Medien & Ukraine: Lieber ist der Journalist verzagt anstatt daß er die Wahrheit wagt

Grüne und ihre journalistischen Hofschranzen im Panikmodus (Foto:123rf-Lizenz)

Es gäbe ja schon Themen zur Ukraine, die sich außerhalb des Rahmens von Angriff, Krieg und Opfer bewegen. Die gab es auch noch vor Jahresfrist. Der deutsche Medien-Mainstream ließ kein gutes Haar an den Regierungskünsten des Pimmelpianisten in Kiew. Tenor: Lustige Type, leider korrupt und unfähig. Im Grunde genommen müsste Selenskyi dem russischen Präsidenten ewig dankbar sein dafür, daß er ihn im westlichen Medien-Mainstream binnen so kurzer Zeit von Null auf Lichtgestalt beschleunigt hat. Etwas unwohl fühlt sich angesichts dieses merkwürdigen Geschehens offensichtlich auch Thomas Schmid in der „Welt“ – und legt daher einen Eiertanz hin, der ihm die olympische Goldmedaille einbrächte, wenn Eiertanzen eine olympische Disziplin wäre. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Man darf größte Zweifel an der Richtigkeit der Behauptung haben, die Ukraine sei ein demokratisches Staatswesen. Wer nun dennoch behaupten muß, es sei eines, ohne daß hinterher jemand sagen kann, er habe gelogen, der greift zu einem der abgelutschtesten Tricks aus der deutschen Buchstabenkiste. Er schreibt nicht: „Die Ukraine ist demokratisch“, sondern er schreibt: „Wie demokratisch ist die Ukraine?„. Lediglich implizit behauptet er also, die Ukraine sei demokratisch, und um sich das nicht eventuell vorhalten lassen zu müssen, wenn es unzutreffend ist, schiebt er ein pseudodifferenzierendes „Wie“ ein. „Wie demokratisch ist die Ukraine?“. Das ist eine Masche, die in deutschen Medien ständig zur Anwendung kommt. Daß das funktioniert, liegt daran, daß sich Deutsche angewöhnt haben, zu glauben, die Differenzierungskunst selbst sei bereits von derartiger Schönheit, daß man im Dienste an der Schönheit alles relativieren muß, was gar nicht zu relativieren ist. Weil es einem selbst verdammt gut steht und noch der letzte Dorfdepp den Eindruck erwecken kann, er stamme in direkter Linie von Rodins Denker ab. Das ändert aber nichts. „Demokratisch“ läßt sich nicht steigern. „Wie demokratisch?“ ist folglich so unsinnig wie die Frage „wie gerecht?“, „wie tödlich?“ oder „wie freiheitlich?“. Die ubiquitäre Wiefragerei im deutschen Journalismus ist im Grunde ein gedruckter Säureanschlag auf das Gehirn der Medienkonsumenten. Für den Verfasser solcher „Wiefragen“ birgt die „Methode Wie“ allerdings eine gewisse Sicherheit davor, von geifernden Moraleiferern in den beruflichen Tod gehetzt zu werden. Um das einmal herumzudrehen: „Wie pestilenzartig ist das deutsche Moraleiferertum?“. Seit Jahren geht das so: „Wie beliebt ist Angela Merkel?“ – Transportierte Aussage: Angela Merkel ist beliebt. „Wie gefährlich ist die AfD?“ – Transportierte Aussage: Die AfD ist gefährlich. „Wie sicher sind die Impfstoffe?“ – Transportierte Aussage: Die Impfstoffe sind sicher.

