Henryk M. Broder - Foto: Imago

Trauriger Abschied: Auf Nimmerwiedersehen, Herr Broder!

Es ist ein Jammer, wenn man mit ansehen muß, wie sich Henryk M. Broder anläßlich des Ukrainekriegs selbst demontiert. In der „Welt“ lieferte er eine Erklärung dafür ab, warum er nicht mehr für die Schweizer „Weltwoche“ schreiben wird. Jedenfalls scheint er zu glauben, daß es als Erklärung durchgeht. Dabei hat er nur den Verstand seiner Leser beleidigt. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Warum ich nicht mehr für die ‚Weltwoche‘ schreibe„, titelte Henryk M. Broder in der „Welt„. „Lesedauer: 9 Minuten„, steht darunter. Es muß ein Gebirge von Gründen dafür geben, daß Henryk M. Broder nicht mehr für die „Weltwoche“ schreibt, denkt sich der Leser und ist gespannt. Er liest ein bißchen schneller als geplant und kommt nach 7 Minuten und 23 Sekunden zu dem Schluß, daß die 9 Minuten schon deswegen arg geschwindelt gewesen sind, weil 5 Sekunden eigentlich ausgereicht hätten für Broder, um zu erklären, warum er nicht mehr für die „Weltwoche“ schreiben wird. Grund: Bei der „Weltwoche“ schreiben Autoren, die andere Ansichten zum Ukrainekrieg vertreten als Broder selbst. Lesezeit: 5 Sekunden.

In 7 Minuten und 23 Sekunden erfährt der Leser nicht, was Broders Gründe dafür sind, daß er nicht mehr für die „Weltwoche“ schreiben wird, sondern er erkennt wieder einmal, was der Volksmund einen „bauernschlauen Versuch“ nennt. So geht’s schon los: „Ich habe kein Verständnis für Putinisten, die behaupten, die Russen seien nur einem Nato-Angriff zuvorgekommen.„, schreibt Broder. Das ist tröstlich für jemanden, der sich dafür interessiert, wofür Broder Verständnis hat. Broder hat offenbar Verständnis für Leute, die behaupten, die Russen seien nur einem NATO-Angriff zuvorgekommen. Wie? – Na ja, solange sie ihm nicht wie Putinisten vorkommen. Die Putinisten, die er unbedingt schon im ersten Satz unterbringen musste, waren für Broder vorher sogar schon „Putin-Trolle“. Weiter unten wird er sie sogar noch zu „Hardcore-Putinisten“ erklären. So macht man das, wenn man die Argumente anderer Leute herabwürdigen will, noch ehe man auch auf nur eines davon Bezug genommen hätte: Man etikettiert die Person erst einmal. Putin-Trolle und Putinisten. Broder scheint anzunehmen, daß Broderisten auf einen solchen bauernschlauen Trick sofort hereinfallen. Und schon liegt er mit 0:1 im Rückstand.

