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Seymour Hersh: “Die deutschen Zeitungen sind sehr ekelhaft zu mir”

Enthüllungsjournalist Seymour Hersh, der vergangenen Mittwoch seinen akribisch recherchierten Bericht zum angeblichen US-Anschlag auf die Nord-Stream-Pipeline veröffentlicht hat, sprach in einem Podcast über die »ekelhaften« Angriffe der deutschen Presse, die katastrophalen Konsequenzen für Deutschland und vor allem BASF, und wer seine Quelle war.

»Ich habe gesehen, dass die Deutschen endlich anfangen, diese Geschichte ernst zu nehmen«, bemerkte Moderator Gary Brecher von Radio War Nerd zu Beginn.

»Würden Sie das wirklich ernst nehmen nennen?« sagte Hersh. (Die Berliner Zeitung durchbrach heute die Mauer des Schweigens und druckte ein Interview mit Hersh. Der Freitag schrieb: »US-Journalist Seymour Hersh recherchiert, wer die Nord-Stream-Pipelines in die Luft gesprengt hat. Aber niemand will es wissen. Warum eigentlich?«)

Während der Planung des Nord-Stream-Angriffs, zitierte Gary Brecher aus Hershs Bericht, »sagten einige Mitarbeiter in der CIA und im Außenministerium: ‚Macht das nicht. Es ist dumm und wird ein politischer Alptraum, wenn es herauskommt.‘ Es war tatsächlich unglaublich dumm, oder?«

»Aber sie (die Biden-Regierung) hat das nicht so gesehen«, sagte Hersh. »Sie sahen nur das Gas aus Russland nach Deutschland strömen. Russland hat das Erdgas so billig nach Deutschland geliefert, dass die deutschen Unternehmen (das Gas) mit Gewinn weiterkaufen konnten.«

Nord Stream wurde von Gazprom kontrolliert, »das Oligarchen gehört, die Putin nahestehen. Aber 49 % waren (im Besitz von) vier verschiedenen europäischen Unternehmen, die das Gas in ganz Europa weiterverkauften. Sie hatten also eine enorme Quelle billigen Erdgases für ganz Europa. Deutschland ist eine wirtschaftliche Macht, mit Mercedes und BASF, dem größten Chemieunternehmen der Welt. Sie haben das Erdgas verschlungen.«

»Biden will diesen Krieg«

»Biden will diesen Krieg«, sagte Hersh. »Keine Ahnung, warum Präsidenten Krieg wollen. Vielleicht ist es gut für ihre Umfragewerte. Aber Biden wollte unbedingt zeigen, dass wir uns mit ukrainischen Soldaten gegen Russland behaupten können. Das kam in Amerika politisch gut an.«

Biden »sah dieses Gas als Waffe«, so Hersh. »Solange Russland so viel Gas an Deutschland verkaufte, dachten sie, Russland würde es instrumentalisieren, wenn es Krieg gibt.« Die Planung für den Anschlag begann schon vor dem Kriegsausbruch, sagte Hersh.

Bei einer Pressekonferenz mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz am 7. Februar 2022 sagte Biden, wenn Russland in die Ukraine einmarschiere, »wird es kein Nord Stream 2 mehr geben«. Auf Nachfrage sagte Biden: »Ich verspreche Ihnen – wir werden dazu in der Lage sein.«

Am 27. Januar 2022 sagte die Unterstaatssekretärin für politische Angelegenheiten des US-Außenministeriums, Victoria Nuland, dass »in Bezug auf Nord Stream 2 weiterhin sehr starke und klare Gespräche mit unseren deutschen Verbündeten geführt werden, und ich möchte heute mit Ihnen deutlich sein. Wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, wird Nord Stream 2 auf die eine oder andere Weise nicht vorankommen … Wir haben mit unseren deutschen Verbündeten auf allen Ebenen ausführliche Konsultationen geführt. Ich werde hier heute nicht auf die Einzelheiten eingehen, aber wir werden mit Deutschland zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Pipeline nicht vorangetrieben wird.«

Am 26. Januar 2022 sagte der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price, gegenüber NPR: »Ich möchte ganz klar sagen: Wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, wird Nord Stream 2 auf die eine oder andere Weise nicht vorankommen. Ich werde nicht auf die Einzelheiten eingehen. Wir werden mit Deutschland zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass es nicht weitergeht.«

»Das nennt man eine Drohung«, sagte Hersh. »Die Leute fragen mich: ‚Wie hast du diese Geschichte aufgedeckt?‘ Ein Freund von mir sagte: ‚Du bist ein Experte darin, das Offensichtliche herauszufinden.‘ Wer hätte es denn sonst sein sollen?«

»Besonders die deutschen Zeitungen sind sehr ekelhaft zu mir«

»Besonders die deutschen Zeitungen sind sehr ekelhaft zu mir«, so Hersh. »Die New York Times und die Washington Post ignorieren mich einfach.«

Die Mainstream-Medien wollten am liebsten, dass Hersh den Namen seiner Quelle preisgibt, »damit er im Gefängnis landet«, sagte Hersh. »Was das Ende meiner Karriere bedeuten würde. Ich mache das seit 50 Jahren … Ich schütze meine Leute. Ich stehe jetzt im Kreuzfeuer, aber das ist mein Job. Aber sie (die Mainstream-Medien) sollten ihr Geschäft eigentlich ein bisschen besser verstehen“, sagte Hersh.

