Der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte: Nordstream-Sprengung - Foto: Collage

Vorsicht Falle: Polen an Nordstream-Sprengung beteiligt?

War Polen an der Nordstream-Sprengung beteiligt? Ein Artikel in der “Berliner Zeitung” legt das nahe. Muß man das ernstnehmen? Ich glaube nicht.

von Max Erdinger

Seymour Hersh hat vor Monaten sehr detailliert beschrieben, wie das mit der Nordstream-Sprengung verlaufen ist. Das gefällt aber dem Weißen Haus nicht, es gefällt auch der Bundesregierung nicht. Und der einzige Grund, weshalb sich Hershs Nordstream-Report nicht als der Weisheit letzter Schluß durchsetzen läßt, ist der, daß Hersh seine Informanten nicht nennt. Obwohl natürlich offensichtlich ist, warum er sie nicht nennt.

Die “Berliner Zeitung” wärmte nun die hanebüchene Geschichte von der Yacht “Andromeda” wieder auf und würzte ein wenig nach. Polen soll logistische Unterstützung geleistet haben. In den vergangenen Tagen hieß es bereits, ukrainische Spezialkräfte hätten die Pipeline gesprengt, westliche Geheimdienste hätten das drei Monate vorher schon gewußt, aber nichts dagegen unternommen. Es wurde insinuiert, daß der Bundeskanzler über die geplante Sprengung Bescheid gewußt haben muß und etliche Abgeordnete des Bundestages ebenso. Nichts davon halte ich für wahr, nicht zuletzt deswegen nicht, weil der Hersh-Report die schlüssigste aller Versionen liefert. Es gibt keinen vernünftigen Grund, seinen Report hinter andere Versionen des Anschlagshergangs zurückzustellen, außer eben einen: Die politische Opportunität.

Politisch opportun

Es ist wirklich kein Geheimnis mehr, daß sowohl Medienberichte als auch Politikerreden im Lauf der Jahre inhaltlich immer eindeutiger an der Frage ausgerichtet worden sind, was damit erreicht werden kann, nicht, was tatsächlich stimmen würde. Es regiert ein beispielloser rhetorischer Präferenzutilitarismus. Nichts wird mehr geäußert, ohne daß vorher genau analysiert wurde, welchen Nutzen es bringen könnte. Der Hersh-Report zur Nordstream-Sprengung ist der am wenigstens nützliche, weil er epochale Änderungen im Verhältnis zwischen der EU und den USA förmlich erzwänge, würde er allgemein als wahr erachtet werden. Es gilt jedoch: Es kann nicht wahr sein, was nicht wahr sein darf. Meine Güte: Victoria Nuland hatte das Nordstream-Ende angekündigt für den Fall, daß bestimmte Vorbedingungen erfüllt sind, der “mutmaßlich umstrittene” US-Präsident hatte das sogar im Beisein von Kanzler Scholz in Washington am 7. Februar 2022 bestätigt, Nordstream war auf dem Kapitolshügel generell extrem unbeliebt – sogar Trump hatte ständig dagegen gestänkert – und nach der Sprengung zeigten sich die Nordstream-Gegner in den USA nicht etwa besorgt, sondern sehr zufrieden. Der Nutznießer des Endes von billiger Energie für den wirtschaftlichen Konkurrenten Deutschland in einer finanz- und wirtschaftspolitisch schwierigen Lage sind ebenfalls die USA und es gibt nicht den geringsten Grund zu der Annahme, daß die außenpolitische Wertschätzung der Amerikaner für ihre “Verbündeten & Partner” nicht einzig und allein an der Frage hängt, inwiefern sie ihnen nützen oder schaden und ob sich die USA das im Negativfall noch länger leisten wollen oder nicht.

Das Geschwätz von den “gemeinsamen Werten” entlarvt sich als Geschwätz allein schon anhand der innenpolitischen Zustände in den USA und deren Kompatibilität mit den Absichten jener “Masters Of The Universe”, die als Ungewählte beim WEF, der OSF, den Bilderbergern, bei BlackRock, Vanguard, multinationalen Konzernen, BigTech, den Wallstreet-Banken und diversen NGOs die eigentlichen Strippenzieher bei den politischen Weichenstellungen des “kollektiven Wertewestens” sind. Daß Donald Trump nun angeklagt wurde, spricht eine deutliche Sprache, um nicht zu sagen, es zeigt eine stalinistische Handschrift: Politische Instrumentalisierung der Justiz.

