Neulich, in der Selbsthilfegruppe: Anonym denken statt saufen (Bild:Grok)
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Von den Anonymen Alkoholikern zu den Anonymen Denkern

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Von den Anonymen Alkoholikern wissen wir, dass Gruppen helfen können. Wer vom Alkohol wegkommen will, findet dort seit 1935 Unterstützung, darf seine Abhängigkeit ansprechen. Er darf sagen, was ihn belastet und spürt bereits dadurch Erleichterung. 100.000 Vereine der anonymen Alkoholiker existieren weltweit, davon 2000 in Deutschland. Nun wächst in Berlin eine neue, stille Bewegung, die kaum weniger notwendig ist: Die Anonymen Denker.

Denn freies Denken ist in unserem Land nicht mehr so gern gesehen, um es milde zu formulieren. Umfragen zeigen: Rund siebzig Prozent der Menschen trauen sich nicht mehr, ihre Meinung frank und frei zu äußern. Der Preis für ein falsches Wort ist hoch, und viele spüren ihn schon, bevor sie etwas gesagt haben. Gedanken stauen sich an, suchen einen Ausweg, doch man traut sich nicht, sich zu äußern. Es ist, als würde man eine tickende Uhr im eigenen Kopf tragen, ohne sie jemals abstellen zu können. Die Betroffenen explodieren innerlich förmlich, ein stiller, unsichtbarer Schmerz. Was auf der Zunge liegt, darf nicht an die frische Luft. Man erstickt förmlich daran.

Hohe Dunkelziffer aus Scham

Geschützter Raum fürs laute Denken

Wie bei anderen Betroffenen bleibt der Denker oft allein zurück. Wer andererseits auf einer Parkbank eine Flasche Rotwein leert, wird zumindest gesehen. Was aber, wenn Gedanken im Kopf nicht in den engen Rahmen des Sagbaren passen? Der bleibt mit seinem Schmerz unsichtbar. Er schweigt, kaut auf seiner Zunge. Vielleicht zündet er eine Zigarette an, um das innere Beben zu betäuben. Doch die Last bleibt.

Die Anonymen Denker geben Betroffenen einen geschützten Raum. Einmal pro Woche zum AD-Meeting. Kein Personalausweis, kein Nachname wird erfragt, der Vorname genügt. Hier darf jeder, was draußen oft verboten scheint: sagen, ohne Angst vor einem Fingerzeig. Bei 25 Teilnehmern, bei dem jeder nur drei Minuten Dampf ablassen kann, ohne Unterbrechung, ohne Widerspruch, ohne Wertung, ist der Abend bereits gefüllt. Alles darf gesagt werden und im Raum stehen bleiben. Niemand schreibt mit, niemand trägt das Gesagte nach draußen. Niemand diskutiert.

Politiker und Mitarbeiter in Nöten

Selbst Politiker finden sich hier ein. Abseits des Rampenlichts, ohne Krawatte, in Freizeitkleidung, dürfen sie zum ersten Mal sagen, was ihnen auf der Seele brennt. Nicht, was die Parteidisziplin erlaubt, nicht, was der Pressesprecher absegnet, sondern was sie wirklich denken. Viele atmen erst hier frei auf.

Das Therapieprinzip ist einfach: Laut denken dürfen, reden dürfen, andere Meinungen aushalten lernen. Wir sprechen uns mit Vornamen an, tauschen keine Handynummern, verlassen den Raum mit dem Bewusstsein, dass nichts nach außen dringt. Und wer die innere Spannung nicht länger allein tragen will, darf sich melden, auch mit Phantasie-Mailadresse: ano.denk@gmail.com.

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