Der Königssee - Bild: Jouwatch

Deutsches Schicksal: „Die Zeiten ändern sich. Sonst ändert sich nichts“

Geschichte bleibt ein Faszinosum, die Deutschen bleiben eines. Und nicht nur sie. Es wird sich nichts Grundlegendes ändern.

von Max Erdinger

Die Wassermassen: In einem heißen Sommer werden die oberflächlichen Wasserschichten im Königssee maximal 16 Grad warm. Bereits wenige Meter unter der Oberfläche liegt die Wassertemperatur das ganze Jahr konstant bei sechs bis sieben Grad, egal, was das Wetter macht. Dort ändert sich nichts. Es ist wie in der Geschichte von Volk & Macht. Es ändert sich nichts. Immer gibt es eine „Führung“, die sich von Zeit zu Zeit ändert und jeweils neue Parolen ausgibt, aber an der Masse ändert sich nichts.

Erste Feststellung

Anna (Name geändert) ist 34 Jahre alt. Sie ist mit einem Freund meines Sohnes verheiratet. Anna ist Pharmakologin und Gerichtsmedizinerin, in der Ukraine zur Welt gekommen und dort aufgewachsen. Vor sechs Jahren hat sie sich aus ihrer Heimat für immer verabschiedet und lebt seither in Deutschland. Gelegentlich sitzen wir im Garten beisammen und sie erzählt von ihrer Zeit in Donezk. Ohne in die Details zu gehen (ich will ohnehin einmal ein detailliertes Interview mit ihr im Wortlaut veröffentlichen): Es sind haarsträubende Geschichten. Wirklich: Es ist absolut „f*cking unfassbar“, was sie gerade zwischen 2014 und 2016 in einer Apotheke in Donezk erlebte. Sie hätte auch als Gerichtsmedizinerin arbeiten können für umgerechnet 150 Euro im Monat. Der Apothekenjob war besser bezahlt. Sie hätte allerdings als Gerichtsmedizinerin locker auch 1.500 – 3.000 Euro monatlich verdienen können, wenn sie Totenscheine mit der „behördlichen“ Wunsch-Todesursache ausgestellt hätte. Dazu hätte sie noch nicht einmal mehr Autopsien durchzuführen brauchen. Jedenfalls: Wenn man gebannt den erschütternden Erzählungen Annas lauscht – z.B. wie sie sich in einer Nachtschicht in den Tresorraum der Apotheke flüchtete und dort einschloß – und gar nicht mehr weiß, was man dazu noch sagen soll – und das dann dem westlichen Mediennarrativ von der „armen Ukraine“ gegenüberstellt, wird einem schnell klar, warum nie von den „armen Ukrainern“ die Rede ist, sondern eben immer nur von der „Nation Ukraine“, dem Völkerrecht, der ukrainischen Souveränität, „Putins Angriffskrieg“, den „westlichen Werten“, der „Demokratie“ die dort „für uns“ verteidigt wird usw.usf. – Wenn man sich dann überlegt, daß die deutschen Massen das tatsächlich fressen, dann ist man in Gedanken schnell wieder am Königssee. Die Oberflächentemperatur ändert sich. Nur wenige Meter tiefer bleibt alles immer gleich.

Kriegsausbruch 1939: Originale Filmaufnahmen von der Stimmung im Land. Krankenschwestern, die wenig später in den Lazaretten arbeiten werden, versammeln sich zu einem feierlichen Gelöbnis auf den Führer. Diese Gesichter. Diese Gläubigkeit. Dieses Rechthaben. Dieses „auf der richtigen Seite sein“ – Wahnsinn. Herbst 1940: Vereinzelt treffen die ersten Bomben auf Häuser in Berlin. Alles in allem kann die deutsche Luftwaffe aber den Luftraum noch sichern. Bomben, die es bis nach unten schaffen, sind die Ausnahme. Deutsche Wochenschau damals: Berliner fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin, wo die Bomben eingeschlagen hatten. Sensation. Es werden Fotos gemacht. Es ist Krieg. Wenige Wochen vorher: Vor dem sommerlichen Café Kranzler sitzen Deutsche bei Kaffee und Kuchen, im Strandbad Wannsee herrscht fröhliche Ausgelassenheit. Es herrscht die „Layla“ des Jahres 1940. Natürlich weiß man im Jahr 2022, wie das alles weiterging und wie es in Berlin keine fünf Jahre später ausgesehen hat. Aber man sieht die Masse des Jahres 1940 und sieht Parallelen in ihrem Benehmen. Später dann „Dienstverpflichtung“ von Frauen und Müttern für die Kriegsproduktion. Alle geben ihr Bestes. Niemand murrt oder klagt. Diese Zuversicht. Man duscht eben kalt. Der Königssee. In wenigen Metern Tiefe ist die Temperatur immer gleich, nur an der Oberfläche ändert sie sich. Erste Feststellung also: Im Grunde ändert sich nichts.

