Erdingers Absacker; Bild: Collage
Erdingers Absacker; Bild: Collage

Erdingers Absacker: „Galgenvögel“

Das Schöne an Sprache ist unter anderem, daß sie Wörter kennt, die eine längst unpopulär gewordene Denkweise weitertransportieren. Das Wort „Galgenvogel“ ist eines davon. Wenn man sich vorstellt, wie lakonisch das früher einmal verwendet worden sein muß?

von Max Erdinger

„Der da drüben, was ist das für einer? – Na ja, ein Galgenvogel eben.“ –  Der Galgenvogel war einer, dem umstandslos die Schuld dafür rübergeschoben wurde, daß er vermutlich eines Tages am Galgen baumeln würde. Der Galgen selbst ist gar nicht als die eigentliche Fragwürdigkeit begriffen worden. Würde man heute auf jemanden zeigen, um ihn zugleich als „Galgenvogel“ zu bezeichnen: “ Oh Gott! So ein Unmensch! Ein Rechter! Der hat ‚Galgenvogel‘ als Bezeichnung für einen Menschen hergenommen!“ – So, jetzt aber ruhig Blut …- „Blut! Blut! Blut! Er hat auch noch ‚Blut‘ gesagt! Meine Gefühle, meine Gefühle!“ …

„Ein hochintelligenter Galgenvogel“ – Screenshot „Bergsträsser Anzeiger“

Himmel, Arsch & Zwirn jetzt: „Ruhig Blut“ habe ich gesagt, nicht „Blut“! Tatsache ist, daß es den Galgen nicht mehr gibt, jedenfalls hierzulande nicht, daß aber der Typ Zeitgenosse, den man als „Galgenvogel“ bezeichnet, deswegen nicht gleich mitausgestorben ist. Den gibt es immer noch. Also, wenn sich jetzt alle wieder beruhigt haben, dann könnten „wir“ mal nachsehen, was für ein Typ Mensch der „Galgenvogel“ ist. Wiktionary her, damit es nicht wieder heißt, meinereiner habe sich da etwas aus den Fingern gesogen. „Galgenvogel werden in der Umgangssprache Personen genannt, die unter Missachtung von Gesetzen und Konventionen entweder vom Unglück anderer profitieren oder andere Mitmenschen durch eigene Taten übervorteilen. Damit wird gleichzeitig dieses Verhalten abgewertet und beschimpft.

Da schau her

Mißachtung von Gesetzen also. Das Grundgesetz ist auch so ein Gesetz. Wenn man sich angesehen hat, wie sich die Abgeordneten bei der Generaldebatte im Deutschen Bundestag vorgestern allein während der etwa zehnminütigen Rede von Alice Weidel danebenbenommen haben, dann handelt es sich dabei ja wohl um gebrochene Konventionen. Da fragt sich doch jeder Konventionelle, womit sich das ungezogene Pack noch „Saaldiener“ verdient hat. Seit wann hat der ungezogene Pöbel Diener? Tatsache ist ja wohl, daß die Bürger entsetzlichen Zeiten entgegengehen. Sie stehen an einer Zeitenwende, wie Wolfgang Hübner recht scharfsinnig erkannt hat, an welcher der demokratische Meinungskampf übergeht in einen Überlebenskampf. Das ist schon ein Unglück für die „die Menschen“. Finanzieren müssen sie die die „Wir-Sager“ im Bundestag dennoch weiterhin. Die wiederum profitieren also vom „Unglück anderer“ – und wenigstens die Bundesregierung ist auch noch schuld an diesem Unglück, ganz egal, ob der Kanzler das wahrhaben will oder nicht. Der sagte bereits, daß Putin schuld sei an der „schwierigen Lage in Deutschland“. Als ob Putin deutscher Kanzler wäre, und nicht er selbst. Fest steht, daß sich der Putin nicht selber sanktioniert hat. Nachdem ein Abgeordneter ungefähr mit 10.000 Euro monatlich aus den Taschen der übervorteilten Unglücklichen alimentiert wird, ein Minister mit 20.000 und ein Kanzler mit 30.000 – und nachdem sie alle miteinander dauernde „Wir-Sager“ sind, „übervorteilen“ sie wohl auch ihre „Mitmenschen“. Was bleibt einem da übrig? Ob man will oder nicht: „Galgenvögel“ ist genau das Wort, das auf diese Figuren paßt. Was für ein Glück, daß es keine Galgen mehr gibt hierzulande. Genauer: Was für ein Glück für diese Galgenvögel.

