Der Corona-Terror geht weiter: Jetzt wird vor 8000 Intensivpatienten gewarnt

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Im Gegensatz zu letztem Jahr ist die Situation auf den Intensivstationen verhältnismäßig entspannt (4357 Betten sind gerade belegt, 8261 Betten könnten in kürzester Zeit zur Verfügung gestellt werden). Das wird auch immer wieder von Krankenschwestern bestätigt – die nicht in Impfblättern wie der „Spiegel“ oder die „Zeit“ stehen, sondern noch frei berichten.

Doch so schnell geben die „Gesundheits-Terroristen“ nicht auf:

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen pro Tag könnte durch die Omikron-Ausbreitung im März schlimmstenfalls einen Höchststand von 160.000 bis 240.000 erreichen. Das ist das Ergebnis von Modellrechnungen eines Teams um die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, über die der „Spiegel“ berichtet. Diese dienten auch dem Corona-Expertenrat der Bundesregierung als Grundlage.

Dann müssten theoretisch 8.000 Menschen intensiv betreut werden, etwa doppelt so viele wie aktuell. Im besten, aber leider unwahrscheinlichen Fall – wenn Omikron sich als relativ mild entpuppt, würden die Krankenhäuser gerade so klarkommen. Die Realität wird wahrscheinlich irgendwo zwischen dem besten und dem schlechtesten Szenario liegen und hängt auch davon ab, welche politischen Maßnahmen getroffen werden, um die Ausbreitung zu drosseln.

In ihren Berechnungen haben die Fachleute berücksichtigt, dass sich die Bevölkerung bei steigenden Infektions- und Krankheitszahlen üblicherweise von sich aus vorsichtiger verhält. „Auch das optimistische Szenario ist kein Weiter-so“, sagte Priesemann dem „Spiegel“, „sondern geht davon aus, dass die Menschen sich abhängig von der Krankenhausbelastung deutlich vorsichtiger verhalten und dass weiter viel geimpft und geboostert wird.“

Immer diese Modellrechnungen aus dem Sandkasten der Wissenschaften. Noch ist gar nicht klar, wie stark Omikron wüten wird, ob die Geimpften verschont werden, oder nicht sogar alle, weil das Virus naturgemäß schwächer wird.

Aber Hauptsache, man kann die ohnehin schon paralysierten Bürger so kurz vor dem Weihnachtsfest noch einmal in Angst und Schrecken versetzen.

Und genau deshalb kann man hier von „Corona-Terror“ sprechen.

Hier weitere aktuelle Meldungen aus der Coronahölle:

Bayerns Gesundheitsminister für Rückkehr zur epidemischen Lage

Angesichts der Omikron-Ausbreitung hat sich Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) für eine erneute Feststellung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite durch den Bundestag ausgesprochen. „Ich halte es für einen großen Fehler, dass der Bund die epidemische Notlage hat auslaufen lassen“, sagte er der „Rheinischen Post“ (Freitagausgabe). „Falls sich die Befürchtungen der Wissenschaftler in Bezug auf Omikron bewahrheiten, brauchen wir alle Werkzeuge aus unserem Werkzeugkasten“, sagte der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz.

„Noch mehr Covid-19-Patienten würden unser Gesundheitssystem überlasten. Und wenn wir eins in der Pandemie gelernt haben, dann, dass wir nichts ausschließen dürfen“, so Holetschek. Zugleich forderte er, die bisher für 7. Januar angesetzte nächste Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) vorzuziehen.

„Ich plädiere im Übrigen dafür, dass sich die MPK schon vor dem 7. Januar trifft, um die Lage erneut zu bewerten. Wir sind in einer volatilen Phase der Pandemie – und das Virus hält sich nicht an Feiertage“, so der CSU-Politiker. Er plädierte auch für eine schnelle Einführung der allgemeinen Impfpflicht.

