Dunkeldeutschland: War Jesus schwarz?

Der Pantokrator in der Apsis der Kathedrale Santissimo Salvatore, Cefalu, Sizilien - Foto: Imago

Eine der wichtigsten Fragen zur Zeit ist die, ob Jesus schwarz gewesen ist. Jedenfalls findet Frau Merle Schmalenbach in der „Zeit“, dem Fachblatt für Hautfarben, daß dem so ist. Deshalb widmete sie dieser Frage einen ganzen Artikel. Wie umständlich. Sie hätte schließlich nur einen Experten zu fragen brauchen. Die Farbexpertise.

von Max Erdinger

Jahrhundertelang prägten Künstler das Bild eines hellhäutigen Jesus. Doch das entsprang der Fantasie.„, schreibt Frau Merle Schmalenbach vorlaut in der „Zeit“ und macht damit den zweiten Schritt vor dem ersten. Denn bevor „wir“ uns fragen dürfen, welche Hautfarbe Gottes Sohn wohl hatte, müssten wir erst einmal klären, welchen Geschlechts er gewesen ist, da die Bibel jahrhundertelang das Bild eines männlichen Jesus geprägt hat. So richtig klug sind „wir“ jedoch erst im vergangenen halben Jahrhundert geworden, als „wir“ vermittels des total freien gesellschaftlichen Diskurses samt seinen je eigenkonstruierten Realitäten – wie die Jungfrau zum Kind – zu jener Weisheit gelangt sind, in deren Folge „wir“ alle uns „gemeinsam“ als so enorm viel klüger begreifen dürfen, als sämtliche Generationen vor uns zusammengenommen.

Also: Welches Geschlecht hatte Jesus, und ist es gerechtfertigt, von Gottes Sohn zu reden? War Jesus nicht eigentlich Jesa, die Tochter von „Gott plus“? Junge Katholiken haben das nämlich kürzlich erst herausgefunden: Gott ist eigentlich Gott plus (Gott+), und das wiederum ist er deswegen, weil „Göttin“ zu Komplikationen geführt hätte. Sie wäre dann nämlich die Mutter von Jesus gewesen, wodurch seine vormalige Mutter, Maria, zum unbefleckenden Samenspender namens Marius mutiert wäre. Die ganze Bibel hätte umgeschrieben werden müssen wie damals die Geschichte wegen Hitlers Tagebüchern beim „Stern“. „Gott+“ ist also aus praktischen Erwägungen junger Katholiken heraus nicht vom Vater zur Mutter von Jesus geworden, sondern nur zu seinem mutmaßlichen Vater. Daß dem in Wirklichkeit so sein könnte, darf man getrost als umstritten bezeichnen. Jesus, der Sohn von Gott+ wurde daher logischerweise ebenfalls aus Gründen der Praktikabilität von Narrativänderungen nicht zur Tochter von Gott+, sondern wird sich aus Gründen der vorher beschriebenen, jungkatholischen Erwägungen zu Gott und Gott+ wohl mit dem geschlechtlichen Status eines Hinübergeschlechtlichen begnügen müssen. Vielleicht ist er auch ein Geschlechtsflüssiger (Gender Fluid) gewesen, wobei das „begnügen“ keineswegs abwertend gemeint sein soll, schon deswegen nicht, weil man als Christenmensch niemals lügen würde. Sagen „wir“ einfach so: Ungeachtet seines eigenkonstruierten Geschlechts – welches auch immer das gewesen sein könnte – ist Jesus das Kind von Gott+ gewesen. Nachdem wir das nun hätten, können wir uns auf die Frage nach der Hautfarbe des Nachwuchses von Gott+ konzentrieren.

Michelangelos Pieta – Foto: Imago

Der alte Michelangelo war überzeugt, daß Jesus weiß gewesen ist, wie man auf diesem Bild der weltberühmten Pieta sehen kann, welche im Petersdom zu Rom zu bestaunen ist. Maria ist weiß, Jesus ist weiß, der Hintergrund dieses Fotos – alles weiß. Ein Experte für Kunstgeschichte jedoch erklärte, so weiß, wie sie heute da steht, Michelangelos Pieta, war sie nicht immer. Michelangelo sei nämlich der Ansicht gewesen, daß das heilige Land nicht da liegt, wo es heute alle vermuten, sondern auf einer grünen Insel in der irischen See, weswegen Maria und Jesus ursprünglich auch aufgemalte Sommersprossen gehabt hätten. Die Expertisen von Kunsthistorikern sind aber recht häufig umstritten, so daß man sich bei der Frage nach der Hautfarbe des hinübergeschlechtlichen oder geschlechtsflüssigen Kindes von Gott+ nicht unbedingt auf solche Expertisen verlassen kann. Außerdem gibt es auch noch andere Darstellungen von Jesus, nicht nur die von Michelangelo.

Kruzifix von Alessandro Algardi, 1646 – Foto: Imago

Alessandro Algardi z.B. war Frau Merle Schmalenbach in der „Zeit“ um knappe 400 Jahre voraus. Der fragte nicht lange, ob Jesus schwarz gewesen ist, sondern er hat ihn einfach schwarz gemacht. Algardi war glühender Antirassist, heißt es. Aber diese These ist auch wieder umstritten, da Aktivisten von Black Live Matters behaupten, es sei rassistisch, Neger zu kreuzigen. Jesus dürfe daher ruhig weiß bleiben. Na sei`s drum. Die Zahl schwarzer Jesusse nimmt trotzdem zu. Auf immer mehr Bildern werden sie von weiß zu schwarz, was hauptsächlich der Zunahme von Kirchenbränden geschuldet ist, die aus antirassistischen Motiven heraus gern von original französischen Moslems gelegt werden.