Verständlich wäre da schon, wenn jemand, der von der Gleichheit aller „die Menschen“ überzeugt ist – und ausgerechnet der „Wir-Sager“ wäre ja wohl einer von denen – , anmerken würde, daß es „sozial voll ungerecht“ ist, wenn ausgerechnet die Galgenvögel vom Unglück verschont bleiben. Höre ich Einspruch? Wortmeldungen? Keine? – Kein Wunder, es daddeln ja wieder alle auf ihren Smartphones umeinander. Ah doch, einer möchte etwas dazu sagen. Ja, bitte? – „Wenn ‚Galgenvogel‘ immer noch Umgangssprache ist, dann muß die Umgangssprache verboten werden! In der Not hilft nur Verbot!“ – Du bist mir auch so ein Galgenvogel. Apropos Verbot: Fest steht, daß der Galgen verboten werden konnte, aber der Galgenvogel nicht. „Wir“ werden es doch hoffentlich nicht mit einem „strukturellen Problem“ zu tun haben?

Möglicherweise haben „wir“ es aber eben doch mit einem „strukturellen Problem“ zu tun. Jedenfalls fällt auf, daß zwei Mainstream-Schreiber auf einmal Themen aufgegriffen haben, bei denen es durchaus um Struktur geht. Sagt man ja so, manchmal: „Die Alte ist aber simpel strukturiert“.  „Alte“ ist auch Umgangssprache. Gemeint ist nicht unbedingt eine „älter geworden Seiende“. Der eine Mainstreamler ist allen Verächtern des Relotiusblättchens aus Hamburg bekannt, „SPIEGEL“ – Autor René Pfister. Cora Stephan stellte bei der „Achse des Guten“ sein neues Buch vor. Es hat den Titel „Ein falsches Wort“. Pfister rechnet mit dem Terror der Gefühligen gegen das rationale Argument und dessen Benutzer in der Demokratie ab. Allerdings setzt Wohlwollen für Herrn Pfister eine gewisse Vergebungsbereitschaft dem Geläuterten gegenüber voraus. An einer solchen Bereitschaft wird kein Mangel herrschen dürfen, wenn es jemals wieder Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland geben soll. Begreifen „wir“ Pfisters Buch mit dem Titel „Ein falsches Wort“ also als tätige Reue. Willkommen zurück im Schoße der Vernunft, Herr Pfister.

Der „Club of Rome“

Meinen Hut muß ich gar ziehen vor Magnus Klaue, der in der „Welt“ einen brillanten Artikel über die dem deutschen Desaster zugrunde liegenden Denkfehler verfasst hat. Der ist so klasse, daß ich ihn schon deswegen in Auszügen zitieren muß, weil Klaue komplexe Sachverhalte in kurze Sätze gießen kann, eine beneidenswerte Fähigkeit. Klaue schreibt, daß das große deutsche Denkdesaster mit dem „Club of Rome“ im Jahre 1972 seinen Anfang genommen hat. Eigentlich schon vier Jahre vorher.

