Erdingers Absacker; Bild: Collage
Erdingers Absacker; Bild: Collage

Erdingers Absacker: Was soll man seinen Landsleuten noch sagen?

Es ist direkt bizarr. Wollte man den veröffentlichten Meinungsumfragen glauben – was man keinesfalls wollen sollte – , dann stürzte der hochsensible Herr Habeck in der Wählergunst vom ersten Platz ab und leidet nun gedankenschwer auf Platz sechs der Popularitätsliste. Da ist man schier geneigt, Hoffnung zu fassen, was den Geisteszustand im Lande angeht. Aber die Desillusionierung folgt auf dem Fuß. Statt Habeck besetzt denselben Meinungsumfragen zufolge nun Madame „Impertinenzia“ Baerbock den ersten Platz. Warum werden solche Meinungsumfragen überhaupt veröffentlicht?

von Max Erdinger

Wenn man den typischen deutschen Meinungsinhaber fragt, was er glaubt, weshalb ihm Meinungsfragen präsentiert werden, wird er mit Sicherheit antworten, das diene selbstverständlich seiner Information. Er sei schließlich Demokrat und müsse wissen, wie die Stimmung im Lande ist. Die Demoskopen wiederum wüssten das ebenfalls und erbrächten eine wertvolle Dienstleistung zur Aufrechterhaltung der demokratischen Ordnung. Und daß das ja wohl sebstverständlich sei in einem Land, das vor freiheitlich-demokratischer Grundordnung nur so strotzt, als würde es jeden Tag von Meister Proper persönlich geputzt und gewienert. Weshalb es ja auch so vorbildlich sei, daß sich die ganze Welt ein Beispiel nehmen könne. Und weshalb man den Ukrainern auch so unendlich dankbar sein muß, daß sie mit ihrem Leben dafür bezahlen, dieses formidable, freiheitlich-demokratische Gemeinwesen im Zentrum Westeuropas gegen die mordlustigen Barbarenhorden aus den Tiefen des asiatischen Raumes östlich des Urals zu verteidigen. Wenn man ihn dann fragt, welche Medien er konsumiert, wird vieles klar. So ist die Reihenfolge: Erst kommt der Medienkonsum – und danach kommt die Meinungsfrage. Nichts hat der durchschnittliche deutsche Meinungsinhaber lieber, als seine eigene Meinung. Auf seine Meinungsfreiheit hält er große Stücke.

Die Schweigespirale

Es gibt die „Schweigespirale“ als Teil einer Theorie aus den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur öffentlichen Meinung. Sie stammt von der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann. Den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts darf man im Vergleich zu heute ohne weiteres attestieren, daß sie ein Jahrzehnt gewesen sind, in dem sich um Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Demokratie noch ernsthaft Gedanken gemacht wurden, anstatt Plattitüden herauszuhauen. Die Theorie von der Schweigespirale sagt, daß sich die Äußerung einer eigenen Meinung zu einem sehr großen Teil danach richtet, welches Meinungsklima der Demokrat als Realität voraussetzt. Da der Mensch ein soziales Wesen ist und über ein gewisses Harmoniebedürfnis verfügt, ist er geneigt, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten, wenn er glaubt, daß er mit dieser Meinung als Außenseiter erkannt werden würde. Wenn er nun glaubt zu wissen, wie das Meinungsklima aussieht, wird er seine eigene Meinung zumindest dann, wenn es um deren Äußerung geht, dem von ihm für real gehaltenen Meinungsklima anpassen, wenn er nicht ohnehin von vornherein schweigt und sich „seinen Teil denkt“. Er wird relativieren, seiner Rede irgendwelche „Disclaimer“ voranstellen, darum bitten, im Folgenden nicht mißverstanden zu werden – und er wird, bevor er sagt, was er zu sagen hat, erst einmal erklären, was er hernach auf gar keinen Fall gesagt haben wollen wird.

Ein Klassiker ist in dem Zusammenhang der altbekannte Werbeslogan der „BILD“, nach wie vor die meistgelesene, wenn auch arg gerupfte Tageszeitung im Land: „BILD dir deine Meinung“. Dieser Slogan ist schon einigermaßen zum Verzweifeln, weil er unterstellt, daß der BILD-Leser seine eigene Meinung noch immer als seine eigene begreift, obwohl es die BILD gewesen ist, die ihm seine eigene Meinung „gebildet“ hat. Aber zugegeben: Mit „BILD dir unsere Meinung“ hätte man dem deutschen Meinungsinhaber den Bauch längst nicht so auflagenförderlich pinseln können. Unter Marketing-Gesichtspunkten war „BILD dir deine Meinung“ schon genial. Leider eben nur unter diesen Gesichtspunkten.

Die „Qualitätsmedien“

Der „Qualitätsjournalist“: Claus Kleber – Screenshot Facebook

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und andere große Zeitungen machen es im Grunde nicht anders als die „BILD“. Hier wurde der Begriff „Qualitätsmedien“ erfunden. Die Übersetzung von „Qualitätsmedien“ ist eigentlich die Steigerung des „BILD“-SLogans: „Bilde dir deine eigene Qualitätsmeinung.“ Da kommt also zur Behauptung, die Zeitungsmeinung bilde des Lesers eigene Meinung noch die Behauptung hinzu, er bilde sich eine qualitativ besonders hochwertige Meinung.

