Erdingers Absacker; Bild: Collage

Erdingers Absacker: Medienopfer hier – Kriegsopfer dort

+++ Thor Kunkel hat in einem Kommentar für die Printausgabe der „Epoch Times“ in kluge Worte gefasst, welche Rolle dem westlichen Medienkonsumenten während des Ukrainekrieges zugedacht ist: Fühlen, mitfühlen, keinesfalls analysieren. Die westliche Medienberichterstattung beschränke sich auf einen Appell an das Gefühl, moniert Kunkel. Die Bilder von zerstörten und brennenden Häusern, das ganze fotografierte und gefilmte Leid, das „Unwohlsein“, das es beim Medienkonsumenten auslöst, – alles das dränge ihn schon zur Suche nach einem Schuldigen, weswegen dann auch einer präsentiert wird. Es setzt dann eine gewisse Erleichterung ein mit der Gewißheit, daß die Welt ein besserer Ort wäre, wenn es Individuen wie den Schuldigen nicht gäbe. In der Kriegsberichterstattung ist nichts leichter, als eine solche Gewißheit zu etablieren. Es funktioniert. Aus einem vormaligen Präsidenten wird dann eben ein Diktator oder ein Despot, jedenfalls ein eiskaltes, gewissenloses Subjekt, eine hassenswerte Figur. Als ob es so einfach wäre. Der Medienkonsument kann diese Figur aber nicht korrigieren oder zum Besseren erziehen und sucht sich dann seinerseits „Schuldige“, an denen er sich abreagieren kann: Die Unschuldigen. Im konkreten Fall sind das irgendwelche Russen, darunter auch russische Kinder, russische Ladenbesitzer, russische Dirigenten, Musiker und Sänger. Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, heißt es. Deshalb wäre es so wichtig gewesen, daß sich die Medien mit einem Appell an das Gefühl ihrer Konsumenten zurückzuhalten. Wer Angst hat oder hasst, kann nicht mehr klar denken. So gibt es dann alle Arten von Kriegsopfern. Am schlimmsten sind die dran, die ihr Leben, ihre Angehörigen und ihr gesamtes Hab und Gut verlieren. Zu Sekundäropfern werden diejenigen, die sich vom Appell an ihre Friedenssehnsucht und an ihre Gefühle den Verstand abschalten lassen. Der Krieg ist so alt wie die Menschheit. Er ist eine Tatsache. Der Frieden ist immer nur ein Wunsch, so Oswald Spengler. Den Krieg zu vermeiden wäre die Aufgabe gewesen. Dabei hat nicht nur eine Seite versagt. Selbstgerechtigkeit ist der Garant für alle weiteren Kriege. +++

+++ Schlagzeilen: „Implosion von Putins Propagandamaschine unvermeidbar“ (Tagesspiegel). „Die Russen haben das Stroh ausgerollt und im Stall geschlafen“ – Saatgut fehlt, die Milch wird nicht abgeholt, der Hof war von russischen Militärs besetzt … (zeit.de). „Warum? Warum? Warum? Mariupol versinkt in Verzweiflung“ – (n-tv.de). „Die blinden Flecken des Despoten“ – (tagesschau.de). „Steigende Todeszahl russischer Soldaten wird zur Gefahr für die Truppenmoral“ – (spiegel.de). „Echtheit im Infokrieg“ – (faz.net). Die letzte Schlagzeile ist „die beste“. Ja klar, Frankfurter Allgemeine Zeitung: Wenn auch im Krieg die Wahrheit als erstes stirbt; bei euch natürlich nicht. Klärt mich auf, bitte, über die „Echtheit im Infokrieg“. Ihr müsst eure Leser endgültig gar für bescheuert halten. +++

+++ Ich will keine Kriegsbilder mehr sehen. Ich kenne sie alle. Aus dem Zweiten Weltkrieg, aus dem Vietnamkrieg, aus dem Balkankrieg – aus vielen Kriegen. Ich will mir nicht mehr die gute Seite und die schlechte Seite von anderen vordefinieren lassen, um mich dann zu einem Bekenntnis für eine der beiden Seiten drängen zu lassen. Ich müsste mich zur steuerbaren Dummheit bekennen. Kommt nicht mehr in Frage. Ich will in Ruhe gelassen werden. Ich weiß, wie der Krieg aussieht. Die Bilder aus dem einen Krieg gleichen denen aus dem anderen. Ich weiß, was gemeint ist, wenn ich das Wort „Krieg“ lese. Daß wieder einer stattfindet, und daß alle mit Feuereifer dabei sind – das ist die Schande, nicht, daß es eine oder mehrere, mehr oder minder schuldige Kriegsparteien gibt. +++

+++ Jeder hat den Satz schon einmal in irgendeinem Zusammenhang irgendwo gelesen, sinngemäß auf jeden Fall, z.B. wenn sich irgendwelche Leute an die Gurgel gegangen sind: „Nachdem er dem Streit nicht mehr aus dem Weg gehen konnte und ständig weiter provoziert wurde, eskalierte die Situation, er rastete aus und schlug zu.“ Nicht wenige werden sich da gedacht haben: Das kommt davon. Warum wurde er auch so provoziert? Ist es da nicht seltsam, mit welcher Bereitschaft man sich zur Zeit „den Schuldigen“ aufs Auge drücken läßt? Wofür wäre es denn ein Ausweis, daß man sich einen aufs Auge drücken lassen hat? Das, wofür es ein Ausweis wäre, ist alles andere als schmeichelhaft. Das ist so deprimierend, daß man die Frage danach, wofür das ein Ausweis wäre, gar nicht mehr zu stellen bräuchte, weil man schon wegen der Fragestellung wissen kann, daß keine sinnvolle, weil wahre Antwort mehr zu erwarten ist. Niemand ist dumm – und wenn alle dumm sind. +++