Ehe man sich also mit dem eigentlichen Artikel von Thomas Schmid in der „Welt“ auseinandersetzt, erkennt man an der Schlagzeile schon, wieviel Angst Schmid davor gehabt haben muß, sich mit dem ins eigene Knie zu schießen, was er „eigentlich“ zum Ausdruck zu bringen gedachte, nämlich, daß die Ukraine undemokratisch ist. Die Schlagzeile soll mal einer wagen in Deutschland, 27.April 2022: „Die Ukraine ist undemokratisch.“ Es gäbe einen Schlag – Bämm! – und er hätte seinen letzten Artikel für eines dieser systemkonformen Mainstream-Medien verfasst. – „Wie tödlich ist es in Deutschland, unverblümt zu formulieren?“ (Antwort: Fragen Sie Akif Pirincci. Der weiß es ganz genau.) Das gesinnungsterroristische Linken-Establishment scheißt sich nicht umsonst wegen Musks Übernahme von Twitter in die Hosen, hatte doch Elon Musk behauptet, er wolle bei Twitter die Redefreiheit reetablieren. Redefreiheit für ihre Gegner ist das Letzte, was Linke gebrauchen könnten. Bei dem Gedanken, daß ihre Gegner auch noch unverschwurbelt formulieren könnten, bricht schier die Panik aus. Aber gut, zurück zu Schmids Frage: „Wie demokratisch ist die Ukraine?“ – Wie überwinde ich die Abneigungshürde, einen Artikel mit einer solchen Schlagzeile überhaupt noch ernstnehmen zu sollen? Eine schier übermenschliche Anstrengung liegt vor mir.

Selenskyi Superstar

Thomas Schmid: „Seit zwei Monaten hat weltweit ein neuer Held die Bühne der Geschichte betreten: Wolodymyr Selenskji. Der ukrainische Präsident lässt mit seinem Glanz alle anderen Anführer im Westen grau erscheinen. Mit großer Selbstverständlichkeit tourt er virtuell durch die Parlamente der demokratischen Staaten. Mit jugendlich-kämpferischer Anmutung und unangestrengter Unbedingtheit scheint er all das zu verkörpern, was den alt gewordenen Demokratien abgeht: Authentizität, demokratische Leidenschaft, radikale Entschiedenheit und der existenzielle Wille, für die richtige Sache mit Haut und Haaren einzustehen.“ – Es ist ein einziger Wahnsinn, daß Schmid damit rechnet, diese Lobhudelei sei nur von so wenigen als rhetorische Taktik zu entlarven, mit welcher er sich zunächst in maximale Distanz zu dem bringt, was er im Artikel später vorsichtig wie beim Buchstaben-Mikado zu dekonstruieren gedenkt. Eine übergroße Mehrheit wird ihm wohl auf den Leim gehen. Ein Kompliment an seine Leserschaft ist das nicht. Und was es nicht alles gibt in der westlichen Demokratie: „Anführer“. – Grauer Anführer befiehl! Wir folgen! – oder wie oder was? Was würde so einen graudemokratischen Anführer ausmachen, wenn er richtig gut ist? – „Radikale Entschiedenheit“! – Ah jessers. „Jugendlich-kämpferische Anmutung“: Weshalb nochmal ist „Senator“ eine ehrenbezeugender Titel? Weil es das Lebensalter ist, mit dem die Weisheit kommt? Nicht im Falle des hyperdemokratischen Selenskyi mit seiner ganzen radikalen Entschiedenheit. Woher kennt man das mit dieser radikalen Entschiedenheit, der absolut demokratischen? – Richtig: Von A.H. kennt man das. Und wer ist A.H.? Dumme Frage: Anton Hofreiter. Das ist auch so ein radikal entschiedener Superdemokrat mit Anführungsqualitäten.

Aber wie hat sich Lobhudler Schmid auch hier wieder in Sicherheit gebracht? Mit einem unscheinbaren „scheint“. Schmid: Selenskyi „scheint“ all das zu verkörpern, was den alt gewordenen Demokratien abgeht. Was geht ihnen ab? Die radikale Entschiedenheit des jugendlich-kämpferischen Anführers. Wos a lausige Demokratie da im Westen. Es ist unglaublich. Und dann dieser pimmelpianistische Gegenentwurf aus der Ukraine mit seinem „existentiellen Willen, für die richtige Sache mit Haut und Haaren einzustehen„. Unsere Mauern brechen, aber unsere Herzen nicht. So „scheint“ es zu Schmids Sicherheit.