Der „Club of Rome„, schreibt Klaue, „eine Assoziation von Unternehmern, Natur- und Sozialwissenschaftlern, Politikern und Zivilgesellschaftern, hatte angesichts der Erkenntnis, dass die natürlichen Ressourcen, auf denen der Fortschritt nicht nur in den westlichen Gesellschaften beruht, endlich seien, empfohlen, die für überholt befundene nationalstaatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik durch eine „holistische Perspektive“ zu ersetzen. Nicht mehr das Bruttosozialprodukt und andere Indizes für den Entwicklungsstand von Gleichheit, Freiheit und Wohlstand sollten zentraler Maßstab für Politik sein, sondern „der Planet“. Naturbeherrschung durch Vernunft, Planung und Technik wurden von den Predigern der „Grenzen des Wachstums“ eher als Hindernis denn als Motor von Zivilisation angesehen.“ (…) Die vom Club of Rome proklamierte „holistische Perspektive“ nahm insofern Denk- oder besser: Denkverhinderungsformen der späteren Klimaschutzbewegung vorweg, als sie „den Planeten“ primär unter dem Aspekt der Zukunft, als zu hütenden Lebensraum künftiger Generationen, betrachtete.“ – recht eigentlich der „Trottelclub of Rome“ also, weil: erstens gibt es neben der „biotischen Theorie“, an welche die Vorstellung von der Endlichkeit der sogenannten fossilen Brennstoffe geknüpft ist, auch noch die „abiotische Theorie“ – und die widerspricht nicht nur dem Adjektiv „fossil“ vor „Brennstoffe“, sondern auch der Vorstellung von der Endlichkeit solcher Brennstoffe.

Die „abiotische Theorie“ geht davon aus, daß die tektonischen Platten der Erdoberfläche auf einem gigantischen Meer von Kohlenwasserstoffen schwimmen, und daß zähflüssiges „Erdöl“ („Rohöl“), bestehend aus Alkanen, Cycloalkanen und Aromaten, Napthensäuren, Phenolen, Harzen, Aldehyden und organischen Schwefel-Verbindungen wie Thioalkoholen und bald 500 anderen Stoffen an den Kanten dieser tektonischen Platten wegen der Verschiebung der Platten gegeneinander so weit nach oben steigt, daß es dort bis in Tiefen von 10.000 Metern gefördert werden kann. Die größten Fördergebiete der Welt liegen nicht zufällig im Kantenbereich tektonischer Platten. Beobachtet wurde auch, daß sich für erschöpft gehaltene Fördergebiete mit der Zeit erneut mit Rohöl auffüllten. Außerdem gibt es die merkwürdige Beobachtung, daß seit Beginn der Rohölförderung ein VIelfaches von dem gefördert wurde, was der biotischen Theorie zufolge als „fossiler Brennstoff“ überhaupt entstanden sein kann. (verrottende Urwälder und urzeitliche Tierkadaver). Wenn also vom „Trottelclub of Rome“ die Rede sein müsste, dann auch von den Trotteln, die seinen Endlichkeitstheorien folgen. Um solche muß es sich direkt handeln, wenn man die zweite Prämisse betrachtet, von welcher der“Club of Rome“ vor einem halben Jahrhundert ausgegangen ist: daß es sich beim lieben Planeten um eine zu „behütende Entität“ handeln könnte, was eine noch viel größere Verstiegenheit und Hybris  voraussetzt, als der Gedanke, die Natur ließe sich durch Vernunft, Planung und Technik beherrschen. Ein Blick ins Nördlinger Ries, diesen Krater mit 30 Kilometern Durchmesser, und die Befassung mit seiner Entstehungsgeschichte, oder auch ein Blick in die Entstehungsgeschichte des bayerischen Voralpenlandes, hätte ausgereicht, um sofort die Unmöglichkeit zu erkennen, den Planeten zu behüten. Verständlich wird anhand des Beispiels „Club of Rome“ nur, wo die heutzutage weitverbreitete „Liebe-Mutter-Erde“-Attitüde mit ihrem penetrant feinfühligen Nachhaltigkeits- und Achtsamkeitsgesäusel herkommt. Das liebe Weltklima, das schutzlose und so weiter.

