Lockerungsphobie? - Foto: Imago

Neu auf dem medialen Krankheitenmarkt: Die Lockerungsphobie


Während überall auf der Welt sich die Proteste gegen eine „Impfpflicht“ zunehmend in Freiheitsproteste verwandeln und zum Teil niedergeknüppelt werden wie in Kanada, gedeiht in Deutschland eine neue Krankheit: Die Lockerungsphobie. Mika Engelhardt leidet daran, wie er, sie oder es in einem Meinungsbetrag bei „Buzzfeed“ gesteht. Eine therapeutische Erwiderung.

von Max Erdinger

Im März ist es so weit: Auch in Deutschland steht eine Art „Freedom Day“ an. Die Querdenker feiern. Und bei mir bricht vor Angst der Schweiß aus.„, barmt Mika Engelhardt bei „Buzzfeed„.

Gegen Schweiß, Mika Engelhardt, helfen Schweißbänder auf der Stirn sowie an den Handgelenken. Ein gutes Deodorant bekämpft den olfaktorischen Aspekt der Schwitzigkeit. Angstschweiß ist freilich dennoch unangenehm. Wegen der Angst. Reden hilft. Erzählen Sie!

Es hatte sich schon angekündigt. Und irgendwo kann ich es verstehen.

Das klingt doch schon ganz gut, Mika. Versuchen Sie, sich zu erinnern, wo das gewesen ist, als Sie es verstehen konnten. Kehren Sie an diesen Platz zurück und denken Sie dort ausführlich über Ihre Angst nach.

Trotzdem sehe ich die kürzlich angekündigten Änderungen der Corona-Regeln, um Deutschland aus der Corona-Pandemie zu führen, sehr kritisch. Bis Ende März werden alle tiefgreifenden Eingriffe weitgehend abgebaut, einzig die Maskenpflicht soll uns erhalten bleiben. Nach zwei Jahren Pandemie kann ich die Erleichterung vieler Menschen nachvollziehen. Kleine Geschäfte, Lokale oder Theater leiden nach wie vor besonders unter den Einschränkungen. Und der Mob, der jede Woche durch die Straßen „spaziert“, könnte dadurch besänftigt werden.

Haben Sie schon einmal über den Unterschied zwischen Kritik und hysterischer Panik nachgedacht, Mika? Und darüber, ob es nicht vielleicht seltsam ist, sich vor der Wegnahme eines Zwangs zu fürchten? Ich versichere Ihnen, daß hier nichts abgebaut werden wird. Es wird einfach gestrichen werden. Und Mika: Ein Spaziergang ist etwas anderes als Mobbing. Glauben Sie mir.

Aber genau da beginnt meine Angst. Seien wir mal ehrlich: In Deutschland hatten wir es die gesamte Pandemie über bisher ziemlich gut. Einen richtigen Lockdown gab es nie. Vielleicht wurde hier und da mal eine Ausgangssperre über Nacht verhängt und einige Läden mussten schließen, aber nie waren wir an unsere Wohnungen gefesselt wie die Menschen in Spanien oder Portugal. Und jetzt dümpeln wir schon seit einiger Zeit in einer Phase der Quasi-Öffnung, in der nichts wirklich verboten ist. Das reicht aber schon, um gewisse Menschen von ‚Diktatur‘ sprechen zu lassen.

Sehen Sie, Mika, Sie sind der-, die- oder dasjenige, der/die/das die Angst und den Schweiß hat. Da müssen gar nicht „wir“ ehrlich sein. Es reicht, wenn Sie es sind. Im Spanien der Franco-Zeit war auch niemand an die Wohnung gefesselt. Trotzdem war das eine Diktatur. Gewisse Menschen können gewisse Dinge einfach leichter erkennen, als Sie, Mika. Ihr Angstschweiß rührt wahrscheinlich von der Unsicherheit her, die ein Mensch verspürt, der nicht gut Sachverhalte erkennen kann.

Der ‚Freedom Day‘ bedeutet das Ende der Einschränkungen. Das will ich gar nicht.