Ukrainische Scheindemokratie

Das Wort „Scheindemokratie“ verrät schon, worum es geht: Um Scheine. Viele, viele Scheine. Und wenn einer deutlich mehr Scheine hat, als es dem Image einer jugendlich-kämpferischen Lichtgestalt im Dienste der Demokratie und der westlichen Werte zuträglich wäre, dann ist das Wolodymyr Selenskyi. Zwar wurde in den vergangenen Tagen empört dementiert, daß es sich um 1,2 Milliarden Dollar (schlappe 1.200 Millionen) in Scheinen handelt, die der jugendliche Kämpfer in radikaler Entschiedenheit auf Auslandskonten gehortet habe, aber die paar hundert Millionen – 850 sollen es immer noch sein -, die er zweifellos dennoch sein Eigen nennt, sind immer noch ganz schön viel demokratischer Idealismus. Wo er ihn nur herhat, den ganzen demokratischen Zaster?

Aber gut, ich kürze das jetzt ab mit den demokratischen Zuständen in der Ukraine, welchen der Herr Präsident so radikal entschieden seinen Vorsitz zuteil werden läßt. Und zwar mit einer volldemokratischen Meldung aus der ukainischen Oblast Nikolaev. Der dortige Gouverneur, Vitaly Kim, sagte in einem öffentlichen TV-Interview, daß Bürger, die mit Russland kooperieren, außergerichtlich hingerichtet werden, und fügte hinzu, daß er „keine Angst vor diesem Wort“ habe. Er äußerte die absolute Gewißheit, daß „es so sein wird“. Kim sagte auch, daß eine geheime Einheit, die für die Beseitigung von „Verrätern“ zuständig ist, bereits tätig sei. Wos a Demokratie! „Kooperation“ – was ist das genau? Hören des Feindsenders? Der Versuch, Russland positiv zu porträtieren? Die Weigerung, Putin einen Erzverbrecher zu nennen? – Na egal: Hinrichtung ist auf jeden Fall Hinrichtung. Der Hinrichtung eigentümlich ist die Tatsache, daß sie unzweifelhaft über deutlich weniger demokratischen Interpretationsspielraum verfügt, als die Kooperation. Da braucht man schon die jugendlich-kämpferische Entschiedenheit des volldemokratischen Anführers, um über eine solche Kleinigkeit hinwegzusehen. Auf alle Fälle werden die Demokratie und die westlichen Werte in der Ukraine verteidigt von Scheine-Selenskyi, der Lichtgestalt am Firmament der westlichen Werte. Wie macht er das? – Na, klasse macht er das. Die Ukraine verteidigt sich eben. In einem Video sind die Folgen eines Beschusses des russischen Dorfes Golowtschino im Gebiet Belgorod zu sehen. Golowtschino liegt weniger als 10 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Seine 4.720 Einwohner wurden vergangene Nacht von der ukrainischen Armee beschossen.