Zweite Festellung

Weil sich im Grunde nichts ändert, ändert sich auch der Erfolg von Propaganda nicht. Das Volk ist nie der Souverän. Daß es der Souverän sein könnte, ist eine schöne Vorstellung. Deutsche haben eine romantische Ader. Wenn sie „Französische Revolution“ lesen, denken sie „Fortschritt“. Vielleicht könnte das Volk tatsächlich der Souverän sein, wenn es wüsste, was wirklich vor sich geht. In dem Moment, in dem sich Information in Propaganda verwandelt, wäre die Illusion von der Volkssouveränität bereits zu begraben. Warum funktioniert Propaganda überhaupt? Weil es Illusionen gibt, welche der Einzelne – und dann auch die Masse – liebgewinnt. Sie passen zu dem, was ihm gefällt. Dem Deutschen gefällt die Idee, daß er in einem demokratischen, freiheitlichen und rechtsstaatlichen Land leben könnte. Ihm gefällt die Idee, daß im Grunde nur das passiert, was eine Mehrheit will. Also glaubt er gern, daß dem so sei. Ob die Mehrheit will, was sie will, weil es jemand geschafft hat, ihr einzureden, daß sie es zu wollen habe, will er lieber nicht so genau wissen. Er stellt sich auch ungern selbst in Frage, weil er instinktiv weiß, daß ihm das ein ungutes Gefühl machen könnte. Er ahnt, daß er so wie bisher eventuell nicht würde weitermachen können und hofft, daß es für ihn selbst schon noch erträglich ausgehen wird. Er muß sich eben anpassen, notfalls einfach den Mund halten und „mitmachen“. Er hatte schließlich einen Lebensplan. Auf den hin hat er alles ausgerichtet. Da kann er nicht einfach alles über den Haufen werfen. Was bildet sich einer ein, der ihm erzählt, daß er genau das als allererstes machen müsste? Die anderen machen es doch auch nicht. Der Königssee. Still liegt er da zwischen hohen Felswänden. Die Oberflächentemperatur ändert sich. Sonst ändert sich nichts. Zweite Feststellung also: Die tatsächliche Macht hat immer freie Hand.

Dritte Feststellung

Weil dem Deutschen die Idee gefällt, daß er in der Masse „der Souverän“ sein könnte, gefällt ihm auch die Idee, daß er sich Vertreter wählt, die dann tatsächlich seine Interessen wahrnehmen. Dadurch kann er sich dann um „Wichtigeres“ kümmern: Seine persönlichen Interessen. Der Tag hat schließlich nur 24 Stunden. Aus dem Volk und für das Volk – das sind seine Vertreter. Daß die dann, wenn sie tatsächlich „aus dem Volk“ wären, wahrscheinlich nicht anders ticken würden als er selbst und eben ihre eigenen Interessen wahrnehmen – und zwar auf seine Kosten – möchte er sich lieber nicht vorstellen. Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und die ganze Schlagwort-Palette des guten Gewissens rauf und runter: Ja, schon notwendig, aber besser, wenn er selbst nicht behelligt wird damit. Kultiviert ist es, das alles von Vertretern regeln zu lassen. Er lebt schließlich in einer Kulturnation und zahlt Steuern. Nicht zu knapp. Der Staat hat gefälligst kultiviert zu sein. Alles andere ist persönliche Freiheit. Dritte Feststellung: Der deutsche Souverän liebt die Illusion von seiner eigenen Mündigkeit. Der Königssee ist tief.

