Von Quo usque tandem
Eine der Grundprämissen des dystopischen Romans „1984“ von George Orwell ist, dass die Überwachung der Bevölkerung bereits zu einem Grad vervollständigt wurde, dass es dem „Großen Bruder“ (ein Sammelbergriff für das herrschende, extrem-autoritäre Regime) möglich ist, jeden Einzelnen immer und überall, bis hin zu seiner Behausung, zu überwachen.
Ich hatte soeben ein Erlebnis, dessen Einzelheiten – sowie die Schlussfolgerungen, die ich unweigerlich daraus ziehen muss – ich Ihnen, geschätzter Leser, zu eigener Beurteilung vorlegen möchte: Falls man beim Verfassen einer E-Mail-Nachricht einen Fehler bei der Adresse des beabsichtigten Empfängers macht, bekommt man eine automatisierte Nachricht von einem sog. „Mail Delivery System“, welche dem Vermerk „Sendung nicht zustellbar“ im Postverkehr entspricht. Ich habe vor einigen Tagen versucht, aus Anlass des sich nähernden Weihnachtsfests einem Mitglied meines Verwandtschaftskreises eine E-mail enthaltend einen Geschenkwunsch zu schicken. Ich bekam sodann folgenden Hinweis von Mail Delivery System zurück:
„Gmail has detected that this
message is likely 550-5.7.1 unsolicited mail. To reduce the amount of spam
sent to Gmail, this 550-5.7.1 message has been blocked„.
(Die Hervorhebung in der Wiedergabe stammt von mir)
So weit, so gut: Der Kommunikations-Provider bietet seinen Kunden die Dienstleistung, sie von der Flut der Nachrichten mit betrügerischer Absicht abzuschirmen, die sonst täglich auf sie niederprasseln würden und schickt zu diesem Zweck alle Nachrichten durch einen, auf dieses Ziel ausgerichteten Filter. Nicht ganz vereinbar mit der reinen Lehre des Postgeheimnisses, aber – da den Interessen des Kunden entgegenkommend – noch tolerierbar.
Nachdem ich nochmals (mit besonderer Sorgfalt bei der Angabe der Ziel-Adresse) versucht hatte, die Nachricht zu verschicken, nur um das selbe Ergebnis zu erhalten, machte ich einen dritten Versuch, aber diesmal mit folgenden Zusatz:
Nachricht an Mail Delivery System: Dies ist kein Spam, sondern eine Nachricht an meine Tochter, also lasst Euer Pfoten davon !
Diesmal ging die Nachricht durch und kam bei der Adressatin an.
Was mir dabei zu denken gibt (und mich, offen gestanden, zutiefst beunruhigt) sind die Parallelen die sich hieraus zu Orwells hypothetischer Welt ergeben: Ein einfacher Adressenirrtum kann mechanisch erkannt werden, unliebsame Nachrichten (die meist einem bestimmten Muster folgen) können durch das programmierte Erkennen gewisser Reizworte identifiziert werden – aber, die Entscheidung, meine Nachricht aufgrund meines Zusatzes freizugeben, kann nicht auf mechanischem Wege erfolgt, sondern muss das Resultat eines Denkvorgangs einer natürlichen Person gewesen sein.
Woraus sich automatisch die Frage ergibt: Werden inzwischen unsere gesamten elektronischen Kommunikationen durch einen „Großen Bruder“ auf ihren politischen Gehalt hin untersucht und werden eventuelle „verdächtige“ (oder gar als„extrem“eingestufte) Funde in einem persönlichen „Verhaltens-Register“ für weitere Verwendung gespeichert? In anderen Worten: Sind wir in Deutschland bereits mehr als halbwegs bei Orwell’schen Verhältnissen angelangt?























