Ahnungslos: Kind vor einem Adventskranz - Foto: Imago

Kerzen & Feinstaub: Tödliche Weihnachtszeit

Was ist die Dreifaltigkeit? Vater, Sohn und Heiliger Geist? – Pah!  Die Dreifaltigkeit besteht aus Mutter, Tochter und „die Wissenschaft“. Wie ich es herausgefunden habe. Der Report.

von Max Erdinger

Sie sind vielleicht sechzig oder siebzig Jahre alt geworden und fühlen sich gesund. Seit Ihrer Kindheit brennen jedes Jahr in der Adventszeit Kerzen in Ihren Wohnräumen. Mannomann, haben Sie ein Glück, daß Sie noch leben bei dem ganzen Feinstaub, den Sie eingeatmet haben in sechzig oder siebzig Adventszeiten. Die Weihnachsstimmung ist nämlich gesundheitsschädlich. Wegen der Kerzen. Ganz üble Sache, diese Kerzen.

Die Seite „spektrum“ klingt schon schwer nach „die Wissenschaft“. Die Wissenschaft und der Alarm sind Geschwister. „Wer es sich in der Weihnachtszeit gerne bei Kerzenschein gemütlich macht, sollte wissen, dass dabei Schadstoffe und Feinstaub entstehen. Doch schon mit geringem Aufwand lässt sich das Problem beseitigen.“ – Jetzt wissen Sie, daß Sie ein Problem haben, von dem Sie keine Ahnung hatten. Das ist das wichtigste. Sie müssen wissen, daß Sie ein Problem haben. Weil Sie nämlich ein sozialer Mensch sind. Morgen werden Sie jemanden fragen, ob er wusste, daß er ein Problem hat. In der Weihnachtszeit. Dann erzählen Sie ihm, was sein Problem genau ist – die Kerzen nämlich – und dann freuen Sie sich, daß er erstens ein betröpfeltes Gesicht macht und Sie zweitens für besonders informiert hält. Wenn er nicht sofort antwortet, können Sie locker noch nachlegen und mit Kennermiene sagen: „Tja, das ist die Wissenschaft, mein Bester.“

In dem meisterlichen Film „Der Sinn des Lebens“ von den Monty Pythons treffen sich drei befreundete Ehepaare zu einem Dinner in einem idyllisch abgelegenen Ferienhäuschen. Heimelig geht`s zu. Doch draußen ist es kalt und dunkel. Dann klopft es an der Tür. Wer ist’s zu später Stund? – Der Sensenmann. Sie ahnen es: Auf der festlich geschmückten Tafel brennen Kerzen. Die Dinnergäste lassen sich aber nicht ins Bockshorn jagen von Gevatter Tod, sondern finden allerlei geschmeidige Begründungen dafür, daß sich das Kapuzengerippe in der Tür oder in der Zeit geirrt haben muß. Als sie denken, sie hätten den Tod argumentativ in die Enge getrieben, fragt eine der Frauen keck, was denn nun angesichts der Gültigkeit ihrer Einwände die Ursache des sechsfachen Todes im idyllisch abgelegenen Ferienhäuschen sein soll. Der Tod streckt seinen knochigen Zeigefinger in die Luft und läßt ihn dann langsam und bedeutungsschwer auf die Festtafel herabsinken: Die Lachsschaumspeise!

Lachsschaumspeise
Die Lachsschaumspeise – Screenshot BABYLON in Berlin

Sehen Sie? Der „die Wissenschaft“s-Artikel in „spektrum“ ist völlig für die Katz. Man stirbt nicht am Feinstaub der brennenden Kerzen. „Spektrum“ hätte besser einen „die Wissenschaft“s-Artikel über die Gefahren der Lachsschaumspeise geschrieben. Oder einen über die Gefahren des Radfahrens ohne Helmchen. Die Lebensgefahr lauert nämlich überall. Mit Ihrer Geburt ging es schon los. Aber sie leben noch. Sonst würden Sie das hier schließlich nicht lesen. Nun gut, Kerzen also.

Gefährliche Problemkerzen

„Der Advent ist die Jahreszeit des Lichts, genauer gesagt: des Kerzenlichts.“ – Falsch. Die Adventszeit ist die Zeit der Erwarung des Lichts. Das Licht der Welt kommt erst an Weihnachten. Advent kommt vor Weihnachten – und die Adventszeit ist die Jahreszeit der Dunkelheit, ihr Spektralpfeifen. Zwischen Mitte Juni und Mitte Juli ist die Jahreszeit des Lichts. Wisst ihr Bescheid jetzt? Davon, daß ihr euren Problemseich mit der Kerze unters Volk bringen wollt, damit es recht gescheit wird in der Furcht vor dem Schadstoff, wird die Adventszeit noch nicht zur „Jahreszeit des Lichts“.

