Ukraine: Der längste Krieg in Europas jüngerer Geschichte begann nicht erst mit Putin

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10 Jahre Krieg in Osteuropa und lange noch kein Ende (Symbolbild:Imago)

Zehn Jahre Krieg. Zuerst der Ukraine gegen russischstämmige Staatsbürger, dann ein halbes Jahr „Militäroperation“ Putins gegen die Regierung in Kiew, und nun eineinhalb Jahre Rückeroberungskrieg der Ukraine gegen Russland in ihren südöstlichen Oblasten (seit 2014: Volksrepubliken, 2022 von Russland annektiert), der zu einem Stellungskrieg wurde. Zehn Jahre sollten eigentlich reichen. Vier Jahre Erster Weltkrieg, sechs Jahre Zweiter Weltkrieg und nun zehn Jahre Krieg im Osten Europas müssten eigentlich genug sein, will man nicht mit noch längeren Kriegen der Geschichte (dem Hundert- oder Dreißigjährigen vielleicht?) wetteifern.

Die Jugoslawienkriege dauerten ebenfalls zehn Jahre, doch anders als vor 30 Jahren eskaliert der Krieg in Osteuropa nach zehn Jahren jetzt erst so richtig. Jedenfalls dann, wenn – wie Emmanuel Macron nun allen Ernstes ins Gespräch bringt – westliche Bodentruppen zum Einsatz kommen sollten, oder auch nur für den Fall, dass die Ukraine die von ihr begehrten Taurus-Marschflugkörper erhalten sollte. Diese haben eine Reichweite von 500 Kilometern und werden von Flugzeugen aus abgeschossen. Von der ukrainischen Grenze aus abgefeuert, können sie den nur 470 Kilometer entfernten Kreml in Moskau zerstören. Spätestens dann dürfte es keinen Krieg mehr geben – und dieser war definitiv der letzte, wenn Putin die einzige Waffe einsetzt, mit der er es mit dem Westen aufnehmen kann – seine Atombomben.

Das “Recht der Völker”?

Aber der Reihe nach. Bis heute wird verbreitet, der Ukrainekonflikt habe am 24. Februar 2022 mit Putins „Angriffskrieg“ begonnen. So wird jetzt des zweiten Jahrestag dieses ersten europäischen Krieges im 21. Jahrhundert gedacht. Doch kein Krieg – außer Hitlers Überfall auf Polen – wurde bisher unablässig als „Angriffskrieg“ einer Militärmacht aus heiterem Himmel tituliert. Immer gingen ihm politische und wirtschaftliche Spannungen oder sogar (para-)militärische Schlagabtausche voraus. So auch im Fall der Ukraine. Ganz wertneutral soll daher hier nochmals kursorisch die Chronik des Ukrainekonflikts in Erinnerung gerufen werden.

Dieser begann im eigentlichen Sinne mit dem sogenannten „Euromaidan, als unter Führung und Finanzierung der USA der gewählte Präsident Janukowitsch gestürzt und vertrieben wurde. Nach den Abstimmungen auf der Krim und den Oblasten Donezk sowie Luhansk erklärten sich diese zu von der Ukraine eigenständigen Volksrepubliken und somit für unabhängig von der Ukraine. Dabei stimmten sogar mehr Menschen für die Unabhängigkeit von Kiew, als der russischstämmige Bevölkerungsanteil in diesen Oblasten betrug. Gegen diese Volksbefragung wurde und wird bis heute eingewendet, sie sei “unrechtmäßig” erfolgt. Aber ist es denn nicht das Recht der Völker, über ihre Staatenzugehörigkeit selbst zu bestimmen und ihre Entscheidung sodann umzusetzen? Wie würde mit dem Freistaat Bayern verfahren, wenn die Mehrzahl der Bürger sich für eine Loslösung vom Berliner Zentralstaat entscheiden würde – würde Bayern dann auch mit Krieg überzogen, wie es dann ab März 2014 mit den Gebieten zwischen der Ukraine und Russland geschah?

Merkels Eingeständnis bloßer Scheinverhandlungen

Diesem achtjährigen Ukrainekrieg gegen die erwähnten Ostgebiete zwischen 2014 und 2022 sollen 14.000 Menschen zum Opfer gefallen sein. Mit Verhandlungen – Minsk I und Minsk II – sollte die Situation befriedet werden, unter der Auflage, dass die Ukraine ihre Verfassung ändert, um die verbrieften Rechte der russischstämmigen Bevölkerung wiederherzustellen. Doch die damalige Kanzlerin und Minsk-Schlichterin Merkel offenbarte Ende 2022, dass es sich dabei um bloße Scheinverhandlungen handelte, um die Ukraine weiter aufrüsten zu können.

Mit dem unerwarteten Vorstoß von russischen Truppen nach Kiew wollte Putin dann – fraglos völkerrechtswidrig – die dortige Kriegsregierung absetzen. Doch die Ukrainer wehrten den Angriff ab, vertrieben die russischen Truppen aus der Hauptstadt und drängten sie erfolgreich über den Dnjepr zurück. Westlich dieses bedeutenden Wasserwegs hatten russische Truppen wahrlich nichts verloren. Doch der weitere Vormarsch der ukrainischen Truppen mit dem Ziel der Rückeroberung der fünf von Putin annektierten Oblaste Cherson, Saporischschja, Donezk, Luhansk und der Krim führte in ein Blutbad.