Broder beklagt einen Kollateralschaden

Der Krieg ist unbestritten eine Scheußlichkeit, und eine Scheußlichkeit ist es, zwischen Kriegsschäden und Kollateralschäden des Krieges zu unterscheiden. Ohne Krieg keine „Kollateralschäden“ des Krieges. Kollateralschäden sind logischerweise Kriegsschäden. Broder jedoch: „Zu den Kollateralschäden des russischen Überfalls auf die Ukraine zählen auch die vielen Zuschriften, die in meiner E-Mail-Inbox ankommen, deren Absender sich darüber beklagen, beschweren und empören, dass ich nicht ‚die Wahrheit‘ über den Krieg in und um die Ukraine schreiben würde.“ Der Herr Broder opfert eben gern durch die Gegend, weil er glaubt, daß ihm das steht. Das war schon früher zu bemerken, z.B. als er behauptete, in Ägypten würden Christen nur deswegen verfolgt, weil es dort keine Juden mehr gibt, die der hundsgemeine Ägypter verfolgen könnte. Broders Empathie mit Verfolgten aller Art ist legendär. Nur eine besonders böse Zunge würde behaupten, die meiste Empathie habe Broder für sich selbst. Hier also ist Broder von Kriegsschäden betroffen, die er nicht so nennen wollte, weil ihm klar gewesen sein muß, daß das ein wenig zu hoch gegriffen wäre. Da kam der schwachsinnige Begriff „Kollateralschaden“ wie gerufen. Trotzdem: Die Unterscheidung zwischen „Kollateralschaden“ und „Kriegsschaden“ bleibt eine Pseudodifferenzierung. Henryk M. Broder hatte einen Kriegsschaden an seiner E-Mail-Inbox. Die E-Mails seiner Kritiker schlugen in seiner Inbox ein wie eine Bombe. Gottlob blieb Broder wie durch ein Wunder unverletzt. Ehe ich es vergesse: Broder schreibt über den Ukrainekrieg tatsächlich die Wahrheit nicht. Kann er wahrscheinlich auch nicht. Ein Indiz dafür, daß er es nicht kann, ist, daß er „die Wahrheit“ in Anführungszeichen gesetzt hat. Vermutlich glaubt er, daß es die Wahrheit nicht gibt. Sollte das zutreffen, befänden wir uns in einem grundsätzlichen Dissens, der hier aber nicht Thema sein kann. Broder schreibt auch von einem Überfall der Russen auf die Ukraine. Ein Überfall ist normalerweise etwas, das überraschend kommt. Es passiert etwas „überfallartig“, wie in diesem Satz: „Wir klingeln mitten in der Nacht bei Wrschtpfrmpft an der Haustür und überfallen ihn mit unserem Besuch“. Beim Angriff der Russen auf dem Staatsgebiet der Ukraine handelte es sich allerdings nicht um eine Überraschung. Man hatte seit Wochen damit gerechnet, weswegen auch Zeit geblieben war, Wetten darauf abzuschließen, ob der Einmarsch wohl erfolgen würde oder nicht. Was haben wir also? Putinisten, Kollateralschaden und Überfall. Damit liegt Broder 0:3 im Rückstand. Das 0:2 ist dem Foulelfmeter geschuldet, den Broder in jedem Buchstabenspiel für seine ägyptische Einlassung bekommt. Unter Experten spricht man vom „ewigen Elfmeter“.

Auch das Wort „Angriffskrieg“ statt „Überfall“ wäre nicht gut gewählt gewesen, weil es der Krieg ist, der zu vermeiden gewesen wäre. Jeder Krieg der Menschheitsgeschichte ging logischerweise mit einem Angriff los. „Angriffskrieg“ ist als Begriff etwa so sinnlos wie „Verkehrsschwangerschaft“. Daß es im Krieg einen Angreifer geben muß, ist eine Binsenweisheit. Friedrich der Große sagte einmal zum Thema Krieg & Angriff: „Angreifer ist, wer seinen Gegner zwingt, zu den Waffen zu greifen“. Da darf man es freilich als einen Fortschritt begreifen, daß es heutzutage einen Broder gibt, der Putinisten, Kollateralschäden und Überfälle erkennt, wenn er welche sieht. Spengler, Cicero, Montesquieu, Friedrich der Große – die kann man sich alle schenken, weil man nur wissen muß, was Henryk M. Broder meint & findet. Wenn man das nicht akzeptieren will, dann bekommt man in der „Weltwoche“ eben keinen Broder mehr zu lesen.

Vorschlag zur Güte, Henryk M. Broder: Wir vergessen einmal die unglücklich gewählten Wörter „Überfall“ und „Angriffskrieg“, sondern einigen uns auf „Eingriffskrieg“. Das beschreibt am besten, was passiert ist. Die Russen haben in der Ukraine militärisch eingegriffen. Das hätte nicht sein müssen, weil es vermeidbar gewesen wäre. Und zwar so vermeidbar, wie die Eingriffs-Maulschelle, die einer dafür kassiert, daß er „Isch fick deine Mudda!“ gesagt hat. Was Putinisten und Putin-Trolle dazu meinen, lassen wir getrost außer acht und verständigen die Feuerwehr oder den Katastrophenschutz, damit er die Kriegsschäden in der E-Mail-Inbox löscht, die höchstwahrscheinlich noch brennt – 0:4.