Der stellvertretende Verteidigungsminister James Heappey aus Großbritannien hatte erst kürzlich dem Radiosender „Times Radio“ gegenüber behauptet, daß er ukrainische Angriffe auf russisches Gebiet befürworte. Es sei völlig legitim für die Ukraine, militärische Objekte in Russland anzugreifen, um die Logistik zu unterbrechen. Allerdings hat Golowtschino keinerlei militärische Relevanz. Immer deutlicher sind auch im Westen Äußerungen zu hören, denen zufolge gar nicht die Ukraine und Russland gegeneinander kämpfen, sondern die USA gegen Russland – und zwar „bis zum letzten Ukrainer“. Die Aufgabe Selenskyis scheint also darin zu bestehen, den jugendlich-kämpferischen Anführer zu geben, der „existentiell“ für die richtige Sache kämpft, patriotische Reden schwingt, um sein Volk bei der Stange zu halten, auf daß es auch fürderhin seinen Kopf für die antirussischen, geostrategischen Interessen gewisser Zynikerkreise in den USA hinhalte – und daß er für jeden seiner superpatriotischen Appelle ungefähr 10.000 Dollar einstreicht. Der scheindemokratische Idealismus eben in seiner ganzen Lauterkeit. Aber kommt jetzt Thomas Schmid in der „Welt“ noch darauf, was da für ein tödlich-zynisches Spiel gespielt wird in jener Ukraine, von der man gern wüsste, „wie demokratisch“ sie ist?

Schmids Eigensicherung per „Berechtigung“

Thomas Schmid: „Die berechtigte Bewunderung, die der Ukraine heute von fast allen entgegengebracht wird, hat freilich auch eine weniger berechtigte Überhöhung mit sich gebracht: den Glauben, die Ukraine sei ein demokratischer Idealstaat, von dem der behäbig gewordene Westen wieder lernen könne, was die Demokratie wert ist. Das wäre jedoch eine trügerische Illusion, die dann schnell zerplatzen müsste, wenn es nach dem Ende von Putins Angriffskrieg um die Modalitäten des EU-Beitritts der Ukraine gehen wird. Dann wird schnell sichtbar werden, was jetzt schon klar ist: Die Ukraine ist nach wie vor eine sehr unvollkommene Demokratie. Ihre Mängel sind größer als die, mit denen alle entwickelten Demokratien kämpfen müssen. Anders als fast alle anderen Staaten Mittel- und Osteuropas ist es der Ukraine in den ersten 25 Jahren ihrer Unabhängigkeit nicht gelungen, zu einem halbwegs gefestigten Staat mit verlässlichen Institutionen zu werden. Es geht dabei nicht um Schuld, sondern um die fortdauernden Lasten der Geschichte.“ – Arschknapp. Falscher „Glauben, die Ukraine sei ein demokratischer Idealstaat“, „trügerische Illusion müsste zerplatzen“, „unvollkommene Demokratie“, „Größere Mängel als andere Demokratien“, nicht einmal „halbwegs gefestigter Staat mit verlässlichen Institutionen“, „fortdauernde Lasten der Geschichte“ – aaaber: Berechtigte Bewunderung. Wofür?

