Reservisten bei Wehrübung: Für den inhabergeführten Mittelstand eine Zumutung (Symbolbild:Imago)
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Entweder kriegstüchtig oder wirtschaftstüchtig: Deutsches Handwerk warnt vor Einberufung von Reservisten

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Inmitten des allgemeinen Kriegsgeschreis in Deutschland gibt es doch noch Stimmen der Vernunft, die dem Gedanken, das Land bis 2029 „kriegstüchtig“ zu machen und die Wehrpflicht wiedereinzuführen, die Realität entgegenstellen. Jörg Dittrich, der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, äußerte sich wenig begeistert davon, dass die Reservekräfte der Bundeswehr in den kommenden Jahren von 34.000 auf 200.000 anwachsen sollen. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bereits gefordert, Unternehmen sollten ihre Mitarbeiter für den Reservisten-Dienst freistellen. Dittrich wies nun darauf hin, dass es gerade für kleine Handwerksbetriebe ein „Kraftakt“, wenn Mitarbeiter kurzfristig für Einsätze ausfielen. Der Wegfall zentraler Fachkräfte sei „kaum zu kompensieren“, warnte er. Zwar müssten Arbeitgeber während des Reservisteneinsatzes keinen Lohn zahlen, der Ausfall sei aber dennoch eine „erhebliche Belastung“, weil etwa Zeitpläne auf Baustellen völlig durcheinandergewirbelt würden.

Außerdem gibt Dittrich zu bedenken, dass das Handwerk im Ernstfall entscheidend für die Versorgung der Bevölkerung oder die Reparatur von Stromleitungen sei. Zudem würden sich bereits Tausende Handwerker ehrenamtlich bei der Feuerwehr, im Katastrophenschutz oder in der Bundeswehr-Reserve. Sie alle „leisten damit einen unverzichtbaren Beitrag für unser aller Sicherheit“. Dafür brauche es nicht nur höchste Anerkennung, „sondern auch echte Entlastung“. Deshalb appellierte er an die Regierung, sich „der möglichen Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitsmarkt bewusst zu sein, die durch die Einberufung von Reservisten aus dem Handwerk entstehen können“.

Von wegen “Wehrpflicht? Wuppen wir!”

Solche Mahnungen klingen allemal wesentlich vernünftiger als das Gefasel einiger Wirtschaftsverbände, die vor sechs Wochen eilfertig und in gutdeutscher Tradition ihr Bekenntnis zur Wehrpflicht abgegeben hatten. „Der bereits im Frieden erforderliche Aufwuchs von ca. 180.000 auf 260.000 Soldaten und die Durchhaltefähigkeit im Verteidigungs- und Bündnisfall mit dann möglicherweise über 400.000 Soldaten sind mit einem freiwilligen Wehrdienst definitiv nicht zu schaffen. Wir brauchen deshalb die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht“, trompetete etwa Oliver Zander, der Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Für die Volkswirtschaft sei die Wehrpflicht „am Ende viel günstiger und leichter zu stemmen, als es eine kriegerische Auseinandersetzung wäre, wenn also die Abschreckung durch starke konventionelle Streitkräfte versagt“, meinte er.

Christoph Ahlhaus, der Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft schwadronierte: „Ein Leben in Freiheit und Wohlstand muss jeden Tag neu erarbeitet und verteidigt werden. Darum steht der deutsche Mittelstand voll hinter unserer Bundeswehr: als Dienstleister und Zulieferer, durch großzügige Freistellungsregelungen bei Reserveübungen oder bei der personellen Aufstockung unserer Streitkräfte: Wehrpflicht? Wuppen wir!“ Gegen solch reißerisches und großkotziges Geschwafel nehmen sich die Mahnungen Dittrichs wohltuend realistisch aus, wenn sie auch, wie alle Vernunft in diesem Land, auf taube Ohren stoßen werden. (TPL)

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