So leid mir das tut, Mika: Ein Freedom Day bedeutet nur das Ende der Einschränkungen. Mit Ihrer persönlichen Beschränktheit hat das nichts zu tun. Gut, daß Sie mich konsultiert haben. Ich kann Ihnen aus Ihrer Gefangenschaft im Irrtum heraushelfen.

Ich bin nicht einer dieser Menschen.

Das ist mir klar, Mika.

Ich fühle mich mit den aktuellen „Einschränkungen“ ziemlich wohl, denn ich fühle mich in keiner Weise eingeschränkt.

Sehen Sie, Mika, es ist völlig normal, daß sich der Beschränkte nicht von Einschränkungen angegriffen fühlt, die von außen gar nicht bis an die Grenzen seiner eigenen Beschränktheit heranreichen.

Ich kann in ein Restaurant oder in eine Bar gehen, kann shoppen gehen, kann mich frei bewegen, kann alles tun, was ich will. Die Maske stört mich überhaupt nicht, sondern gibt mir das gute Gefühl, etwas für meine Gesundheit und die Gesundheit anderer zu tun. Ein negativer Test sorgt immer dafür, dass mir ein großer Stein vom Herzen fällt.

Sie müssen zugeben, Mika, daß es ein bißchen viel von den anderen „die Menschen“ verlangt ist, sich Ihr Gefühl zum Maßstab ihrer eigenen Freude zu nehmen. Sie sollten lernen, auf negative Tests zu verzichten und mit den Steinen auf Ihrem Herzen zu leben. Immerhin besteht die Gefahr, daß Sie in eine negative Testabhängigkeit geraten, in deren Verlauf einer der Steine von Ihrem Herzen herunter jemandem auf die Füße fallen könnte, der dann seinerseits Fußschmerzen hat. Überlegen Sie: Wollen Sie das riskieren dürfen, Mika?

Ich kann meine Corona-Routine einfach fortführen, wenn die Maßnahmen gelockert werden.

Sehr gut, Mika. Schließen Sie sich in Ihrer Wohnung ein und werfen Sie den Schlüssel weg. Sie werden sofort sehen, wie die Sache mit dem Schweiß und der Angst nachläßt.

Aber das bringt natürlich nur bedingt etwas, wenn andere Menschen bald tun und lassen, was sie wollen.

Sie sollten nicht so viel über die anderen „die Menschen“ nachdenken, Mika. In Ihrer Wohnung sind Sie sicher vor den anderen „die Menschen“.

Das heißt nicht, dass ich alle Maßnahmen blind befürworte.

Ich kann Sie trösten, Mika. Es spielt keine Rolle beim Urteil eines Beschränkten, ob er blind ist, wenn er etwas befürwortet oder ablehnt. Schon deswegen nicht, weil Blindenhunde die Einschränkungen eines Beschränkten aufgrund ihrer Intelligenz ganz gut ausgleichen könnten.

Ob eine geimpfte oder eine tagesaktuell getestete Person im Restaurant sitzt, ist mir eigentlich egal, auch wenn ich die Ungeimpften als extrem unsolidarische Menschen empfinde und mich auch privat nicht unbedingt mehr mit ihnen treffen möchte. Aber ein Test ist ein Test, und sollte zu einem gewissen Maß an „Freiheit“ führen.

Das ist kein Problem, Mika. Glauben Sie mir: Kein Ungeimpfter wird je etwas mehr mit einem oder einer Mika Engelhardt zu tun haben wollen. Es besteht keinerlei Gefahr für Sie.

Trotzdem macht mir die Vorstellung, dass die wenigen Maßnahmen bald abgeschafft werden, richtig Angst, denn ich werde mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zurückgelassen.

Ja, aber Sie werden in Deutschland zurückgelassen. Ich kenne Menschen, Mika, die würden Leute wie Sie am liebsten in der Antarktis zurücklassen. Das sind ganz normale Leute, die angstlos unverschwitzt sind. Was glauben Sie, was die für ein Gefühl solchen „die Menschen“ wie Ihnen gegenüber haben?

