Wolodymyr Selenskyi, ukrainischer Präsident - Foto: Imago

Führerkult: Peter Huths Kriegs- & Heldenepos in der „Welt“

Peter Huth konnte in der „Welt“ mit seiner Bewunderung für den ukrainischen Präsidenten Selenskyi nicht mehr hinter dem Berg halten. Die Krankheit alter weißer Männer eben. Wenn sie müssen, dann ist es dringend und es pressiert. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Die mächtigste Waffe der Ukraine ist ihr Präsident„, musste Peter Huth titeln. Eine sehr mächtige Schlagzeile über einen eher schmächtigen Mann. Bestimmt liefert Huth in seinem Meinungsartikel einen mächtigen Text, welcher der Schlagzeile auch entspricht. Ich sehe mal nach.

Er beherrscht die Macht der Bilder und der sozialen Medien: Wolodymyr Selenskyjs Auftritte halten die Ukraine am Leben. Seine Sprache erinnert an Klassiker des Filmes, die Kraft der Kultur und der Liebe wirkt augenblicklich. Er ist der Beweis, dass nichts mehr so ist, wie es war.“ Das gab es zu allen Zeiten: Autoren, die ein Tintenfaß vor sich stehen hatten – und solche, die ihre Füllfederhalter lieber im Schmalztiegel aufluden. Lebenserhaltende Auftritte, augenblicklich wirkende Kraft der Kultur und der Liebe – da merkt man sofort, daß nichts mehr so ist wie es war. Es ist ein großer Jammer mit dem Drogenmißbrauch im Einflußbereich von NATO, Brandon und der CIA. Wos a Kultur- & Liebesfilm da in der Ukraine! – Sagenhaft.

Er trägt nur noch grün-beige Kleidung, die an eine Uniform erinnert, aber keine Uniform ist. Wolodymyr Selenskyj ist kein Militär. Er ist Zivilist, sein ursprünglicher Beruf ist der wohl am weitesten von einer soldatischen Karriere entfernteste: Der 44-Jährige war, bevor er zum Präsidenten seines Landes gewählt wurde, Komiker, auch Regisseur und Schauspieler und Kabarettist. Jetzt, in diesen Tagen, in denen sein Land vom russischen Despoten Putin brutal, ohne Gnade und ohne Grund, überfallen wird, aber ist er erster Soldat seines Landes.“ – Ja hallo? So etwas kann man sich doch nüchtern überhaupt nicht ausdenken!? Alter Schwede. Grün-beige Kleidung, die an eine Uniform erinnert, aber keine Uniform ist – was ist das? Ein suggestiver Täuschungsversuch? – Nein. Die Kleidung der Kultur und der Liebe ist das. Der liebevoll gekleidete Komiker ist Präsident, oder was? Sein Land wurde auch noch überfallen trotz aller Kulturkraft der Abwehr? Von einem Gnadenlosen? Ganz ohne Grund auch noch? Und obendrein ist der pseudouniformierte Liebeskabarettist auch noch erster Soldat seines Landes und dessen mächtigste Waffe? Wenn das alles stimmt, dann mache ich dem ukrainischen Präsidenten sofort einen Heiratsantrag.

Aber ist das schon alles, was Huths unüberwindlichen Bekenntnisdrang beförderte, oder gibt es noch mehr? – Ah ja: „Mehr noch: oberster Befehlshaber der Truppen im Schlachtfeld und der Menschen“ ist er außerdem, der Herr Präsident in seiner Entschlossenheitskleidung der Liebe, die keine Uniform ist. Das macht ihm außer Christine Lambrecht so schnell niemand nach. Was spricht er nun auf dem Schlachtfeld des Grund- und Gnadenlosen zu seinen „die Menschen“? – „Er sagt Sätze wie ‚Der Kampf ist hier. Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit‘„. Das muß man zugeben: Es adelt Selenskyi, daß er „der Kampf“ gesagt hat und nicht „mein Kampf“. Ich meine, bei den Bataillonen, mit denen die Ukraine kämpft gegen den grundlos Gnadenlosen. Natürlich braucht die liebevolle Machtwaffe der Ukrainer keine Mitfahrgelegenheit über die Grenze nach Westen. Der läßt sich ausfliegen, wenn’s so weit ist. Also demnächst.

