Deutscher Soldat 1942 in Stalingrad (Foto:Wikicommons)
[html5_ad]



Alle 80 Jahre wieder nach Stalingrad?



3b9fa7ebc3f34aceb75070ce7b434212

Angesichts der derzeitigen Kriegsbegeisterung empfiehlt es sich, nochmals an die Schrecken des 2. Weltkrieges zu erinnern. Da deutsche Soldaten ja nach den Wahnvorstellungen deutscher Politiker nicht nur bald wieder gegen Russland kämpfen sollen, sondern zuvor auch schon eventuell als “Friedenstruppen“ in der Ukraine zum Einsatz kommen sollen, tut es not, in Erinnerung zu rufen, was damals war. Denn deutsche Soldaten, die womöglich demnächst schon in Luhansk in der Ostukraine stationiert wären, befänden sich nur etwa 320 Kilometer von Wolgograd, dem damaligen Stalingrad, entfernt – jener Stadt, in der ihre Väter und Großväter in der Schlacht von Stalingrad unter unmenschlichen Bedingungen starben (die Verluste beider Seiten sind am Ende des Artikels) aufgeführt. Wie es an der Front wirklich zuging, erfährt man weder damals noch heute aus offiziellen Medien. Feldpostbriefe zeigen die Realität, wie es im Kessel von Stalingrad zuging.

Zunächst ein historischer Kontext. Im Dezember 1942 waren rund 220.000 deutsche und verbündete Soldaten (u. a. Rumänen, Italiener) im Kessel 40 km vor der Stadt Stalingrad eingekesselt. Die Rationen beliefen sich auf 200–300 Gramm Brot pro Tag, oft ergänzt durch Pferdefleisch oder Ratten. Temperaturen sanken auf -30 bis -40 °C, ohne ausreichende Winterkleidung. Die Luftversorgung durch die Luftwaffe (versprochen von Hermann Göring) versagte: Statt 700 Tonnen täglich kamen nur 100–150 Tonnen an. Krankheiten wie Dysenterie und Frostbeulen grassierten. Am 12. Dezember startete der Befreiungsangriff unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein, kam aber nur bis auf 48 km an den Kessel heran. Am 23. Dezember brach er ab, aufgrund sowjetischer Gegenoffensiven (Operation Saturn). Hitler befahl Durchhalten, was zu weiteren 80.000 Toten im Dezember führte. Die Soldaten hofften vergeblich auf Weihnachten als „Wende“ – stattdessen wurde es zu einem Symbol der Verzweiflung.

Typische Erlebnisberichte

Ein typischer Erlebnisbericht:

 Aus dem Tagebuch und Feldpostbriefen eines Infanteristen

 Meier (22 Jahre, aus Anhalt), der bis September 1942 notierte, ergänzt um Feldpostbriefe aus Dezember 1942 (z. B. aus der Sammlung von Anatoly Golovchansky). Meier diente in einer Panzerabteilung und wurde vermisst; sein Tagebuch endet im Kessel. Ähnliche Berichte stammen von Soldaten wie Dieter Peeters oder Horst Zank, die Weihnachten 1942 im Kessel erlebten. Hier eine chronologische Zusammenfassung aus der Perspektive eines solchen Soldaten (anonymisiert als „Hans“, basierend auf realen Einträgen):

Anfang Dezember 1942: Der Kessel schließt sich enger: „1. Dezember: Wir sitzen seit dem 23. November in diesem Höllenkessel fest. Die Russen haben uns von allen Seiten umzingelt, und der Führer sagt, wir sollen aushalten – der Entsatz kommt. Aber die Flugzeuge bringen kaum was: Heute nur ein paar Kisten Munition und Brot, das ist für 200 Mann unserer Einheit nichts. Die Pferde schlachten wir schon, das Fleisch ist zäh und voller Würmer. Die Füße frieren ein, ich habe keine Winterstiefel, nur Lumpen um die Füße gewickelt. Nachts heulen die Stalinorgeln, und tagsüber schießen sie mit Granaten, die alles zerfetzen. Kameraden neben mir sind gestern von Splittern erwischt worden – ihre Schreie gehen nicht aus dem Kopf. Ich schreibe das heimlich, die Post geht eh nicht mehr raus.“