Nicht nur finde ich die Inzidenz immer noch zu hoch für den „Freedom Day“, ich beobachte auch die Spaltung in der Gesellschaft kritisch. Bleiben wir fair: Die meisten Menschen sind sehr solidarisch und halten sich an die Regeln und selbst bei Kritiker:innen sollte man Unterschiede zwischen gerechtfertigt und ungerechtfertigt machen. Aber am Ende reichen nur wenige, maskenkritische, verschwörungsideologisch geprägte Menschen, um das sorgfältige Kartenhaus der Sicherheit zu Fall zu bringen.

Sehen Sie, Mika: Ein Kartenhaus ist immer eine sehr unsichere Angelegenheit. Es gibt kein sicheres Kartenhaus. Solidarität ist auch etwas anderes als die kritiklose Übernahme einer Massendummheit. Es gibt keine Solidarität mit den Dummen, die produktiv wäre. Und hören Sie bitte mit diesem „Wir“ auf. Bleiben Sie fair! Jedenfalls, so weit Sie aufgrund Ihrer Angstneurose und Ihrer unapettitlichen Schwitzerei dazu in der Lage sind. Freuen Sie sich lieber, daß Sie nur schwitzen vor Angst und sich nicht auch noch in die Hosen machen. Das könnte passieren. Haben Sie schon einmal daran gedacht, zu Ihrer eigenen Angstlinderung außer einer Maske auch noch eine Windel zu tragen? Eine Windel würde Ihr Sicherheitsgefühl erhöhen und es Ihnen erlauben, selbstsicherer aufzutreten in Ihrer Beschränktheit, Mika. Das wäre ein Gewinn an Lebensqualität für Sie! Ich meine, für die Momente, in denen Sie sich nicht zuhause in Ihrer Wohnung einsperren wollen.

Genau die bekommen jetzt Rückenwind, die eh schon laschen Maßnahmen noch weiter verwässern. Nehmen wir das Beispiel Kino, denn das ist die eine Sache, auf die ich nicht verzichten kann und für die ich mich freiwillig aus meiner Wohnung begebe.

Ach was? Sie können nicht auf das Kino verzichten, Mika? Und weil Sie gern angstschweißig im Kino sitzen wollen, um dort die Luft zu verpesten, sollen die angstfreien Unverschwitzten weiterhin auf ihre Freiheit verzichten? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Mika, ob nicht Sie selbst sich das größte Problem sind? Was halten Sie davon: Nur noch einmal Angst haben und das Problem mit einem Sprung von der Brücke ein für allemal lösen? Sie würden auch Ihre Kinosucht loswerden dadurch.

Aufgrund der Inzidenzen sollte aktuell in allen Kinos bundesweit 2G+ und Maskenpflicht am Sitzplatz gelten. 2G+ kann zumindest am Eingang kontrolliert werden und gibt abseits von Durchbruchsinfektionen ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Aber Maskenpflicht? Pustekuchen. Besonders bei Blockbustern pfeift das oft junge Publikum darauf und atmet fröhlich Viren aus.

Vertrauen sie mir, Mika: Inzidenzen sind nichts weiter als Schall und Rauch. Ob jemand das Wort „Inzidenz“ verwendet oder das Wort „Wrschtlpfmpft“, ist völlig gleichgültig. Es bedeutet nichts weiter, als daß sich mit einer Buchstabenanordnung wie in dem Begriff „Inzidenz“ die Beschränkten verarschen lassen.

Öffnungsperspektiven aus der Politik bedeuten, dass bald noch weniger Grundlage für mich besteht, die Menschen zu bitten, ihre Maske zu tragen. Viel mehr habe ich Panik davor, was passiert, wenn die Maske fällt und ich mich dazu entscheide, sie zur Sicherheit weiterzutragen. Dass Querdenker:innen und Co. von aufdringlich bis mörderisch, wie am Beispiel von Idar-Oberstein, agieren können, haben wir in der Vergangenheit gesehen. Und ich habe keine Lust darauf, im Supermarkt oder in der Bahn von diesen Menschen in die Enge gedrängt zu werden, nur weil ich eine Maske trage.

