Es ist eine Randnotiz, doch sie ist bezeichnend für die erratische westliche Nahostpolitik der letzten Jahrzehnte: Während US-Präsident Donald Trump den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa im Weißen Haus empfing und mit warmen Worten überschüttete, ist der Tweet der US-Botschaft in Syrien aus dem Jahr 2017 noch immer online, der das Fahndungsplakat des damaligen islamistischen Terroristen al-Scharaa zeigt. „Stoppt diesen Terroristen“ ist darauf zu lesen, und es wird eine Belohnung von bis zu zehn Millionen Dollar für seine Ergreifung ausgesetzt. Im Weißen Haus spielte dies keine Rolle mehr. Trump bezeichnete al-Scharaa als „sehr starken Anführer“. Er komme „aus einem sehr harten Ort und er ist ein harter Typ“. Er wolle, dass Syrien „sehr erfolgreich“ werde und glaube wirklich, dass al-Scharaa dies schaffen könne, so Trump.
Das US-Außenministerium erklärte, die 2019 verhängten US-Sanktionen gegen Syrien würden um weitere 180 Tage ausgesetzt. Trump hatte sie bereits im Mai unterbrochen, das Ministerium setzt sich für ihre völlige Aufhebung ein, worüber jedoch der Kongress abstimmen muss. Nach dem Treffen wurde vermeldet, dass Syrien sich der von den USA geführten Koalition zur Bekämpfung der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen habe und damit „seine Rolle als Partner im Kampf gegen den Terrorismus und zur Unterstützung der regionalen Stabilität bekräftigt“ habe, wie der syrische Informationsminister Hamza al-Mustafa schrieb.

Im Grunde ist dieser Pragmatismus lobenswert, der Dynamik im Nahen Osten geschuldet und dem Dogmatismus vorzuziehen, den der Wertewesten, vor allem natürlich Europa, etwa in der Ukraine an den Tag legt. Dennoch mutet es mehr als befremdlich an, wenn ein Mann, der kürzlich selbst noch glühender Dschihadist war, nun mit allen Ehren im Weißen Haus empfangen wird und als Heilsbringer gilt. Al-Scharaa war Führer der Terrormiliz HTS, deren Einstufung als ausländische Terrororganisation die USA erst im Juli aufgehoben haben. Trump muss natürlich schon aus realpolitischer Vernunft versuchen, das Verhältnis zu Syrien zu verbessern und das Land möglichst in seine Vision von einem neuen Nahen Osten zu integrieren, die auch und gerade eine größere Sicherheit für Israel beinhaltet.
Dabei bleibt nur zu hoffen, dass man mit eilfertigen Hofierung al-Scharaas nicht wieder einmal aufs falsche Pferd setzt, wie es in den letzten Jahrzehnten so oft geschehen ist und der vermeintlich geläuterte Terrorist sich nicht als Wolf im Schafspelz entpuppt, der Syrien am Ende doch in eine islamistische Hölle verwandelt… (TPL)






















