Bismarck Nationaldenkmal, Großer Stern, Tiergarten, Mitte, Berlin, Deutschland - Foto: Imago

Dialog: Der SPIEGEL fragt – jouwatch antwortet

Der SPIEGEL mit einem Leitartikel von Frau Özlem Topcu. Frau Topcu will in der Rubrik „Kleingeistiger Einwanderungsstreit“ wissen: „Gehören die Konservativen noch zu Deutschland?“ – Die Antwort.

von Max Erdinger

Gut, daß Sie jemanden gefragt haben, der sich in diesen Dingen auskennt, auch ohne Ihren Artikel vorher gelesen zu haben, Frau Topcu. Es ist nämlich so: Man müsste ein Abo abschließen, um ihn zu lesen. Zwar gibt es auch ein Probeabo für einen Euro, das mit „Kennenlernmonat“ beworben wird, aber ich zahle noch nicht einmal 50 Cent, um den SPIEGEL kennenzulernen. Den kenne ich nämlich schon und es gibt Gründe dafür, daß ich das Abo vor vielen Jahren bereits gekündigt habe. Den SPIEGEL habe ich montags schon immer gelesen, als Sie vermutlich noch gar nicht auf der Welt waren. Aber das macht nichts. Allein die Rubrik, die Schlagzeile und der Teaser reichen schon, um Ihnen eine fundierte Antwort auf Ihre überaus scheininteressante Frage zu geben.

Oezlem Topcu Spiegel
Özlem Topcu fragt – Screenshot SPIEGEL-Online

Die Antwort: Ich bin mir sicher, daß Sie an jener gräßlichen Verwirrtheit leiden, die heute so beklagenswert häufig zu konstatieren ist. Sie befinden sich dabei in prominenter Gesellschaft. Ich will Ihnen das einmal am Beispiel des Bundeswirtschaftsministers erklären. Sehen Sie sich das untenstehende Foto an.

Habeck Kind
Infantilismus? – Screenshot Facebook

Merken Sie etwas, Frau Topcu? Wo ist die Gemeinsamkeit zwischen Habeck und Ihnen? Ja, ich weiß, daß Ihnen die Antwort schwerfällt. Deswegen will ich es Ihnen verraten, auch wenn ich dazu ein bißchen weiter ausholen muß: Sie haben beide einen fatalen Hang zur gefühlten Selbstüberschätzung. Kein Konservativer interessiert sich dafür, ob stimmt, was Herr Habeck in seinem jüngsten Buch behauptet, weil er von vornherein weiß, daß Habeck selbst es auf keinen Fall sein kann, von dem er sich erleichtert eine Entscheidung abnehmen ließe.  Es ist ja auch so, daß es erleichternd sein kann, jemandem eine Entscheidung abzunehmen, anstatt sich eine abnehmen zu lassen. Für Konservative wäre es sehr erleichternd, dem Herrn Habeck die Entscheidung abzunehmen, ob er zurücktreten und das Land verlassen will oder nicht.

Zur „Kleingeistigkeit“: Ein Kleingeist ist, wer annimmt, niemand könne schlau genug sein, um die pseudo-originelle Intellektsimulation hinter einem Buchtitel wie „Von hier nach anders“ als solche zu identifizieren. „Anders“ ist nämlich „hier“. Weil „anders“ so zu „hier“ gehört, wie Habeck das für sich selbst in Anspruch nimmt. Da gibt es keine Distanz, die per Botschaft „an“ zu überwinden wäre. Habeck hat offensichtlich „mir“ und „hier“ verwechselt oder „anders“ mit „anderswo“. Vielleicht meinte er auch „von jetzt an anders“. In dem Fall könnte er Ort und Zeit nicht auseinanderhalten. Sehr wahrscheinlich würde Herr Habeck aber für einen Intellektuellen gehalten werden wollen, weil er sich selbst für einen hält. Ganz bestimmt glaubt er, daß ihm ein solches Image ganz formidabel stehen würde. Dafür gibt es ein Fremdwort: Infantilismus. Herr Habeck denkt wie ein Kind. Kinder sind tatsächlich oft froh, wenn ihnen jemand mit mehr Erfahrung eine Entscheidung abnimmt. Sie merken sich, wie entschieden wurde und machen sich Gedanken darüber, die sie als Erwachsene später selbst befähigen, wiederum Entscheidungen für Kinder zu treffen. Kein Erwachsener würde sich von Habeck erleichtert eine Entscheidung abnehmen lassen. Wenn man Kindern sagt, sie sollen sich mal auf diesen Baumstumpf dort stellen oder auf jene Schaukel setzen und schön „Cheese“ dabei sagen, weil sie fürs Familienalbum fotografiert werden, dann machen die das. Der Herr Habeck hat sich jetzt einen Fotografen engagiert, der ihn recht vorteilhaft in Szene setzt. Der bekommt 400.000 Euro dafür, daß der Herr Habeck wenigstens optisch ansprechend daherkommt. Warum? Weil Infantilisten mit ihrem Mundwerk niemanden von sich überzeugen können. Den Fotografen zahlen übrigens Sie und ich.

