Am 30. September ist Schluss, sagt Ingo, der Wirt. Ich kann nicht mehr, sagt er. Mir bleibt nichts übrig. Lieber gehe ich arbeiten. Wenn Ingo das so sagt, dann verstummen alle am Stammtisch. Und selbst die am Tresen drehen den Kopf und hören mit.
Nach der Arbeit gehen wir ins „Scharfe Eck“, direkt neben der Straßenbahnhaltestelle. Nicht um ein Schnitzel mit Pommes zu bestellen. Es ging ums Wiedersehen. Um zwei Stunden unter Kumpels. Ein, zwei Bier, mehr nicht. Aber 3,80 Euro für 0,4 Liter – das geht ins Geld.
Aber Ingo sagt, er könne nicht mehr gegenhalten. Die Miete, der Strom, die ganzen Auflagen. Zwölf Jahre habe er durchgehalten. Jetzt sei einfach Schluss. Seine Frau mag auch nicht mehr. Vielleicht, sagt er, kommt ein Dönerladen rein. Und dann seufzt er.
Auch beim „Grünen Baum“ am Marktplatz gehen Ende des Jahres die Lichter aus. Ein neuer Pächter findet sich nicht. Risiko zu hoch. Das Haus gehört der Stadt, aber helfen tut das keinem.
Dabei sind unsere Lokale keine Kantinen, wo man Essen fasst. Sie sind mehr. Sie sind Treffpunkte, Orte, wo man dazugehört. Wo der Bürgermeister neben dem Maurer sitzt – ohne Amtstermin. Wo man redet, auch mal schweigt. Wo keiner fragt, was man verdient. Aber man streitet über Politik und prostet sich dann dennoch wieder zu. Das ist Kultur, wie ich sie liebe. Streiten und sich versöhnen beim
Die Straße ist oft leer
nächsten Prost, so ist das bei uns. Dauerzoff, den kann sich keiner leisten.
So war das immer. So ging das einfach.
Ja, die kleine Kneipe in unserer Straße, da wo das Leben noch lebenswert ist … Genau so ist es – und nicht anders. Was tun wir ohne sie?
Heute ist die Straße oft leer. Oder man erkennt sie nicht mehr. Zwei Shisha-Bars, eine Spielhalle, ein Lieferdienst und mittendrin ein Handyshop. Die ältere Dame mit dem Rollator, die früher am Fenster saß, ist nicht mehr zu sehen. Und wer sie kennt, weiß: Sie geht nicht mehr raus. Nicht, weil sie nicht will, sondern weil sie sich nicht mehr wohlfühlt.
Was fehlt, ist eine volkseigene Kneipe!
In der DDR waren auch die Kneipen volkseigen. Es war nicht alles schlecht damals. Aber eines war da: Zusammenhalt. Ein Tisch, ein Bier, ein Raum für alle. Nicht perfekt, aber für viele der einzige Ort, wo man hingehen konnte und Freunde traf.
Es rechnet sich nicht mehr
Warum nicht auch heute wieder? Warum nicht ein volkseigenes Gasthaus in jeder Stadt, betrieben von der Kommune, mit subventionierter Küche, gutem Bier und echten Menschen hinterm Tresen? Warum nicht ein Gasthaus, das unterm Strich weniger kostet als ein Sozialarbeiter – aber mehr leistet als städtische Sozialprogramme gegen Einsamkeit der Alten?
Der volkseigene Zapfhahn.
Aber man darf sich erinnern, dass manche Dinge funktioniert haben.
Weil sie menschlich waren. Und vielleicht, ganz vielleicht, könnte es wieder so sein, dass irgendwo Musik durch eine offene Tür auf den Gehsteig klingt. Und einer ruft:
„Setz dich, der Platz ist noch frei.“
Seit 2020 haben in Deutschland über 48.000 Gastronomiebetriebe aufgegeben. Immer mehr Wirte schließen aus dem gleichen Grund wie Ingo: Es rechnet sich nicht mehr.
Und mit jeder geschlossenen Kneipe verschwindet ein Stück Zuhause.























