungeimpfte ebenfalls verboten — wenn ich also tatsächlich vom Verhungern bedroht wäre: würde dann die Mehrheitsgesellschaft für mich eintreten? Wie viele meiner Bekannten, wie viele Medien und Politiker würden in einem solchen Fall sagen: „Das geht nun wirklich zu weit“? Wird es irgendeinen Haltepunkt für das Abrutschen in die Unmenschlichkeit geben?

Alle Schamgrenzen fallen

Ich bin da leider nicht sehr optimistisch. Gab es eine Schamgrenze, als man Hartz IV-Betroffenen ihr Existenzminimum kürzte — das ja per definitionem ein Minimum ist, also etwas, das auf keinen Fall weiter reduziert werden darf? Wie und wovon lebten und leben die so sanktionierten Menschen? Gab es Todesfälle? Wer sich darüber informieren will — auch dafür gibt es eine Webseite mit Fallbeispielen:

Wenn also die ersten Ungeimpften gestorben sind — an Hunger, durch Suizid oder in der Folge von Gewalthandlungen seitens aufgehetzter „Guter“ — werden die Zeitungen dann auch so lakonisch darüber berichten, wie es der Münchner Merkur in der Frage der Lebensmittelversorgung der Ungeimpften tat: „Ob Ungeimpfte in Bayern weiterhin Lebensmittel einkaufen können, hängt deshalb an Markus Söder, seiner Staatsregierung, und vor allem an den Einzelhändlern selbst, schließlich sind sie nicht zur Umsetzung der 2G-Regel gezwungen.“

Werden die Zensur-Routiniers auf youtube Videos über solche Fälle unterdrücken? Werden die Einspieler bekannter Talkshows Straßenbefragungen durchführen, bei denen die meisten Passanten das Geschehen ganz in Ordnung finden? Werden die früher links verorteten Kulturstars zu den Vorgängen weiter schweigen oder vom Fernsehsessel aus selbstzufrieden die wenige Demonstranten als „rechts“ diffamieren, die sich dann trotz staatlicher Repression als einzige noch für die Opfer einsetzen?

Impfung — ein Trumpf, der nicht sticht

Es ist mittlerweile offensichtlich, dass der „Trumpf“, den die meisten etablierten Politiker in der Impfung sahen, nicht sticht. Die Zahlen, die es diesbezüglich gibt, schwanken. Sie genügen aber, um sagen zu können: Sich nicht impfen zu lassen, ist eine nachvollziehbare Entscheidung, für die es gute Gründe gibt. Ich empfehle als Standardwerk gern den großen Artikel von Christian Felber: „30 Gründe, warum ich mich derzeit nicht impfen lasse“ auf den Nachdenkseiten. Wer ihn liest, ist in der Tiefe und in der Breite gut informiert.

Meine Schlussfolgerung aus diesen und anderen Informationen, ist:

Etwas kann nicht stimmen, wenn die „Corona-Zahlen“ in diesem Herbst, in dem rund zwei Drittel der Menschen geimpft sind, noch stärker in die Höhe schießen, als im Vorjahr, in dem noch gar niemand geimpft war.

Selbst wenn Ungeimpfte derart böse sind — warum gibt es heute nicht um rund zwei Drittel weniger Infektionen als im letzten Herbst? Im Prinzip wird schon jetzt von vielen, sogar von Christian Drosten, zugegeben, dass von einer „Pandemie der Ungeimpften“ nicht (mehr) die Rede sein kann. Wenn schon der das sagt, kann man davon ausgehen, dass die Wahrheit für die Betreiber der Impfkampagne noch weitaus peinlkcher ausfällt. Ja, es ist anzunehmen, dass Geimpfte kräftig mithelfen, die Pandemie zu treiben — einerseits durch ihre vermutlich häufigeren Kontakte in der Öffentlichkeit; andererseits durch ihr geschwächtes Immunsystem, das nicht mehr in der Lage ist und mit jeder weiteren Impfung zunehmend immer weniger in der Lage sein dürfte, virale Belastungen aus eigener Kraft abzufedern.

