Und plötzlich erinnert sich die EU der Kernenergie

Die Energiepreise gehen in Deutschland durch die Decke, die Instabilität unserer Stromnetze wächst, die Versorgung mit Gas und Öl wird zu einem Abenteuer, Teile der Industrie verlagern die Produktionsstätten ins Ausland, die sozialen Spannungen wachsen und die deutsche Kulturlandschaft wird industrialisiert.

Von Rolf Bergmeier

Und plötzlich erinnert sich die EU der Kernenergie. In ihrer Zukunftsform der Flüssigsalzreaktoren (Dual Fluid) und in Serienproduktion hergestellter Kleinreaktoren (Small Modular) versprechen die neuen Kernreaktor-Typen große Sicherheit, CO2-freie Stromerzeugung und die in riesigen Mengen benötigte industrielle Prozesswärme. Zudem liefern in Serie produzierte Kernkraftwerke den Strom kostengünstiger als Kohlenkraftwerke.

Der Dual Fluid-Reaktor ist eine komplette Reaktorneuentwicklung. Dual Fluid-Reaktor können nicht „durchgehen“ und gelten als sicher, nicht zuletzt durch eine Art Schmelzsicherung. Bei zu hohen Temperaturen schmilzt diese Sicherung, das radioaktive Innere fließt nach unten in eine Wanne und dadurch wird die Kettenreaktion unterbrochen. Die Forschung ist bereits weit fortgeschritten. Wissenschaftliche Einwände, insbesondere zu dem Materialanforderungen bei extrem hohen Temperaturen sind diskutiert und mehrheitlich widerlegt worden.  Dutzende Start-ups beschäftigen sich mit Kernkraftwerken der neuen Generation und sehen in ihnen die Lösung für günstige und saubere Energie der Zukunft. In den USA fördert das US-Energieministerium mit hohen Summen zwei neue Reaktor-Typen mit Dual-Fluid-Eigenschaften. Mit einem Prototyp wird zum Ende der 2020er Jahre gerechnet. Deutschland wird wohl nicht mehr an der Entwicklung beteiligt, obwohl das Dual-Fluid-Konzept am Institut für Festkörper-Kernphysik in Berlin   entwickelt wurde.

Small Modular Reactoren

Die derzeitigen Kernkraftwerke sind Kraftwerke im XXL-Format.  Sie liefern riesige Mengen Strom für dicht besiedelte Gebiete. Von Interesse sind daher  Entwicklungen auf dem Gebiet der „Small Modular Reactoren“, kleinen Reaktoren mit 300 Megawatt elektrischer Leistung, die in Serie, daher kostengünstig produziert werden sollen. „Small Modular Reactoren“ sollen kleine Netze mit hoher Energieverfügbarkeit über lange Zeiträume hinweg beliefern. „Nach Angaben der „International Atomic Energy Agency“ befinden sich derzeit 84 Reaktoren in 18 Ländern in der Entwicklung oder im Bau. Besonders in Russland, China, den Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Japan und Argentinien sei der Prozess weit fortgeschritten. Mithilfe staatlicher Unterstützung arbeitet etwa ein britisches Konsortium um den Industriekonzern Rolls-Royce an dieser Technik und will in Zukunft 16 solcher Anlagen auf der Insel bauen“ (Tageschau 11. März 2021).

Deutschland lehnt auch diese Technik natürlich ab. Das „Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung“ meint, die Kleinreaktoren seien nicht ausgereift und brächten enorme Risiken mit sich.  Aber „ausgereift ist keine neue Technik. Auch der Dieselantrieb oder die Leuchtbirne waren nicht ausgereift„, als sie eingeführt wurden. Die Stellungnahme des Amtes überrascht nicht: Das Amt ist eine Behörde im Geschäftsbereich des Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Und wenn das Bundesumweltministerium eine ihr nachgeordnete Behörde zu einer Riskoabschätzung der Kerntechnik auffordert, dann ist das Ergebnis gewiss. Genauso könne man den Verband der Vegetarier auffordern, McDonalds -Lokale zu bewerten.