Man müsse „adäquat“ agieren können. „Dazu gehört auch, die allgemeine Impfpflicht rasch zu beschließen. Wir dürfen uns kein Zögern erlauben“, sagte Holetschek.

Forschungsministerin gegen Freigabe von Impfstoff-Patenten

Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hat davor gewarnt, die Patente für Corona-Impfstoffe freizugeben. „Damit würden wir die Impfstoffentwicklung gefährden“, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Freitagausgaben). „Die Unternehmen forschen lange und investieren viel, bevor sie eine Zulassung bekommen. Eine Freigabe der Patente würde das zunichtemachen.“ Eine andere Frage sei, ob die Produktionskapazitäten nicht weiter erhöht werden könnten. Stark-Watzinger nannte es eine Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit, Infrastruktur zur Impfstoffproduktion in verschiedenen Ländern aufzubauen.

Die Ministerin erinnerte daran, dass Deutschland ist einer der größten Geldgeber für die internationale Impfstoffallianz CEPI sei. Auch in Zukunft werde die Bundesrepublik, also die deutschen Steuerzahler „viele Millionen Impfstoffdosen spenden“. (Die dann auf Sonderdeponien entsorgt werden)

Gesundheitsämter haben Kontaktnachverfolgung weitgehend aufgegeben

Viele der Gesundheitsämter in Deutschland haben die Kontaktverfolgung und Quarantäneansprache bei Corona-Infizierten eingestellt. „Eine flächendeckende Nachverfolgung findet im Moment fast gar nicht mehr statt“, sagte die Bundesvorsitzende der Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (Freitagausgaben). „Mehrere Länder haben sogar komplett die Suche nach Kontaktpersonen ausgesetzt, zum Beispiel Baden-Württemberg, Berlin und Hamburg.“

Man gehe dort davon aus, dass sich die Menschen selbst informieren würden, was sie bei einem positiven Testergebnis oder einem Risikokontakt tun müssen. „Die Frage ist, ob alle das tun“, so Teichert. „Wegen der vielen positiv getesteten Personen und dem Anstieg der Inzidenzen liegt der Fokus jetzt darauf, erst einmal die zahlreichen Coronafälle zu erfassen und zu melden.“

Die Lage sei sehr angespannt, weil die Gesundheitsämter schon lange über dem Limit arbeiten würden. Eine Folge sei die sich verschärfende Personalnot: „Seit Beginn der Pandemie beobachte ich neben der Fluktuation auch eine Flucht des Personals aus den Gesundheitsämtern“, sagte Teichert. Neben der Arbeitsbelastung liege dies auch an der vergleichsweisen schlechten Bezahlung, so Teichert mit Blick auf die Bezahlung von Ärzten in Krankenhäusern.

„Es gibt ein erhebliches Lohngefälle, das die Arbeit im Gesundheitsamt unattraktiv macht.“ Sie hat daher gefordert, die Gesundheitsämter dauerhaft mit mehr gut bezahltem Fachpersonal auszustatten. Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen hat vor der fehlenden Kontaktnachverfolgung besonders bei der Omikron-Variante gewarnt.

„Sie kann sich rasant ausbreiten, ohne dass dies rechtzeitig bemerkt wird“, sagte er dem RND. „Wichtig ist, dass auch die Kontaktpersonen informiert werden und sich testen lassen. Wo das nicht geschieht, können symptomlose Infizierte die Omikron-Variante unbemerkt weitergeben.“ Dahmen befürchtet: „Wenn wir nicht frühzeitig bemerken, dass die tatsächlichen Fallzahlen steigen, kann die Politik darauf nicht angemessen reagieren.“

Experten rügen lückenhafte Infektionszahlen-Erfassung am Jahresende

Gesundheitsexperten und Politiker kritisieren die lückenhafte Erfassung der Corona-Infektionszahlen am Jahresende. „Es ist mir vollkommen unverständlich, warum wir nach wie vor an jedem Wochenende eine unklare Datenlage haben, wie auch an Feiertagen“, sagte Weltärzte-Chef Frank Ulrich Montgomery der „Welt“ (Freitagausgabe). Mit Blick auf Omikron hätte man sich auch hier anders aufstellen müssen.