Fest steht auf alle Fälle – und das halte ich für eine der wichtigsten Feststellungen im Zusammenhang von Politik, Planet und Herrschaft -, daß sich der Überfluß nie ideologisch nutzen läßt, weil sich niemand für Ideologiefragen interessiert, dem es an nichts mangelt. Der Mangel hingegen läßt sich immer nutzen, sowohl für ideologische als auch für materielle Absichten. Die „Grenzen des Wachstums“ setzen Ressourcenknappheit als Gegebenheit voraus (biotische Theorie der Rohölentstehung), weil als knapp bezeichnete Güter ihren Wert aus dieser Knappheit gewinnen (materieller Aspekt) und weil die Verwaltung der Knappheit zur Ermächtigung jener Ideologen führt, deren Ideologie auf der Gewißheit von Mangel beruht. Sie leben sozusagen vom behaupteten Mangel. Mithin könnte es dem „Club of Rome“ vor einem halben Jahrhundert nicht um den Umgang mit der Realität gegangen sein, sondern darum, politische Machtpositionen via „Etablierung von Gewissheiten in der Realitätsferne“ zu erschaffen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß die Encyclopedia Britannica heute noch behauptet, es seien viele wichtige Fragen zur Entstehung der sogenannten „fossilen Brennstoffe“ ungeklärt. Interessant ist auch, sich zu überlegen, welcher Zeitgeist seinen „revolutionären Aufschwung“ in den ersten Jahren des „Club of Rome“ von 1968 bis 1972 genommen hat, wie die Industriellen, die hinter der Gründung des „Club of Rome“ standen, den zu konterkarieren gedacht haben könnten, und wie sich dann im Lauf der Jahrzehnte die behauptete „Geisteshaltung“ heutiger „Milliardärssozialisten“ herausgebildet haben könnte, die so formidabel zu derjenigen des mittellosen Gender-, Klima- und Asphaltklebeterroristen paßt, daß unter Geschwätzgesichtspunkten kein Blatt Papier mehr zwischen die doch so Unterschiedlichen paßt.  Dann käme man darauf, daß es sich beim „Club of Rome“ um einen Club listiger Trottel handeln könnte, immer noch Trottel, weil sie offenbar annahmen, es würde ihnen nie jemand auf die Schliche kommen. Wollte man von einem ideologischen Cluster reden, dann würde der neben dem „Club of Rome“ heute auf jeden Fall das WEF, die OSF mit ihren Stiftungstentakeln, Greenpeace, die Bill & Melinda Gates-Stiftung, FFF und alle möglichen „Save the …“- Organisationen beinhalten. – Machtclusterideologie für die Massen? Die „Volksvertreter“ als neues „Opium fürs Volk“? – Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten.

Ermächtigung per Pandemie und Energiekrise

Zurück zu den „Galgenvögeln“ in den Bundestag – und zur möglichen Verwechslung von Ursache und Wirkung. Ohne sich mit den infektiologischen und epidemiologischen Aspekten von „Pandemie“ zu beschäftigen – man nimmt ohnehin wahr, was solche Wissenschaftler dazu sagen, von denen man auch wahrnimmt, daß ihre Stimmen mit aller Macht unterdrückt werden – , ist für den Laien leichter ein zutreffendes Bild von der Motivlage der Regierung zu gewinnen, wenn er ihr Handeln auf Inkonsistenzen im Rahmen der von ihr selbst behaupteten Tatsachen hin untersucht. Ein sehr ergiebiges Feld. Meinereiner hat längst den sicheren Eindruck gewonnen, daß die sogenannten Maßnahmen nicht der Eindämmung einer als existent behaupteten Pandemie dienen, sondern daß vielmehr die Existenz der Pandemie behauptet wurde, um die Maßnahmen durchsetzen zu können. Es geht nicht um Gesundheitsschutz, sondern um Entdemokratisierung und Entrechtung unter einer Tarnkappe names „staatliche Fürsorge-(pflicht)“. Gerade die jüngste Debatte der „Galgenvögel“ zum Infektionsschutzgesetz hat diesen ohnehin sicheren Eindruck noch einmal verstärkt. „Wir“ scheinen es gerade in Deutschland mit besonders dreisten „Galgenvögeln“ zu tun zu haben. Das ergibt sich aus einer Beobachtung der angrenzenden Länder und deren Umgang mit der „Pandemie“. Komischerweise sind „wir“ immer Planet, Menschheit, Weltklima und „die Menschen“, – nur beim „Infektionsschutz“ sind wir strikt „die Deutschen“.