Mit Verlaub, Mika, natürlich sollten Sie für alle Zeiten nur noch mit Maske durch die Gegend laufen. Dadurch erhalten Sie sich die Möglichkeit, für einen intelligenten Menschen gehalten zu werden, weil schon an Ihrem Gesichtsdausdruck niemand erkennen kann, daß es anders ist. Machen Sie sich nichts daraus, wenn Ihnen die anderen „die Menschen“ ein „Maske!“ zurufen. Lange genug ist es ja andersherum gelaufen. Sprachen Sie nicht vorhin noch von Fairness?

Das sind natürlich hypothetische Gedanken, aber sie sind ziemlich realistisch. Bei mir ist es vielleicht nicht so schlimm, ich bin jung, gesund und geimpft.

Da muß ich Ihnen leider widersprechen, Mika. Sie sind vielleicht jung und geimpft, aber gesund sind Sie keinesfalls. Im Kopf jedenfalls nicht. Wissen Sie was? Ich kürze das jetzt ab. Es hat keinen Sinn, wenn Sie sich hier bei mir ausgreinen. Sie müssen sich auch mit anderen unterhalten, die geistig gesund sind, um das Vertrauen in Ihr eigenes Immunsystem zurückzubekommen. Ich schreibe Ihnen jetzt eine Expertise, schweiße die in Plastik ein, damit sie abwaschbar ist wegen Ihrer Schwitzfinger, Mika, – und die zeigen Sie den Leuten vor, bevor Sie ein Gespräch beginnen. Dadurch wissen Ihre Gesprächspartner, was bereits feststeht und brauchen sich nicht erst bis zu dem Punkt durchzuargumentieren, an dem ich schon einmal gewesen bin, sondern können von dort aus mit Ihnen ein Gespräch aufbauen. Warten Sie, Mika, ich schreibe Ihnen kurz die Expertise.

„Sehr geehrter Gesprächsteilnehmer,

Ihnen gegenüber sitzt oder steht Herr/Frau/Dingens Engelhardt, Mika. Mika leidet an einer fürchterlichen Angstneurose und schwitzt deshalb viel. Mikas Problem ist, daß er/sie/es sich wegen seines/ihres Gefühls für normal hält und alle anderen für verantwortungslos, die nicht ebenfalls ängstlich und verschwitzt sind. Mika möchte seine/ihre Maske nicht abnehmen. Bitte respektieren Sie das. Lassen Sie sich jedoch von der Maske nicht täuschen. Sie verbirgt nur einen dummen Gesichtsausdruck. Sprechen Sie bitte in ruhigem Ton mit Mika und machen Sie dabei ein verständnisvolles Gesicht, so, als wollten Sie ernstnehmen, was Ihnen Mika zu erzählen hat. Am besten beruhigen Sie Mika mit dem Narrativ, daß Sie selbst bereits an Corona erkrankt waren, daß es gar nicht so schlimm gewesen ist, und daß Sie sich seit Ihrer Genesung besser fühlen als jemals zuvor, weil sich Ihr Penis/Ihre Brust mit der Genssung verlängert/vergrößert hat. Versichern Sie Mika immer wieder, daß sein/ihr Immunsystem besser funktioniert, als sein/ihr Verstand, und daß es deshalb nicht prinzipiell verkehrt ist, wenn er/sie/es auf andere Leute hört. Sein Fehler bestand nur darin, daß er/sie/es bislang auf die falschen Leute gehört hatte. Beachten Sie bitte, daß Mika unterschwellig über ein hohes Aggressionspotential verfügt und treffen Sie daher Sicherheitsvorkehrungen. Ein Taser, den Sie diskret unter der Tischplatte oder in Ihrer Manteltasche einsatzbereit halten, sollte ausreichen. Wenn Sie wollen, probieren Sie den Taser an Mika aus, bevor er/sie/es zu sprechen beginnt. Es könnte sein, daß ihn/sie/es ein Stromschlag von seinen/ihren Ängsten heilt. Bisher wurde das allerdings noch nicht ausprobiert.

Vielen Dank für Ihre Geduld und Ihr menschliches Verständnis.“

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