Im gesamten “Wertewesten” schwelt ein Brand zwischen Utopisten, denen Demokratie, Bürgerrechte und eine verfassungskonforme Justiz ein Dorn im Auge bei der Duchsetzung ihrer Ziele sind – und jenen, die Verfassungskonformität als Grundvoraussetzung jedweder Politik über alles stellen und das auch unbedingt so bewahren wollen. Das letzte, was die Utopisten gebrauchen könnten, wäre, daß der Hersh-Report zur Nordstream-Sprengung zutrifft. Der “kollektive Wertewesten” müsste nämlich auseinanderbrechen. Hersh ist schlicht und einfach nicht opportun. Unzweifelhaft aber wurde Nordstream in die Luft gesprengt und ebenso unzweifelhaft bleibt die Notwendigkeit, eine “letztgültige Erklärung” über den Hergang dieser Sprengung zu liefern.

Es gibt ohnehin schon viel zu viele Tatsachen, ohne daß jemand wüsste, wie sie zustande gekommen sind. Die US-Regierung hat im Lauf der vegangenen Jahrzehnte über eine Milliarde (!) Dokumente zur Verschlußsache erklärt. Wie war das mit 9/11 wirklich? Das gängige Narrativ kann nicht stimmen, aber es ist nicht klar, was stattdessen stimmt. Klar ist, daß es seither den sogenannten “War On Terror” gibt. Bis heute weiß niemand mit absoluter Sicherheit, wer JFK ermordet hat (die CIA soll es gewesen sein), woher Jeffrey Epstein so ein enormes Vermögen hatte, wie er ums Leben gekommen ist, warum Hunter Biden noch nicht im Knast sitzt, ob sich sein Vater im Weißen Haus verläuft und den lieben langen Tag die Treppen rauf- und runterpurzelt, wie so einer überhaupt US-Präsident sein kann und so weiter. In Deutschland scheint ein befremdliches Desinteresse daran zu herrschen, die Sprengmeister der Pipeline eindeutig zu benennen, obwohl das wirklich von übergeordnetem Interesse sein müsste. Eine Möglichkeit daher: Für Diskussionsstoff bis in alle Ewigkeit sorgen, so, wie schon bei der JFK-Ermordung seit 1963.

Der größere Zusammenhang

Die Geschichte in der “Berliner Zeitung” über die “Mittäterschaft” Polens bei der Sprengung der Ostsee-Pipelines betrachtet man wohl am besten im zeitlichen Zusammenhang mit den Geschehnissen rund um ihr Erscheinungsdatum. Da wird vieles erklärlich. Zusammengefasst sieht alles sehr danach aus, als wolle sich der “kollektive Wertewesten” aus seinem Ukraineabenteuer zurückziehen, ohne hernach mit extrem dreckigen Fingern dazustehen. Da wäre es gut, wenn die westliche Öffentlichkeit “wissen” würde, daß ihre “menschlichen” Regierungen vom ukrainischen Finsterling und dessen Kumpanen betrogen, belogen, ausgeplündert und generell über den Tisch gezogen worden sind. Es ist ja auch aussichtslos: Haben ukrainische Truppen zeitlich begrenzt kleine Geländegewinne zu verzeichnen, wird das als Erfolg der “großen ukrainischen Gegenpoffensive” gepriesen, haben sie jedoch enorme Verluste, dann heißt es, die Großoffensive habe noch gar nicht begonnen.

Die vergangenen Tage waren aber unzweifelhaft desaströs für das ukrainische Regime und den “kollektiven Wertewesten”, nicht zuletzt medientechnisch betrachtet, vor allem aber militärisch. Deutsche “Tierpanzah” vom Typ Leopard gingen in Rauch auf (mindestens 4 Stück), britische Bradley-Panzer wurden reihenweise aus der Luft zerstört, das Angriffsterrain der Ukrainer war dichter von den Russen vermint worden als das im Westen jemand wahrhaben wollte, in den deutschen “Tierpanzahs” wurden auch keine Ukrainer zu Tode gegrillt, sondern Polen, wie abgefangene Funksprüche nahelegen – und der “ukrainische Durchbruch” an fünf Frontabschnitten ist schon wieder Vergangenheit. Ohne Luftunterstützung musste der ein Strohfeuer bleiben. Die Verluste an Truppen und Material sind enorm und können nicht ausgeglichen werden. Die gesamte 47. Brigade der AFU gilt als ausgelöscht. Ein völlig sinnloses Massaker. Die Sprengung des Kachowka-Damms durch Russen ist weder plausibel noch zu beweisen, die systematische Schwächung des Damms durch den Beschuß von anderthalb Jahren seitens der Ukrainer jedoch schon. Den Wasserdruck auf den Damm, der dann in der Nacht zum 6. Juni zum Bruch der 11 Dammsegmente (von 28 vorhandenen) führte, geht auch nicht darauf zurück, daß die Russen den Wasserstand im Kachowka-Stausee von den üblichen 14 Metern auf 17,5 Meter hochgestaut hatten, sondern auch das wurde von ukrainischer Seite veranlaßt, mutmaßlich, um durch den Bruch des Damms die maximal mögliche Verwüstung zu generieren und die Krim von der Wasserversorgung über den Nord-Krim-Kanal abzuschneiden. Gestaut wird in der Ukraine, der Damm jedoch befindet sich seit dem 24.02.2022 in russischer Hand. Das ist insofern dumm gelaufen, als daß eine solche Tat abseits der Frage nach der Täterschaft in den Westmedien als beispiellos barbarischer Terrorakt gegen die Zivilbevölkerung bezeichnet worden war. Wie stünde man denn da, wenn das ein ukrainischer Terrorakt gewesen wäre? – Es war einer. Also Schwamm drüber.