So, wie Habeck „hier“ und „anders“ für einen Gegensatz halten will, um mit seinem Sendungsbewußtsein an „anders“ wie Rodins Denker „rüberzukommen“, wollen Sie, daß der Leser glaubt, Sie hätten eine Frage gestellt. Und nur, weil Sie ein Fragezeichen verwendet haben. Sie müssen Ihre Leser schon für ein wenig dämlich halten. Zu Recht, wie ich gern konzedieren will. Wenn Sie aber glauben, daß irgendein geistig Gesunder ernsthaft eine derartig dämliche Frage diskutieren will wie die, ob Konservative noch zu Deutschland gehören, dann überschätzen Sie sich und sind ebenfalls dem Infantilismus anheimgefallen. Die Demokratie wurde nicht erfunden, damit man die Leute mit schwachsinnigen Fragen von den richtigen ablenkt, auch wenn das beim SPIEGEL niemand wahrhaben will.

Die Konservativen gehören zu Deutschland. Da gibt es nichts zu diskutieren. Das Bismarckdenkmal in Berlin steht nicht deswegen da, weil die Konservativen vielleicht nicht zu Deutschland gehören könnten. Logisch, oder?

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Bismarck Nationaldenkmal, Großer Stern, Tiergarten, Mitte, Berlin, Deutschland – Foto: Imago

Diskutabel wäre die Frage, ob Deutschland den Konservativen gehört, ob es ihnen geklaut worden ist, wer dann der Dieb wäre und was sie tun müssten, um es wieder in ihren rechtmäßigen Besitz zu überführen. Sie, Frau Özlem Topcu, hätten dabei freilich nichts mitzureden. Zuhören dürften Sie aber. Was Sie gern als diskutabel begriffen haben wollen oder nicht, spielt gar keine Rolle. Sie kämen gar nicht erst in Versuchung, sich in Provokation üben zu wollen. Um eine solche handelt es sich bei Ihrer Frage nämlich. Meinereiner kann sich sehr gut vorstellen, was Sie sich dabei vorgestellt hatten. Das muß ungefähr so gelaufen sein: „Jetzt provoziere ich diese Konservativen mal. Dann flippen die aus. Und wenn die ausgeflippt sind, dann schreibe ich als nächstes, was das für gefährliche und gewaltbereite Typen sind.“ Sehen Sie, und das ist der Punkt: Wenn Sie sich für so schlau halten, daß Sie glauben, kein Anderer sei in der Lage Ihr „hochintelligentes“ Kalkül zu erkennen, dann sind Sie – naa? – wie heißt das schöne Wort, das wir gerade gelernt haben? – Richtig: Infantil. Das einzig Gute am Infantilismus in Ihrem Fall ist – und nur für Sie – , daß Sie beim SPIEGEL damit ideal aufgehoben sind. (Moment, es geht gleich weiter. Brunhilde bringt mir gerade den Teheran …  Tee heran. Danke, Brunhilde). Also machen wir weiter. Gut aufpassen jetzt. Im nächsten Absatz geht es um den Zusammenhang von …

„Kleingeist“, „rückwärtsgewandt“ und „weiter sein“

Wissen Sie Frau Özlem Topcu, Konservative sind meistens überdurchschnittlich kluge und gebildete Leute. Weswegen sie ja auch reihenweise ihre SPIEGEL-Abos gekündigt haben. Im Gegensatz zum Infantilisten denkt der Konservative nicht beschränkt in den eindimensionalen Kategorien von „vorne“, „hinten“, „rückwärts“, „vorwärts“ und „weiter sein“,  sondern er denkt dreidimensional in alle Richtungen, die es gibt. Mit weniger würde er sich nicht zufriedengeben, weil der Konservative hohe Ansprüche an sein Denken stellt. Wenn dem Konservativen jemand mit „rückwärtsgewandt“, „nach vorne schauen“ und „weiter sein“ kommt, dann rümpft er die Nase, hält sie sich als nächstes zu und sagt dann in verschnupftem Ton: „Iiih, wie eklig, ein Infantilist!“  Wenn das ein anderer Konservativer hört, dann fragt er teilnahmsvoll: „Sag an, mein Bruder, gehören diese Infantilisten noch zu Deutschland?“ Dann besinnt sich der erste Konservative auf alle Richtungen, die es gibt und antwortet: „Nein, die sind in Deutschland untendurch.“ – Ha! Untendurch!