Die Ukraine im Leben

Eine kleine Frage zu dem, was wohl die Ukraine im Leben halten könnte: Ist es der sofortige Frieden nach einer bedingungslosen Kapitulation, der Rücktritt der Regierung samt Auswanderung ins Exil, die Versorgung des Volks mit Nahrungsmitteln und Heizung? – Weit gefehlt. Peter Huth weiß, was die Ukraine wirklich im Leben hält: „Selenskyj und die Art, wie er agiert, vor allem aber sein Wissen um perfekte Auftritte und ebensolche Worte, sind das, was die Ukraine im Leben hält„. Die Ukraine also, nicht die Ukrainer. So geht verlogener Pseudohumanistenseich. Ich habe gerade mal bei ein paar Schiedsrichtern nachgefragt. Die glauben alle, daß Huth frech daherlügt, und behaupten, daß Selenskyis Art vielleicht die Ukraine, die Ukrainer aber nicht im Leben, sondern im Krieg und der damit verbundenen Lebensgefahr hält. Und daß der einzige Grund dafür wiederum nicht der Patriotismus Selenskyis und seiner Oligarchenclique sei, die das Volk ausnimmt und Krieg gegen die russische Minderheit im eigenen Land führt, sondern einfach der, daß Selenskyi gern noch ein bißchen länger ukrainischer Präsident bleiben würde im Dienst an der Kultur und der Liebe. Und daß ihm der Gnadenlose den Zahn völlig grundlos ziehen wird. Einige der Schiedsrichter mutmaßten, bei Huths Eloge auf Selenskyi handele es sich um einen billigen, wohlfeilen und vorgeschobenen, weil in der Distanz bislang noch gefahrlosen Solidaritäts-Patriotismus, eine eitle Zeichensetzerei, im hypermoralistischen Deutschland zur angenehmen und schlechten Gewohnheit geworden – in diesem Fall auf Kosten einer ukrainischen Zivilbevölkerung, der es zweifellos wesentlich besser ginge, wenn sie eine russlandaffine Regierung in ihrer neutralen Nation hätte anstatt einer kleptokratischen Räuberclique an den Fäden der USA, die in Wahrheit höchst eigennützige Blutsauger sind – und genau gar keine Helfer. Das Furunkel am Arsch der Ukrainer, sozusagen, und seit vielen Jahren auch noch entzündet im Süden und Südosten des Landes. Aber was weiß ich? Deswegen ja die unabhängigen Schiedsrichter. Die sind mindestens so gut wie „unabhängige Faktenchecker“. Das ukrainische Durchschnittseinkommen liegt unter Selenskyi bei monatlich 200 Euro. Russland glänzt da zwar auch nicht, aber es beträgt immerhin das Dreifache. Und die Ukraine hätte gewaltiges Potential. In Huths Begeisterung für den „patriotischen Selenskyi“ liegt dieses Potential nicht. Seine Begeisterung für die Ukraine statt die Ukrainer ist billigste und schmierigste Heuchelei.