Vierte Feststellung

In anderen Weltgegenden gibt es auch andere Informationen. In anderen Weltgegenden sind alle falsch informiert. Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind schließlich da zuhause, wo der Deutsche selbst lebt. In anderen Weltgegenden gibt es praktisch gar kein richtiges Leben. In Russland zum Beispiel. Wenn Russland nicht so mächtig wäre, müsste man die Russen fast bemitleiden. Wahrscheinlich sollte man die Russen entmachten, damit sie „menschlich“ werden. So „menschlich“ wie der deutsche Souverän mit seiner Demokratie, der ganzen Freiheit und seiner formidablen Rechtsstaatlichkeit. Gut, daß einer, der eine Elfjährige vergewaltigt hat, mit einer Bewährungsstrafe davon kommt, während einer, der seine GEZ-Gebühren partout nicht bezahlen will, tatsächlich eingesperrt wird. Das ist ja gerade das Schöne am deutschen Rechtsstaat: Da werden nicht alle über ein- und denselben Kamm geschert, sondern individuellgerecht be- und verurteilt. Ein Untertan ist der deutsche Demokrat jedenfalls nicht. Die Russen sind Untertanen. Arme Untertanen. Wären sie, wenn Russland nicht so mächtig wäre. Die Russen sind aber der Feind. Weil es eben so ist. Die leben hinter dem Mond und haben von nichts eine Ahnung. Außerdem sind sie aggressiv. Aggression ist männlich. Sieht man ja: Der Putin spielt Eishockey und reitet mit nacktem Oberkörper quer durch Sibirien. Gottseidank sind die hysterischsten Kriegstreiber in Deutschland allesamt weiblich. Vierte Feststellung: Der deutsche Souverän kennt sich aus, schon immer, und irrt sich nie. Seit es ihn gibt, ist der Königssee tief.

Fünfte Feststellung

Man muß mit der Zeit gehen, sonst geht die Zeit ohne einen. Immer muß man mit der Zeit gehen, um dabei zu sein. Keinesfalls kann man seine eigene Zeit haben. Sie würde einfach nicht dableiben. Der deutsche Souveränität hat keine Zeit für Dinge, die ihm seine Zeit stehlen würden. Lesen, diskutieren, nachdenken, sich fortbilden, Neues lernen, neugierig bleiben, beobachten, analysieren, überrascht sein: Keine Zeit! Es gibt Dinge, die einfach festzustehen haben: Keine Zeit zu haben, ist wichtig. Man kann auch so eine Meinung haben. Das ist die Meinungsfreiheit. Und dann das: Russland, China, Indien, Brasilien, Iran und Südafrika haben auf einmal keine Zeit mehr, sich von der eingebildeten Wichtigkeit des Deutschen die Zeit stehlen zu lassen. Und der amerikanische Freund hat keine Zeit mehr, Freund zu sein. Er hat sich um Wichtigeres zu kümmern: Um sich selbst. Da bleibt er ratlos zurück, der Deutsche: Erkennt denn außer ihm niemand den Wert von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit? Er kann doch nicht ganz allein demokratisch, freiheitlich und rechtsstaatlich zurückbleiben? Wo ist die Freundlichkeit derjenigen, zu denen er freundlich gewesen ist? Ob er allerdings jemals das gewesen ist, wofür er sich all die Jahre gehalten hatte: Er will es gar nicht wissen. Die Welt ist verrückt geworden, nur er selber nicht. Moralische Loser allüberall, außer eben zwischen Flensburg und Berchtesgaden. In seinem Land sitzen schließlich die Grünen mit in der Regierung. Das sind die Besten, die man nur haben kann, wenn man ein freiheitlicher Demokrat ist, der viel auf die Rechtsstaatlichkeit gibt. Die Grünen sind sozusagen der Gipfel des demokratischen Fortschritts seit dem ollen Adolf. Beweis: Die Bilder vom Kranzlereck in Berlin sind heute alle farbig und gestochen scharf, bevor die Bomben fallen. Das ist der Fortschritt. Fünfte Feststellung also: Wenn ein Rüde, der sich für eine Hündin hält, in den Königssee pinkelt, dann wird der See davon etwa in dem Maße theoretisch tiefer, in dem der Deutsche theoretisch das Weltklima rettet. Bereits wenige Meter unter der Oberfläche ändert sich nicht einmal theoretisch etwas.

