Henryk M. Broder - Foto: Imago

Vorsicht Falle: Herr Broder belehrt Herrn Köppel

Was ist das Tolle an Henryk M. Broder? – Daß er immer alles besser weiß. Egal wer: Broder weiß es besser. Das gilt auch für den Herausgeber der „Weltwoche“, den Schweizer Nationalrat Roger Köppel. Der galt als klug, bis – ja – bis Henryk M. Broder autauchte. Der erzählte Köppel nämlich, wie es wirklich ist mit den Russen und der Unschuldsvermutung. Und in der „Weltwoche“ ist Broders Belehrung auch noch abgedruckt worden. Wahrscheinlich geht es um die Zurschaustellung einer grundsätzlichen, hochdemokratischen Diskussionsbereitschaft. Diese Annahme als zutreffend vorausgesetzt, erlaube ich mir ebenfalls ein paar Bemerkungen. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Worum ging es? Roger Köppel hatte im Nachgang zu dem Massaker von Butscha davor gewarnt, vorschnell Schuldige zu identifizieren und zu verurteilen. Gerade in der EU begreife man sich als Lordsiegelbewahrer der Rechtsstaatlichkeit mit ihrer Unschuldsvermutung, und diese Haltung sei auch den russischen Invasoren der Ukraine und mutmaßlichen Schlächtern von Butscha gegenüber an den Tag zu legen. Außerdem mißfiel Köppel, daß die Schweizer ihre jahrehundertelange Neutralität aufgegeben zu haben scheinen. Daß sich der amtierende Bundespräsident der Schweiz mit einem „unbedachten Auftritt“ zusammen mit dem ukrainischen Präsidenten gezeigt habe, um ihn auf dem Bundesplatz in Bern als „meinen Freund Wolodymyr“ zu bezeichnen, so Köppel, veranlasse ihn zu der Frage „ob der Schweizer Bundespräsident tatsächlich der Meinung ist, dass er mit diesem Verhalten dem Ansehen der Schweizerischen Neutralität in der Welt, der Glaubwürdigkeit der Neutralität und auch der möglichen Vermittlertätigkeit, der Ur-Funktion der Schweiz als Friedensschlichter, gedient oder ob er nicht doch genau diese Qualität der Schweiz geradezu mit dem Presslufthammer zertrümmert hat„.

Henryk M. Broder scheint das gelesen zu haben. Jedenfalls entschloß er sich, dazwischenzugrätschen, zunächst bei „Achgut“ mit seiner Belehrung „Hier irrt Roger Köppel„. Erschienen ist die Belehrung von Richter Broder am 16. April. Das war also vor drei Tagen, und meinereiner überlegte sich vor drei Tagen schon, ob er das kommentieren soll oder nicht. Ich habe es dann bleiben lassen, weil ich der Ansicht bin, daß Broder im Großen und Ganzen einer recht plausiblen Linie folgt und lediglich alle heilige Zeit einmal voll daneben haut. Zum ersten Mal war mir das aufgefallen, als er vor Jahren behauptete, in Ägypten würden Christen nur deswegen verfolgt werden, weil es dort keine Juden mehr gibt, die man verfolgen könnte. Weil sie in Ägypten eben schon zu Ende verfolgt sind. Das war das erste Mal, als ich bei Broder stutzig geworden bin, weil ich mir nämlich sicher war, daß in Ägypten nur deswegen Christen verfolgt wurden, weil die Verfolgungs-Ägypter nicht erst den Schnee vor ihrer Haustür wegschaufeln mussten, ehe sie zur Christenverfolgung aufbrechen konnten. Mit anderen Worten: Die Christenverfolgung in Ägypten hat ihre Ursache darin, daß der Schnee nicht meterhoch in der Gegend herumliegt. Tiefschnee in Ägypten hätte die Christenverfolgung mindestens so enorm erschwert, wie sie durch die Absenz von Juden begünstigt wurde. Damals hat mich Broder also zum ersten Mal tierisch aufgeregt. Er klang damals so, als ob er es bedauere, daß verfolgte und erschlagene Christen Mitgefühl einheimsten, obwohl sie doch geschichtlich betrachtet solche Judenverfolger sind wie die ägyptischen Moslems, von denen sie nun selbst verfolgt wurden. Jedenfalls fragte ich mich damals, ob dieser Broder einer sein könnte, der sich in Verfolgungsfragen immer vordrängeln muß. Und nur, weil es in Ägypten keinen Tiefschnee gibt.