Das kollektiv-westliche Ukraineabenteuer der NATO wird endgültig gar zum Desaster. Man wird Selenskyj wohl über die Klinge springen lassen müssen. Ein potentieller Sündenbock war er ohnehin schon die ganze Zeit – und unschuldig ist er faktisch nicht. Daher auch der jüngste Schnack von den ukrainischen Spezialkräften, die angeblich Nordstream gesprengt haben. Noch nützlicher, wenn sie dabei von Polen unterstützt worden wären. Wenn von der Einheit des “kollektiven Wertewestens” und seiner NATO noch etwas zu retten sein soll, dann wird man wohl um eine kleine Amputation nicht herumkommen. Also weg mit der “betrügerischen, untreuen und undankbaren” Ukraine, ihrer geplanten NATO-Mitgliedschaft, ihrem EU-Beitritt – und gleichzeitig ein großes Stoppschild für die Polen aufgestellt, die sich recht eitel als neuer amerikanischer Liebling begriffen haben, was sie am besten schnell wieder bleiben lassen.

Die Hardliner im Hintergrund, die lieber eine Eskalation auf russischem Territorium (Belgorod u.a.) riskieren würden, als sich von ihrem Ziel einer russischen Destabilisierung per Ukrainekrieg zu lösen, ergänzen den Schnack von den ukrainischen Pipeline-Sprengungs-Spezialkräften dann um die Behauptung, die deutsche Regierung sei über die Geheimdienste in die Pläne eingeweiht gewesen. Das tun sie in dem Wissen, daß der Bundesregierung gar nichts anderes übrig bleiben wird, als eine solche Ungeheuerlichkeit entschieden zu dementieren, weil sie sich ansonsten des Hochverrats schuldig gemacht hätte. Damit steht dann aber auch die Variante “ukrainische Sprengung von Nordstream” insgesamt in Zweifel. Der Zweifel wiederum ist allemal noch der Gewißheit vorzuziehen, daß der Hersh-Report zutreffend gewesen ist. Es tobt der Kampf der Narrative, die Schlacht um die “Rezeption von ‘Realität'” durch die Massen. An jedem Narrativ vorbei dürfte die inzwischen aber so aussehen: Der “kollektive Wertewesten” hat den Stellvertreterkrieg in der Ukraine unter der Rädelsführerschaft der USA, für den er hunderttausende Ukrainer “geopfert” hat (“wir kämpfen bis zum letzten Ukrainer”) – und der zigtausende von Russen das Leben kostete, verloren.

Wo geht’s bitte zum Ausgang?

