Erdingers Absacker; Bild: Collage
Erdingers Absacker; Bild: Collage

Erdingers Absacker: Ein bißchen Frieden

Wer erinnert sich nicht an das großartige Musikstück von Fräulein Nicole aus Saarbrücken, mit dem es 1982 den Europäischen Irgendwas gewonnen hat. Der Titel hieß „Ein bißchen Frieden“. Vom Text bekamen die Grünen damals noch feuchte Augen, obwohl auch ihnen bei der Musik die Füße eingeschlafen sind. „Totaler Frieden“ wäre schon nicht schlecht. Zwei konstruktive Vorschläge.

von Max Erdinger

In Amerika gibt es einen Colt, der „Peacemaker“ heißt. Das aber nur nebenbei. Das ist nicht das, was ich mit „konstruktiv“ im Sinn hatte.

  • Vorwort: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein wunderhübsches Land mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, ein leuchtendes Vorbild für die Welt. Das verdankt die Welt der Tatsache, daß es in Deutschland tolle Parteien mit vielen Mitgliedern gibt, die sich tagein-tagaus in den löblichen gesellschaftlichen Diskurs einbringen und ihre Ansprüche auf die gerechte Teilhabe an der Teilhaberei einfordern. Die Parteimitglieder kennen sich aus und sind allezeit bestens informiert. Immer wissen sie, wo den Bundesrepublikaner der Schuh drückt und stehen dem unbedarften Apolitischen mit Rat und Tat zur Seite, wenn er an seinem wunderschönen Land verzweifelt.

Die CDU hatte nach Verlusten von 2 Prozent pro Jahr seit 1990 immerhin noch 384.000 politisch voll zurechnungsfähige Mitgliedende zum Ende des Jahres 2021. Nicht minder zurechnungsfähig sind die 140.000 Mitgliedenden bei der CSU. Zusammen hat die Union aus CDU und CSU also ein bißchen mehr als eine halbe Million Mitgliedende. Die SPD hingegen fiel 2021 erstmals unter eine Mitgliedendenzahl von 400.000, weshalb sie gern ein parteipolitisches Techtelmechtel mit den Grünenden unterhält, auf deren Wohlwollen allerdings auch die Union scharf ist. Die Grünenden (m/w/d) können auf eine Mitgliedendenzahl von etwa 125.000 verweisen. Seit dem Jahr 2016 hatte sich ihre Mitgliedendenzahl verdopppelt, weswegen sich die anderen demokratieteilhabenden Parteien fragten, wie die das machen und wie sie es selbst am besten nachmachen könnten. So wurden die Grünenden zu politischen Agendasetter:innen (m/w/d). Die gelben Liberallallenden von der FDP haben 77.000 Mitgliedende, 11.000 mehr als im Jahr 2020. Da sie alle zusammen eine Art Einheitspartei gegen die gräßliche Opposition bilden, welche sich „Alternative für Deutschland“ nennt und nur auf 30.000 Mitglieder kommt, haben wir es also mit einer erklecklichen Zahl parteidemokratisierender Einheitsparteimitgliedenden zu tun, die sich deutlich besser in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen könnten, wenn sie sich mehr unter die Leute auf der Straße mischen würden, um sie darüber aufzuklären, wie das ganze wunderschöne Land zu ein bißchen mehr Frieden kommen könnte. Immerhin handelt es sich ohne die 30.000 Mitglieder der gräßlichen Opposition um eine Zahl von immerhin ca. 1,1 Millionen Einheitspartei-Mitgliedenden, die sich deutlich demokratisierender bemerkbar machen könnten zum Segen unseres wunderhübschen Landes. Auf einen Partei-Mitgliedenden kommen nämlich etwa 80 ratlose Nicht-Parteimitgliedende, denen die Expertise des Parteimitgliedenden sehr bei einer etwas friedlicher gestimmten Beurteilung der Lage helfen würde. Todsicher.

Kommunikation ist bekanntlich keine Einbahnstraße. Der Einheitsparteien-Monolog ist gerade in Zeiten explodierender Preise, einer bemerkenswert rätselhaften Übersterblichkeit, galoppierender Inflation und verbreiteter Existenzangst etwas zutiefst Unbefriedigendes, so daß also ein konstruktiver Vorschlag vonnöten ist, um die ansteigende Wut und den Rachedurst der sich zunehmend Empörenden in einen löblichen „gesellschaftlichen Dialog“ zu verwandeln.

Konstruktiver Vorschlag Nummer 1 – Dialog

Um den 82 Millionen Nichtmitgliedern außerhalb der Parteien zu ermöglichen, leichter an die beruhigende Expertise der Parteimitgliedenden zu kommen und so an ihrem demokratischen Verständnis zu wachsen, sollten nicht nur die Parteimitgliedenden auf die parteipolitisch Nichtorganisierten zugehen, sondern auch die Nichtorganisierten sollten jederzeit wissen, wo sie das nächste Parteimitglied der Einheitspartei finden können, um sich dort informieren & beruhigen zu lassen.