Für viele Menschen sind die flackernden Flammen für die festliche Stimmung unverzichtbar.“ – Flackerabhängige wahrscheinlich, richtige Suchtcharaktere, die einer Entziehungskur bedürfen.

Feuer hat allerdings auch die unangenehme Eigenschaft, eine Vielzahl an Verbrennungsprodukten zu erzeugen.„- ist es die Möglichkeit? Und „die Wissenschaft“ hat das herausgefunden? -Boah.

Von offenem Feuer weiß man, dass Gase wie Stickoxide und Kohlenmonoxid sowie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe entstehen. Ruß und Feinstaub reizen Augen und Atemwege.“ – weswegen auch alle husten müssen, wenn ihnen der Wissenschaftsteufel die Hölle heiß macht. Mit großflammigen Großkerzen.

Aber gefährden auch die kleinen Flammen brennender Kerzen die Gesundheit?“ – das muß man wissen, um zu erkennen, daß man ein Problem hat.

Und wenn ja, wie lassen sich die Risiken verringern, ohne auf die besinnlichen Momente im Schein der Flammen verzichten zu müssen?“ – ganz einfach: keine „die Wissenschaft“s-Artikel in „spektrum“ lesen.

Diese Kerzen in der Jahreszeit der Dunkelheit „nämlich sind die größte Quelle der in den Räumen erzeugten Fein- und Ultrafeinstäube. 53 Billionen solcher winzigen Teilchen steigen pro Stunde von einer einzigen brennenden Kerze in die Luft.“ – Donnerlittchen, doch so viele? Das sind ja gräßliche 0,88 Billionen in der Minute! Da müsste man die gemeine Problemkerze fast vier Minuten vor der vollen Stunde ausblasen, um wenigstens bis auf weniger problematische 50 Billionen herunterzukommen!

Aber halt! Ausblasen geht gar nicht, weil: „Diese Ultrafeinstäube sind weniger als 100 Nanometer groß. Wird die Kerze ausgeblasen oder gelöscht, gelangen dagegen deutlich größere Feinstaubteilchen in die Luft, die oft als Kerzenrauch mit bloßem Auge zu sehen sind.“ – Hmm, Feuerlöscher vielleicht? Gartenschlauch? Eimer darüberstülpen?

Natürlich könnte man zu Hause die Fenster schon aufreißen, während die Kerzen am Adventskranz brennen. Nur entsteht dabei leicht ein Luftzug, der die Flamme flackern lässt. »Dabei bilden sich erheblich mehr Rauch und Schadstoffe«, erklärt Innenraumhygieniker Wolfram Birmili.“ – wenn ich so ein Innenraumhygieniker wie der „die Wissenschaft“s-Birmili wäre, hätte ich angefügt, daß schier wahnsinnig sein muß, wer auch noch raucht, während der Luftzug die Kerze flackern läßt.  Möglicherweise müsste er husten und würde so den Luftzug verstärken, der die Kerze noch mehr flackern ließe, wodurch das Problem endgültig gar zur Gefahr werden würde. Ach, was rede ich: Katastrophe!

Dennoch gibt es Unverantwortliche ohne jedes Problembewußtsein, die eine Kerze einfach ausblasen. Die würden auch ein Kernkraftwerk in die Luft fliegen lassen ohne mit der Wimper zu zucken. Diesem bedauerlichen Umstand trägt auch der wissenschaftliche Inenraumhygieniker Rechnung: „Spätestens wenn die Flammen ausgepustet sind, solle man den Raum gut lüften, um die Schadstoffkonzentrationen rasch zu senken.“ – total asozial. Dann entweichen die ganzen Schadstoffkonzentrationen an die frische Luft und alle „die Menschen“ in Deutschland müssen husten, weil sie ein Problem haben.

Resümee

In Deutschland gibt es nichts mehr zu retten. Das Weltklima kollabiert genau über Rüdesheim am Rhein, überall brennen Problemkerzen, Menschen mit Rollatoren wollen die Regierung stürzen, das Gas ist knapp, der Sprit ist teuer, die Schildkröte hält Winterschlaf, der Aquadom ist geplatzt, und obwohl es nach wie vor den Eber und die Sau, den Hahn und das Huhn gibt, haben die Problemkerzenbehafteten dreiundzwölfzig Geschlechter bekommen, während der böse Herr Putin grundlos den lieben Ukrainern den Strom abstellt, so daß sie Problemkerzen anzünden müssen in jener Jahreszeit des Lichts, in welcher es bekanntlich dunkel ist. Früher war alles viel einfacher. Wahrscheinlich hatte früher niemand ein wissenschaftliches Problemkerzenbewußtsein. Oder Vater, Sohn und heiliger Geist waren noch nicht mutiert zu Mutter, Tochter und „die Wissenschaft“. Das könnte auch sein.

 

 

 

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