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“Bleibense Mensch!“

Wir leben gerade in angespannten Zeiten. Wo wir gehen und stehen, wird von uns, medial und gesellschaftlich gesteuert, ein allgemeingültiges Urteil eingefordert – und das ohne die wirklichen konkreten Sachlagen genauer zu überblicken oder gar ernsthaft zu kennen. Menschen, die eine andere Entscheidung als wir selbst getroffen haben, isolieren wir dann gerne, weil sie – so lässt man uns denken – nicht die ethischen Grundsätze verfolgen, auf deren Basis wir selbst agieren. Und deshalb können wir denen offen unsere Verachtung entgegenschleudern.

von Peter Keuner

Gehen wir zum Beispiel einmal davon aus, dass wir uns irgendwann entschieden hätten, nicht zu rauchen. Wir hätten uns gegen das Rauchen entschieden, weil für uns die gesundheitsschädlichen Wirkungen, die Gefahr, frühzeitig an schwerwiegenden Erkrankungen zu leiden oder gar zu sterben durch den positiven Aspekt des Genusses von Tabak für uns nicht kompensiert wird. Nun hätten wir jedoch einen guten alten Freund, der mit uns seit Jahren durch dick und dünn gegangen ist, mit dem wir uns ansonsten prima verstehen und dessen einziger Fehler sein Rauchen ist. Dieser Freund steht irgendwann mit feuchten Augen vor unserer Tür und eröffnet uns, dass er gerade vom Arzt komme und an Krebs erkrankt sei.

Ja, würden wir ihm jetzt kaltherzig, bevor wir ihm die Tür vor der Nase zuschlagen sagen “Geliefert, wie bestellt!“ oder würden wir ihm jetzt eröffnen, dass er ja sein Schicksal selbst gewählt habe und er jetzt nicht jammern soll?

Während der gesamten Pandemiezeit wurden Kritiker der behördlichen Maßnahmen – völlig überzogen – innerhalb unserer Gesellschaft diskriminiert und kriminalisiert. Das wurde bisher noch nicht aufgearbeitet. Ist es jedoch richtig, Menschen, die sich aus Angst, beruflichen oder persönlichen Gründen FÜR die Impfung entschieden haben und nun an deren Folgen leiden, hämisch und gehässig ein “geliefert wie bestellt“ entgegenzuhalten?

Die Spaltungen in unserer Gesellschaft nehmen groteske Formen an: Freunde, Familien, Nachbarn sind in den vergangenen Jahren durch medial künstlich erzeugte und aufgeblasene Moralität so zerstritten wie nie. Offensichtlich sollen wir dazu gebracht werden, jede Meinung, die sich NICHT zu 100% mit unserer eigenen deckt, zu ignorieren und die Bande zu dem Menschen mit der falschen Meinung tunlichst abzuschneiden. SO geht Isolation.

In den Sechziger und Siebziger Jahren zog der Schauspieler und Comedian Jürgen von Manger-Koenig unter seinem Alter Ego, “Adolf Tegtmeier“, durch Deutschland. Er zeichnete bei seinen Bühnenauftritten und Fernsehpräsenzen einen Ruhrpott-Malocher aus einfachen Verhältnissen, der tragikomisch – und durchaus selbst fehlerhaft – mit einem Augenzwinkern die aktuellen Geschehnisse rund um den Malocheralltag – medial, wie politisch, wie sportlich oder familiär – aufs Korn nahm. Wenn er sich als Tegtmeier von seinem Publikum von der Bühne verabschiedete, tat er das mit den Worten: “Bleibense Mensch!“. Wir brauchen jetzt wieder ein wenig mehr Demut, etwas weniger Großkotzigkeit was die eigenen Positionen betrifft und erheblich mehr Diskurskultur – wir müssen wieder lernen, respektvoll miteinander zu streiten! Dann haben diejenigen, die beständig mediales Kerosin ins Feuer gießen, immer weniger Macht über uns und unsere Kreise und wir können das Feuer löschen

Bleibense Mensch!

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