Weltweiter Run auf Atomkraftwerke

Nicht weniger als 53 Atomkraftwerke sind derzeit im Bau, meldet der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA)  am 6. Juni 2022 in Wien. Laut IAEA wollen derzeit 28 Staaten neu in die Kernkraft einsteigen. In Europa bauen derzeit Finnland, Großbritannien, Polen, Russland, die Ukraine, Frankreich, Weißrussland und die Slowakei neue Kernkraftwerke. Vor allem die osteuropäischen Länder bewerten Atomkraft als eine unverzichtbare   emissionsarme Energieform. „Im Rahmen des globalen Comebacks hat sich auch Japan für eine Rückkehr zur Atomkraft entschieden. Ungeachtet des Atomunglücks von Fukushima müsse man erkennen, dass Atomenergie eine wichtige Energiequelle der Zukunft sei, heißt es aus der Regierung in Tokio. Tatsächlich fährt Japan nicht nur seine alten Meiler wieder hoch, sondern baut sogar zwei völlig neue.“ Der russische Präsident Wladimir Putin und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping haben im Mai 2021 offiziell den Startschuss für den Bau neuer Reaktoren in zwei Kernkraftwerken in China gegeben. Die Anlagen werden unter Einsatz russischer Technologie gebaut. Während der Zeremonie sagte Putin: „Russische und chinesische Fachleute setzen ein gemeinsames Vorzeigeprojekt in Gang.“

Der „Weltklimarat“ und die Internationale Energieagentur sehen Kernenergie als möglichen Bestandteil einer Strategie, um die Klimaerwärmung unter das Zwei-Grad-Ziel zu drücken. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien, Rafael Grossi, äußerte sich wie alle seiner Kollegen: Ohne Atomkraft sei ein Erreichen der globalen Klimaziele  praktisch ausgeschlossen. „Wissenschaftliche Tatsache ist, dass Atomkraftwerke einen extrem geringen Kohlendioxid-Ausstoß verursachen“, sagte Grossi im Oktober 2020 der Deutschen Presse-Agentur. Jeder Weg zur Erreichung der im Pariser Abkommen vorgeschlagenen, aber nicht verpflichtenden 2-Grad-Schwelle sei ohne Atomkraft nahezu unmöglich. Nur wenige Länder hätten sich für einen Ausstieg aus der Atomkraft entschieden. Der deutsche Atomausstieg sei in Konsequenz und Tempo weltweit praktisch einzigartig.

Selbst in der EU ist Deutschland isoliert.

Jenseits deutscher Grenzen haben sich die Industrieländer  zu einem „Generation IV International Forum“ (GIF) zusammengeschlossen: Argentinien, Brasilien, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Japan, Kanada, Südafrika, Südkorea, die USA, Schweiz, Russland, China, Australien sowie die EU – im Grunde alle außer Deutschland. Eine Gruppe von zehn EU-Ländern – Bulgarien, Finnland, Kroatien, Polen, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, die Tschechische Republik, angeführt von Frankreich –  im Oktober 2021 die Europäische Kommission aufgefordert, Kernenergie als „wichtige erschwingliche, stabile und unabhängige Energiequelle“, die die Verbraucher  in der EU davor schützen könnte, „Preisschwankungen ausgesetzt zu sein“, anzuerkennen. In einer Entschließung vom 28. November 2019 vertrat das EU-Parlament daraufhin die Ansicht, dass „die Kernenergie zur Verwirklichung der Klimaschutzziele beitragen kann“. Mit diesem Vorhaben hat die EU der deutschen Ampel-Koalition ein ordentliches Kuckucksei ins Nest gelegt, Atomkraft wird jetzt gemeinsam mit den erneuerbaren Energien als „grün“ eingestuft.

Aber in Deutschland ist Kerntechnik und Kernforschung verpönt. Einst waren deutsche Kernkraftwerke in der TopTen-Liste der sichersten Kernkraftwerke fünf- oder sechsmal vertreten, jetzt findet in der ganzen Welt ein Aufbruch der Kernforschung statt, – ohne Deutschland. Und so geht das Madigmachen der einzigen Technik, die der stetig wachsenden Menschheit auch in Zukunft ausreichend Energie sichert, weiter. Deutschland nimmt den großen Bruch in technologischer Hinsicht nicht zur Kenntnis mit der Folge, dass  die Entwicklung des in Deutschland angestoßenen neuen Dual-Fluid-Reaktors nicht in Deutschland, sondern in Kanada stattfindet und der internationale Fusionsreaktor Iter im südfranzösischen Cadarache gebaut wird. Im Stile der 70er Jahre positioniert sich Deutschland als Anti-Atomkraftbewegung, begleitet von Österreich, Dänemark, Luxemburg und Spanien. Von diesen Ländern kann Österreich eine Investitionsruine (Zwentendorf) vorweisen, während Luxemburg und Dänemark keine Kernkraftwerke  betreiben. So sitzt Deutschland einmal mehr zwischen allen Stühlen.

