Ukrainebotschafter Melnyk bald weg aus Deutschland? - Foto: Imago

Ukrainebotschafter: Wer war Andrij Melnyk?

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hat überzogen. Nach einer ganzen Reihe despektierlicher Äußerungen verteidigte er zuletzt in einem Interview mit Tilo Jung den ukrainischen Faschistenführer und OUN-Mitgründer Stepan Bandera, der in Polen, in Israel und in Russland als Judenmörder, Polenmörder und Nazi-Kollaborateur gilt. Das ukrainische Außenministerium sah sich daraufhin zu der Aussage genötigt, Melnyk habe lediglich eine Privatmeinung mitgeteilt und distanzierte sich von Melnyks Einlassungen. Nun soll er Agenturmeldungen zufolge noch vor dem Herbst nach Kiew zurückbeordert werden, um dort „stellvertretender Außenminister“ zu werden.

von Max Erdinger

Vor Andrij Melnyk gab es bereits einen anderen Andrij Melnyk. Er lebte von 1890 bis 1964 und ist neben Stepan Bandera, Jewhen Konowalez und Roman Suschko einer der Gründer der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) gewesen, einer 1929 in Wien vorgestellten Nachfolgeorganisation der 1921 in Prag gegründeten „Ukrainische Militärische Organisation“.

Der ewige Melnyk

Zur Geschichte der OUN und der von Stepan Bandera äußerte sich in der „Welt“ der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe, Verfasser einer wissenschaftlichen Bandera-Biographie. Er widerspricht dem Botschafter Melnyk vehement. Wie es aber so ist mit der Geschichte generell: Ein- und dieselben historischen Vorgänge werden in verschiedenen Weltgegenden retrospektiv unterschiedlich beurteilt. Die OUN zu Banderas Zeit in den 1930ern war lediglich im polnischen Teil der Ukraine aktiv, im sowjetischen hingegen bedeutungslos. Das heißt, etwa achtzig Prozent der Ukrainer zu Banderas Zeiten hatten mit der OUN nichts zu tun. Der baldige Ex-Botschafter Melnyk kam in Lwiw (Lemberg) zur Welt, siebzig Kilometer hinter der polnischen Grenze, dem Teil der heutigen Ukraine also, in dem Banderas OUN populär gewesen ist – und noch immer ist. Der derzeitige Noch-Botschafter Melnyk studierte Jura in Lwiw. Ironie der Geschichte: Der streitbare Botschafter kommt also nicht nur aus „Bandera-country“, sondern ist auch noch namensgleich mit einem der Mitgründer von Banderas Faschistenbewegung. Zufälle gibt es, die schier unglaublich sind. Warum in aller Welt wird ein Junge, der 1975 in Lwiw zur Welt kommt und Melnyk heißt, auch noch auf den Vornamen Andrij getauft? In der Sache seiner Abberufung als ukrainischer Botschafter in Deutschland freilich ist dieser Zufall bedeutungslos.

Unbeliebter Botschafter

Der Botschafter Melnyk nannte den Kanzler eine „beleidigte Leberwurst“, positionierte sich gegen den deutschen Admiral Schönbach und General Vad, und twitterte zuletzt, die deutschen Unterzeichner eines Appells für Verhandlungen statt Kriegsfortführung sollten sich zum Teufel scheren. Überhaupt benahm sich Andrij Melnyk so, als habe er nie um etwas zu bitten, sondern immer nur zu fordern. Immer mehr Deutschen ging der ukrainische Botschafter gehörig auf den Geist. Man kann darüber spekulieren, was nicht nur Melnyk, sondern auch den ukrainischen Präsidenten zu der Überzeugung kommen ließ, sie könnten einerseits von Deutschland fordern, die Deutschen andererseits aber auch verächtlich behandeln und bspw. den Bundespräsidenten zur persona non grata in der Ukraine erklären. Möglich wäre, daß ihnen der Status der Deutschen in Bezug auf ihren eigenen Schutzpatron, die USA, bestens bewußt ist, so daß sie Deutschland und die Ukraine betrachteten, als seien beide Länder die gleichberechtigten Geschwisterchen des gestrengen Herrn Papa in den USA, weshalb der deutsche Familiensproß mit dem Wohlwollen von Papa Joe zu maßregeln war dafür, daß er fast schon einen ostentativen Unwillen zeigte, mit Feuer & Flamme für das ukrainische Familienmitglied zu brennen.