Deshalb sollten die Einheitsparteien die Namen, Anschriften und Telefonnummern ihrer Mitgliedenden veröffentlichen, geordnet nach Postleitzahlen. Das würde die Herstellung eines Dialogs zwischen der einen Million Kenntnisreicher und den übrigen 82 Millionen von Ahnungslosen deutlich erleichtern – und die Parteimitgliedenden könnten sich so nützlich machen im Dienst an unserem wunderhübschen Land, der Demokratie und der Einheitspartei. Gut wäre auch, wenn die Parteien noch Angaben zu Körpergröße, Gewicht und einer parteifremden Mitgliedschaft ihrer Mitgliedenden in Kampfsportvereinen machen würden, damit sich kleingewachsene, parteipolitisch Nichtorganisierte einen Mitgliedenden aussuchen können, mit dem sie den löblichen Dialog auf Augenhöhe führen können.

Konstruktiver Vorschlag Nummer 2 – ein Brief

Das Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz setzt sich einmal in aller Ruhe zusammen, um einen gemeinsamen Brief an den Präsidenten der Russischen Föderation, Herrn Waldimir Putin, Kreml, Roter Platz 1, Moskau zu verfassen. Ratsam wäre, den Brief in einem äußerst konzilianten Tonfall zu halten, um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden und seinen Nutzen zu mehren. Meinereiner war so frei, einstweilen den Entwurf für ein solches Schreiben zu erstellen. Sollte dieser dem Bundeskabinett zusagen, darf es ihn gern verwenden.

Sehr geehrter Herr Präsident Putin,

entschuldigen Sie bitte vielmals, daß wir da ein bisschen dumm in Ihre und die ukrainischen Angelegenheiten hineingerutscht sind, ohne daß wir uns erklären könnten, wie uns ein derartiger Fauxpas unterlaufen konnte. Zu keiner Zeit war es unsere Absicht, Ihnen und Ihren geschätzten Landsleuten Kummer irgendwelcher Art zu bereiten. Wir sind untröstlich. Es soll auch bestimmt nicht wieder vorkommen. Tragen Sie uns bitte nichts nach. Es war wirklich ein Versehen. Wir sind alle nur Menschen.

Könnten wir jetzt bitte Ihr gutes Gas wieder bekommen? Wir würden gern auch in Rubeln bezahlen und jede einzelne der formschönen Münzen auf Hochglanz polieren, ehe wir sie Ihnen überweisen. Der geniale Herr Gergiev erhält selbstverständlich seine Anstellung als Dirigent der Münchener Philharmoniker zurück und Ihre wunderschön singende russische Nachtigall, die überaus begnadete Frau Netrebko bekommt alle ihre Verdienstausfälle ersetzt, die sie durch uns zu erleiden hatte. Alle konfisizierten und eingefrorenen Vermögen Ihrer geschätzten russischen Landsleute werden wir, selbstredend ordentlich verzinst, umgehend freigeben und den so ungerecht Geschädigten persönlich die Schuhe putzen. Gerne würden wir auch für Ihre hierzulande lebenden Landsleute Volksfeste mit Freibier veranstalten. Unter kulinarisch-kulturellen Gesichtspunkten sollen ‚Russische Wochen‘ künftig zu einer Selbstverständlichkeit werden. Die Spitzenköche Ihres traumhaften Landes laden wir sehr herzlich ein, die deutsche Küche zu bereichern. Herr Habeck und Frau Baerbock liegen bereits gefesselt, geknebelt und versandfertig hier neben dem Kabinettstisch. Gerne übersenden wir sie Ihnen als Ausstellungsstücke für Ihren zauberhaften Zoo in Moskau. Nordstream 2 eröffnen wir ebenfalls umgehend – gar keine Frage! Daß sich der dumme und widerwärtige Herr Biden aber auch so furchtbar irren konnte – wir sind selbst ganz schockiert.

Ihnen, lieber Herr Putin, Ihren Lieben und allen Ihren so überaus geschätzten Landsleuten 24/7 die aller-allerbesten Wünsche! Slava Rossija! Mit der größten Verehrung und in tiefster Zerknirschung, herzlichst,

Ihre liebe Bundesregierung aus Deutschland

(P.S.: Es tut uns wirklich wahnsinnig leid. Ganz ehrlich. Druschba.)

Der Vollständigkeit will ich absackend erwähnen, daß meinemeinen schon immer eine einzigartige, friedensstiftende Fähigkeit zur Versöhnung aller mit jedem nachgesagt wurde. Ganz ehrlich. Druschba.

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