An Tagen wie diesen - Foto: Imago

Deutsche Sinnkrise: An Tagen wie diesen …

Hin und wieder frage ich mich, was das alles noch soll hierzulande. Wozu rege ich mich überhaupt auf? Worüber ich mich aufrege, ist schon klar. Aber wozu?

von Max Erdinger

An manchen Tagen stellt man fest, daß man eigentlich nur etwas will. Grob umrissen ist es bei mir so: Ich will meine Bonner Republik zurückhaben. Nicht in ihren Grenzen, aber als gesellschaftliches Fundament. Ich will diese dummen Klugscheißer nicht mehr ertragen müssen, die beispielsweise als ARD-Faktenchecker arbeiten und Seymour Hershs Report zur Nordstream-Sprengung anzweifeln, weil er “planted explosives” geschrieben hatte, was so viel heißt wie “Sprengstoff angebracht”, sie das aber nicht wissen und es einfach mit “Pflanzensprengstoff” übersetzen, um als nächstes zu behaupten, es gebe gar keinen Pflanzensprengstoff, weswegen Hersh unglaubwürdig sei. Das ist einfach ernüchternd. So viel Blödheit ist eigentlich unaushaltbar. Daß sich jemand wie dieser Faktenjerker noch immer in Lohn und Brot bei der ARD befindet und dort weitermarodiert, ist ebenfalls unaushaltbar. Und noch unaushaltbarer ist ein Volk, in dem so etwas widerspruchslos möglich ist. Und dann noch diese Selbstbedienungsmentalität bei den Öffentlich-Rechtlichen ….

Das unglaubliche Gestammel der Frau Göring-Eckardt von der Kernkraftverstopfung, unter der das Netz gelitten hat – und den Freiheitsenergien, die jetzt durch die Leitungen fließen … ein Kanzler, der im Januar behauptete, es würde keine Kampfjets für die Ukraine geben, eine Presse, die damals schrieb “Scholz stellt klar” und “rote Linie” – und nur, um dann im April lakonisch zu vermelden, daß die Bundesregierung solche Lieferungen genehmigt hat. Dann sein “Vertrauen Sie der Bundesregierung!”, als es schon wegen des Impflichtgehampels keinen Grund mehr für Vertrauensseligkeit gegeben hat … – stundenlang könnte man weitermachen. Habeck, Baerbock, Lang, Lauterbach und diese ganzen Medienschranzen überall, die den Leuten unbehelligt weiter das Hirn waschen. Als Dissident bekommt man hin und wieder die Krise und fragt sich, wozu man sich eigentlich noch aufregt, und wer das eigentlich ist, den man da noch aufrütteln will – und vor allem, wozu.

Getriggert

Auf neudeutsch heißt das, glaube ich, jemanden triggern oder sich triggern lassen. Du nimmst eine unbedeutende Kleinigkeit wahr und verstehst sie sofort als symbolisch für etwas viel Größeres, das dich aufregt. Mir ist das heute passiert, als ich im Auto unterwegs war. Ein älteres Ehepaar kam mir auf Fahrrädern entgegen. Keine Rennräder, keine Mountainbikes, sondern auf ener Art Hollandräder. Sehr gemütlich waren sie unterwegs, etwas erhöhte Schrittgeschwindigkeit vielleicht. Aber ausstaffiert waren sie, als seien sie Teilnehmer der Tour de France. Die Helmchen passend zu den Goretex-Jacken, in den Mienen einen tödlichen Ernst. Sichtbar eine träge vor sich hintretende Geisteshaltung. Da wird sich erst einmal ein halbes Stündchen lang eingekleidet, ehe es aus der Haustür hinausgeht. Die Ausfahrt stand auf dem Plan. Und gestern abend schon hat “Vati” den Luftdruck in den Reifen von Muttis Rad überprüft und nachgesehen, ob auch das Licht funktioniert. Denn heute Nachmittag sollte es losgehen.

In Frankreich brennen ganze Straßenzüge. Seit Wochen ist dort Randale. Das war das erste, was mir einfiel, als ich die beiden auf mich zukommen sehen habe. Franzosen sind das keine, dachte ich mir. Auch mental nicht. Will ich für die meine Bonner Republik zurückhaben? Will ich überhaupt für jemanden außer mir selbst die Bonner Republik zurückhaben? – Gute Frage. Einreden müsste ich es mir wahrscheinlich.