Zum zweiten Mal bekam ich Zweifel an Broders unbestechlicher Urteilskraft, als er vor einiger Zeit bei „Welt“-TV im Studio saß, um in seiner spitzbübischen und jovial-generösen „Guter-Onkel-Art“ über den oberen Rand seiner kunstvoll auf die Nasenspitze drapierten Lesebrille hinweg eine Ukraine-Expertise abzugeben. Ich frage mich schon lange, ob Broder seine Lesebrille millimetergenau auf der Nasenspitze festklebt, oder was der Grund dafür sein könnte, daß sie ihm niemals über dieselbe herunterrutscht. Im „Welt“-TV-Studio räumte er jedenfalls leutselig ein, noch niemals in „Mariupol bei Odessa“ gewesen zu sein. Da wurde ich hellhörig in Anbetracht der Tatsache, daß er gleich anheben würde, gescheite Dinge über die Ukraine zu äußern. Von Mariupol nach Odessa sind es auf dem Landweg immerhin fast 700 Kilometer. Auf dem Seeweg sogar deutlich mehr, weil man erst einmal das ganze Asowsche Meer durchqueren müsste, um über die Straße von Kertsch ins Schwarze Meer zu gelangen, dann die Krim zu umrunden und Kurs auf Odessa zu nehmen. Broder schien also schon keine genaue Vorstellung von den geographischen Gegebenheiten in jenem Gebiet gehabt zu haben, über welches er eine Expertise abzugeben sich bemüßigt fühlte. Wahrscheinlich hatten nur wenige Zuschauer bei „Welt“-TV dieselben Bedenken wie ich. Jedenfalls glaube ich, daß Broder genau weiß, wozu er seine Lesebrille so kunstvoll auf der Nasenspitze balanciert. Das macht schon Eindruck und verschafft einen gewissen Vertrauensvorschuß bei den Adressaten seiner Rede. Nicht ganz ungeschickt.

Auf alle Fälle hat es Broders über jeden zulässigen Zweifel erhabenes Urteil – „Hier irrt Roger Köppel“ – nun bis in die „Weltwoche“ selbst geschafft. Neuer Titel: „Schluss mit Wunschdenken„. Eine sehr berechtigte Forderung, der ich mich vollumfänglich anschließe. Es muß wirklich Schluß sein mit dem Wunschgedanken, Broder könne um Himmels Willen niemals danebenliegen. Broder liegt nämlich so weit neben Köppel und dessen zutreffenden Argumenten, wie Odessa am Schwarzen Meer neben Mariupol am Asowschen Meer.

Wir dürfen nicht

Broder startet seine Widerrede zu Köppels Einlassungen mit folgendem Teaser: „Die Unschuldsvermutung gilt nicht gegenüber einer Gruppe, die sich zum Morden verabredet hat. Wir dürfen mit ihr nicht Russlands Schuld infrage stellen.“ – Es gibt diesen interessanten Rechtsstreit, der in der Bundesrepublik Mitte der Neunziger Jahre entschieden wurde. Es ging um den Satz „Soldaten sind Mörder“ und ob der, öffentlich geäußert oder plakatiert, eine Straftat darstellt oder nicht. Sowohl ein bayerisches Amtsgericht als auch ein Landgericht hatten das zunächst bejaht, erst das Bundesverfassungsgericht hat es dann verneint. Nun ist es unzweifelhaft so, daß dann, wenn in Deutschland alle Soldaten als Mörder bezeichnet werden dürfen, das unmöglich nur für russische Soldaten gelten kann. Abgesehen davon hätten die sich nicht zum Morden verabredet, sondern sie wären zum Morden geschickt worden. Überhaupt zur Mörderarmee zu gehen, dürfte auch wenig mit Verabredung zu tun haben. Da wird es sich wohl um einen je individuellen Entschluß gehandelt haben. Wo es eine Wehrpflicht gibt, würde das außerdem bedeuten, daß es der Staat ist, der zum Morden verpflichtet, weswegen ein solcher Staat via Staatsanwalt niemals dazu in der Lage sein kann, einen „gesetzestreuen Mörder“ für das Befolgen von Befehlen zu verurteilen. Wenn Broder also meint, „wir“ – wer? – dürften Russlands Schuld nicht infrage stellen, dann ist das einfach eine unsubstantiierte, subjektivistische Behauptung entlang dessen, was Herr Broder will. Was Herr Broder will oder nicht will, ist aber so interessant wie der legendäre Sack Reis, der in China umfällt. Herr Broder meint halt etwas. Dieses allgemeine Gemeine & Gefinde ist allerdings das Krebsübel unserer Zeit, und zwar, weil es „gleichberechtigt“ stattfindet. Tatsache ist, daß ich jederzeit Russlands Schuld infrage stellen darf. Nur diejenige der Täter in Butscha nicht. Wer dort die Täter gewesen sind, steht im Moment noch nicht 100-prozentig fest. Es könnten Russen gewesen sein. Es könnten auch nicht nur Russen gewesen sein. Es könnte auch nicht nur ein Massaker gewesen sein, sondern zwei aufeinanderfolgende von zwei verschiedenen Seiten, also erst eines von Russen und darauf folgend ein Vergeltungsmassaker der Ukrainer an den Unterstützern der Russen, was ich übrigens für das Wahrscheinlichste halte, und zwar aufgrund der Offensichtlichkeit, mit der es in Butscha „ältere“ und „frischere“ Leichen in unterschiedlichen Verwesungsstadien gegeben hat.

