Wenn in Deutschland einmal Manager staatsnaher Betriebe abgelöst, dann geschieht dies prinzipiell nicht wegen erwiesener Unfähigkeit, sondern aufgrund vom schalen Koalitonsabsprachen –und stets unter Gewährleistung eines möglichst weichen Fallens der per goldenen Handschlag “Geschassten”. So ist das auch aktuell im Fall von Bahnchef Rüdiger Lutz: Der seit 2017 amtierende bisherige Vorstandsvorsitzende soll nun 2026 seinen Posten räumen. Die überfällige Entscheidung rückt eine Amtszeit des Grauens in den Fokus, die von Chaos, Verspätungen und finanziellen Verlusten der Bahn geprägt war. Lutz hinterlässt ein Unternehmen in der Krise – oder, wie es der ehemalige „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt treffend formuliert: „einen absoluten, kompletten, totalen Trümmerhaufen“.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 2024 waren nur 62,5 Prozent der Fernzüge pünktlich, ein historischer Tiefstand. Die marode Infrastruktur, jahrzehntelange Unterfinanzierung und ein überlastetes Netz führten zu einem Flickenteppich aus Baustellen und Zugausfällen. Reisende zahlten den Preis: 2024 flossen fast 200 Millionen Euro an Entschädigungen für Verspätungen. Doch Lutz schob die Verantwortung stets auf strukturelle Probleme und frühere Regierungen, obwohl er selbst seit 31 Jahren im Konzern tätig ist, davon 15 Jahre im Vorstand. „Er hätte längst Alarm schlagen können“, kritisiert Reichelt und spricht damit vielen Fahrgästen aus der Seele.Finanziell steht die Bahn ebenfalls auf tönernen Füßen. 2024 verbuchte der Konzern einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro.
Deutschland maximal blamiert
Zwar wurden durch das Sanierungsprogramm „S3“ und Bundesmittel die Verluste im ersten Halbjahr 2025 auf 760 Millionen Euro reduziert, doch die erhoffte „schwarze Null“ bleibt ein fernes Ziel. Kritiker wie die Lokführergewerkschaft GDL werfen Lutz vor, kein Sanierer zu sein. „Er ist nicht der Vorstand, den wir brauchen“, sagt GDL-Chef Mario Reiß. Fehlentscheidungen wie der verlustreiche Kauf und Verkauf des britischen Bahnunternehmens Arriva fallen ebenfalls in Lutz’ Verantwortung.Reichelt geht noch weiter: „Lutz hat unser Land vor Millionen Touristen blamiert. Millionen Menschen haben Termine, Hochzeiten, Beerdigungen verpasst.“ Besonders die Fußball-EM 2024, bei der unpünktliche Züge Deutschland international lächerlich machten, bleibt ein Tiefpunkt. Reichelt kritisiert zudem Lutz’ Sanierungspläne, die erst 2070 Pünktlichkeit versprechen, als realitätsfern.
Besonders empörend: Trotz des Chaos erhielt Lutz 2024 ein Rekordgehalt von 2,1 Millionen Euro, und eine millionenschwere Abfindung droht.Die Forderungen nach einer „Neuaufstellung“ von Vorstand und Aufsichtsrat, wie sie im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD gefordert werden, sind laut. Verkehrsminister Patrick Schnieder steht unter Druck, die Bahn aus dem „Sumpf“ (Augsburger Allgemeine) zu führen. Doch Lutz bleibt stur: „Ich lasse mich nicht ablenken“, betont er, obwohl selbst die CSU seinen Rücktritt fordert.Die Deutsche Bahn braucht einen Sanierer mit Visionen, unbürokratischen Strukturen und einem Plan, der Kunden und Mitarbeitende ernst nimmt. Lutz’ Abgang 2026 könnte der Startschuss sein – doch bis dahin bleibt die Bahn ein Symbol für alles, „was in Deutschland schief läuft“, wie Reichelt es formuliert. (TPL)