Der erste Schuß

Broder schlau: „Kaum einer bestreitet, dass Russland den ‚ersten Schuss‘ abgegeben hat, so gut wie alle legen ausführlich dar, warum Russland gar nicht anders konnte, als seine Armee in die Ukraine zu schicken. Es habe da ‚eine Vorgeschichte‘ gegeben, die man kennen und berücksichtigen müsse, um Russlands Handeln verstehen zu können.“ Kleine Einschränkung: Den ersten Schuss nach dem 23. Februar hat Russland abgegeben. Aber sei’s drum. Broder: „Das ist ein absolut valides Argument„. Leider hebt er dann an, ein valides Argument zu entkräften. Weiß der Geier, welcher Teufel ihn da geritten hat. Ich habe den Geier gefragt. Der Geier sagt, Broder hätte versucht, ein valides Argument lächerlich zu machen, weil er dachte, dadurch würde er vielleicht jene 9 Minuten Lesezeit zusammenbekommen, die der Broderist braucht, um sich davon überzeugen zu lassen, daß Broder ein valides Argument in ein unvalides Argument verwandeln kann wie Jesus das Wasser in Wein. Und dann läßt er sich Zeit, füllt Zeile um Zeile mit Beispielen von Sachverhalten, die eine Vorgeschichte haben. Stundenlang hätte er weitermachen können, ohne daß er bei Minute 354 und 12 Sekunden den Stich gemacht hätte, den er auch nach 7 Minuten und 23 Sekunden nicht gemacht hat. Und wo kommt er dann raus? Wo kommt Broder raus nach der ganzen Zeilenschinderei? Bei einer epochalen Erkenntnis: „Fest steht allerdings, dass Russland derzeit in der Ukraine wütet und nicht umgekehrt.“ – Ist es die Möglichkeit? Russland wütet in der Ukraine. Und außer den Russen wütet dort keiner, vor allem keine Ukrainer, die gegen Ukrainer wüten?

Vor dem Stahlwerk in Mariupol eine Strasse, die übersät ist mit den Leichen ukrainischer Zivilisten, sogar ein erschossener Labrador ist dabei. Alle aus der Tankstelle vor dem Stahlwerk heraus erschossen. Alle zehn Meter eine Leiche. Wer hatte sich im Stahlwerk verschanzt? Russen, die wüten? Wer war für das Massaker im Gewerkschaftshaus von Odessa verantwortlich? Russen, die in der Ukraine wüten? Nein, Broder schlau: Fest steht, daß in der Ukraine Ukrainer und Russen wüten – und daß die Ukrainer dort schon sehr viel länger gegen die ukrainischen Russen wüten, als die Russen aus Russland gegen die Ukrainer, die dort schon lange gegen die ukrainischen Russen wüten. Was sollte also diese alberne Auflistung von Sachverhalten, die eine Vorgeschichte haben? Ich erkläre mal ganz kurz, was die Vorgeschichte fast aller Vorgeschichten ist: Der Urknall. Und dessen Vorgeschichte wiederum ist wahrscheinlich saumäßig interessant. Schade, daß ich so wenig darüber weiß. Klären Sie mich auf, Herr Broder. Auf weniger als 1000 Seiten, wenn’s geht – 0:5.

Broder holt weit aus

Der Weltwoche-Verweigerungs-Erklärer: „Bevor ich auf die Zuschriften zurückkomme, die ich am Anfang erwähnt habe, will ich an einem harmlos scheinenden Beispiel zeigen, wie Stimmung erzeugt wird.“ – Danke, überflüssig. Der Ex-Broderist weiß bis hierhin schon, wie Stimmung erzeugt wird: Mit der Stimmungskanone. Anscheinend gibt es welche mit der Verkaufsbezeichnung „Henryk“. Narrenkappen auf – uuund: Stimmung!