„Wir sind nicht auf der Höhe der Zeit. Die Daten, die wir in den nächsten Wochen bekommen werden, dürften unterschiedlichsten Interpretationen Tür und Tor öffnen. Darunter sicher viele falsche.“

Kanzler Olaf Scholz (SPD) berät am 7. Januar mit den Länderchefs über die Corona-Lage. Womöglich werden Entscheidungen auf einer wenig belastbaren Datenlage beschlossen. „Heute bekommen wir die letzten validen Daten, bevor das Land für drei Wochen in der Unwissenheit versinkt“, kritisierte der Medizinstatistiker Bertram Häussler am Tag vor Heiligabend.

Häussler leitet das Gesundheitsforschungsinstitut IGES in Berlin und wertet mit seinem Team die Corona-Daten im Rahmen eines Pandemie-Monitors aus. Er kritisierte, dass fast zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie weiterhin eine „ähnlich nebulöse Meldelage“ herrsche, an Wochenenden sei dies regelmäßig der Fall. Nur werde der Blindflug zum Jahresende nicht zwei bis drei Tage anhalten, sondern mehrere Wochen: „Es wird sich wiederholen, was sich schon im Vorjahr abgespielt hat: Aufgrund der weitgehend zurückgefahrenen Aktivitäten im Gesundheitswesen und teilweise auch in den Gesundheitsämtern werden die gemeldeten Fallzahlen in diesem Jahr erneut scheinbar stark zurückgehen“, so Häussler.

Nur in einem Teil der Gesundheitsämter wird die Infektionszahlen am Jahresende durchgehend und damit tagesaktuell erhoben. „Dass es über die Feiertage deutschlandweit und auch in unserem Bundesland zu eingeschränkten Bearbeitungen der Meldungen und der Berechnung der Inzidenzwerte kommen wird, ist bedauerlich“, sagte der Kölner Gesundheitsdezernent Harald Rau. Allerdings sei „die Inzidenz-Entwicklung ja nicht mehr die einzige Steuerungsgröße“.

Hauptproblem der Kommunen in NRW ist, dass über die Feiertage das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen nicht besetzt ist, in dem alle Corona-Zahlen gebündelt und an das RKI weitergeleitet werden. „Die schlechte Datenlage durch Meldeverzüge ist mittlerweile ein bekanntes Problem. Leider hat man es fast zwei Jahre als gegeben und unveränderlich hingenommen“, sagte FDP-Gesundheitsexperte Andrew Ullmann.

„Wir sehen das Problem und arbeiten daran. Ohne Frage ist es schwierig, über die Feiertage Daten zu akkumulieren und auszuwerten. Aber im Gegensatz zu den letzten Feiertagen sind dieses Mal vielerorts Test- und Impfzentren offen. Der Meldeverzug wird dadurch etwas abgeschwächt.“ Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Tino Sorge (CDU), sieht die Lage kritischer: „Auch nach zwei Jahren ist die Corona-Datenlage miserabel. Erneut wiegen wir uns über den Jahreswechsel in trügerischer Sicherheit. Und mit großer Meldeverzögerung werden dann im Januar wieder wochenalte Daten eintreffen. Das Problem ist: Omikron macht keine Weihnachtspause.“

Patientenschützer befürchten Schnelltest-Mangel

Angesichts der sich ausbreitenden Omikron-Variante und der anstehenden Feiertage werden Warnungen vor einer knappen Verfügbarkeit von verlässlichen Schnelltests laut. „Mangel und Mängel herrschen bei den Antigen-Schnelltests“, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, dem „Handelsblatt“ (Freitagausgabe). Bei Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit gebe es keine Sicherheit für den Verbraucher.