Sechste Feststellung

Die Grünen sind eine pazifistische Partei, in der alle ganz, ganz lieb zu den „die Menschen“, allen Tieren und der lieben, lieben „Umwelt“ sind. Gut, das ist nur das, was sie über sich behauptet haben. Tatsächlich machen sie alles ganz anders. Sie exportieren Kriegswaffen dorthin, wo sie keinesfalls welche hinexportiert hätten, wenn stimmen würde, was sie über sich behauptet haben. Und daß ihre Windräder die Böden austrocknen, von der ersten Minute ihrer Produktion über den Transport an ihren Aufstellort und den Abriß nach Jahren mehr Energie verbrauchen, als sie liefern – und nebenher noch die ganze Ornithologie killen während sie die Landschaft verschandeln – geschenkt. Der „gute Deutsche“ von heute hat dermaßen wenig Selbstachtung, daß er es niemandem verübelt, wenn er ihn anlügt, daß sich die Balken biegen. Schließlich ist er der Souverän. Er kann es verkraften, wenn es von der Regierung heißt, es würde keine Impfpflicht geben – , daß die Einführung einer solchen kurz danach dennoch heftig debattiert wird und mit allen Mitteln durchgesetzt werden soll. Der Lügner hatte es schließlich gut gemeint. Ein edles Motiv macht jede Lüge wett. Deswegen gibt es den Deutschen auch in einer Vielzahl von Geschlechtern, nicht nur in zwei verschiedenen. Damit er nicht mehr in eines von beiden Geschlechtern hineingezwängt leben muß. Das ist Freiheit! Seine Freiheit läßt er sich gern gefallen, der Deutsche. Jedenfalls muckt er nicht größer gegen seine Freiheit auf. Im Gegenteil: Er kennt sogar noch ihre Steigerung! Das sind seine „Freiheiten“. Und gerechter als die Gerechtigkeit sind seine diversen Gerechtigkeiten. Die Rassengerechtigkeit, die soziale Gerechtigkeit, die Geschlechtergerechtigkeit, die Klimagerechtigkeit – Gerechtigkeiten so weit das Auge reicht. Sehr gerecht, weniger gerecht, kaum gerecht, mindergerecht – aber immer gerecht. Ungerecht sind andere, der Deutsche nie. Selbstgerecht ist er auch nicht. Niemals. Die Gerechtigkeit ist eine Erfindung aus Deutschland und dort wird sie auch seit jeher modifiziert. Und zwar „am gerechtesten“. Der Deutsche ist auch nicht einfach tot, wenn er gestorben ist, sondern je nach Wichtigkeit tot, töter, am tötesten. Sagt er „jetzt mal so“. Weil es „für ihn so aussieht“. Und weil sowieso alles relativ ist. Sechste Feststellung: Wenn der Königssee nicht mit Wasser voll wäre, sondern mit Gülle, dann wäre er genauso tief.

Wenn man sich vergegenwärtigt, was Deutsche im Sommer 1939, mehr noch im Sommer 1940 geglaubt haben – und was sie heute alles glauben, erkennt man, daß die Lage wirklich aussichtslos ist. Es macht tatsächlich keinen systematischen, sondern lediglich einen inhaltlichen Unterschied, ob an Regierungsgebäuden Regenbogenflaggen oder Hakenkreuzfahnen wehen. Der grundlegende „Mindset“ ist identisch. Da gibt es kein Vertun. Der Königssee sieht aus wie immer, egal wie das Wetter gerade ist. Es gab keinen „gesellschaftlichen Fortschritt“, sondern nur eine andere Schminke.

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