Es ist ja nicht so, daß der Zustand hierzulande so gar nichts mit den Leuten zu tun hätte, die hier leben. Neulich bin ich Zeuge eines Gesprächs geworden: “ … und dann wollte mit der Verkäufer die Audi-Sport-Fußmatten auch noch extra berechnen, obwohl das Auto so schon über 100.000 Euro gekostet hat. Dem habe ich die Meinung gegeigt. 300 Euro für die Audi-Sport-Fußmatten? Die Fußmatten bekam ich dann ohne gesonderte Berechnung dazu.” – “Das hast Du gut gemacht, Heinz. Die hätte ich auch nicht bezahlt.” – In Frankreich brennen ganze Straßenzüge. Seit Wochen ist dort Randale. Aber nicht wegen Fußmatten. Auch wegen einer Erhöhung des Renteneintrittsalters von 62 auf 64 Jahre nicht. Die Franzosen haben einfach überrissen, daß sie als Souverän abgesetzt – und daß ihr Republik verkauft werden soll. Die haben die BlackRock-Zentrale gestürmt. Mit Rente hatte das nichts zu tun. In Deutschland radeln sie recht souverän auf Hollandrädern im Schritttempo und haben dabei ein Helmchen auf. Der Luftdruck im Reifen stimmt. Und wenn sie doch einmal das Auto nehmen müssen, dann  haben sie souveräne Fußmatten.

Wie bitte? Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung? Schön, daß Sie es bemerkt haben. Noch schöner, daß Sie mir mitteilen mussten, daß Sie es bemerkt haben. Nicht schön, daß Sie angenommen zu haben scheinen, ich wüsste nicht selber, wann ich verallgemeinere und wann nicht. Sehe ich wirklich so dumm aus? Halten Sie sich wirklich für meinen Korrektor? Wollten Sie mich läutern? Was wollten Sie denn? Ach so, klugscheißen wollten sie. Ihr Helmchen sitzt schief. Bei Leuten wie Ihnen sitzt das Helmchen immer schief. Wie bitte? – Sie meinen, das sei eine unzulässige Verallgemeinerung? Was Sie nicht sagen. Wollen Sie einmal ein paar Vorurteile von mir hören?

Verdummt

Am Times-Square in New York wurden neulich junge Passanten interviewt. Die Hauptstadt Deutschlands heißt entweder “France” oder “Europe”. In Deutschland wiederum wurden junge Leute interviewt, die erklären sollten, was ein “Nazi” ist. Voll uncool ist er, der Nazi. Wann hat er gelebt und gewirkt, der Nazi? – Keine Ahnung, bin isch Google oder wer, du Nazi?

Es ist doch so: Würden es die Leute anders haben wollen, dann würden sie viele Dinge wohl auch anders machen. Anders wählen, sich anders verhalten, anders reden. Für wen zerbreche ich mir eigentlich den Kopf? Es geht um mich. Ich verachte ja nicht nur diese Regierung und diese Medien, sondern auch die Leute, derentwegen es beides überhaupt gibt. Ich will keine Bonner Republik für diese Leute. Ich will sie für mich. Mit diesen Leuten geht Bonner Republik gar nicht. Sonst hätten wir sie vielleicht noch. Was geht überhaupt mit solchen Leuten? Das, was wir gerade haben. Das geht.

Wozu müsste ich also theoretisch bereit sein, um meine Bonner Republik wiederzubekommen?- Unwichtig, weil es praktisch ohnehin nicht zu bewerkstelligen wäre.  Auf demokratisch-parlamentarischem Wege? So lange x-beliebige Koalitionsbildungen möglich sind, dürfte das vergebliche Liebesmüh sein. Ich will Lösungen, keine Bemühungen. Außerdem bin ich ungeduldig und kein Freund von Kompromissen. Überhaupt, der Kompromiss: Als sei so ein Kompromiss etwas anders als die Einigung auf den geringsten Umweg an der Realität vorbei. Die Realität selbst ist kompromisslos. Wir einigen uns darauf, nur knapp vorbeizuschießen, wenn wir schon das Ziel nicht treffen können. Das sind so demokratische Gewißheiten: Der Wert von Kompromissen. Sie haben keinen, außer den, daß sich diejenigen, die sich nicht auf das Richtige einigen können, wenigstens nicht gegenseitig die Schädel einschlagen. Mitten im Atlantik fällt einer vom Schiff, keiner merkt’s – und trotzdem macht er Schwimmzüge. Wozu? Damit er nicht gleich absäuft, sondern erst später. Das ist auch so ein Kompromiss. Er schwamm tapfer bis zum letzten Atemzug. Na immerhin.

Es gibt solche Tage wie diesen, an denen ich nicht weiß, was ich noch schreiben soll. Ich weiß nur, daß ich was schreiben soll. Damit ich mir hinterher nicht vorwerfe, ich hätte nichts geschrieben. Das kann doch alles gar nicht mehr wahr sein? Es müsste doch den Massen längst einmal aufgefallen sein, daß es so nicht weitergeht?

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