Sich in die eigene Tasche lügen

„Fortdauernde Lasten der Geschichte“ stimmt schon. Nur ist nie die Geschichte für etwas verantwortlich, sondern immer die handelnden Personen der jeweiligen Gegenwart. Deren Aufgabe wäre es, mit den „Lasten der Geschichte“ realitätskonform umzugehen. Da sieht es allerdings mau aus, gerade im Westen. Was liest man nicht alles vom heroischen Kampf der Ukrainer um den Erhalt ihrer „nationalen Identität & Kultur“. Es ist aber so: Wer von der „nationalen Identität & Kultur“ der Ukrainer redet, der tut das wegen der Schöneit der Phrase, die – wie inzwischen fast alles, was der Westmensch zum Besten gibt – der Politur einer inexistenten eigenen Denkerschönheit dient und Prinzipienfestigkeit vorgaukeln soll, wo in Wahrheit nichts von alledem mehr vorhanden ist. Die Wahrheit ist: Es gibt viele kulturelle Einflüße in der Ukraine. Das Gebiet der heutigen Ukraine ist ein wahrer Schmelztiegel verschiedener Kulturen, die Nation als solche allerdings völkerrechtstheoretische Einbildung, ein Konstrukt. Dieses Konstrukt ist gerade einmal knapp über 100 Jahre alt. Schon das Wort „Ukraine“ kommt etymologisch aus dem mittelalterlichen Sprachgebrauch der „Kiewer Rus“. „Ukraine“ heißt ursprünglich „Grenzland“ – und die Kiewer Rus kannte viele Grenzländereien, die damals als „Ukraine“ bezeichnet wurden. Geblieben ist das Wort eben als Exclusiv-Bezeichnung für das Staatsgebiet der heutigen Ukraine. Ukraine: Kulturen & Identitäten – ja. „Nationale Kultur & Identität“ – eher nein. Wann hätte die sich auch herausbilden sollen in den vergangenen hundert Jahren? Während der siebzig sowjetischen Jahre? Es hätte gerade in der Verantwortung ukrainischer Politiker gelegen, die vielen ukrainischen Identitäten auf ihrem Staatsgebiet zu berücksichtigen und ihr Land eher als ein „Grenzland der Kulturen“ zu begreifen, als das also, was der Name „Ukraine“ schon so wunderbar ausdrückt, anstatt auf den Begriff „Nation“ abzuheben, auch, wenn die Ukraine völkerrechtlich betrachtet eine Nation ist. Der Mensch lebt aber nicht vom Völkerrecht allein. Viktor Medvedchuk, der Oppositionsführer von der „Partei für das Leben“ in der Ukraine, wusste das. Er sitzt derzeit in Haft und soll dem Vernehmen nach gegen zwei britische Söldner ausgetauscht werden, die Russland gefangengenommen hat. Medevedchuk hat sich mit Putin oft auseinandergesetzt zu der Frage, wieviele Völker die Ukraine eigentlich bilden. Wladimir Putin ist trotzdem Pate einer der Töchter Medvedchuks. Die Ukraine: Kleinrussland, Wiege Russlands, Teil von Altrussland, also Teil eines Gebildes, das aus Weißrussland, der Ukraine und Russland bestand. Von wegen Verteidigung der „nationalen Kultur & Identität“ der Ukraine.

Ein Stück Papier

Es ist nun kein Wunder, daß ausgerechnet US-Amerikaner nicht den Hauch von Verständnis dafür haben, was gewachsene kulturelle Räume sind. Alles, was sie selbst haben, ist ein Stück Papier, hinter dem sich alle versammeln müssen: Die amerikanische Verfassung. Und wehe, wenn nicht. Der amerikanische Idealbürger: „The law abiding citizen“. Aus Gründen ihrer Eigenwahrnehmung als vergleichsweise junge „Nation der Vereinigten Staaten“ halten sie das natürlich für wegweisend, für ein Rezept, das überall auf der Welt zu funktionieren hat, weil es einfach das beste ist. Die Amerikaner lieben nicht umsonst den Mythos, sie lebten in „God’s Own Country“. Sie glauben feste daran. Sie haben einfach keinen Begriff davon, was eine „Ukraine“ sein könnte, ein Grenzland zwischen großen und verschiedenen Kulturräumen. Im Fall der Ukraine wäre das der „aufgeklärte Westen“ mit seinen Idealen wie Demokratie, Meinungs- und Redefreiheit, Wissenschaftsfreiheit und Betonung des Individuums einerseits, im Osten das große Russland, das seit Jahrhunderten viel eher in den Kategorien von Glauben und pyramidalen Machtstrukturen denkt und lebt. Die Ukraine hätte als wundervolles Grenzland, das es doch seiner Eigenbezeichnung nach schon ist, eine ebenso wundervolle Zukunft haben können. Ein Scharnier zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Kulturräumen hätte sie sein können, deren Grenzlinien, wenn man das grob so sagen will, direkt durch die heutige Nation Ukraine verlaufen. Was hätte dort nicht alles entstehen können, wenn sich die Ukraine nicht auf den Begriff „Nation“ selbstverzwergt hätte. Natürlich hätte sie deswegen eine sein können, aber doch nur per Definition nach Völkerrecht. Das entsprechende Bewußtsein dafür hätte geschaffen werden können. Der letzte, meiner Meinung nach wirklich von den Ukrainern selbstgewählte Präsident, der 2014 mit US-Unterstützung weggeputschte Viktor Janukowytsch, hat sein Land so gesehen. Die Ukraine als ein nach beiden Richtungen offenes „Grenzland“. Deswegen musste er beseitigt werden – und zwar aufgrund der geostrategischen Interessen der USA, die seit über 100 Jahren nichts so sehr fürchten, wie einen eurasischen Friedensraum, in dem die Wirtschaft einvernehmlich vom Atlantik bis zum Ural und weiter bis nach Wladiwostok floriert. Mit ihrer kolonialistischen Einmischung in die Staatlichkeit der souveränen Nation Ukraine, spätestens seit dem Euro-Maidan 2014, haben die Amerikaner das Grenzland seiner möglichen Scharnierfunktion beraubt und zu einem militärischen Aufmarschgebiet für die Sicherung ihrer eigenen geostrategischen Interessen degradiert, systematisch einen neuen „Eisernen Vorhang“ hochgezogen, den Ukrainern dazu sprichtwörtlich den Honig ums Maul geschmiert und eine Bande gräßlicher Nazis mit der Idee gepampert, es gäbe so etwas wie eine ukrainische Nation mit spezifischer „Kultur & Identität“ tatsächlich – und nicht nur auf dem Papier des Völkerrechts.