Fest steht nur, daß es die für eine Verurteilung notwendige 100-prozentige Sicherheit hinsichtlich der Täterschaft nicht gibt, weswegen auch keine Rede davon sein kann, daß „Russlands Schuld“ als Alleinschuld feststehe. Sollte Broder die „Schuld Russlands“ an der Tatsache der russischen Invasion in die Ukraine festmachen wollen, muß er sich fragen lassen, wer sich denn in den acht Jahren vorher zum Morden an den Autonomisten im Donbass verabredet hatte – und wie es um deren Mörderschuld bestellt ist. Dann müsste er allerdings auch von „Amerikas Schuld“ am Massaker von My Lai und von den völkerrechtswidrigen Angriffskriegen der USA resp. der NATO in Serbien, im Irak und Afghanistan reden, oder, was viel schlauer wäre, er müsste einfach den Mund zu „Russlands Schuld“ halten, die „wir“ angeblich nicht infrage stellen dürfen. Die „Weltwoche“ ist schließlich nicht des schlauen Hendryks Rosinenpickerbude. Am besten schiebt er sich die Lesebrille wieder bis auf die Nasenwurzel hoch und liest nochmal nach, wie sich das verhält mit der Aufrüstung, dem Krieg, der Armee und den Kriegsverbrechen, der gesamten Menschheitsgeschichte und dem Krieg – und zwar überall auf der Welt. Und wenn er schon das nicht auf sich nehmen will, dann soll er wenigstens nachweisen, daß sich in Butscha eine Gruppe „aus freien Stücken“ zum Morden verabredet hat, der das nicht befohlen worden wäre, ehe er wie der unfehlbare Papst der Brillenträger verfügt, für wen die Unschuldsvermutung gelten darf und für wen nicht. Außerdem gab es in den vergangenen Jahrhunderten Betrachtungen vieler kluger Köpfe zum Krieg und seinen Gräßlichkeiten, so daß man nicht unbedingt auf Herrn Broders Ansichten angewiesen ist, um zum Gipfel der Weisheit zu gelangen.

Köppels Neutralitätsbedenken

Roger Köppel hatte zudem sehr gut begründet, warum er Bedenken hat hinsichtlich des schweizerischen Agierens in diesem Krieg und die Auswirkungen auf die traditionelle Neutralität der Schweiz. Was ist Köppels Begründung dem Herrn Broder wert? – So gut wie nichts. Bei „Achgut“ schrieb er: „Da ich kein Schweizer bin, ist ein möglicher Schaden am ‚Ansehen der schweizerischen Neutralität in der Welt‘ derzeit nicht meine größte Sorge.“ Genau das nehme ich ihm inzwischen sofort ab, dem Herrn Broder. Wichtig ist, was er „da ist“ resp. nicht „da ist“. Seine größte Sorge, vermute ich, ist schon länger, daß er eines Tages von seinen Fans nicht länger mehr als „Schlaumeier der Nation“ anerkannt werden könnte. Als solchen identifiziert er sich aber gern selber, wie seine Filmchen nahelegen, in denen er mit einem Spiegelbild seiner selbst kluge Selbstgespräche führt. Wie er sich in diesen Videos von seinem Spiegelbild ernstnehmen läßt, hat schon etwas sehr Entlarvendes. Broder ist ein Meister der Selbstinszenierung, oder, um das volkstümlicher auszudrücken: Ein eitler „Intellektueller“, der eine Masche kultiviert hat, mit der er sich selbst gut verkaufen kann. Das schmälert seinen Unterhaltungswert in keiner Weise, aber inzwischen bin ich überzeugt, daß es im Grunde nicht sehr viel mehr ist, als eben dieser Unterhaltungswert, der Broder so populär macht. Ein Weltgeist ist er nicht – und ich beteilige mich gern an der Demontage von Leuten, die sich für einen halten. Wenn Steinhöfel Superstar nicht Rechtsanwalt wäre, dann würde ich mir den als nächsten vorknöpfen. Aber so viel ist er mir dann auch wieder nicht wert, der tapfere Verteidiger der Meinungsfreiheit von z.B. Gerald Grosz. Broder schätzt den Steinhöfel sehr, wie es aussieht. Das passt zu ihm wie die Lesebrille auf der Nasenspitze. Köppels Brillengläser sind trotzdem dicker.

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