Putin ermorden: Ja oder Nein?

Sollte jemand Wladimir Putin ermorden? – Natürlich nicht. Das wäre schließlich Putinmord. Das darf man nicht. Aber vielleicht geht es, wenn man Wladimir Putin erst einmal vom Menschen in einen Tyrannen umdefiniert. Dann würde aus dem Putinmord ein Tyrannenmord werden und die ganze Sache sähe gleich viel besser aus. Der Tyrannenmord müsste ja auch nicht so heißen. Tyranneneliminierung. Tyrannenneutralisierung. Etwas in der Art jedenfalls. „Tyranneiunterbrechung“ wäre vermutlich das Beste. Das funktioniert ganz gut. Die Abtreibung, der Ungeborenenmord also, wurde schließlich ebenfalls schon als „Schwangerschaftsunterbrechung“ bezeichnet. Und: Der Euphemismus ist ein Meister aus Deutschland.

von Max Erdinger

Im „Focus“ lieferte Ulrich Reitz eine Analyse ab. Sie galt der Forderung eines US-Senatoren, auf Waldimir Putin ein Attentat zu verüben. Um es vorweg zu nehmen: Er berichtet eigentlich mehr über eine Debatte, die in den USA angestossen worden war durch die Frage des US-Senators Lindsey Graham, ob es in Russland keinen Brutus gebe, der „den Job“ erledigen könnte. Noch eine Woche und wir haben die „Iden des März“. Kein gutes Datum für einen Cäsar oder einen Zaren. Aber der Analyseteil von Reitz‘ Betrachtung zum Thema ist eindeutig. Er schreibt: „Auch wenn eine Mehrheit der Menschen anderer Meinung sein dürfte: Das Völkerrecht verbietet den Abschuss eines Staats- und Regierungschefs, ganz gleich, was der auf dem Kerbholz hat und die Moral verbietet es, sich über einen solchen Abschuss auch noch zu freuen.“ Damit könnten alle Fragen dazu beantwortet sein. Schließlich hupfen allerweil alle im Dreieck, weil das Völkerrecht erst frisch gebrochen wurde. Souveräner Staat und das alles. Was man halt auf Papier so alles an Buchstaben findet. Komischerweiser ist die Debatte aber dennoch nicht beendet. Und das wäre wirklich merkwürdig, wenn man nicht schon wüßte, wer diese Debatte trotz der klaren völkerrechtlichen Regeln, an die sich andere halten sollen, trotzdem weiterführt. Wenn ich Putin wäre, würde ich das wahrscheinlich lakonisch so kommentieren: Hauen Sie sich auf den eigenen Sack, Herr Graham, dann hat der Richtige die Schmerzen.

Zwei Videos

Es ist nämlich so: Inzwischen ist ein Video aufgetaucht aus der Ukraine, das entweder während des Euromaidan 2014 oder kurz danach entstanden ist. Man sieht viele Ukrainer im Tarnfleck, darunter auch den Post-Maidan-Präsidenten Poroschenko, den „Schokoladenoligarchen“ also, von dem wiederum eine andere Rede abrufbar ist, welche er in Zivilklamotten in der „Werochnwa Rada“, dem ukrainischen Parlament gehalten hatte, und die, wenn man nur die Wörter „Russe“ und „Separatist“ gegen „Untermensch“ austauschen würde, einer Goebbels- oder einer Hitlerrede bis aufs Haar gleicht. Auszüge: „Wir werden Renten haben – die werden keine haben“ und „Unsere Kinder werden in die Schule gehen – deren Kinder werden im Bunker sitzen“. Poroschenko redete von seinen eigenen Landsleuten, den solchen und den anderen.

