(Symbolfoto: Von Claudia Otte/Shutterstock)
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Soll man die „Alten“ einfach krepieren lassen?

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Auf X ist eine heftige Diskussion entbrannt. Thema ist die medizinische, medikamentöse Behandlung von alten Menschen, die ja auch woanders immer wieder aufkommt.

Angestoßen hat diese Diskussion ein Josef Franz Lindner. Er schreibt:

„Gruselzitat des Tages: „Es gibt einfach Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente auch nicht mehr so einfach benutzen sollte“ (ZB teure Krebsmedikamente für sehr alte Menschen). Sagt der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck in einem Interview mit Welt-TV. Damit hat er ein gesundheitspolitisches Giftfass aufgemacht. Abgesehen davon, dass Streeck als Drogenbeauftragter für Fragen der medizinischen Versorgung gar nicht zuständig ist, ist dieses Thema nicht für schnelle Talkformate geeignet. Der/die 100-Jährige soll keine teuren Krebsmedikation mehr erhalten? Wie ist das mit der Menschenwürde? Und aus dem 100jährigen Krebspatienten wird schell der 80jährige, der ein neues Hüftgelenk benötigt (brauchts das noch?). Eine gefährliche Diskussion, die da aufkommen könnte.“

Die Antworten und Kommentare lassen tief blicken:

Deutschland hat im europäischen Vergleich die größte Kostenballung auf die letzten Monate und Wochen des Lebens. Ohne dabei eine höhere Lebenserwartung oder mehr Wohlbefinden oder besondere Zufriedenheit der Patienten zu erzielen. Es ist richtig, diese Fragen endlich zu stellen. Medizin besteht aus Prävention, Heilung und Linderung. Die Menschenwürde gebietet es nicht, 90% der Ressourcen in Heilungsbemühungen zu hauen und dabei einfachste Grundsätze von Prävention und Pflege täglich und auf breiter Front zu verletzen. Und das tun wir gerade. Und: „Dann machen wir den Topf noch viel größer! Kostenfragen sind grundrechtswidrig!“ ist auch nicht die für die Zukunft tragfähige Antwort.

Nein, das ist eine ganz notwendige Diskussion. Lebensverlängerung um jeden Preis ist unethisch. (Und ja, auch der monetäre Preis darf durchaus eine Rolle spielen.) Es ist naiv zu glauben, Menschen an ihrem Lebensende sei mit noch mehr Therapie geholfen.

Es geht auch darum, dass die sehr alten Menschen die Strapazen dieser chemotherapeutischen Behandlung oftmals nicht mehr verkraften. Dazu kommen die Nebenwirkungen wie Polyneuropathie, Gewichtsverlust, Übelkeit, Vergesslichkeit (eigentlich vorübergehend), kann bei alten Menschen besonders die Lebensqualität so verschlechtern, dass geschaut wird, wie sinnvoll die chemotherapeutische Behandlung ist, wenn danach die Nebenwirkungen dauerhaft bleiben, die Therapie mehr schadet als nutzt.

Ich habe 6 Jahre in einem Krankenhaus gearbeitet und kann zwar verstehen, dass das für viele eine schockierende Aussage ist, aber ich kann gar nicht zählen, wie oft wir uns aus Pflegersicht gefragt haben „warum macht man das, man verlängert nur Schmerzen und Leid“

Schweres Thema, sollten wir uns alle aber mal mit beschäftigten. Auch was das Thema Patientenverfügung angeht, da Ärzte ansonsten zB reanimieren was der Medizienbaukasten hergibt.

Es hat nur etwas mehr als achtzig Jahre gedauert, bis endlich wieder gefordert wird, daß der deutsche Staat entscheiden soll, welches Leben lebens- und erhaltenswert ist und welches nur noch palliativ begleitet wird.

Grenzen testen und dann verschieben. In einigen Jahren wird es selbstverständlich sein, dass Menschen über 75 nur noch als Selbstzahler behandelt werden.

Diese Diskussion ist wichtig, wenn sie nicht unter Kostengesichtspunkten geführt wird. Viele OPs und Therapien schaden Alten mehr, als sie nutzen und nicht jeder kann sich dagegen wehren. Lebensalter ist auch nicht entscheidend, mancher ist mit 70 hinfälliger, als andere mit 100.

Im UK zeigen NHS-Berichte: Ältere Patienten erhalten in Onkologie oder Kardiologie oft weniger umfassende Behandlungen – teils medizinisch begründet, teils Ausdruck indirekter Altersdiskriminierung. Good luck, Germoney. You better don’t get old!

Die christliche Idee, dass menschliches Leben grundsätzlich unendlichen Wert hat, widerspricht dem moralischen Empfinden aller Kulturen. Wenn ich auf Grund endlicher Ressourcen einen 10 jährigen oder einen 90 jährigen retten kann, ist die Antwort überall gleich.

Vordergrund: Jung gegen Alt. Hintergrund: Reich gegen Arm. Versicherung: Statistik gegen Rechtsgrundsatz.

Es ist wohl eine Debatte, die niemals zu einem Ergebnis kommen wird, das alle befriedigt. Klar ist nur, sobald der Kostenfaktor bei der Rechnung namens „Leben“ eine Rolle spielt, wird es schwierig. Ab wann ist man denn nun zu alt – sollte das Geld nicht für alle reichen? Ab 100? Ab 90= Ab 80? Ab 70? Ab 60? Beantworten kann diese offene Frage wohl nur jemand, der am Ende seines Lebens steht – wenn er dann noch selbst entscheiden kann.

Auf jeden Fall sollte man mal die Frage stellen, warum man sich nicht erstmal von denjenigen trennt, die unser Gesundheitssystem ausnutzen, ohne jemals etwas eingezahlt zu haben und das auch nicht beabsichtigen.

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