Erdingers Absacker; Bild: Collage

Erdingers Absacker: Ich bin ein Friedenskämpfer

+++ In Deutschland ist nicht so wichtig, was einer tut. Wichtiger ist, was er ist. Das ändert sich von Zeit zu Zeit, wie man an den Bekenntnissen sehen kann, die noch nie seit Gründung der Bundesrepublik so zahlreich abgelegt worden sind, wie in den vergangenen paar Jahren. Ich bin Charlie Hebdo, ich bin ein Flüchtling, ich bin hinübergeschlechtlich (transsexuell), ich bin Klimaschützer, ich bin Feminist, ich bin Radfahrer, ich bin Veganer. So geht das endlos weiter. Sogar im größten sozialen Ü50-Netzwerk, Facebook, posten die Leute unter ihrem Profilbild, was sie sind – geimpft zum Beispiel – und die zweitwichtigste Information an alle Anderen ist, was ihnen gefällt. „Gefällt mir“. Von da ist es nicht mehr weit zu der Behauptung, der Deutsche sei, was ihm jeweils gefällt. Gerade habe ich in den Gehörgangwinkeln mitbekommen, daß es in den Radionachrichten hieß, bei Eisenach sei irgend so eine rechtsradikale Kampfsportgruppe ausgehoben worden, wo böse Menschen andere böse Menschen in der Kunst des Kampfes unterrichtet haben sollen. Angeblich sollen die Eleven dort erlernt haben, wie man sich in Straßenkämpfen gegen Linksextreme durchsetzt oder gegen die Polizei, etwa bei verbotenen Demonstrationen. Das Vorbild dieser ausgehobenen Kampfsportgruppe sei in England zu finden, hieß es, und daß die dortigen Kampfsportler angeblich „Combat 18“ heißen, wobei natürlich die „18“ für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets stünden, also das „A“ und das „H“, was wiederum bedeute, daß die Kampfsportgrupe in England sich nicht nach dem von der RAF ermordeten Großbankier Alfred Herrhausen (+1989) benannt habe, sondern nach Adolf Hitler. Es ist jedenfalls ein großer Jammer mit diesen Kämpfern. Es gibt sie überall. Daß diese Leute nicht einfach friedlich bleiben können? Bei den Grünen kämpfen sie für die Buntheit, die Vielfalt, die Salatgurke, gegen das Schnitzel, aber für den Radweg. Die Sozen kämpfen recht wortreich für die Teilhabe an der Teilhabe von der Teilhabe an der sozialen und jeder anderen Gerechtigkeit, rote Universalkämpfer sozusagen, keiner traut sich mehr, ein Buch über seinen Kampf zu schreiben, weil das schon einer erledigt hat mit seiner Kampfschrift, der ebenfalls nicht Alfred Herrhausen hieß, – und bei der AfD gibt es den Friedenskämpfer Kleinwächter. Als ob das etwas besonderes wäre. Alle Kämpfer kämpfen immer für den Frieden, weil noch jeder Krieg irgendwann vorbeigewesen ist. Danach war dann genauso regelmäßig ein erkämpfter Frieden – und die Kämpfer waren erst einmal arbeitslos, bis ihnen eingefallen ist, wofür sie als nächstes kämpfen könnten. Und dann ging es wieder los. Salatgurke, Radwege, Vielfalt, Buntheit, Flüchtlinge usw.usf. – d.h. der Frieden ist eigentlich ein Ausnahmezustand, der schon deswegen langweilig ist, weil die Kämpfer nichts zu tun haben und den ganzen Tag bloß „Call Of Duty“ daddeln.

Im Zusammenhang mit der staatskämpferischen Aushebung der kämpferischen Kurzweil- & Kampfsportgruppe bei Eisenach möchte ich deshalb noch einmal darauf hinweisen, daß Kämpfer nicht gleich Kämpfer ist. Es gibt brave Kämpfer und es gibt böse Kämpfer. Deshalb wichtig für alle künftigen Gründer von Kampfsportgruppen gegen die guten Kämpfer: Glaubt bloß nicht, ihr müsstet eure Kampfsportgruppe wahrheitsgetreu als das bezeichnen, was sie sein soll. Bei Eisenach z.B. ließe sich noch am heutigen Nachmittag frohen Gemüts der Kampfsport trainieren, wenn die Kampfsportgruppe „Kampfsportgruppe Diversität“ geheißen hätte, anstatt irgendwelche dumpfen Assoziationen zu bösen Kämpfern zu transportieren. Wer man ist, hängt ja nicht davon ab, wie man sich nennt. Sieht man ja. Es gibt Leute, die nennen sich Präsident und sind etwas ganz anderes. Unlustige Komiker zum Beispiel. Oder Staatsratsvorsitzende. Da gäbe es etwas zu lernen für die Kampfsportler. Im Übrigen ist es ja wohl so, daß jeder gut geführte Schützenverein seinen Kampf gegen die Kampfsportler gewinnen würde. Deswegen ist es auch sinnvoller, Autofahren zu lernen, als das Radfahren. Es ist einfach näher am Effizienzgedanken hinsichtlich der Fortbewegung des Körpers von hinnen nach dannen. Kampfsport ist etwas für Leute, die bloß kämpfen -, aber gegen die Schützen nicht gewinnen wollen. Na egal. Mein Expertentipp für verbotsbedrohte Kampfsportgruppen jedenfalls: Nennt euch einfach anders.