Eine gewisse „alte Herrenmenschenattitüde“ von Melnyk käme auch in Betracht. Es könnte sein, daß er die „neue Herrenmenschenattitüde“ der Deutschen als Moralweltmeister für eine fehlgeleitete Herrenmenschlichkeit hält. Immerhin galten und gelten die russischen Ukrainer den Westukrainern als „Orks“. So wurden und werden sie auch genannt in der Ukraine. Inzwischen sogar in Kiew, was nun wahrlich nicht gerade die Westukraine ist. Bandera wurde nach 2014 auch weit über den ursprünglichen Wirkungskreis der OUN hinaus populär. Da fand ein regelrechtes, ukraineweites Bandera-Revival statt. Und der Präsident selbst sagte in einem Interview, es sei normal und „cool“, daß Bandera für einen „gewissen Prozentsatz“ der Ukrainer ein patriotischer Freiheitskämpfer sei. Das würde heißen, daß es in Deutschland und der Ukraine zwei verschiedene Herrenmenschenattitüden gäbe, die miteinander kollidieren. Der heutige, polit- und geschichtskorrekte Deutsche hält die altherrenmenschlichen Ukrainer aus Lwiw wahrscheinlich für solche Untermenschen wie seine eigenen Vorfahren. Aber das ist alles Spekulation. Fest steht lediglich, daß die Bundesregierung Andersdenkenden gegenüber eine sehr merkwürdige Politik betreibt und dabei in der alten herrenmenschlichen Tradition verharrt, pfiffige Euphemismen für absolute Scheußlichkeiten zu erfinden, wie beispielsweise die „verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. Und diese ganzen LBGTQ-Flaggenparaden erinnern ja auch nicht umsonst an die Beflaggung von Nürnberg anläßlich der Reichsparteitage.

Der stellvertretende Außenminister Melnyk

Nun ist es so, daß sich die Polen trotz Bandera seit geraumer Zeit gehörig an die ukrainische Regierung herangewanzt haben. So viel Liebe zwischen Ukrainern und Polen wie allerweil war noch nie. Sogar die Grenzkontrollen zwischen der Ukraine und Polen sollen fallen, was interessant ist angesichts der Tatsache, daß gerade erst eine 5 Meter 50 hohe Grenzmauer zu Weißrussland fertiggestellt wurde. Niemand in der EU fragt bei den Polen nach, was im Fall der Ukraine eigentlich mit dem polnischen Schutz der EU-Außengrenzen los ist. Polen sollen sich auch direkt in die Werochnwa Rada, das ukrainische Parlament wählen lassen können, hat man in jüngster Zeit munkeln hören. Dementsprechend dann auch die Erklärung des polnischen Außenministeriums zu Melnyks Einlassungen in Deutschland. Wie im ukrainischen Außenministerium auch, hieß es aus dem polnischen Außenministerium, die private Meinung eines Einzelnen sei nicht maßgeblich.

Warum soll Melnyk also dem Vernehmen nach „stellvertretender Außenminister“ der Ukraine werden? – Logisch: Es gibt in der Ukraine eine unglaubliche Vielzahl von Privatmeinungen, denen zufolge Bandera ein ukrainischer Freiheitskämpfer sei, Faschist hin oder her. Und diese Vielzahl an Meinungen muß berücksichtigt werden, wenn man ihren Inhabern nicht eine vor den Kopf knallen will. Deshalb war es wohl das klügste, Melnyk in der Ukraine einen statusträchtigen aber einflußlosen Job zu verschaffen, anstatt das zu tun, was man angesichts der aktuellen polnisch-ukrainischen Harmonie am liebsten täte, nämlich, den Herrn Melnyk zu maulschellieren für sein loses Mundwerk. In der Ukraine gilt allerweil: Bandera schon, darüber reden lieber nicht. Jedenfalls nicht, solange das Ausland dabei zuhört. Klüger ist das. Die Deutschen tun sich mit einem trotzigen Banderisten als ukrainischem Botschafter sichtlich schwer. Man hätte in der Ukraine augenblicklich nichts davon, wenn sich Polen und Deutsche mit irgendeinem ukrainischen Anliegen schwertäten, ganz egal, wie sehr man Melnyk insgeheim beipflichtet.