Hunderttausende Opfer – halb so schlimm?

Mit dem Verlust von nur 31.000 Soldaten sei es halb so schlimm, log Selenskyj vorgestern im ukrainischen Fernsehen (tatsächlich sind es 60-70.000). Daneben starben über 10.000 Zivilisten. Auf russischer Seite waren jedenfalls mehr Opfer zu beklagen: Alleine 70.000 tote Soldaten und ebenso viele Schwerverletzte. Insgesamt sind wohl hunderttausende Opfer des Russisch-Ukrainischen Krieges auf beiden Seiten zu beklagen. Kein Wunder, dass man nicht mehr für den Stellvertreterkrieg zur Verfügung stehen will und die Mobilisierung in der Ukraine ins Stocken gerät! Nicht alle wollen für den “Wertewesten” bis zum letzten Ukrainer weiterschlachten oder geschlachtet werden. Hier eine Chronologie der Ereignisse seit dem 24. Februar 2022.

Inzwischen ist nicht etwa das Kernland der Ukraine Schauplatz des Stellungskrieges, sondern die südöstlichen Gebiete entlang Russlands, welche die Ukraine erobern will. In diesen liegen auch die zerstörten Städte, von denen berichtet wird – seien es Mariupol, Sjewjerodonezk, Bachmut oder andere. Zuletzt wurde Awdijiwka niedergemacht, das 580 Kilometer von Kiew entfernt liegt, aber nur 70 Kilometer von der russischen Grenze! Diese und andere Städte in den von Putin annektierten Gebieten sollen ernsthaft nur durch Russland zerstört worden sein? Verfehlten die hunderttausende, der Ukraine vom Westen gelieferten Waffensysteme, Geschosse, Granaten, Bomben, Raketen, Marschflugkörper und Drohnen also ihr Ziel und fielen in den Dnjepr oder ins Schwarze Meer?

Militärs sind manchmal die besseren Diplomaten

Es ist höchste Zeit, endlich Diplomaten vorzuschicken, statt weitere Waffen zu liefern. Und zwar echte Diplomaten mit (Geschichts-) Kenntnis von Russland und der Ukraine. Die deutsche Ministerriege samt Kanzler Scholz (“You’ll never walk alone“) oder Baerbock, die frisch gestylt in Pumps durch Kriegstrümmer stakst, gehört nicht dazu – und zwar weder zu den fachlichen Kennern noch zu den Diplomaten. Militärs sind manchmal die besseren Diplomaten, weil sie die Kräfteverhältnisse und damit Friedensoptionen besser einschätzen können.

Jedenfalls sollte der Vortrag des ehemaligen Generalinspekteurs der Bundeswehr, General a.D. Kujat, allen Säbelrasslern vom Dienst (und besonders den weiblichen Exemplaren unter ihnen) zur Pflicht gemacht werden (hier als Tonaufnahme und hier als Text). Auch der Offene Brief eines weiteren hochdekorierten Bundeswehrgenerals a.D., Gerd Schultze-Rhonhof, müsste Pflichtlektüre für die Politiker sein.

Die Kriegsgefahr steigt auch in Westeuropa

Die Lage ist inzwischen ernst, fast hoffnungslos. Mehrere Einschätzungen sehen sich am Scheideweg zwischen einer Verständigungslösung oder einem Weltkrieg. Eine einseitige “Informationspolitik” – um nicht zu sagen: Kriegspropaganda – der westlichen Regierungen und der Medien vermittelt den Eindruck, Russland wolle Europa überrennen. Dies führt auch bei der verängstigten Bevölkerung zu immer mehr Zustimmung zur Lieferung von immer mehr Offensivwaffen gegen Russland, siehe hier. Dies wiederum ermutigt die Politik, ihre Aufrüstungsoffensive zu steigern bis hin zur neuerlichen Bejahung des totalen Krieges. Die Spirale beschleunigt sich unweigerlich, ein in die Welt gesetztes Narrativ bestätigt sich von selbst.

Die junge Generation weiß nicht mehr, was Krieg bedeutet, und läuft daher Gefahr, diese Politik der vermeintlichen Stärke durchzuwinken. Nur wenige Zeitzeugen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration leben noch und sie werden immer weniger. Damit steigt die Kriegsgefahr auch für Westeuropa. Aber Europa, insbesondere Deutschland, droht auch ohne Krieg der Niedergang – und dessen Ursache liegt aber nicht im Osten begründet, sondern im Süden unseres Globus. Denn nicht nur der Ball ist rund, und wie beim Fußball kann so manche falsche Analyse des Geschehens und die daraus resultierende Taktik – im vorliegenden Fall: die Kriegsstrategie – zum Eigentor werden. Zu einem „spielentscheidenden“, weil verhängnisvollen Eigentor gar. Gnade uns Gott.

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