Gabriele Krone-Schmalz, langjährige Russland-Korrespondentin der ARD, berichtete vor Jahren schon von der rührenden Naivität, mit der nach dem Zerfall der Sowjetunion alles kritiklos aufgesaugt wurde, was aus dem Westen kam. Die Bereitschaft „westlich“ zu werden, war schier grenzenlos, sagt sie. Das ist das Pfund, mit dem die Amerikaner in der Ukraine sehr zu ihrem eigenen vermeintlichen Nutzen gewuchert haben. Wir „Wessis“ haben das in einer spezifisch deutschen Form nach dem Fall der Mauer mit unseren Landsleuten aus der DDR so ähnlich erlebt. Alles, egal was: wenn es nicht westlich gewesen ist, dann war es plötzlich nichts mehr wert. Die große Ernüchterung haben wir heute, dreißig Jahre später. Das wenigste, was im Westen noch glänzt wie Gold, ist tatsächlich Gold.

Tragikomik

Es ist nachgerade fast tragikomisch, wenn man dann solche Artikel wie den von Thomas Schmid in der „Welt“ liest. Schmid muß so tun, als hausten sämtliche westlichen Werte tatsächlich noch im Westen. So viel zwanghafte Realitätsverleugnung bricht mir das Herz, vor allem deswegen, weil sie außer zu unseren eigenen Lasten auch zu Lasten der Ukrainer und der Russen geht, zu Lasten ganz anderer Kulturen, die mit unserer eigenen Degeneration nichts zu tun haben müssten, hätten sie nicht auf unsere „Unfehlbarkeit“ vertraut. Ehrlich: Wir haben es versaut und zwar so gründlich, daß ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr mitbekommen werde, wie sich das wieder einrenkt. Das wäre todtraurig, es sei denn, es geschähe ein Wunder, und der „Wertewesen“ würde erkennen, daß er recht eigentlich dasteht wie der Potentat am Ende der Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern: Nackt.