Die Stimmungskanone: „Ein abgebrochener Theologe, der in das Fach Philosophie gewechselt ist, weist auf seiner Seite immer wieder darauf hin, die Ukraine sei ein korrupter Staat, eine korrupte Gesellschaft, mit einem korrupten Präsidenten, der mithilfe der Amerikaner an die Macht gekommen sei und jetzt das mache, was die Amis von ihm verlangen. In seiner letzten populärphilosophischen Stellungnahme zur Lage in der Ukraine schreibt er unter Berufung auf den „Korruptionsindex“ von Transparency International, die Ukraine sei „das korrupteste Land Europas“, das wäre inzwischen sogar den „Staatsfunkern“ von der Tagesschau aufgefallen, die sich ihrerseits auf einen Bericht des dänischen Außenministeriums berufen, wonach die Regierung in Kiew „einen Mangel an Willen zur Korruptionsbekämpfung“ erkennen lasse.“ Das hat der abgebrochene Hüne, der von den „St. Pauli Nachrichten“ ins Fach Politjournalismus gewechselt ist, richtig erkannt. Genau so wird die Ukraine von den Kenntnisreichen beschrieben. Broder: „So funktioniert Flaschenpost. Oder Globuli, die umso stärker wirken, je öfter sie verdünnt wurden. Die Botschaft, die aus jeder Zeile des Textes strömt, lautet: Ein dermaßen korruptes Land wie die Ukraine verdient es nicht, verteidigt zu werden. Es ist eine unausgesprochene, aber unüberhörbare Rechtfertigung der russischen Intervention.“ – Da schau her. Der Überfall ist eine Intervention. Erstaunlich, weil: Broder kann doch im Moment noch gar nichts von meinem Vorschlag zur Güte wissen, demzufolge „Eingriffskrieg“ statt „Überfall“ und „Angriffskrieg“ das besser gewählte Wort wäre. Die Intervention – der Eingriff. Von Broder selbst verwendet. Aber vorher noch einen auf „Überfall-Entrüstungsmännchen“ machen. Und schon heißt es 0:6.

Broder weiß es nicht

Da sollten sich die Broderisten allmählich mal fragen, ob … – schon deswegen, weil Broder selbst mit „ob“ weitermacht: „Ob und inwieweit die Korruptionsvorwürfe stimmen, weiß ich nicht. Aber darauf kommt es nicht an.„, schreibt er. Da machen wir einfach einen Deal. Er glaubt einfach allen, die behaupten, die Ukraine sei eines der korruptesten Länder weltweit – und im Gegenzug glauben Broder alle anderen, daß es nicht darauf ankäme, was er weiß. Es sieht nämlich ganz danach aus, als ob Broder selbst davon überzeugt wäre, daß es reicht, „der Broder“ zu sein, auch ohne etwas zu wissen oder gar wahrhaben zu wollen. Jedenfalls kommt Broder dann zu dem Schluß, daß „Korruption oder nicht“ kein Beurteilungskriterium für militärische Interventionen sein kann, und daß man andernfalls in Mecklenburg-Vorpommern oder in Bayern, Rumänien, Malta und Zypern intervenieren könnte. Zeile um Zeile fügt er wieder aneinander, um auf seine 9 Minuten Lesezeit zu kommen. Als nächstes schreibt er den Broderisten – ohne, daß es ihm selbst auffallen würde – auf, weshalb man auch in seinem Fall intervenieren könnte, um ihm alles abzunehmen, womit man schreiben kann. Broder: „Angesichts des Massakers, das derzeit in der Ukraine stattfindet, ist es infam, die Korruption in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Wie würden wir es finden, wenn irgendein Philosoph im Zusammenhang mit der ‚Endlösung‘ darauf hinweisen würde, dass unter den ermordeten Juden auch einige Steuersünder dabei waren?“ – Was ist im Zusammenhang mit einer Broderschen Weltwoche-Verweigerungs-Erklärung aber tatsächlich infam? Das hier: Zu behaupten, Korruption angesichts eines Massakers in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, sei infam einerseits, um andererseits zu behaupten, man habe angesichts des Massakers einen Kriegsschaden („Kollateralschaden“) an seiner E-Mail-Inbox erlitten. Starke Zweifel an der Lauterkeit einer Person bekomme ich auch immer dann, wenn sie eine „Intervention“ mit einem Genozid vergleicht.