Die grüne Bundesumweltministerin Steffi Lemke, eine ausgebildete Zootechnikerin, findet, in Sachen Kernenergie könne es keinen Kompromiss geben. Atomkraft bleibe eine Risiko-Technologie. Sie verursache gefährlichen Müll, der Jahrtausende strahle und der bisher nicht sicher gelagert werden könne: „Es bleibt ein Risiko, das im Zweifelsfall von der Menschheit nicht beherrscht werden kann“ (Januar 2022). Woher sie weiß, dass es „ein Risiko bleibt„, hat sie nicht verraten. Offensichtlich ist die Ministerin weder mit den technologischen Fortschritten zukünftiger Kernkraftwerke vertraut, noch hat sie sich mit den Folgen der großen AKW-Unfälle (Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011) ausreichend beschäftigt. Die dortigen Unfälle sind nicht auf eine unbeherrschbare Technik zurückzuführen, sondern auf ein unvermeidbares natürliches Primärereignis (Tsunami) und auf ein vermeidbares  Fehlverhalten von Menschen. Nachweislich sind in Fukushima nur wenige und in Tschernobyl 50 Menschen an den Folgen einer Strahlenerkrankung gestorben. Die Tatsache, dass 440 AKW über einen Zeitraum von bis zu einem halben Jahrhundert fast ohne menschliche Opfer betrieben wurden, zeigt, dass die Technik beherrscht werden kann.

Doch in Deutschland bleibt Abschalten das Zauberwort der Politik und der Medien. Abschalten der Kernkraftwerke, der Kohle und Gas-Kraftwerke, der Vergaser und Dieselmotoren, der Schweinezucht und der Düngerproduktion. Diesem grünen Gesetz folgend ist mit der Abschaltung der Atomkraftwerke Grohnde (1360 MW), Gundremmingen Block C (1344 MW) und Brokdorf (1410 MW)  bis Ende 2021 die Versorgungssicherheit in die finale Phase eines weltweit einzigartigen Großexperiments eingetreten, eine Industrienation auf den Stand mittelalterlicher Windmühlentechnik zurückzuführen. Ein Experiment ohne Sinn und Verstand, denn der Bau von Kernkraftwerken boomt weltweit und einen Einfluss auf das globale Klima hat das kleine Deutschland ohnehin nicht. Die Eselei, die gesamte in einhundert Jahren geschaffene Energieerzeugungsindustrie gleichzeitig brachzulegen, bevor man eine vergleichbar effiziente und kostengünstige Technologie hat, dürfte in der Industriegeschichte ziemlich einmalig sein und bleiben. Frankreich hat mit seinen 56 AKW nur ein Fünftel der CO2-Emmisionen wie Deutschland. Bei einem nur halb so hohen Strompreis. Es erzeugt 70 Prozent seines Stromes mit Kernenergie. Heizung, Warmwasser und Klimaanlage, alles mit Atomstrom. Frankreich braucht kein Erdgas und keine Wärmepumpen.

Sogar die nunmehr volljährige Greta Tintin Eleonora Ernman Thunberg, die wegen ihres seherischen Blicks in das Jahr 2030 von der Grünen Katrin Göring-Eckardt mit einer Prophetin verglichen wurde, schrieb auf Facebook, dass Atomenergie „ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung“ sein könne. Das war ein Hammer. Ihr Pressesprecher versuchte verzweifelt, alles wieder geradezurücken und so revidierte die kleine Schwedin ihre Aussage. Dabei hat sich Schweden gerade aufgemacht, die Atomkraftwerke zukunftstauglich zu machen.