Im gegenständlichen Tarnfleck-Video, aufgenommen in irgendeinem ukrainischen Gebäude, sind aber noch zwei andere Herren zu sehen, die den Tarnfleck-Ukrainern weitreichende Zusagen machen. Besonders einer davon: Lindsey Graham, der US-Senator, der sich heute den Kopf über einen russischen Brutus zerbricht. Der andere Herr ist der 2018 verstorbene US-Senator John McCain. Er war im Jahr 2008 republikanischer Präsidentschaftskandidat gegen Barack Obama. John McCain wurde in den USA als Kriegsheld verehrt, weil er über fünf Jahre nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft ertragen hatte, von welcher ihm schwere Gesundheitsschäden geblieben sind.

Jedenfalls ist in diesem Tarnfleck-Video mit Poroschenko ein Lindsey Graham zu sehen, der solche Sätze spricht wie: „Wir werden uns für eure Sache verwenden“ – und – „es wird Zeit, daß dieser Verbrecher (Putin, Anm.d. Verf.) einen höheren Preis bezahlt.“ Aus der Filmsequenz läßt sich nicht schließen, wofür Putin nach Grahams Vorstellungen einen „höheren Preis“ hätte bezahlen sollen. Denkbar ist, daß das Video entstanden ist, nachdem sich die Krimrussen per Referendum für einen Anschluß der Krim an Russland ausgesprochen hatten, ohne daß dabei auch nur ein Schuß gefallen wäre. Im Westen wird zwar gern von einer Annexion der Krim gesprochen; wenn man den Worten des Staatsrechtlers Karl-Albrecht Schachtschneider glauben darf, emeritierter Professor für öffentliches Recht an der Universität Erlangen-Nürnberg, ist die „Annexion“ aber eine Sezession gewesen, und die wiederum sei nach dem Völkerrecht von der russischen Regierung verpflichtend zu unterstützen gewesen.

Dreckige Gesellschaft

Unter militärischen Gesichtspunkten betrachtet, dürfte es dann, wenn die Vereinigten Staaten eine Person wären, bei den USA um den weltfürchterlichsten Tyrannen überhaupt handeln. So fürchterlich ist er, daß er das Völkerrecht schon viel öfter und schrecklicher mit Füßen getreten hat, als Putin überhaupt an das Völkerrecht dachte. So gesehen wären die Vereinigten Staaten ein perfektes Land für den Export von „Brutussen“, schon deswegen, weil auch die USA in großen Teilen bereits derartig kulturmarxistisch degeneriert sind, daß Brutus dort ohne weiteres und unerkannt als Tusse seine Ränke schmieden könnte. Im Lande des siebenmaligen Bombardierungsweltmeisters und Friedensnobelpreisträgers Barack Obama gibt es nicht umsonst Schußwaffen, die auf die Bezeichnung „Peacemaker“ hören.

Jedenfalls ist genau die Ukraine, die vor zwei Wochen von russischen Truppen angegriffen wurde, vorher von den USA bis zur Halskrause angefüllt worden mit Kriegswaffen. Und der US-Senator Graham spricht von Putin als einem Tyrannen, dem man einen Brutus auf den Hals hetzen sollte. Allein der Euro-Maidan 2014 soll von den USA mit 5 Milliarden Dollar finanziert worden sein. Die US-amerikanische Privatarmee „Blackwater“ (heute „Academi“), offiziell ein „Sicherheitsdienst“ – auch Amerikaner sind begnadete Euphemistiker – kommt weltweit überall dort zum Einsatz, wo die Verwendung regulärer US-Truppen das Völkerrecht brechen würde, was bekanntlich kein schöner Vorwurf wäre. Zumindest im Jahr 2014 galt „Blackwater“ als die größte Privatarmee weltweit.