Im übrigen finden „wir“ gar nichts. Broder findet etwas. Ein anderer findet etwas anderes. Das ist die bunte Vielfalt im allgemeinindividuellen Meinen & Finden. Und die haben „wir“ bekanntlich löblich zu finden. Da kann er nicht einfach „Wir finden“ schreiben. Bin ich Mitglied der Brodergemeinde, oder was? Ich finde zum Beispiel, daß Broder seine Religionszugehörigkeit wie so eine Art Welpenschutz zu begreifen scheint, der ihn unangreifbar machen soll. Außerdem finde ich, daß jeder ein Antisemit ist, der einem Menschen nicht die gesamte Bandbreite menschlicher Charakterschwächen zugestehen will, nur weil dieser Mensch jüdischen Glaubens ist. Ich habe absolut etwas gegen Antisemitismus. Gegen Obsessionen habe ich allerdings auch etwas. Gegen die von Broder leider nichts Wirksames. Ein weiterer, sehr wesentlicher Zeitanteil seiner 9 Leseminuten geht nämlich für Broders obsessive Beschäftigung mit den Deutschen und dem Holocaust drauf. Es ist einfach nur noch ermüdend. „Es macht immer wieder Spaß, den Verrenkungen zuzusehen, mit denen unbelastete Nachkriegsdeutsche versuchen, dem Würgegriff ihrer Geschichte zu entkommen.„, schreibt er. Was die Stimmungskanone eben spaßig finden darf, wenn sie Broder heißt und Broder ist. Es sei mir erlaubt, die Verrenkungen der Stimmungskanone unlustig zu finden. Inzwischen haben wir einen brasilianischen Spielstand: 0:7. Obwohl Broder gar kein Brasilianer ist.

Korruption als einziges Kriterium

Aber was hat das jetzt alles mit den wütend interventionierenden Russen in der Ukraine zu tun? Broder kommt hier heraus: „Der unvermeidliche Hinweis auf die allgegenwärtige Korruption in der Ukraine dient demselben Bedürfnis wie die Verbreitung antisemitischer Klischees – dass die Juden geldgierig, gemein und dauergeil sind. Gut, man hätte sie nicht gleich umbringen müssen, aber irgendwie waren sie für ihr Schicksal auch mitverantwortlich, oder? Und die Ukrainer? Wenn die nur nicht so korrupt wären …“ – und unterschlägt dabei, daß das bei weitem nicht die einzige Erklärung ist, die man für den Krieg in der Ukraine finden kann. Es gibt mehr als ein Dutzend weiterer. Die Stichhaltigste: Der Krieg in der Ukraine findet deswegen statt, weil er nicht vermieden worden ist. Das wäre der politische Job gewesen. Oswald Spengler 1936: „Der Frieden ist ein Wunsch, der Krieg hingegen eine Tatsache“. Dieser Krieg ist Resultat eines politischen Totalversagens auf allen Seiten und keinesfalls das alleinige Resultat russischer Bösartigkeit. Das ist ein Krieg mit einer elend langen Ankündigungsphase und multiplen Möglichkeiten, die es vorher gegeben hat, ihn abzuwenden. Es ist einfach infantil, sich über Resultate zu beschweren, an deren Entstehung man selbst beteiligt gewesen ist. Dieser Krieg wurde schlicht und einfach in Kauf genommen. Und zwar von denen, die jetzt die meisten Krokodilstränen darüber vergießen und sich in einer Sanktionsorgie ergehen, die keinem anderen Zweck dient, als ihr eigenes Versagen zu verneinen – und um den Preis, daß die Bevölkerungen dieser Versagerländer die Versagersuppe auch noch auslöffeln sollen.