»Bei der New York Times und der Washington Post verstehen sie ihr Geschäft sehr wohl«, so Hersh.

»Das Problem ist, dass heute alles anspruchsloser geworden ist. Jetzt glauben sie bei der New York Times und der Washington Post, dass meine ungenannte Quelle ein Pressesprecher sein muss, der mir was gesteckt hat, so wie sie das auch machen. Sie scheinen selber überhaupt keine internen Quellen zu haben«, so Hersh.

In Bezug auf die Angriffe auf ihn von Mainstream-Medien wie Spiegel, T-Online und SZ, die sich auf die CIA-nahe Propaganda-NGO Bellingcat berufen, sagte Hersh: »Es ist mir egal, was Bellingcat sagt. Wenn man einen gewissen Zugang zu den Geheimdiensten hat, weiß man, was los ist. Über Bellingcat mache ich mir also keine Gedanken. Aber es gibt auch legitime Journalisten, die mich angreifen.«

Kollege Glenn Greenwald hatte nach den Angriffen von SZ, Spiegel und Co. auf Hersh bemerkt, dass ihre Quelle Bellingcat »vom National Endowment for Democracy finanziert wird, das vom CIA und dem US-Außenministerium gegründet wurde, um sich in andere Länder einzumischen.« Bellingcat werde außerdem von der EU finanziert, so Greenwald. (2021: 320.000 € laut Finanztransparenzportal der EU.)

»Wir bekommen einen Großteil unserer Finanzierung von Spendern wie der Open Society Foundation« sagte Bellingcat-Gründer Eliot Higgins dem Guardian 2018. Laut Open Society Webseite erhielt Bellingcat Ltd. in UK 2016-2018 383.000$ und die niederländische Bellingcat-Stiftung 2019 12.000$ von OSF.

»Es ist einfach verdammt dumm.«

Die heutige Berichterstattung über den Ukraine-Krieg sei in den Mainstream-Medien völlig irreführend, so Hersh. »Der Ukraine-Krieg, den ich kenne, ist nicht der Krieg, über den Sie lesen«, sagte Hersh.

Der Angriff auf die Nord Stream Pipeline würde »die deutsche Wirtschaft lahmlegen«, so Hersh. BASF habe Fabriken geschlossen und »spricht mit China über die Verlagerung von Anlagen dorthin«, sagte Hersh.  Das sei, als ob man sich »grundlos in den eigenen Fuß schießt«, bemerkte Hersh. »Es ist unglaublich dumm. Ist es kriminell? Es ist zweifellos ein wunderliches Maß an Dummheit im Weißen Haus und seitens des Präsidenten. Es ist einfach verdammt dumm.«

»Man muss sich fragen, was ist mit diesen US-Präsidenten los? Warum lieben sie Krieg so sehr? (Vielleicht) weil es politisch nützlich ist«, sagte Hersh. »Es ist eine kolossale Katastrophe. Unverzeihlich.«

Das Weiße Haus habe »die New York Times, die Washington Post, MSNBC und CNN als ihre Handlanger«, so Hersh. »Fox News ist für sie der Feind. Der einzige namhafte TV-Reporter, der mich angerufen hat, war Tucker Carlson« von Fox News. »Er ist ein kluger Kerl. Ich würde nicht bei ihm auftreten,« sagte Hersh über Carlson, »aber er hat absolut Recht behalten in Bezug auf den Krieg in der Ukraine«, sagte Hersh. Tucker Carlson ist der prominenteste US-Kritiker des Engagements für die Ukraine.

Die Nord-Stream-Geschichte »hat mich fassungslos gemacht, weil sie so offensichtlich war“, sagte Hersh. »Die Russen waren es nicht. Und wenn es die Russen nicht waren, welches NATO-Land war es dann? Ich habe mit einem Freund gescherzt: Vielleicht war es ja Mazedonien. Sind die überhaupt in der NATO?«

»Es lag eigentlich auf der Hand«, so Hersh. »Der US-Präsident und der Außenminister haben beide gesagt, dass sie es tun werden. Und sie haben es getan.«

Außenminister Antony Blinken »hielt innerhalb eines Monats nach dem Anschlag eine Rede, in der er sagte, das sei eine großartige Gelegenheit, Russland daran zu hindern, Öl und Gas zu munitionieren. Blinken gehörte eindeutig zu dem Kreis der Mitwisser.«

»Die New York Times hat viele großartige Reporter, aber wenn es um diese Art der Berichterstattung geht, unterschätzen sie das amerikanische Volk. Die sind nicht so dumm, wie man glaubt. Sie können sich durchaus vorstellen, dass der Präsident sowas tut«, sagte Hersh. »Der Präsident muss dafür geradestehen.«

Hersh wollte keine Angaben zu seiner Quelle machen. Es sei jedoch »nicht schwer« gewesen, jemanden zu finden, der Bescheid wusste, so Hersh. »Es gibt eine Pipeline-Industrie. Da sind auch amerikanische Unternehmen dabei. Sie bauen Pipelines auf der ganzen Welt. Sie wissen genau, was passiert ist. Und wer dahintersteckt.«

Zuerst veröffentlicht auf Freie Welt.

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