Analog dazu geht es auch mit den Sanktionen gegen Russland nicht um Moral im weitesten Sinne, sondern um die Instrumentalisierung von Moral zum Zweck der Machtausdehnung via Verwaltung des Mangels durch Ressourcenzuteilung und Rationierung. Das Dumme an dieser Moral ist ja, daß sie auf einmal gelten soll, obwohl sie vorher evident noch nie galt. Es scheint sich lediglich um den falschen Krieg zu handeln. Warum es der „falsche Krieg“ sein könnte, der nun auf einmal eine strikt einheitliche „Haltung“ im Volk erfordert, fast so, als befänden „wir“ uns in der Endphase des Zweiten Weltkriegs mit seinen Durchhalteparolen („Unsere (Gas)mauern brechen, aber unsere Herzen nicht“), ließe sich sehr gut erkennen, wenn man berücksichtigen würde, was Wladimir Putin dazu zu sagen hatte, auf dem „Eastern Economic Forum“ in Wladiwostok diese Woche zum Beispiel, und ob man die Gründe nachvollziehen kann, derentwegen er den kollektiven Westen verdammt. Und was das wiederum mit dessen offiziellen politischen Führungsfiguren, den tatsächlichen Marionetten des oben kurz skizzierten „Machtclusters“, diesen „Galgenvögeln“ also, zu tun hat.

Friedrich Merz war schon krass bei der Generaldebatte im Bundestag vor zwei Tagen. Schwere Waffen, die „wir“ schnellstmöglich an die Ukraine zu liefern hätten, meinte er, bedeuteten auch ein schnelleres Kriegsende. Das erinnerte fatal an den Nazi-Slogan „Totaler Krieg ist kürzester Krieg“.  Dazu dann noch „Unsere Gasmauern brechen, aber unsere Herzen nicht“ – und der Russenschnack von der Entnazifizierung der Ukraine in Kombination mit dem Schnack der „Galgenvögel“ von unseren ukrainischen Freunden – da kommt man schnell bei der Einsicht heraus, daß mit der Dauer des Fortbestands einer Demokratie die kollektive geistige Dissonanz zur zwangsläufigen Erscheinung bei denen werden muß, die hauptamtlich von der Behauptung einer ewigen Sinnhaftigkeit der Demokratie leben. Im kollektiven Westen widerlegt sich die Demokratie gerade selbst, was allerdings, bezogen auf die Gesamtgeschichte der Demokratie seit der griechischen Antike, auch wieder keine sensationelle Neuigkeit ist. Wenn die Menschheitgeschichte ein Kreis wäre, müsste man sich nicht wundern. Die Erde, auf der sie lebt, ist schließlich ebenfalls eine Kugel. Somit wäre dann auch die regelmäßige Wiederkehr von „Galgenvögeln“ in der Politik kein Wunder.