Atomenergie ist der einzige realistische Weg, den zukünftigen Energiebedarf der Menschen zu decken

Atomenergie ist bei wachsendem Energiebedarf und einer exorbitanten Steigerung der Erdbevölkerung der einzige realistische Weg, den zukünftigen Energiebedarf der Menschen für Jahrhunderte komplett zu decken. Vorausgesetzt, wir verlassen uns auf unser ständig wachsendes Wissen und unsere stetig wachsende Fähigkeit, die Technik zu kontrollieren und weiterzuentwickeln. Deshalb steht Kernenergie in diesem Jahrhundert vor einer Renaissance – völlig egal, ob mit oder ohne Deutschland. Der Generaldirektor der Kernenergiebehörde der OECD, Willliam D.  Magwood, kritisiert im April 2021 Deutschlands Sonderweg in der Kernenergie: „Ich bin mir absolut sicher, dass  Kernenergie [bei der Dekarbonisierung der Weltwirtschaft] eine große Rolle spielen wird. Die einzige Frage ist, welche Art von Reaktoren langfristig wo gebaut wird. [] Sollten die Deutschen in 20 Jahren feststellen, dass [] an der Atomkraft kein Weg vorbeiführt, dann müssen sie die Technologie  zu hohen Kosten aus dem Ausland kaufen“ (FAZ, 23. April 2021).

Es ist also unschwer zu prophezeien, dass in Deutschland nach den ersten Blackouts die Rückkehr zur Kernkraft gefordert werden wird, zunächst in Form einer Laufzeitverlängerung für die verbliebenen drei AKWs Emsland in Niedersachsen, Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim. Behauptungen, für eine Laufzeitverlängerung seien die notwendigen Sicherheitsprüfungen nicht mehr vorhanden (Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, 28. Februar 2022) und es fehle nach dem 31. Dezember 2022 an der notwendigen Brennstoffversorgung, sind offenbar weniger technisch als vielmehr politisch geprägt und wurden im März 2022 vom Branchenverein Kerntechnik Deutschland in einem offenen Brief an Bundeskanzler Scholz als unzutreffend abgelehnt. Denn anders als vom Umwelt- und Wirtschaftsministerium  vermutet, verfügen die sogenannten abgebrannten Brennelemente auch nach dem 31. Dezember 2022 noch über erhebliche Leistungsreserven, die sich nutzen lassen. Zwar ist kein Volllastbetrieb mehr möglich, aber die Kraftwerke können im Streckbetrieb bis Juli oder August 2023 mit leicht fallender Leistung Strom produzieren. So würde also während Winterzeit mit erhöhtem Strombedarf das Risiko eines Blackouts verringert und Zeit gewonnen, um neue Brennelemente zu beschaffen.  Bei einer Lieferzeit von 18 Monaten und sofortiger Entscheidung könnten die AKW also im Herbst 2023 ihren regulären Betrieb wiederaufnehmen. Die Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke ist also vor allem eine ideologisch-politische Frage, keine technische oder wirtschaftliche.

So wird Volksvermögen vernichtet, so zerstört Deutschland seine Infrastruktur. Deutschland steht im Abseits – hoffnungslos abgehängt selbst von Staaten wie Südkorea, China und Indien. Die offene Wunde wird Deutschland nicht mehr schließen können, da u.a. die  Ausbildung von Nuklearfachleuten langwierig ist. In Deutschland gibt es mittlerweile keine Studienrichtungen für Kernenergetiker mehr. Die einstigen Fachleute verlassen das Land, mit der Folge, dass sich Deutschland schon in wenigen Jahren auf dem kerntechnischen Niveau der Vereinigten Emirate oder Ägyptens wiederfinden wird. Dagegen wurde laut einer chinesischen Veröffentlichung im Juni 2019 an 72 chinesischen Universitäten Kerntechnik als Fachrichtung angeboten, die jährlich über 3.000 Studienplätze für Studienanfänger bereitstellen. Kernkraft ist die Zukunftstechnologie. Wenn die Klima- und Energiefrage nicht nur den Salons der Öko-Träumer vorbehalten bleiben soll, muss die Kernenergie angesichts des ungestümen Wachstums der Weltbevölkerung als eine unausweichliche Option betrachtet werden.

Der Verfasser  ist Autor der der beiden Bücher „Die CO2-Falle“ und des im Juni erscheinenden Buches „Ratlos. Die Agonie der deutschen Klima- und Energiepolitik“, 316 S., Paperback 18,50 Euro

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