Sehen Sie, Frau Özlem Topcu, wie armselig, öde und infantil dieses „rückwärtsgewandt“ und „weiter sein“ ist? „Weiter sein“ – das kann der Konservative in allen möglichen Richtungen. Weiter oben, weiter unten, weiter daneben, weiter schräg vorn, weiter schräg hinten links usw.usf. Es gibt nicht nur eine Richtung, in welcher der Konservative „weiter“ sein kann. Wer dennoch glaubt, daß es anders sei, der ist ein infantiler kleiner Diktator in seinem Wahn, er dürfe sich zum Schiedsrichter über die Erwachsenen aufspielen, weil sein eigenes rotes Verständchen gefälligst als das Maß aller Dinge in sämtlichen Richtungsfragen zu gelten hat. Ein bäuerlicher Konservativer hier in der Gegend würde im Vollbesitz seines gesunden Menschenverstandes lakonisch kommentieren: „Da scheißt dem kleingeistigen roten Infantilisten der Hund was.“

Jetzt ist es ja so, daß Sie in Ihrem Teaser eigentlich auf Unionspolitiker abgehoben hatten, um die dann mit Konservativen zu verwechseln. Kommen Sie mal näher heran. So ist es gut. Jetzt ganz diskret und leise direkt in Ihr Ohr hineingefragt, Frau Özlem Topcu – pssst! – sooo weit daneben können Sie doch nicht sein? Unionspolitiker konservativ? – Danke. Jetzt wieder respektvollen Abstand, wenn ich bitten darf. Mit den Unionspolitikern, gute Frau, ist es so: Die sind weder konservativ noch progressiv. Die sind rückgratlos. Das ist etwas ganz anderes. Manche sagen auch, sie hätten sich von Frau Merkel ergebenst entklöten lassen. Nein, Unionspolitiker sind – wie soll ich das sagen – nichts! Außer völlig überflüssig. Mit den Gelben ist es genau dasselbe. Die einen sind nicht konservativ – und die anderen sind lieber Aal als liberal. Ganz glatte Figuren sind das. An denen reibt sich überhaupt nichts mehr. Mit den Gelben könnte man Zylinderlaufbahnen beschichten und hernach auf das Motorenöl verzichten, so aalglatt sind die. Wenn Sie die Unionspolitiker für konservativ halten, dann halten Sie wirkliche Konservative wahrscheinlich für Rechtsradikale. Also den Bismarck zum Beispiel. Der ist ein schönes Beispiel für einen Konservativen. Rechtsradikal war der aber nicht.

Ich verrate Ihnen etwas: Diese Rechtsradikalen sind vermaledeite Sozialisten, Braunlinke. Der Unterschied zwischen dem, was man in Deutschland gemeinhin und fälschlicherweise als politisch rechts resp. politisch links bezeichnet, ist der, daß Erstere Nationalsozialisten sind und Letztere Internationalsozialisten. Das ist kein großer Unterschied. Gräßlich limitierte Progressisten alle miteinander in ihrer infantilen Vorstellung von einer „besseren Zukunft“ per Indoktrination der Massen. Was übrigens schön die Absicht hinter diesem „Mehrheit“ entlarvt, das Sie verwendet haben für diejenigen, die angeblich schon „weiter sind“. Ob rot oder braun lackieerte Faschisten: Immer sind sie an propagandistisch generierten Mehrheiten interessiert, nie an der Wahrheit. Mehrheit ist jedoch kein Faktor von Wahrheit. Konservative hingegen sind Leute, die bewahren wollen, was immer gilt. Immer gilt, daß an der Wahrheit auch mit Mehrheit kein Weg vorbeiführt. Weil das so ist, gilt ebenfalls immer, daß Deutschland nicht wegen Frau Özlem Topcu und ihren provokanten Fragen Deutschland heißt. Tendenziell heißt es dann eher schon wegen dem konservativen Bismarck so. Reichsgründung 1871 als Grundlage des heutigen Nationalstaats Deutschland. Das ist logisch, weil die Türkei schließlich auch nicht wegen meiner Antwort Türkei heißt, sondern wegen des Zerfalls des Osmanischen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg. Ich käme auch nicht auf die Idee, in einer türkischen Zeitung die Frage zu stellen, ob die dortigen Konservativen noch zur Türkei gehören. Und ich bräuchte auch niemanden, der mir diese Entscheidung abnimmt. Ich bin schließlich nicht infantil. Deswegen fällt mir auch gar nicht ein, über die Frage auch nur eine Sekunde lang nachzudenken, ob die Konservativen noch zu Deutschland gehören. Was allerdings nichts daran ändert, daß ich einen ungeschickten Provokationsversuch des hanseatischen Relotiusblättchens selbst dann erkenne, wenn es – recht bauernschlau kalkulierend –  eine Frau Özlem Topcu vorschickt. Gehört das Relotiusblättchen eigentlich noch zu Deutschland?

 

 

 

 

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