„Wirbelsäulengelenkigkeitssportgruppe“ wäre ein schönes Wort. Ein „e.V.“ dahinter macht sich auch ganz gut. Ich meine, alles was der Kämpfer für den Kampfsport braucht, kann er sich ja auch unter einer anderen Zielangabe aneignen, so lange das Ziel dasselbe bleibt. In so einem Trainigsraum muß ja auch nicht unbedingt ein Hitlerbild hängen, eines von Hans-Ulrich Rudel oder Sepp Dietrich. Buddha, Katrin Göring-Eckardt oder Ricarda Lang gingen schließlich auch. An den Übungen ändert doch das gar nichts!? Regenbogen über die Eingangstür gepinselt – und fertig ist der Lack. Fortan kann ungestört der Kampfsport geübt werden. Das ist doch nicht so schwer zu verstehen? „Frauenkampfsport Eisenach e.V.“ – dafür hätte es wahrscheinlich sogar Fördermittel gegeben. Und nur, weil die Feministen bei der zuständigen Bewilligungsstelle im Ministerium für alles außer Männer zwangsläufig davon ausgegangen wären, daß „Frauenkampfsport“ mit „Kampfsport für Frauen“ zu übersetzen ist, obwohl es natürlich auch „Kampfsport gegen Feministinnen“ bedeuten könnte. Den „Volkswagen“ begreift jeder als einen Wagen für das Volk. Die „Volksverhetzung“ hingegen ist keine Verhetzung für das Volk, sondern eine gegen das Volk. So. Und weil man den Kampfsport in der Halle schließlich nicht erlernt, um in der Halle zu kämpfen, sondern draußen an der frischen Luft, kann es doch nicht so schwer sein, seine Kampfsportgruppe einfach „Umweltkontrollsportgruppe“ zu nennen, wenn einem „Frauenkampfsportgruppe e.V.“ zu weibisch klingen sollte. Einfach mal ein bißchen mitdenken!

„Straßenklebkampfgruppe“, „Windradstandarte Eisenach“, „Flüchtlingsverteidigungssportgruppe“, „Radlerertüchtigungsgruppe“, „Vergewaltigungsschutzsportgruppe“, „Kampfsportgruppe BLM e.V.“, „Solaranlagenverteidungsgruppe“ … – es muß doch nicht immer alles nach „böser Kämpfer“ klingen, wenn es auch nach „guter Kämpfer“ klingen kann? Denkt mal darüber nach. Politik und Medien machen es doch vor, wie das geht. Von denen kann man etwas lernen. Man friert nicht mehr wegen der Kälte, sondern für die Freiheit zum Beispiel. Auf der Autobahn fährt man nicht deswegen mehr schneller als 130, damit die grünen Weibsmännchen endlich einen Orgasmus kriegen, sondern weil die Ukraine angegriffen worden ist. Ein Kellermann rennt nicht als Frau durch die Gegend, weil er ein Problem hat, sondern weil das seine Freiheit ist. Aus russischer Sicht wird die Ukraine gerade von Nazis befreit, aus ukrainischer Sicht ist das ein ordinärer Angriffskrieg gegen die Ukrainer. So funktioniert die Welt! Seine Absichten für sich behalten – und dem Rest der Welt etwas ganz anderes erzählen.

Stellen wir uns vor, du übst als Kampfsportler gerade, wie du deinem Gegner den Kehlkopf eintrittst. Bäng!- die Tür zur Trainingshalle fliegt auf und hundert schwerst bewaffnete Polizisten stürmen herein, um deine Kampfsportgruppe aufzulösen. Da hast du einfach ganz schlechte Karten, wenn alles mit Hakenkreuzen vollgeschmiert ist und an jeder Wand drei Hitlerbilder hängen. Nein! Du stoppst die Kickbewegung, hältst das Trittbein in genau der Position in der Luft, in der es sich gerade befindet, faltest die Hände vor dem Gesicht und sprichst deine Kampfsportkameraden in zuckersüßem Tonfall an: „Wenn ihr vom Fahrrad fallt und in dieser Körperhaltung auf dem Boden aufkommt, dann knallt ihr als nächstes mit dem Kopf auf den ashpaltierten Radweg und verletzt euch schwer. Alle Autofahrer lachen euch aus. Deswegen: Welchen Fehler mache ich gerade?“ – Dann antwortet die Gruppe: „Dir fehlt das Fahrradhelmchen, Meister!“. Als nächstes wendest du dich freundlich an die Herren von der Polizei, lenkst ihre Aufmerksamkeit auf das wunderschöne Farbportrait von Frau Katrin Göring-Eckardt an der Wand, und bietest ihnen an, Mitglied in deiner „Antiradsturzverletzungsgruppe“ zu werden. Dann verweist du auf die ganzen Broschüren, die auf einem Tischchen mit der Buddhastatue in der Ecke liegen. Allesamt sind sie von der Amadeu-Antonio-Stiftung, der Heinrich-Böll-Stiftung, vom Bundesinnenministerium für den „Kampf gegen rechts“, von der EKD und der LWDSXYQ-Bewegung – und du sagst, daß sich jeder Polizist eine Broschüre mitnehmen darf. Wenn sie dich dann verdutzt anschauen, verleihst du deiner Hoffnung Ausdruck, daß sie keinen Rechtsextremen in ihren Reihen haben, weil ein solches Individuum deine heilige Trainingshalle entweihen würde. Als letztes gibst du noch zu, daß ihr auch ein bißchen Beweglichkeitsübungen für den Kampf gegen die Antidemokraten in Ungarn macht, bringst die Herrschaften mit einem freundlichen Lächeln zurück an die Tür und wünschst ihnen noch einen schönen Verfassungsschutz. So geht das! Damit mich hier niemand mißversteht: Ich bin absolut kein Freund rechtsextremer Kampfsportgruppen. Ich bin überhaupt kein Freund von Kampf, egal wofür oder wogegen. Aber noch weniger bin ich ein Freund von Hohlköpfen, die sich selbst als bekämpfungswürdig zu erkennen geben. Weil das einfach blöd ist. +++

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