Jetzt geht es darum, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Wie könnte das besser gelingen als dadurch, daß man von der Ukraine, sprich: – Selenskyj – ausgenützt, betrogen, angelogen und selbst bekämpft worden wäre? Das wäre schon sehr nützlich für die Rechtfertigung des eigenen Rückzugs. Die Bundesregierung hätte wahrscheinlich ganz gern eine ukrainische Täterschaft bei der Nordstream-Sprengung, weil die natürlich den Stopp jedweder Unterstützung für die Ukraine rechtfertigen würde. Was allerdings extrem hinderlich wäre, ist die Behauptung, westliche Geheimdienste hätten schon Monate vorher von der geplanten Sprengung gewußt. Das ist der Teil des Narrativs, der auf gar keinen Fall wahr sein darf. Das Gesamtnarrativ hat wahrscheinlich zwei widerstreitende Urheber. Die einen sind dafür, daß es Ukrainer gewesen sind, die Nordstream gesprengt haben. Die anderen sind dagegen und setzen deshalb das angebliche Vorwissen der westlichen Geheimdienste obendrauf. Die logistische Unterstützung der Polen für die ukrainischen Sprengmeister von Nordstream wiederum wäre recht nützlich, weil die Polen ihrerseits jüngst erst eine 1,3 Billionen-Euro-Rechnung für die Schäden des Zweiten Weltkriegs und die polnische Toten von damals eingereicht hatten. Pietätvoll hatten sie ausgerechnet, was ihnen ein Pole, der vor über achtzig Jahren im Krieg sein Leben verloren hatte, heute noch einbringen könnte, wenn sie ihn an die Deutschen verkaufen: 20.000. Na immerhin. Ob die polnische Gräberpflege inklusive sein soll oder nicht, ist nicht ganz klar. Es könnte schon sein, daß sich Polen auch die noch extra bezahlen lassen will. Freunde in der Gegenwart sind das jedenfalls keine. Tatsächlich ist es nämlich so, daß sich Polen, die mangels Geburt damals keine Opfer geworden sind, von Deutschen, die mangels Geburt damals keine Täter gewesen sind, mit Geld, das Deutsche heute verdienen, dafür bezahlen lassen wollen, daß es eine Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt. Da wäre es schon praktisch, wenn man als Deutscher eine Gegenrechnung aufstellen könnte für Verluste, die von heutigen Polen mitverursacht worden wären. Eine logistische Unterstützung der Polen für ukrainische Pipeline-Sprenger wäre da nicht ganz verkehrt.

Meinereiner ist sich sicher, daß der Hersh-Report geklärt hat, wie das mit der Nordstream-Sprengung gelaufen ist. Es ist einfach die bislang plausibelste Darstellung. Jeder Versuch, ein anderes Narrativ zu installieren, ist schon aufgrund seiner logischen Inkonsistenzen ein Indiz dafür, daß es nicht darum geht, die Wahrheit zu erzählen, sondern darum, Hersh zu diskreditieren. Weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Außerdem bin ich mir sicher, daß weder in Brüssel noch in Berlin solche Köpfe an der Macht sind, die fähig wären, die notwendigen Konsequenzen zu formulieren, geschweige denn, sie dann auch umzusetzen. Außerdem bin ich so gut wie überzeugt davon, daß es gegen fast jede der tatsächlich einflußreichen Politfiguren in Brüssel, Berlin, Paris, London oder Ottawa sogenanntes “Kompromat” gibt, das gegen sie in Stellung gebracht werden könnte für den Fall, daß sie “aus der Reihe tanzen”. Schließlich gleicht die EU immer mehr einer EUdSSR, die BRD innerhalb dieser EUdSSR einem Stasistaat namens DDR – und ein sowjetisches System (“ausgeloste Bürgerräte / Sowjets”) funktioniert nur mit ordentlich viel “Kompromat”.

In den USA wird inzwischen laut darüber nachgedacht, den Russen die bislang eroberten Gebiete in der Ukraine zu überlassen im Gegenzug dafür, daß Russland seinen militärischen Beistandspakt mit China wieder aufkündigt. Das heißt, in den USA hält man den Rest der Welt noch immer für völlig bescheuert. Zum “Rest der Welt” gehört eben auch Europa. Die “ukrainische Gegenoffensive”, die je nach momentaner Narrativnützlichkeit entweder erfolgt oder nicht erfolgt ist, war übrigens trotz ihrer Aussichtslosigkeit unerläßlich, um den Krieg am Laufen zu halten. Tatsächlich wären nämlich nur wenige militärische Schnitte nötig, um die Krim von Russland zu isolieren und dadurch auch die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol schachmatt zu setzen. Es gibt die Landenge im Norden und die Kertschbrücke im Osten. Wer die beiden “Schwachstellen” unter Kontrolle hat, der hätte die Krim von Russland isoliert. Die Wasserversorgung der Krim ist nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms bereits prekär, weil der Nord-Krim-Kanal nicht mehr ausreichend Wasser führt. Morgen, am 12. 06.2023, läuft das größte Luftübungs-Manöver in der Geschichte der NATO an. Und die USA haben jüngst Langstrecken-Raketen in die Ukraine geliefert, mit denen die Kertschbrücke auch aus größerer Distanz getroffen werden könnte. Den Russen ist natürlich völlig klar, was da im Busch ist. Es bleibt noch einmal spannend, aber wenn das vorbei ist, dann steht die Niederlage des “kollektiven Wertewestens” in der Ukraine fest. Oder aber es bricht das Ende der Welt herein. Sollten NATO-Flieger dabei “helfen”, die Krim zu isolieren, dann sind die Friedenszeiten für Westeuropa vorbei.

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