Leben im Mittelalter: Für grüne Fundis beim "Spiegel" anscheinend das ökologische Paradies (Faksimile:Imago)

Nicht mehr ganz dicht: Der „Spiegel“ träumt von nachhaltig-grünen Mittelalter

Fortschrittliche, moderne, junge, hungrige Staaten – wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner beispiellosen Aufbruchs- und Wiederaufbaustimmung, oder die asiatischen Tigerstaaten der Neunziger, oder aktuell Indien und China – orientieren sich an der Zukunft. Sie suchen die Herausforderung, wollen Grenzen einreißen und greifen nach den Sternen. Hingegen sind überalterte, überlebte, satte und geistig dekadente Gesellschaften wie die deutsche geprägt von Bedenkenträgerei und Zweckpessismus – und orientieren sich an der Vergangenheit. „Früher war alles besser“ ist die Devise – freilich aber nicht im Sinne eines konstruktiven Konservatismus, sondern stets im Sinne willkürlich herausgepickter, romantisierter Einzelbetrachtungen, die im Lichte des heutigen Zeitgeistes und vor allem der zeitgenössischen linken Hypermoral analysiert und verklärt werden-

So nimmt man beim „Spiegel“ inzwischen sogar beim tiefsten Mittelalter Anleihen, um dort Vorbilder und angeblich reaktivierungswürdige Verhaltensweisen für die Gegenwart zu gewinnen. Natürlich geht es dabei um die Energiewende. Mit rhetorischen Fragen („Wie war das eigentlich früher? Mit dem Heizen und so?) vergleicht die Historikern Annette Kehle Lebensweisen vor vielen Jahrhunderten mit denen unserer hochkomplexen, modernen, technisierten Industriegesellschaft – und kann der „guten alten Zeit“ viel Positives abgewinnen. „Was wir vom Mittelalter lernen können”, überschreibt Kehnel ihre geistigen Stilblüten, und kommt zu dem Fazit: „Kürzer duschen, unterkühlt hausen, weniger Auto fahren? Unsere fernen Vorfahren können darüber nur müde lächeln. Und trotzdem haben sie es sich auch gemütlich gemacht.”

Grünromantisches Cherry-Picking

Neben der unerträglichen Schönfärberei, die für die damaligen Menschen alles andere als ein Zuckerschlecken war, fällt hier vor allem der für eine studierte Historikerin völlig unwissenschaftliche und unseriöse Ansatz ins Auge, nur selektive Phänomene herauszupicken und diese auf eine völlig andere Gesellschaftsordnung und Epoche zu übertragen. Die Menschen damals lebten nicht aus ökologischer Einsicht genügsamer – sondern weil es damals schlicht keine anderen technischen Möglichkeiten gab, die ihnen mehr Komfort ermöglicht hatten. Dieselben Gründe, aus denen damals die „Natur“ noch weniger unter dem Menschen litt, führten auch zu einer aberwitzigen Kindersterblichkeit, zu Seuchen und Hungersnöten.

Es ist grünromantisches Cherry-Picking, was die wohlstandsverwahrlosten Neosozialisten des Feuilletons, die uns Mangel und Verzicht schönreden wollen, hier betreiben – und zwar auf schlimmsten Niveau, schlimmer noch als selektive Lobpreisungen aufs Dritte Reich (super Autobahnen, keine Arbeitslosigkeit, niedrige Kriminalitätsraten!). So geht blanker Geschichtszynismus. Man könnte ergänzen: Das einzige was im Mittelalter wirklich positiv war, ist, dass es noch keinen „Spiegel“ gab. Und dass damals dämliche Journalisten, die den Deutschen hausgemachte Entbehrungen zynisch als Segen anpreisen, an den Pranger gemusst hätten. (DM)

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