+++ In diesem Zusammenhang: Wo es einen Schuldigen gibt, gibt es ihn deswegen, weil es ein Opfer gibt. Ein Schild oder ein Transparent mit der Forderung „Keine Gewalt!“ wäre vielleicht naiv, aber eine schöne Forderung wäre es wenigstens. Es benennt keine Schuldigen und keine Opfer, „dient“ also sozusagen allen. Aber was verrät eigentlich ein Schild mit der Forderung „Keine Gewalt gegen Frauen!“ über diejenige, die es hochhält? Darüber könnte man vielleicht auch einmal nachdenken, wenn man darüber nachdenken könnte. +++

+++ „Wer Hass sät, wird Gewalt ernten“, ist ebenfalls ein beliebter Spruch, bei dem der wesentliche Teil unter den Tisch fällt. Zwischen Aussaat und Ernte liegt nämlich das Wachstum bis zur Reife. Das dauert ein bißchen. Das Wachstum tatenlos zu beobachten, um sich dann über die Ernte zu beschweren, ist der Fehler. Ist es nicht oft genug so, daß das Wachstum diskret aber frohlockend zur Kenntnis genommen wird, die Ernte insgeheim auch ganz gern eingefahren -, und daß dieser Sachverhalt dadurch verschleiert wird, daß man mit dem Finger auf den Sämann zeigt, sobald man die Scheune voll hat? Doch, so ist das oft. Der Ankläger ist immer unschuldig. Das ist schon eigenartig. +++

+++ Man kann natürlich schon mordsgescheit, pimperlwichtig und arrogant über den Krieg der Anderen daherreden, so, wie ich gerade, der ich mich dadurch von der allgemeinen Dummheit auszunehmen gedenke. Wer mir das vorwerfen würde, hätte schon Recht. Ich sitze nicht in Charkow oder Mariupol. Und in einem Panzer sitze ich auch nicht. Bei mir schlagen keine Granaten ein. Das Sein bestimmt das Bewußtsein, meinte Marx. Ein Gedanke von Marx eben. Nicht meiner. Schon werde ich wieder arrogant: Dialektischer Materialismus ist etwas für abgestumpfte Blöde. Dialektischer Materialismus ist fürs Vieh. Marx kommt wahrscheinlich bloß den Minderbegabten so vor, als sei er ein heller Kopf gewesen. Das Unerklärliche bestimmt mein Bewußtsein, da bin ich mir sicher. Das Unerklärliche gibt es. Es hat sogar Bezeichnungen. Die Ewigkeit, die Unendlichkeit – was soll das sein? Erklärungsversuche gibt es. Eine Verfikation ist aber nicht möglich. Wenn ich also die Existenz des Unerklärlichen erkennen kann, dann ist logische Folge, daß ich die Begrenztheit meines Verstandes erkennen muß. Hat Marx die Begrenztheit seines Verstandes erkannt? – Ich glaube nicht. War Marx also dümmer als ich? – Ich glaube schon. Das muß man sich auch erst einmal zuzugeben trauen in einer Umgebung, in der angeblich alle Menschen gleich sind, weswegen sie ja auch nur noch als die „die Menschen“ durchgehen. Könnten mich die „die Menschen“ so auf die Palme bringen, daß ich im übertragenen Sinn einen Krieg anfangen würde; im Verständnis der „die Menschen“ also zum Aggressor werden würde? – Ausschließen möchte ich das nicht. Manchmal habe ich schon Lust, das Reden einzustellen und stattdessen Maulschellen auszuteilen. So ein kleiner satisfaktorischer Krieg hätte schon etwas, wenn vorher gesichert wäre, daß ich ihn gewinne. +++

+++ Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, heißt es in der Bibel (5. Mose 8,3). Ohne Brot lebt er aber gar nicht. Brot als Synonym für Materie. Im Krieg geht es immer um Materie. Geistreich ist das nämlich nicht, andere Leute umzubringen. Den jeweiligen Krieg zu rechtfertigen, ist aber eine geistige Unternehmung. Den Krieg, den niemand hätte rechtfertigen wollen, gab es wahrscheinlich noch nicht. Nicht mehr rechtfertigen wollen hat man ihn höchstens nach seiner Beendigung. Nach einem Krieg sieht ja auch nichts mehr so aus, als könnte es dafür eine Rechtfertigung gegeben haben. Beim Kriegsbeginn ist das anders. Mann und Frau sind zusammen der Mensch. Weil der Mensch sterblich ist, pflanzt er sich fort, um als Art nicht auszusterben. Deswegen: Mann + Frau = Mensch. Mann und Frau werden zu Vater und Mutter – Pater et Mater. Mater-Materie-Materialismus-Krieg? Krieg folglich ein Teil von Mensch – und damit menschlich? Was man wohl unter der „menschlichen Gesellschaft“ zu verstehen hätte, die erst per Überwindung der männlichen denkbar zu werden scheint, wenn man dem zeitgeistigen Feministengeschwätz Glauben schenken darf? – Darf man leider zwar, sollte man aber besser nicht. Das wäre ja der Tod aller Hoffnung. Heraklit meinte, der Krieg sei nicht die Mutter, sondern der Vater aller Dinge. Wahrscheinlich Frauenversteher gewesen, der alte Heraklit. Der Pater von der Mater. Vielleicht hat er auch den Fokus einfach mehr auf den Kämpfer als auf dessen Motive gelegt. Obwohl: Das Ding wäre ja wieder Materie. Vater des Dings – Vater der Materie. Man wird es wohl offen lassen müssen, welcher Teil des Menschen welchem Teil mit dem Krieg dient. Menschliche Gesellschaft eben. Deprimierend genug. Beam me up, Scottie. +++

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