Erörterungen darüber, ob Putin ein Tyrann ist, der durch eine „gezielte Tyranneiunterbrechung neutralisiert“ werden sollte, werden als genau von den Richtigen angestellt – nicht. Die USA betreiben ein derartig infames Spiel, daß man es als abgrundtief böse bezeichnen muß. Erst verhalfen sie mit Milliarden von Dollars ukrainischen Nazis an die Macht. Als nächstes taten sie so, als seien das nicht ihre Nazis, sondern Ukrainer mit legitimen Anliegen, die es zu unterstützen gelte. Als das in der Welt nicht unbedingt wohlwollend aufgenommen worden war, sorgten sie bei der Wahl 2019 dafür, daß die Nazis aus der ukrainischen Rada und der weltweiten Wahrnehmung weitgehend wieder verschwanden (3-5 Prozent Wählerstimmen) und sich beim ukrainischen Militär versammelten. Dort waren sie auch am nützlichsten. Im Parlament hatten sie schließlich vor den Augen der Welt hirnlimitierten Stuß erzählt, der sich seiner Verrohtheit wegen ohnehin besser beim Militär verwenden läßt.

Seither wuchs das Asow-Regiment heran zu den Asow-Brigaden, noch immer dem Innenministerium unterstellt; das Asow-Hauptquartier in Mariupol. Zwar war damit der sichtbare parlamentarische Einfluß der Nazis von der Bildfläche verschwunden, aber weniger geworden ist er dadurch nicht. Und ihr Einfluß auf politische Entscheidungen der ukrainischen Regierung blieb genauso groß wie zuvor. Er fand eben mehr im Verborgenen statt. Inzwischen sind Videos aufgetaucht, in denen 8 – 12-jährige Ukrainer, Kinder, in Sommercamps an der Kalaschnikow ausgebildet werden. Kindersoldaten also. Ein Ausbilder: „Wir schießen niemals auf Menschen. Russen und Separatisten begreifen wir aber nicht als Menschen. Auf die dürft und sollt ihr schießen.“ Das sind die Verbrecher, deren „Neutralisierung“ der „Tyrann“ als offizielle Begründung für den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine benennt. Man muß nicht unbedingt glauben, daß das wirklich der Hauptgrund ist. Aber zugeben muß man, daß es als offizielle Begründung sehr gut taugt. Und das ist wahrlich nicht Putins Fehler.

So furchtbar der Blutzoll der Ukrainer ist, den sie in diesem fahrlässig herbeigeführten Krieg zu entrichten haben: Es hätte nie so weit kommen müssen, wenn bspw. die Regierungen der europäischen NATO-Länder sich nicht die vergangenen acht Jahre darum bemüht hätten, ihre Involvierung in die amerikanischen Machenschaften so gut es geht unter den Teppich zu kehren und kleinzureden, sondern wenn sie stattdessen aufgestanden wären, um den USA ganz klar zu machen, wann das Ende der europäischen Bündnistreue erreicht ist.

Stattdessen ist jetzt ganz Europa von diesem Krieg bedroht, die europäische Wirtschaft geht den Bach runter, Gas wird knapp und unerschwinglich, der Liter Diesel kostet heute 2 Euro 18, die Figuren, die man als seine eigene Regierung begreifen soll, reden noch immer unverfroren von „wir“ – und die deutsche Presse gefällt sich in hochmoralistischen Erörterungen zu der Frage, ob wohl ein „Tyrannenmord“ vertretbar sei. Wo der Tyrann sitzt, ist dabei schon ausgemachte Sache. Das ist das, was in einer infantilen Gesellschaft immer noch funktioniert, wenn auch sonst nichts mehr klappt: Die selbstexkulpatorische Verantwortungsverschiebung. Der Tyrann ist immer der andere. Ich nenne das einen infantilen, sadistischen Zynismus: Den Hund erst in die Ecke zu treiben, aus der er nicht mehr herauskommt, um ihn dann besten Gewissens zu erschlagen, weil er zugebissen hat. Pfui Teufel. Aber das Völkerrecht. Aber der souveräne Staat. Aber der „Aggressor hoch tausend“ (Baerbock). Aber-aber-aber …. – Pfui Teufel.

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