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Goldgräberstimmung für CO2-Zertifikate bekommt Dämpfer

Auf dem Markt für CO2-Zertifikate herrscht Goldgräberstimmung, doch immer mehr bekannte Unternehmen ziehen sich aus CO2-Zertifikaten zurück. Viele Unternehmen versuchen, ihren CO2-Ausstoß mit dem Erwerb von CO2-Zertifikaten zu kompensieren. Doch der Handel damit ist zu einem lukrativen Geschäftsfeld geworden – mit beunruhigender Entwicklung. Gerade in der industriellen Fertigung ist es für Unternehmen extrem schwierig, CO2-neutral zu produzieren. Aus diesem Grund greifen viele Unternehmen auf den Kauf von CO2-Zertifikaten zurück und unterstützen so verschiedene Schutzprojekte. Viele Unternehmen sind mit dem Klimaschutz in Europa immer mehr überfordert und einige verweigern die Abgabe von CO2-Zertifikaten, andere lassen sich freikaufen. Angeschlagene Firmen, die den legalen Weg gehen, riskieren oft ihre Existenz.

Der Handel mit Emissionsrechten soll Wirtschaft und Verbrauchern einen Anreiz geben, weniger fossile Brennstoffe zu verwenden. Der Staat kassiert dabei Milliarden. Der Verkauf von Emissionsrechten hat dem Staat im vergangenen Jahr Rekordeinnahmen in Höhe von insgesamt 12,5 Milliarden Euro beschert, wie das Umweltbundesamt berichtet. Dabei werden sowohl die EU-Zertifikate als auch die neu eingeführten nationalen Emissionsrechte berücksichtigt.

Der italienische Kaffeehersteller Lavazza ernsthaft beunruhigt

Wie nun eine Recherche von Zeit, Guardian und der Investigativplattform Source Material zeigt, basiert dieses Modell jedoch auf einer großen Zahl von Zertifikaten, die gar keinen echten Wert besitzen und die das Klima nicht schützen. Der italienische Kaffeehersteller Lavazza erklärt nun, er sei „ernsthaft beunruhigt“ über die Ergebnisse der Recherche und habe sofort alle betroffenen Abteilungen eingebunden, um die Vorwürfe zu prüfen. Auch der deutsche Softwarekonzern SAP teilt mit, sein Portfolio an Kompensationsprojekten zu überprüfen. Der Volkswagen-Konzern erklärt, man sei „selbst abhängig von den am Markt etablierten Standards und darauf angewiesen, dass diese kritisch betrachtet werden“.

Rossmann kündigt Konsequenzen an

Die Drogeriemarktkette Rossmann hat bereits Konsequenzen angekündigt. Sie will die Treibhausgas-Emissionen ihrer Eigenmarken künftig nicht mehr kompensieren und als „klimaneutral“ bewerben. „Wir denken schon länger darüber nach, dieses Label auf unseren Produkten wieder einzustellen – und das werden wir nun auch tun“, sagt Geschäftsführer Raoul Rossmann gegenüber der Zeit.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium reagierte nun auf die Berichte. Der Fall zeigt: „Bei der freiwilligen Kompensation brauchen wir robuste Regeln, um Greenwashing zu vermeiden. Zertifikate dürfen nicht in spekulativer Art hochgerechnet werden. Das beschädigt die freiwillige Kompensation”, sagt ein Sprecher des Ministeriums in der aktuellen Ausgabe der Zeit. Diese Aussage macht deutlich, dass selbst dem Ministerium die Spekulationen und die beunruhigende Entwicklung bekannt sind.

Trotzdem heizt der Bayerische Rundfunk das Thema weiter an und titelt am 21. Januar: „Ein festes CO2-Budget pro Kopf – wie ginge das?“ Würde das CO2-Pro-Kopf-Budget überhaupt etwas bringen? Könnten die Kosten für ein zusätzliches CO2-Budget auch einkommensabhängig sein? Muss erst gezahlt werden, wenn das Jahresbudget aufgebraucht ist? Ist neben der Steuererklärung auch eine CO2-Erklärung notwendig?

Neben all den Fragen, die sich der BR stellt, bleiben wesentliche Aspekte unbeantwortet. Hilft es der Umwelt, wenn die individuelle CO2-Verursachung pro Kopf gemessen und gemeldet würde? Selbst wenn alle CO2-Daten einzelner Personen aufgelistet würden und sich Privatpersonen freikaufen könnten, indem sie Geld in heiße Luftzertifikate stecken, wird nicht weniger Wald abgeholzt. Den Reichen werden die Zertifikate weniger weh tun als den Armen und das Militär bleibt weiterhin ungebremst von jeder Aufsicht ausgenommen, obwohl es massenhaft Schadstoffe freisetzt. Leider stellt sich somit die Frage, ob die Zertifikate wirklich dem Klima dienen oder ob sie als Herrschafts-und Geschäftsmodell eingesetzt werden sollen?

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