Sie ist ein Wahnsinn, diese Unterstellung, „unsere Freiheit“ und „unsere Werte“ seien durch Russland bedroht. Diese Einbildung existiert ja evident trotz Wokeness (die Bolschewoken), Cancel-Culture, getürkten Wahlen, einer immer heftigeren Zensur, dem ökosozialistischen Diktat per „Narrativ“, den ungewählten Strippenziehern bei der CIA, dem WEF, der OSF, hundert NGOs, milliardenschweren Stiftungen, westlichen Oligarchen und deren Marionetten, die wir uns als unsere Vertreter vor die Nase hängen lassen, den „sozialverträglichen Sprachregelungen“, der fortschreitenden fiskalischen und währungspolitischen Enteignung, dem ganzen Gesinnungsterror und dem mörderischen Irrtum von der Gültigkeit des 1. Axioms der Sozialpsychologie mit allem, was aus ihm folgt – samt „Great Reset“ und NWO. Es ist komplett irrsinnig, zu unterstellen, der westliche Mensch sei im Gegensatz zum russischen noch „frei“. Überspitzt ausgedrückt, wird man wohl sagen können: Ein russischer Sieg über ganz Europa würde nicht mehr Freiheitseinschränkungen mit sich bringen, als das, was wir entgegen unserer Einbildung jetzt schon an Freiheitseinschränkung haben. Aber diesen despotischen, kleptokratischen Pimmelpianisten in Kiew mit seinen bewaffneten Nazis zur Lichtgestalt hochjubeln, und nur, um sich nicht eingestehen zu müssen, wo man selbst inzwischen gelandet ist? Wie verdammt blöde wird es denn noch?

Wer die Zukunft des Westens sehen will, so, wie sie wohl aussehen wird, wenn man sich weiter auf die Ukraine und Russland konzentriert, der schaue einfach nach China. Shanghai 2022 – so sieht die Zukunft des freien Westens mitsamt seinen eingebildeten Werten aus. Um das noch abzuwenden, müsste man sich auf ganz andere konzentrieren, als auf Putin und Selenskyi. Der ärgste Feind, ein wahrer Wühler gegen die „Werte des Westens“, sitzt in Form eines institutionalisierten Kulturmarxismus‘ mitten unter uns und er hat (nicht nur) die Farbe grün. Der Horror, den diese Gestalten in Form von Gesetzen implementieren werden, übersteigt alles, was man sich über Russland nur vorstellen kann. Ob sich das bei uns in diese fürchterliche Richtung weiterentwickelt, hängt nicht am Ausgang des Ukrainekrieges, sondern daran, wie lange sich die vom europäischen Geist geprägte Verfassung der USA in ihrem eigenen Land noch halten kann. Das sieht langfristig aufgrund der demografischen und der ethnokulturellen Entwicklung in den USA nicht gut aus für uns. Deswegen wäre es so wichtig, sich als Europäer endlich aus dem Klammergriff der USA zu befreien und eine europäische Souveränität zu entwickeln, die endlich wahrmachen kann, was Zukunft hätte: In Frieden und Freundschaft miteinander verbundene Nationen auf der eurasischen Kontinentalplatte als einem riesigen, geschlossenen Raum. Das wäre eine Größe, an der keine andere Macht der Welt mehr vorbeikommt. Was tun wir stattdessen? Wir lesen „Schmid-Artikel“ in der „Welt“ und lügen uns mit dem Irrglauben in die Tasche, Nachkriegsallianzen wie die NATO, diverse Atlantikbrücken oder diese (!) EU seien auch in Zukunft noch Garanten für ein selbstbestimmtes Leben von Europäern in Freiheit. Die wahren Feinde sitzen (derzeit) an den Schlüsselpositionen der Macht in Washington, in Brüssel, in Cologny, in Berlin, in London, in Paris, in Rom, in Warschau, in Ottawa, in Austin/Texas, in Langley – jedenfalls allesamt bei uns selbst im „Wertewesten“. Der „Weltgegner“ der Zukunft wird die kommunistische Partei Chinas sein, nicht ein nach wie vor quasimonarchistisch geführtes  Russland. Die totale Gleichheit ist die Gefahr. Wer das partout nicht sehen will, der lese einfach weltbewegende Betrachtungen zum Ukrainekrieg und seinen Helden in der „Welt“. Von Thomas Schmid wird er zufriedenstellend bedient.