Wie das bisweilen ausgeht, hat am besten Jörg Schönenborn in den „Tagesthemen“ der ARD illustriert, als er zwei Tage vor der US-Wahl 2016 ein „Trendbarometer“ präsentierte, das die Meinungen jener Deutschen wiedergab, die sich vorher eine eigene Meinung via Konsum öffentlich-rechtlicher Medien und anderer „Qualitätsmedien“ zu der Frage gebildet hatten, wer die US-Wahl 2016 wohl gewinnen würde. Dem „Trendbarometer“ zufolge waren 91 Prozent der deutschen Konsumenten von „Qualitätsmedien“ der Ansicht, Hillary Clinton würde die Wahl gewinnen. Lediglich acht Prozent waren der Meinung, daß Donald Trump der nächste US-Präsident werden würde.

Um es überspitzt auszudrücken: Spätestens nach der Bekanntgabe des tatsächlichen Wahlergebnisses in den USA hätten die Redaktionen bei den Öffentlich-Rechtlichen und den anderen „Qualitätsmedien“ zur Rettung der formidablen deutschen Meinungsdemokratie von Spezialeinheiten gestürmt werden müssen, welche die „Qualitätskasper“, wahre „Rattenfänger“ vor dem Herrn, verhaften. Klarer Fall: Das „Trendbarometer“ war ein Resultat der „Informiertheit“ jener, die sich eine „eigene Meinung“ hatten bilden lassen. An jenem Tag im Jahr 2016 hatte Jörg Schönenborn in der ARD das ganze Demokratietheater und das Märchen von den Medien als vierter Gewalt, unfreiwillg zwar, aber dennoch schonungslos offengelegt. Die Annahme, daß sich der Deutsche über den Konsum deutscher „Qualitätsmedien“ eine realistische Meinung bilden könnte, hätte bereits 2016 begraben werden können. In den USA sah es nach Bekanntgabe des Wahlsiegers nicht viel besser aus. Vor laufenden Kameras bissen sich diverse Nachrichtenmoderatoren förmlich in den eigenen Arsch. Nicht vor Scham darüber, daß ihre tendenziöse Berichterstattung von vor der Wahl als grotesk falsch aufgeflogen war, sondern darüber, daß Donald Trump die Wahl gewonnen hatte. Nicht sie selbst hatten vorher falsch berichtet, sondern „der Falsche“ hatte die Wahl gewonnen. Das war Gegenstand ihres ganzen Ärgers.

Wenn man jetzt bedenkt, daß Noelle-Neumanns Schweigespirale auch in den USA ihre Wirkung entfaltet – am „Qualitätsmedien“-Schnack hatte sich ja seit und trotz 2016 nichts geändert – und daß deshalb bei der US-Wahl 2020 eine Menge Leute Biden gewählt haben dürften, die sich bei Trump aufgrund der Medienberichterstatung „nicht so sicher“ gewesen sind – und wenn man diesen Sachverhalt den erwiesenen Wahlfälschungen hinzurechnet, dann bekommt man erstrecht ein realistisches Bild davon, wie haushoch der Sieg Trumps ausgefallen wäre, wenn weder der Betrug stattgefunden hätte noch die Berichterstattung in den „Qualitätsmedien“ vor der Wahl so einseitig gewesen wäre. Dazu kommt dann noch die Unterdrückung einer Weiterverbreitung des Artikels über Hunter Bidens Laptop in den sozialen Medien, der im Oktober 2020 in der „New York Post“ erschienen war – heute selbst von US-Demokraten zähneknirschend als zutreffend bezeichnet -, der für sich alleine schon ausgereicht haben dürfte, Biden als Präsidenten ins Aus zu katapultieren, wenn er denn damals die Aufmerksamkeit bekommen hätte, die er verdient hatte. Daß er im Jahre 2022 allseits als korrekt recherchierte Story feststeht, ändert nichts mehr daran, daß der demente Joe „Brandon“ Biden als Marionette das Weiße Haus okkupiert. Hätten die „Qualitätsmedien“ in den USA 2020 nicht ihr übliches falsches Spiel gespielt, dann hätten „wir“ heute womöglich keinen Ukrainekrieg, keine Sanktionen und keine Energiekrise. Donald Trump jedenfalls behauptet, unter seiner Präsidentschaft hätten die Russen es niemals gewagt, in der Ukraine einzumarschieren.

Was soll man seinen Landsleuten noch sagen?

Vielleicht das hier: Es hat sich nichts geändert seit 2016. Beliebtheits-Hitlisten von Politikern, Meinungsumfragen, die vierte Gewaltlosigkeit – es ist alles immer noch so wie es war. Das sollte man bedenken, wenn man sich eine „eigene Meinung“ bilden läßt, um seinen natürlichen Verbündeten, den eigenen Mitbürgern nämlich, hernach lautstark „Putinversteher“, „Putintroll“, „Klimaleugner“, „Coronaleugner“, Impfleugner“ und was-weiß-ich-noch-alles an den Kopf zu werfen. Diese Ampelregierung samt ihrer servilen Hofberichterstatter bildet niemandem im Land dessen „eigene Meinung“, sondern Regierung und Medien bilden ihm eine Meinung, von der sie annehmen, daß es nützlich für sie selbst sein könnte, wenn er sie hat und sich recht viel darauf einbildet, daß er sie hat. Die Urteilskraft des durchschnittlichen Deutschen ist nichts als Einbildung. Unter Einbildungs-Gesichtspunkten ist Deutschland tatsächlich ein reiches Land. Es gibt eine große Wahrscheinlichkeit dafür, daß es sich bei der Behauptung, Frau „Impertinenzia“ Baerbock sei derzeit die beliebteste Politikerin Deutschlands, um nichts anderes handelt, als um eine frei erfundene Behauptung im Wissen um die Wirksamkeit der Schweigespirale.

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