Derzeit gilt die Drittimpfung nach der gescheiterten ersten und zweiten als Patentlösung. Die wenigsten haben den Mut, von da aus weiter in die Zukunft zu schauen. In Israel ist die vierte Impfung schon angedacht. Und wie könnte das auch anders sein, wenn selbst die treuesten Anhänger des Regierungs-Narrativs zugeben, dass der Impfschutz ein Verfallsdatum hat. Auch wenn man derzeit noch sehr viele Menschen trifft, die angeben, die Impfung gut vertragen zu haben — es gibt keine Erfahrungen damit, was ein Langzeit-Bombardement mit einander in schneller Folge ablösenden Impfungen mit dem menschlichen Körper macht. Es kann relativ gut ausgehen, muss aber nicht. Ganz sicher kann man sagen: Der Status „Geimpft“ und „Genesen“ ist nicht für die Ewigkeit verliehen, er erlischt mit der Zeit.

Wieder am Beispiel des Rassismus in den USA der 60er-Jahre erklärt: Es wäre so, als würde sich die Hautfarbe eines Weißen graduell in Schwarz verwandeln, so lange bis auch ehemals Weiße in besagtes Restaurant im Film „Green Book“ nicht mehr hineinkönnten. Als Lösung würde ihnen Auffrischungs-Hautbleichung angeboten. Den derzeit doppelt Geimpften könnte ein böses Erwachen drohen, wenn sie sich — in der Überzeugung, auf Seiten der Anständigen zu stehen — unvermittelt zusammen mit den Ungeimpften und den Hunden „draußen vor der Tür“ wiederfänden. Sehr viele werden sich dann hektisch bei der Warteschlange zur Booster-Impfung anstellen. Aber wie lange geht dieses Spiel gut? Die Dynamik könnte sich langfristig eher der einer Sucht angleichen, bei der man vorübergehend Linderung erfährt, wenn man sich den Suchtstoff — „nur dieses eine Mal noch, dann höre ich auf“ — wieder zuführt. Doch auch hier gilt: Nach dem Schuss ist vor dem Schuss.

Wo wir die Grenze ziehen

Es könnte auch passieren, dass die Ungleichbehandlung von Geimpften und Ungeimpften schneller Geschichte sein wird, als viele jetzt annehmen. Dann nämlich, wenn offenbar wird, welche Rolle auch Geimpfte bei der Virus-Ausbreitung spielen. Und wenn die Ungeimpften-Diskriminiererei die Corona-Zahlen nicht sehr bald herunterdrückt.

Es gibt für eine Staatsmacht, die sich angewöhnt hat, bei jeder Gelegenheit ihre Repressions-Muskeln spielen zu lassen, ohnehin nur einen Weg heraus aus der Ungleichbehandlung, nämlich alle Bürger (wieder) gleichermaßen schlecht zu behandeln.

Dies könnte in einem weiteren Lockdown oder Teillockdown für alle münden. Auf das Beispiel des rassistischen Amerika der 60er-Jahr übertragen, hieße das: Außer den Schwarzen würden Restaurants nun auch Weiße zurückweisen. Und wir wissen alle, dass dieses Szenario keineswegs utopisch ist. Wir haben ja schon zwei Voll-Lockdowns hinter uns. Und wir ahnen, auf wen sich der Volkszorn in einem solchen Fall ergießen würde: die Ungeimpften.

Dr. Julie Ponesse ist Professorin für Ethik und lehrt seit 20 Jahren am Huron University College in Ontario. Als dort die Impfpflicht eingeführt wurde und sie sich dieser nicht beugte, wurde sie beurlaubt und durfte ihren Campus nicht mehr betreten. Sie hielt am 28. Oktober 2021 einen Vortrag im Rahmen der Reihe „Glaube und Demokratie“. Dabei zitierte sie einen von ihr so genannten „weisen Kollegen“ wie folgt:

„Dies ist ein Krieg über die Rolle der Regierung. Es geht um unsere Freiheit zu denken und Fragen zu stellen, und darum, ob die individuelle Autonomie zu einem bedingten Privileg herabgestuft werden kann oder ob sie ein Recht bleibt. Es ist ein Krieg darüber, ob man ein Bürger bleibt oder ein Untertan wird. Es geht darum, wem du gehörst — dir oder dem Staat.”

Und Ponesse fügt hinzu: „Es geht darum, wo wir die Grenze ziehen.“