Götz Kubitschek: Krieg in der Ukraine – kühle Scham

Werte Leser, können Sie verstehen, daß wir uns in der Ukraine-Frage über das Lapidare hinaus nicht zu Wort melden? Ich denke schon.

Es handelt sich dabei nicht um Unlust, nicht um mangelndes Interesse, sich mit diesem Krieg und seiner geopolitischen Mechanik zu beschäftigen. Es gibt gute Analysen und Stellungnahmen, auf drei will ich hinweisen:

  1. Auf den Podcast von Dr. Martin Wagener haben wir im Zusammenhang mit seinem Buch Kulturkampf um das deutsche Volk bereits ausführlich aufmerksam gemacht. Wageners Analyse zeichnet sich durch Nüchternheit und Sachkenntnis aus. Er beschreibt den Westen (vor allem Deutschland) als naiv und skizziert zuletzt Vermittlungsvorschläge, endet also konstruktiv.

Knappe 25 Minuten, Höcke hat Wageners Podcast bereits empfohlen: Angriff auf die Ukraine – hören Sie Wageners Analyse hier.

  1. Alice Weidel konnte in der Sondersitzung des Bundestags eine Stellungnahme abgeben – sie ist ihr in Ton und Inhalt gut gelungen, weil sie die Opposition von rechts tatsächlich in Opposition zur unfaßbar verlogenen Haltung der Bundesregierung und des offiziellen Deutschlands stellte.

Weidels Stellungnahme im Bundestag, rund 6 Minuten, hier ansehen;

  1. Einer der jungen Macher des online erscheinenden Konflikt-Magazins, Eric Ahrens, versucht sich (und dem rechten Lager) dadurch Luft zu verschaffen, daß er einen konstruktiven Ansatz sucht und zu mehr Subjektivität in der Ukraine-Frage rät: Er verweist auf die Lähmung, die daher rühre, daß man sich als Vasall der USA selbst für handlungsunfähig erkläre und dies sogar als Entschuldigung für die eigene Trägheit vorbringe. Es sei aber manches möglich, und das zeige dieser Tage unter anderem der AfD-Bundestagsabgeordnete Beckamp.

Eric Ahrens – “Der Montag. Kalenderwoche 9”, hier lesen.

Drei Wortmeldungen also: Wageners kopfschüttelnder Realismus wird nur dort polemisch, wo er auf die 5000 Helme zu sprechen kommt, vor denen zitternd Putin die Krim räumen lassen könnte; Weidels schneidende Opposition setzt sich hörbar vom Ton der liberalen Weihestunde im Bundestag ab; Ahrens will nicht wahrhaben, daß er in einem Land zu leben hat, auf dessen “Haltung” in der Ukrainefrage und in so vielen anderen politischen Fragen man am Ende nur mit einer ernüchterten Gegenhaltung reagieren kann: mit kühler Scham.

Ich habe mir den Selbstvergewisserungsvormittag im sonntäglichen Bundestag angeschaut, um mir wieder einmal, noch einmal, ein letztes Mal die ganze entsetzliche Peinlichkeit, Verlogenheit und Schamlosigkeit unserer regierenden, pseudooppositionellen, gleichgeschalteten Klasse vor Augen führen zu lassen.

Als die Bundestagspräsidentin den auf der Tribüne platzierten Botschafter der Ukraine begrüßte, setzte Applaus ein, der nicht enden wollte. Es setzte ein, worauf Gesinnungsethiker immer hoffen dürfen, wenn ihnen die Realität zeigt, daß sie ihrer Verantwortung wieder einmal nicht gerecht geworden sind: Sie verwandeln ihre guten Absichten in ein schon Geleistetes, gleichen ihre Handlungsschuld mit moralischem Kredit aus, den sie sich aus der Zukunft leihen.

Das gelang durch den minutenlangen Applaus: Es war das Zuklatschen einer Erklärungslücke, das Übertönen einer Frage, die seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine im Raume steht und nur von tauben Gemütern überhört werden kann: Habt ihr mehr zu bieten als Geschwätz?

Nein, haben wir nicht, haben wir nicht mehr, seit langem nicht mehr, und ich stehe fast fremd vor der Eselsgeduld, mit der ein Peter Hahne im indubio-Podcast der “Achse des Guten” noch einmal aufzuzählen beginnt, was die letzten drei ungedienten Verteidigungsministerinnen und ihre männlichen Vorgänger aus der deutschen Armee gemacht haben, was unser Land außenpolitisch als Vasall unter Vasallen nicht nur mittrug, sondern moralisch weltmeisterlich auflud und wie komplett es jede Lehre aus den dreißig Jahren nach dem Ende der Blockkonfrontation verweigerte.

100 Milliarden Euro zusätzlich für die Bundeswehr? Was ist das für eine Zahl, was bringt sie jetzt, heute, außer daß man Baerbock und Konsorten (die das als Überwältigungsgeschenk auspackten) und Merz (der das mit faltiger Stirn “mitträgt”) bei der spontanen Ausreifung eines harten Gedankens zusehen konnte: Wir werden vielleicht kämpfen müssen!

Werden wir nicht müssen, werden uns 100 Milliarden auch nicht beibringen können, liegt sowieso außerhalb der Vorstellungswelt der Berliner Parallelwelt, aber dennoch treibt dieses Widerstands- und Verteidigungsgefühl sofort seine Blüten. Resistance: Der Spiegel veröffentlichte Bilder einer Kleinkriegsromantik aus den Stadtquartieren Kiews:

ein junges Pärchen, eigentlich Modeträger, jetzt aber mit Kalaschnikow und MPi, verteidigungswillig trotz (oder gerade wegen) ihrer zarten Liebe; Omis beim Befüllen von Molotow-Cocktails; ein junger Mann, der gerade lernt, wo vorn und wo hinten ist beim Gewehr.

Wir müssen das alles zurückweisen: dieses ganze Gefühlige, diese verlogene Verbrüderung mit der einen oder der anderen Seite, die romantische Beteiligung an einem Kampf, der 2000 Kilometer von uns entfernt nicht nur nachempfunden, sondern tatsächlich ausgetragen wird. Wer dort kämpft, wendet an, was er kann oder rasch noch lernen muß, und es wird von Tugenden getragen, die den Deutschen ausgetrieben wurden, und es ist das Gegenteil von dem, was hierzulande einen Mann ausmachen soll.

Krieg in Europa – Deutschland hat nichts zu melden, hat mitgemacht bei einer fahrlässigen Konfrontation dort, wo Ausgleich, Neutralität, Verflechtung und ein Auskommen das Maß jeder Politik hätten sein müssen. Es ist aller Ehren wert, denjenigen nun zu helfen, die fliehen müssen und Schutz suchen. Bloß klar muß sein: Das Abpuffern von Not ist keine starke Position, sondern das, was denen zu tun übrigbleit, die nichts verhindern und nichts entscheiden können.

Abschließend: die Rechte ist sich uneins. Pro Ukraine hier, pro Rußland dort – solche Entschiedenheiten sind nicht notwendig, denn sie bleiben folgenlos, oder hätte jemand einen Hebel? Ist es letztlich sogar die Hoffnung, nach Jahren als Paria zur moralischen Mehrheit wechseln zu können, die manchen aus unseren Reihen nun zum glühenden Ukraineanhänger machen?

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