„Der Führer hat uns verraten“

Mitte Dezember: Kälte, Hunger und der gescheiterte Entsatz: „12. Dezember: Heute hat die Rettungsoffensive begonnen! Wir hören Funknachrichten: Manstein mit Panzern von Süden. Alle jubeln, vielleicht ist Weihnachten gerettet. Aber die Russen greifen an, mit T-34-Panzern, die unsere leichten Panzer zerfetzen. Wir graben uns in Schnee und Trümmer ein, die Kälte beißt wie ein Wolf. Meine Finger sind schwarz von Frostbeulen, und der Hunger nagt – gestern nur eine Handvoll Getreide. Ein Kamerad ist gestern erfroren, einfach umgekippt. Die Sanitäter haben keine Medikamente mehr. Ich träume von Zuhause, von warmer Suppe und der Familie. Aber hier sterben wir wie Fliegen.“

„19. Dezember: Der Hilfsangriff ist nur 50 km entfernt! Wir sollen ausbrechen, aber Paulus verbietet es. Die Russen hören unsere Funksprüche ab und bombardieren uns stärker. Heute sah ich einen Transport mit Verwundeten – Skelette auf Beinen, mit offenen Wunden, die eitern. Die Läuse fressen uns auf, unter den Kleidern wimmelt es. Ich habe meinen besten Freund verloren, von einer Granate zerfetzt. Warum müssen wir das durchmachen? Der Führer hat uns verraten.“

(Quelle: Berichte aus „Ich will raus aus dem Wahnsinn“ und Spiegel-Artikel zu Weihnachten 1942. Der Entsatz kam am 19. Dezember bis Myschkowa, 50 km entfernt, brach aber ab. Soldaten wie Peeters beschrieben Frostbeulen und Ratten als „Feinde“.)

Hölle und Resignation

Ende Dezember: Weihnachten in der Hölle und Resignation: „24. Dezember: Heiligabend. Kein Baum, kein Gesang – nur das Dröhnen der Artillerie. Wir haben ein paar Kerzenstummel auf Helme gesteckt und ‚Stille Nacht‘ gesungen, aber es klang wie ein Requiem. Der Entsatz ist gescheitert, gestern abgebrochen. Hitler lügt im Radio, alles sei unter Kontrolle. Unsere Ration: Ein Stück Pferdefleisch und Tee aus Schnee. Die Temperatur: Minus 35 Grad. Viele Kameraden sind krank, hustend und blutspuckend. Ich habe Läuse in den Haaren, und der Gestank ist unerträglich – Leichen liegen überall, können nicht begraben werden. Briefe von zu Hause kommen nicht mehr, wir sind vergessen. Ich will raus aus diesem Wahnsinn, aber wohin? Der Tod ist besser als das.“

„28. Dezember: Paulus gibt auf, keinen Ausbruch mehr. Wir essen Ratten, die wir fangen. Die Russen rücken näher, ihre Panzer rollen über unsere Linien. Ich bin so schwach, dass ich kaum das Gewehr halten kann. Wenn ich das überlebe, schwöre ich, nie wieder in den Krieg zu wollen. Gott, lass es enden!“

(Quelle: Feldpostbriefe aus Golovchanskys Sammlung und Berichte von Zank/Peeters im Spiegel. Weihnachten 1942 wurde propagandistisch als „Heldentum“ dargestellt, real war es Verzweiflung. Paulus legte den Ausbruch am 28. Dezember ad acta.)

Nachwirkungen: Gefangenschaft und Rückkehr

Von den 91.000 Gefangenen aus Stalingrad überlebten bis 1955 nur ca. 6.000. Viele starben in Lagern an Hunger und Zwangsarbeit. Überlebende wie Erich Burkhardt (aus Interviews 2003) beschrieben Transporte in „Todeszügen“ nach Sibirien: „Wir wogen nur noch 44 Kilo, aßen Gras und Schnee.“ Meier wurde vermisst; sein Schicksal bleibt unbekannt.

Opferzahlen der Schlacht von Stalingrad (August 1942 – Februar(1943)

Deutsche/Achsen-Verluste: Ca. 800.000–1,1 Millionen (400.000–500.000 Tote, 150.000–200.000 Vermisste, 200.000–300.000 Verwundete), keine Zivilopfer.

Sowjetische militärische Verluste: Ca. 1,1–1,5 Millionen (478.000–650.000 Tote, 200.000–250.000 Vermisste, 650.000–800.000 Verwundete).
Sowjetische Zivilopfer: Ca. 40.000–100.000 Tote durch Luftangriffe, Kämpfe und Hungersnot. Quelle: Zusammenfassung basierend auf Antony Beevor („Stalingrad“, 1998), russischen Archiven und David Glantz („Endgame at Stalingrad“, 2014).

image_printGerne ausdrucken

Themen