Toleranz

Da meinereiner wesentlich toleranter ist, als die Frau Merle Schmalenbach in der „Zeit“, halte ich es mit der Hautfarbe des wahrscheinlich hinübergeschlechtlichen oder geschlechtsflüssigen Kindes von Gott+ folgendermaßen: Mir ist egal, ob Jesus schwarz oder weiß gewesen ist. Ich bin da nicht so ein Rassenfanatiker. Wenn die Neger in Afrika ihren Jesus gern in schwarz haben wollen, dürfen sie ihn gern so anpinseln oder eben gleich aus Ebenholz herausschnitzen. Illusorisch bleibt nur, daß ein schwarzer Jesus aus Afrika jemals so viel Bewunderung unter Kunstkennern finden wird, wie ein weißer Jesus, der von Riemenschneider, Dürer oder Michelangelo aus Holz geschnitzt oder aus dem Marmor herausgemeißelt worden ist. Für die christliche Botschaft ist das aber völlig wurscht.

Auf den bildlichen Darstellungen der Schöpfungsgeschichte sind Adam & Eva ebenfalls  immer weiß. Eva ist auch nie so dick wie Ricarda Lang, was natürlich abseits aller Rassenfragen schon ein wenig nach Diskriminierung der Adipösen aussieht, wahrscheinlich aber einfach dem Leichtsinn und der Gedankenlosigkeit der entsprechenden Künstler geschuldet ist. Die können damals unmöglich gewußt haben, daß man von Äpfeln schlank wird und von Burgern fett.

Bayerischer Jesus

Meinereiner ist zweifellos ein weißer Christ ohne Sommersprossen, der die christlichen Tugenden abseits aller Rassen-, Geschlechts- und Body-Positivity-Fragen so verinnerlicht hat, daß er sich an sie halten kann, wenn es wieder einmal Zeit ist, Besserung zu geloben. Es ist sowieso alles immer nur ein Streben nach dem christlichen Ideal. Für die Sünden gibt es Vergebung und das einzige, wofür es keine gäbe, wäre, das dauernde Streben nach dem Ideal einfach sein zu lassen.

Die Nächstenliebe ist sicherlich eine christliche Tugend, und da ich in meiner Kindheit keinen Neger als Nächsten hatte, habe ich früh gelernt, daß man sich den Neger erst schnitzen muß, dem man voll der Nächstenliebe gegenübertritt. In unserer bayerischen Dorfkirche hatten wir deswegen einen, wenn auch nur einen kleinen. Er saß als Miniaturfigur auf dem Opferstock am Kirchenausgang. Wenn ich eine Münze von meinem Taschengeld in den Opferstock warf, dann nickte der kleine Neger mit den gefalteten Händen vor dem Gesicht dankbar, und ich sah mich in meiner christlichen Überzeugung bestätigt, daß die Nächstenliebe etwas Feines ist, und daß die Dankbarkeit des geliebten Nächsten dafür, sich spendabel gegen die eigene Knausrigkeit durchgesetzt zu haben, sozusagen das Sahnehäubchen auf der christlichen Nächstenliebe darstellt. Ich gebe meinem bedürftigen Christenbruder in Afrika aus Nächstenliebe – und er bedankt sich dafür, so, wie es sich gehört.

Bereits als ganz junger Weißchrist wusste ich, daß es meine kindliche Pflicht ist, dafür mitzusorgen, daß erwachsene Christen als Geschöpfe des Herrn (damals noch nicht Gott+) keinen Hunger leiden müssen, wenn sie schwarz sind und in Afrika wohnen, wo sie eventuell Jesusse schnitzen, die deutlich grobschlächtiger aussehen, als die von Riemenschneider. Mich hat das beruhigt, weil ich wusste, daß ich mir Großzügigkeit jederzeit leisten kann. Noch über ein halbes Jahrhundert später bin ich mir allerdings nicht so sicher, daß sich schwarze Christen in Afrika dazu entschließen könnten, bedürftigen weißen Christen gegenüber ähnlich großzügig zu sein. Ich habe den Verdacht, daß deren Nächstenliebe womöglich ein wenig von der Rassenfrage überlagert sein könnte. Obwohl die gar keine sein müsste, wenn es nach Jesus ginge. Nach dem geht es halt nicht überall gleichermaßen. Das ist wirklich schade.

Jedenfalls: Ehe ich mein Geld für ein „Zeit“-Abonnement ausgebe, um mir dann solche Verrenkungen reindrücken zu lassen wie die, welche die Frau Merle Schmalenbach dort als antirassistische Zerebralgymnastik zum Vortrage bringt, suche ich mir lieber einen durstigen Neger, dem ich ein Weißbier spendieren kann. So ein Antirassist bin ich, ehrlich.

So, und weil das so ist, wünsche ich allen Lesern auch in diesen saudummen Zeiten ein schönes Frühlingswochenende. Hoffentlich überleben wir es trotz der epochalen Verblendung unserer Regierung, ohne daß uns noch eine russische Bombe sämtlicher  Frühlingsgefühle beraubt. Ich empfehle, bei strahlendem Sonnenschein einmal wieder bei Herbie Hancock und Miles Davis reinzuhören. Tina Turner und Whitney Houston gehen auch für diejenigen, die nicht solche ausgesprochenen Jazzfreaks sind wie meinereiner. Für die Klassikfans: Überlegen Sie sich ruhig, ob Beethoven oder Bach nicht eigentlich schwarz gewesen sind. So wie Jesus. Wie bitte? – „Allmächt, wos a Scheiß“ – ? – Da haben Sie recht.