Schlechter Film

Der Präsident ist in dieser Situation, in der ein Land plötzlich wie in einem schlechten Film erwacht ist, eine der mächtigsten Waffen. Sie nützt dem Volk mehr als 5000 deutsche Stahlhelme, die Illumination des Schweriner Schlosses, in dem die Putin-Gewährsfrau Schwesig residiert, ja mehr als alle Sanktionen des Westens„, schreibt Huth in seinem widerwärtigen Heldenepos. Ich frage mich ernsthaft, ob der „Bild“-Briefeschreiber Franz-Josef Wagner sein bester Freund ist. Das Leben ist voller Überraschungen. Daß es an Manuela Schwesig jemals etwas geben könnte, das ich gut finde, hätte ich nie für möglich gehalten. Aber Huth hat in einem Punkt schon recht: Ein korrupter Komiker als Präsident ist bei aller Liebe und der ganzen ukrainischen Kultur schon viel mehr wert, als so ein paar läppische Sanktionen gegen den grundlos Gnadenlosen. Ich glaube ja, daß die ganze westliche Welt von einer Nasenphobie befallen ist, die sie daran hindert, sich selbst an derselbigen zu fassen. Das dürfte auch der Grund dafür sein, daß Huths angeblicher Meinungskommentar bei der „Welt“ überhaupt veröffentlicht wurde. Bei den deutschen Wochenschauen von 1944/45 war das gleiche Phänomen schon einmal zu beobachten. Da wurde ein Stuß erzählt, der eigentlich nur damit zu erklären gewesen ist, daß niemand die Realität erkennen sollte. Nasenphobie eben. Gnadenlose Selbstgerechtigkeit bei unschlagbarer Urteilskraft. Sie ist wahrscheinlich das größte Problem, das die gehorsamen Meinerleins & Finderleins für die übriggebliebenen Verstandesmenschen in Deutschland bedeuten: Dieser kollektive Auftrag an den Einzelnen, sich nicht selbst erkennen zu sollen, damit im Gegenzug das Kollektiv sich nicht selbst zu erkennen braucht. Das alte deutsche Lied eben. Konformität herstellen. Sich hinter der Regierung scharen in Krisenzeiten, egal, wer sie heraufbeschworen hat. So gesehen ist Huth ein Propagandist der Kulturlosigkeit, seine in eine Eloge gekleidete, vor Selbstgerechtigkeit strotzende Hetze auf Kosten des ukrainischen Volks eine einzige Traditionsleistung. Meinereiner schwankt zwischen Deprimiertheit und Wut angesichts eines solchen Schmalztiegelbenutzers.

Huths „Mörderbanden“

Dann nimmt Huth Bezug auf ein Video, das wahrscheinlich oft gesehen wurde. Es zeigt, wie ein Panzer mit einem schwarzen PKW kollidiert. Ich habe es mir ein paarmal angesehen und komme zu einem ganz anderen Schluß als Huth. Er schreibt: „Die Bomben fallen jetzt, Putins Mörderbanden, die auch mal wie aus Vergnügen Panzer gegen Kleinwagen steuern, sind jetzt unterwegs„. Das ist nichts als Hetze. Putins Soldaten sind nicht schon deswegen Mörderbanden, weil sie Putins Soldaten sind, genauso wenig, wie reguläre ukrainische Soldaten Mörderbanden sind. Bei den ukrainischen Asow- und Bandera-Verbrechern würde ich allerdings durchaus von Mörderbanden reden. Sie unterstehen dem ukrainischen Innenministerium. Erstens ist der Panzer nicht zu identifizieren als russischer Panzer. Es könnte sich auch um einen ukrainischen handeln. Was in dem Video zu sehen ist, war zweitens ein offensichtlich übermütiger Panzerfahrer, der sein Vehikel auf einer asphaltierten Straße so schnell aus einer Kurve auf eine Gerade herausbewegte, daß der Panzer ausbrach und offensichtlich nicht mehr einzufangen gewesen ist, ein unkontrollierter, keineswegs beabsichtigter, dennoch fahrlässiger „Panzerdrift“ sozusagen. Da drücken einige Tonnen. Der Panzer beschrieb dann einen Bogen auf die Gegenfahrbahn. Von einem Auto war bis dahin nichts zu sehen. Was dann zu sehen war, ist der PKW gewesen, der aus der Gegenrichtung kam – und was deutlich zu sehen ist, das ist, daß sich dieses Auto auf den außer Kontrolle geratenen Panzer zubewegte, nicht der Panzer auf das Auto. Es fuhr dem Panzer direkt vor die Schnauze und wurde dann überrollt. Der Fahrer des PKW, ein alter Mann, überlebte den Unfall gottseidank. Es ist nicht so, daß es keine saudumm gelaufenen Verkehrsunfälle gäbe, nur weil Krieg ist. Es ist halt nur so, daß ein Verkehrsunfall Huths Intention nicht dient.

Ich habe auch keine Lust mehr, mich mit Huths schmalzigem Schand- und Schmierenstück des deutschen Journalismus noch länger zu beschäftigen. Ich hoffe nur, daß noch Zeiten kommen, in denen solche Typen wie Huth zur Verantwortung gezogen werden. Sieht wahrscheinlich nicht gut aus für mich, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Peter Huth? – Pfui Teufel. Da ist schon die Aufforderung, sich zu schämen, überflüssig. Er kennt offensichtlich keinerlei Scham.

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