Magnus Klaue hat aber noch ein anderes, wichtiges Thema angeschnitten, das ich ebenfalls seit gefühlten Ewigkeiten auf dem Schirm habe: Den Anthropozentrismus, der ja auch Voraussetzung für die Behauptung des anthropogenen Klimawandels ist. Ich betrachte die Reformation, diesen Ursprung der anthropozentrischen Religion, wie eine kulturelle Katastrophe, als einen geworfenen Bumerang fast, der knapp vor dem Herrn die Kurve machte und an seinen Absender zurückflog, um ihm mit voller Wucht einen Genickschlag zu verpassen. Französische Revolution, Aufklärung – und in deren Folge die russische Oktoberrevolution als Gesamtfolge der Reformation, sozusagen. Aktuell: Hier bin ich – das ist meine Welt – deren Maßstab bin wiederum ich als Krone der Schöpfung des Herrn – das Wetter ist heute anders als in meiner Kindheit – also stimmt etwas nicht mit der ganzen Welt. Das ist so grottendämlich, daß den Anthropozentriker die Schweine beißen. Klaue ist da noch viel differenzierter. Er schreibt: „Die neue Broschüre des Club of Rome zeigt dagegen, dass die Wachstumskritik, seit sie statt menschlicher Selbstbegrenzung „Degrowth“, also Selbstzurücknahme und Selbstdemontage der westlichen Gesellschaften fordert, vollends antihumanistisch geworden ist. Als Gegenbild zum aufklärerischen Anthropozentrismus, den man gern ad acta legen möchte, fungiert in „Earth for All“ das „Anthropozän“, das bereits seit Jahren Philosophen des Transhumanismus als die gegenwärtige Zeit des Menschen beschwören. Die Rede vom Anthropozän beschreibt die Epoche der menschlichen Zivilisation als vergangenes erdgeschichtliches Zeitalter und ist damit ein Gegenentwurf zu Horkheimers Vorstellung vom Planeten als Heimat.“ – Volltreffer.

Was ist nun mit den „Galgenvögeln“?

Ich gebe gern zu, daß es oft genug mein erster Reflex ist, wenn ich einen Lauterbach, einen Buschmann, einen Scholz, eine Baerbock, eine Lang oder eine Faeser reden höre: „Diese Galgenvögel gehören doch aufgehängt!?“ Aber Nachdenken hilft meistens weiter, um mich wieder zu beruhigen. Demokratie, Herrschaft des Volkes, die Regierenden aus dem Volk und für das Volk … – das ist ja schon vom Konzept her zum Scheitern verurteilt, wenn man sieht, was man so einem Volk alles weismachen kann. Man müsste ja völlig neben der Kappe sein, wenn man den Anspruch erhöbe, die Regierenden hätten bei den Rekrutierungskriterien, die hierzulande gelten, von ganz besonderer Güte und herausragender Fähigkeit zu sein. Das ist es ja, was sie in der Wahrnehmung des wutschnaubenden Bürgers zu „Galgenvögeln“ macht: Daß sie sich für etwas Besonders halten, ohne daß sie es sind. Sich für etwas Besonderes zu halten, ohne es tatsächlich zu sein, ist aber keine Eigenschaft, die sich nur auf der Regierungsbank finden läßt. Dort entpuppt sie sich lediglich als besonders fatal. Tatsächlich erging ja im vergangenen Jahrhundert unter den Schlagwörtern „Individualität“, „Befreiung“ und „Selbstverwirklichung“ praktisch an jeden die Aufforderung, sich endlich für etwas Besonderes zu halten. Und dann gibt es solche, die sich ihre Schwächen in der eigenen Besonderheit eingestehen können, und solche, die das eben nicht können. Das ist das ganze Drama: Daß die je individuelle Einzigartigkeit mit einer je individuellen Besonderheit verwechselt wird. Unter Millionen von Einzigartigen ist der Einzigartige eben keine Besonderheit.

Nein, auf der Regierungsbank sitzen keine „Galgenvögel“, sondern einfach die „Kinder ihrer Zeit“. Entsetzlicher Durchschnitt. Vielleicht auch ein bißchen unterdurchschnittlich. Das heißt, wir leben alle miteinander in einer völlig bescheuerten Zeit. Und das ist es, was nicht so bleiben kann. Daß die vermeintlichen „Galgenvögel“ deshalb auch nicht länger Regierung bleiben können, versteht sich von selbst. Die müssen weg von dort. Aber gnadenlose Selbstgerechtigkeit, wie sie sich im Wort „Galgenvögel“ ausdrückt, wäre zu viel des Guten – und somit das Schlechte. Sie sind immer noch unsere Zeitgenossen zu unserer eigenen Zeit, wenn auch beileibe nicht die hellsten. Baerbock, Habeck, Fester, Lang, von der Leyen, Scholz, Buschmann, Merkel … – meine Fresse. Demokratie eben. Aus dem Volk und für das Volk. Das ist der eigentliche Wahnsinn.

 

 

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