Nur noch ein paar Zentimeter bis zur Ziellinie. Fötus Fred war aufgeregt wie noch nie in seinem Leben. Kein Wunder, schließlich stand der Kleine nach knapp neun Monaten kurz vor seinem entscheidenden Durchbruch. Er hatte von Anfang an ums Überleben gekämpft, war zeitig aus der Fruchtblase geplatzt, hatte sich kräftig gedreht und flutschte und strampelte nun, unterstützt durch die verzweifelten Presswehen seiner Mutter, dem Ausgang entgegen. Ein wenigverschwommen, aber immerhin, konnte er jetzt schon dasLicht der Welt erblicken. Er musste eigentlich nur noch seinen Kopf durchsetzen und dann „Happy Birthday“, „, Fred.
Ein Gastbeitrag von Thomas Böhm
Mit einem kernigen Hallo wollte er denen da draußen, die sich um den Leib seiner Mutter versammelt hatten, seine Ankunft mitteilen. Aber bevor Fötus Fred nach Luft schnappen konnte,hauchte seine Mutter ihren letzten Atem aus. Das darf doch nicht wahr sein, dachte Fötus Fred, ausgerechnet jetzt lässt mich die Alte im Stich. Plötzlich sah es für Fötus Fred finster aus. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass da von außen jemand gedreht, die Klappe dicht gemacht hätte. Kalte Panik kroch durch seinen winzigen Körper. Vergeblich suchte Fötus Fred nach einem Ausweg. Hektisch krabbelte er hin und her, stieß mit seinen Füßchen wütend gegen die Innenwände, doch so sehr er sich auch bemühte, die Klappe blieb dicht.
Und Fötus Fred allmählich die Luft weg.
War’s das schon? Sollte Fötus Fred auf der Strecke, zwischen Tür und Angel hängen bleiben, fristlos gekündigt, noch Innerhalb der Probezeit seines Lebens.
Fötus Fred blieb erst mal nichts weiter übrig, als in ohnmächtiger Wut hilf- und bewegungslos in seiner langsam erkaltenden Familiengruft zusammengekauert dazuhocken und den für ihn unverständlichen Disput über sein weiteres Schicksal mit anzuhören.
„Ok, das haben wir, meine sehr verehrten Damen und Herren“, verkündete der Vorsitzende des Gender-Tribunals, ein dickbäuchiger, grauhaariger Mann. Als einziger der imKreißsaal anwesenden Personen saß er auf einem Stuhl. Dieanderen, Dr. med. Fallenberg, medizinischer Berater des Tribunals, die Hebamme, Schwester Ingrid, Kommissar Schulte und der Vater, Wilhelm Gellhuber, standen dicht gedrängt um das Totenbett der Mutter und starrten aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken auf den noch warmen Leichnam.
„Wie, das haben wir?“, fragte jammernd Vater Gellhuber. Er hatte sich umgedreht, damit der Vorsitzende seine Tränen sehen konnte. „Sie können doch nicht einfach diesen Fötus, meinen Fred, zum Tode verurteilen, das geht doch nicht!“
„Natürlich geht das“,, antwortete der Vorsitzende und gähntegelangweilt. „Der Kerl ist einwandfrei überführt.“
„Jawohl, das kann ich nur bestätigen“ , schaltete sich derKommissar ein. „Die Gutachten, die Herr Dr. Fallenberg auch in Ihrem Interesse, Herr Gellhuber, und vor allen Dingen im Sinne der Verstorbenen erstellt hat, sind unanfechtbar. DieUltraschallaufnahmen, die er in regelmäßigen Abständen von dem Leibesinneren der Verstorbenen gemacht hat, beweisen eindeutig, dass Fred für den Tod seiner Mutter verantwortlich ist.
„Wieso?“ Gellhuber war nicht so leicht zu beruhigen.
„Er hat, sozusagen von Beginn an, also fast neun Monate lang, seine Mutter gequält und gepeinigt, mit Füßen getreten, gebissen und gekratzt, wohl, um seinen Willen durchzusetzen, hat so mehr Platz in Anspruch nehmen wollen als ihm zusteht.
Durch diese Schandtaten hat Fötus Fred mutwillig, das ist völlig eindeutig, der Schwangeren innere Verletzungen zugefügt“, behauptete Schulte.
„Damit hat der Angeklagte letztendlich den Tod der werdenden Mutter herbeigeführt“,, ergänzte der Vorsitzende.
„Und deshalb habe ich ihn gewissermaßen im Leib seiner verstorbenen Mutter in Gewahrsam nehmen lassen, den Ausgang zugemacht, wenn Sie verstehen, Herr Gellhuber“ sagte Kommissar Schulte. „Das erspart der Justiz, und damit dem Steuerzahler, viel Aufwand und Geld.“
„Aber man hätte bei einem Fötus sicherlich nicht gleich die Todesstrafe anwenden müssen“, wandte die Hebamme ein. „Lebenslänglich hätte doch auch gereicht.“
Ihr gingen diese mobilen Einsatzkommandos der zivilen Gender-Strafgerichte, die sich immer häufiger in die Angelegenheiten der Geburtshelfer und Kreißsäle einmischten, auf den Wecker.
„Sie wissen sehr wohl, gnädiges Fräulein, dass das Gesetz, das hier in Form meiner Person und Autorität als Vorsitzender des Gender-Tribunals vertreten ist, im Falle einer Verurteilung bei geplantem Mord nur die Todesstrafe verhängen kann.“ Wie wir persönlich darüber denken, steht auf einem anderen Blatt“ Der Vorsitzende zeigte sich unbeirrt.
Fötus Fred verstand nur Bahnhof und den auch immer schlechter. Ihm riss langsam der Gedulds- und Lebensfaden. Mit letzter Willenskraft schlug er mehrmals mit dem Köpfchen gegen die verschlossene Klappe.
„Und wem haben wir dieses verdammte Gesetz zu verdanken?“, fragte der nun nicht mehr werdende Vater, immer noch gegen die Tränen in der Stimme ankämpfend.
„Diesem verfluchten neuen Gender-Gesetz natürlich“beantwortete ihm Schwester Ingrid seine Frage. „Nach Paragraph 1, Absatz 1 sind alle Menschen dieser Erde gleichwertig und gleich zu behandeln. Egal ob Mann, Frau, Transsexueller, Fötus oder Greis. Und weil es keine Geschlechterdiskriminierung und keine Altersdiskriminierung mehr geben darf, ist nun auch die Frühchendiskriminierung verboten.
„Und Absatz 2 betont ausdrücklich, dass das ungeborene Leben, also der Fötus, von der ersten Sekunde so wie einausgewachsener Mensch zu behandeln ist. Das haben wir so beschlossen, um auch die Widersacher aus der katholischen Ecke milde zu stimmen. Und da wir die Todesstrafe wieder eingeführt haben, weil nur im Tod endgültig die Gleichheit der Wesen garantiert ist, wenn sozusagen alle wieder zu Asche werden, ist das Schicksal dieses Fötus wohl besiegelt“, beendete der Vorsitzende die Diskussion.
Aber Fötus Fred hatte sich inzwischen ohnehin verabschiedet.
Der Autor wurde als Früchen mit sieben Monaten auf die Welt gebracht, seine Mutter starb kurz nach der Geburt. Sie hat also sozusagen ihr Leben für sein Leben geopfert.
So viel zur aktuellen Debatte, unter heutigen Umständen hätte der Autor diesen Quatsch also nicht schreiben können.