Deutschland ohne Melnyk

Was hat Deutschland davon, wenn Andrij Melnyk den Botschafterposten los ist, den er seit 2015 hat? – Nichts Substantielles. Es gäbe einen Impertinenzler weniger im Land. In der Sache ändert sich sonst aber nichts. Es wird einen neuen ukrainischen Botschafter geben, der sich moderater äußert. Das ist alles. Es ist ja auch nicht der ukrainische Botschafter das Problem. Wenn überhaupt ein Botschafter das Problem wäre, dann ist es der amerikanische. Solange den Deutschen und den Europäern nicht klar wird, wie dringend sie sich schleunigst von den USA emanzipieren müssten, wenn sie nicht von den transatlantischen U-Booten mit auf den Meeresgrund hinuntergerissen werden wollen, sind Botschafterfragen die reine Ablenkung vom Wesentlichen, auch wenn Melnyk niemand nachtrauern dürfte.

Global betrachtet verliert die – ihrer Eigenwahrnehmung nach – „letzte verbliebene Supermacht auf Erden“ im Augenblick ihren Kampf um den Erhalt des Status‘ als Hegemon. Den wiederum hat ihnen seit Jahren niemand mehr eingeredet außer sie sich selbst, respektive diejenigen Kreise in den USA, die auch Donald Trump unbedingt weghaben wollten. Der hatte bekanntlich immer dafür plädiert, die USA sollten ihre Rolle als Weltpolizist aufgeben und das eigene Land in Ordnung bringen („Make America Great Again“). Daß sein Slogan bedeute, die USA sollten die ganze Welt unterjochen, war eine böswillige Mißinterpretation derjenigen, die an einer solchen Mißinterpretation ein eigenes Interesse hatten.

Berlin ’38-Style (in London 2022) – Screenshot Facebook

Deutschland und die EU waren mit ihrer Hinwendung zu Russland auf dem goldrichtigen Weg und marschieren als treue US-Vasallen nach ihrer Umkehr heute erst in die Katastrophe. Das Geschwätz von den westlichen Werten, die in der Ukraine angeblich für ganz Europa verteidigt werden, ist nichts als wohlfeile Einbildung, um die inzwischen „westwertlosen“ Zustände in den Ländern der EU und in den USA selbst nicht wahrhaben zu müssen. Am Verlust dieser westlichen Werte jedoch trägt Russland nicht die geringste Schuld. Die Russen dürften beim Anblick der Regenbogenbeflaggung in der Londoner Regent Street heute wahrscheinlich so weit im Strahl kotzen wie anno dunnemals beim Anblick der Beflaggung anläßlich der Reichsparteitage. Noch nicht einmal alle europäischen Nationen machen bei der allerneuesten „Herrenmenschenideologie“ mit. Ungarn zum Beispiel nicht. Russland nicht, China nicht, Indien nicht, die ganze islamisch geprägte Welt nicht und Brasilien auch nicht.

Sei es wie es sei: Ohne Andrij Melnyk gibt es in Deutschland ein mediales Aufregerchen weniger. Das ist zwar schön in der allgemeinen Häßlichkeit, aber substantiell schöner wird davon nichts. Richtig schön wäre, wenn man die EU-Kommission und die westlichen Regierungen in die Ukraine ausfliegen könnte, um sie dort als „Trümmerfrauen“ zum Steineschleppen und Betonmischen einzusetzen. Dieser Krieg ist das Resultat eines politischen Totalversagens im Westen. Die EU wusste seit Jahren, welches Spiel die USA in der Ukraine betreiben, und unternahmen – wahrscheinlich aus Konfliktscheu mit den USA – nichts, um es zu stoppen. Jetzt haben wir den Salat. Es geht nicht um Russlands Untergang, sondern um unseren eigenen. Hoch gepokert und verloren. Oder lakonischer: Dumm gelaufen. Die NATO ist übrigens kein defensives Verteidigungsbündnis, sondern ein hochaggressives Machtinstrument der USA, hauptsächlich zu deren eigener Verfügung.

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