„In der sich jetzt auftürmenden Omikron-Welle ist das fatal.“ Aktuell seien rund 600 Schnelltests am Markt, davon seien allerdings nicht einmal die Hälfte durch das Paul-Ehrlich-Institut geprüft. „Die Mehrzahl ist entweder nicht getestet oder nicht zuverlässig“, sagte Brysch.

Es sei deswegen längst überfällig, dass Schnelltests in die höchste Klassifizierung der Medizinprodukte eingeordnet werden. „Herstellerangaben reichen da nicht aus.“ Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge (CDU), sieht den Bedarf an Schnelltests über die Feiertage stark ansteigen.

„Viele Bürger wählen die Kombination aus Impfung und Testung, um möglichst sicher mit der Familie feiern zu können“, sagte Sorge dem „Handelsblatt“. Und weiter: „Wenn nun auch der Gesundheitsminister dazu rät, gleich mehrere Schnelltests hintereinander zu machen, muss er sicher sein, dass der Markt das auch hergibt.“ Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte über die Feiertage zu regelmäßigen Tests aufgerufen.

Auch die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen warnt vor einem Mangel. „Dass Corona-Tests zur Eigenanwendung aktuell vielerorts nicht vorrätig sind oder mitunter ein Vielfaches der bislang üblichen Preise kosten, ist für Verbraucherinnen und Verbraucher gerade jetzt besonders ärgerlich“, sagte der Gesundheitsexperte Arne Weinberg der Zeitung. „Die bevorstehenden Feiertage mit Familienbesuchen, die Empfehlung von Politik und Wissenschaft zur Nutzung von Tests und die gleichzeitige Ausbreitung der hochansteckenden Omikron-Variante sorgen hier für ein unausgewogenes Verhältnis von Angebot und Nachfrage.“

Erste Unternehmen in Deutschland berichten davon, dass sich die Beschaffung von Corona-Selbsttests zunehmend schwieriger gestaltet. Das zeigt eine „Handelsblatt“-Umfrage unter ausgewählten Konzernen. So heißt es vom Energieversorger Eon: „Wir beobachten, dass sich die Verfügbarkeit von Selbsttests am Markt verschlechtert hat.“

Auch der Konsumgüterkonzern Beiersdorf teilte auf Anfrage mit: „Die Beschaffung ist schwieriger geworden.“ Der Vorrat sei allerdings auf absehbare Zeit ausreichend. Ähnlich äußerte sich auch der Sportartikelhersteller Puma.

Die meisten der befragten Firmen zeigten sich hingegen weniger besorgt: der Düsseldorfer DAX-Konzern Henkel ließ verlautbaren: „Wir sind aktuell nicht von einer Knappheit an Tests betroffen.“ Ähnliches teilten der Dufthersteller Symrise, der Logistikspezialist Jungheinrich, der Energieversorger RWE und die Deutsche Börse mit. Auch der Verband der Familienunternehmer sieht derzeit keinen größeren Mangel an Tests. Der Bedarf nach Coronatestkits ist in den Unternehmen groß.

Betriebe dürfen nur Geimpfte, Genesene oder Negativ-Getestete (3G) aufs Gelände lassen. Viele Firmen verlangen aus Sicherheitsgründen auch von Geimpften und Genesenen einen Negativtestnachweis. Das erhöht die Nachfrage nach Selbsttests.

Die großen Händler in Deutschland sehen sich auf „Handelsblatt“-Anfrage für die hohe Nachfrage der Bürger nach Corona-Selbsttests gerüstet, sie berichten allerdings mancherorts von Engpässen. Die Drogeriemarktkette dm erklärte, verschiedene Produkte von unterschiedlichen Anbietern im Sortiment zu haben. „Dennoch kann es derzeit aufgrund der schwankenden Nachfrage sowie gestörter Lieferketten dazu kommen, dass nicht immer alle Produkte ausreichend verfügbar sind“, sagte Sebastian Bayer aus der Geschäftsführung von dm. (Mit Material von dts)