Broder weiter: „Wofür ich keine Erklärung habe, ist das Verhalten der Hardcore-Putinisten, die allen Ernstes behaupten, die Russen seien einem Nato-Angriff zuvorgekommen, die russische Armee würde keine zivilen Ziele angreifen und sich überhaupt die allergrößte Mühe geben, Blutvergießen zu vermeiden.“ – So ist das eben bei Hardcore-Realitätsverweigerern, wenn sie keine Belege wahrnehmen wollen, weil sie ihnen nicht in ihren Narrativ-Kram passen. Es gibt Statistiken zu den zivilen Opfern in den verschiedensten Kriegen des vergangenen halben Jahrhunderts. Wenn es nicht so zynisch wäre, könnte man behaupten, daß die Ukrainer vergleichsweise sehr gut abschneiden – und daß sie deutlich schlechter dran wären, wenn sie von den USA angegriffen worden wären. Die US-Airforce macht normalerweise erst einmal aus der Luft alles platt, bis sich auf dem Boden kein Mäuschen mehr regt, ehe die Army mit Bodentruppen vorrücken. Das hält ihre eigenen „Verluste“ gering. Und es ist nun einmal nicht zu bestreiten, daß die ukrainische Verteidigungsstrategie wesentlich darin bestand, Geschützstellungen zwischen Wohnblocks, neben Krankenhäusern und Schulen einzurichten, wohlwissend, daß diese Geschützstellungen bekämpft werden würden. Und dennoch ist der Blutzoll unter den armen Ukrainern vergleichsweise niedrig. Das ist so. Leider ist es auch so, daß Broder durchaus eine Erklärung haben könnte, wenn er denn eine haben wollte. Er will halt nicht. Das hätte sich in weniger als 9 Minuten Lesezeit klären lassen.

Und Schluß

Vollkommen lächerlich daher: „Auch in der ‚Weltwoche‘ kommen Putinversteher zu Wort, die Russlands verlorene Ehre wiederherstellen wollen. Deswegen beende ich mit diesem Text meine Mitarbeit bei dieser Zeitschrift. Schade, aber es geht nicht anders. Klarheit vor Einheit!“ – Disagree: Klarheit vor Dummheit! Wenn hier einer seine verlorene Ehre wiederherzustellen hätte, dann ist es Broder selbst. Das scheint er aber nicht für möglich zu halten. Und auch dafür hätte ich eine Erklärung, die er selber offenbar nicht hat. Broder ist in das Bild verliebt, das er von sich selbst pflegt. Es geht Broder im Grunde immer nur um Broder. Deswegen ist er auch schon einmal furchtbar fuchtig geworden, wie der „Tagesspiegel“ am 9. Dezember 2008 berichtete. Zitat: „Teilerfolg für Evelyn Hecht-Galinski: Die Tochter des verstorbenen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin darf den Publizisten und Tagesspiegel-Autor Henryk M. Broder nach einem Urteil des Landgerichts Berlin weiter als ‚Pornoverfasser‘ bezeichnen. Broder will gegen die Entscheidung in Berufung gehen.“ Aus dem Urteil des Landgerichts: „Wer das Recht der freien Meinungsäußerung in der Weise benutzt wie der Kläger, muss sich auch selbst deutliche Kritik an seiner Person gefallen lassen.“ Broder damals laut „Tagesspiegel“: „Ich habe in der ersten Instanz meine Gegner immer gewinnen lassen. In der zweiten kommt dann die Überraschung„. Ob er dann tatsächlich Berufung eingelegt hat, weiß ich nicht. Irgendwann werde ich noch einmal eine Betrachtung zum Unterschied von Großmut und Großmaul schreiben. Henryk M. Broder ist ganz unzweifelhaft der Verfasser des Buches „Wer hat Angst vor Pornographie?“. Im Zuge seiner später abgewiesenen Klage hatte er argumentiert, er schreibe über Pornographie, aber er verfasse keine. Das heißt, daß er seine Differenzierungsfähigkeit dann gebraucht, wenn sie ihm nützlich erscheint – und da, wo das nicht der Fall ist, eben nicht. In einem ganz anderen Prozess gegen Evelyn Hecht-Galinski errang Broder einen Erfolg: Er durfte sie auch weiterhin als „antisemitisch-antizionistisch“ bezeichnen, weil das von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sei, hieß es im Urteil. „Pornoverfasser“ gegen Broder einerseits – und „antisemitisch-antizionistisch“ von Broder andererseits: Seine Meinungsfreiheit und die der anderen. Broder und seine Gegner brauchen offenbar Gerichte, um feststellen zu lassen, wem was genau zusteht. Bei mir ist Broder endgültig unten durch. Den nehme ich nicht mehr ernst. Deswegen beende ich mit diesem Satz meine Medienkritik. Schade, aber es geht nicht anders. Klarheit vor „9 Minuten Lesezeit“!

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