Das Licht im Schaufenster – von Nicole Höchst
Es war der Abend vor Weihnachten, und die Stadt war hell erleuchtet, aber dunkel in den Herzen. Bildschirme glühten in Fenstern, Gesichter wurden blau vom Licht der Telefone, und überall blinkten LEDs um Aufmerksamkeit.
Die Schaufenster funkelten, die Straßenbahnen ratterten, die Menschen hasteten vorbei. Jeder hatte es eilig. Jeder war erreichbar auf so vielen Kanälen.
Jeder war in seinem Mikrokosmos eingesperrt. Und kaum jemand war wirklich da. Für sich oder andere. Die liebevolle Pose in der virtuellen Welt ersetzte die nackte Gleichgültigkeit im Hier und Jetzt.
In einem kleinen unscheinbaren Laden am Rand des Marktplatzes brannte noch Licht. Der Laden war alt, staubig und fast vergessen. Er verkaufte nichts, was man brauchte, und rein gar nichts, was irgendwie modern war. Bücher mit vergilbten Seiten, Kerzen aus echtem Wachs, Spielzeug aus Holz noch liebevoll handbemalt. Apparate und Dinge aus längst vergessenen Tagen, die man anfassen musste, um sie zu verstehen.
Über der Tür hing ein schlichtes Schild: „Was du suchst, findest du nicht im Lärm.“ Kaum jemand trat ein. Warum auch? Hier gab es kein WLAN, keine Bewertungen, keine Sterne. Nichts, was der woke, vielfältige und stets moralisch überlegene Mensch brauchen konnte.
An diesem Abend aber blieb ein Junge stehen. Er war nicht arm, nicht reich, nicht auffällig. Aber er war müde. So unendlich müde. Müde vom Vergleichen.
Müde vom Zählen der Likes. Müde davon, ständig sichtbar sein zu müssen und sich doch unsichtbar zu fühlen. Er lebte unter Menschen, sprach täglich mit vielen – und war doch oft allein.
Denn echte Nähe war selten geworden. Man reagierte, statt zu antworten. Man zeigte, statt zu teilen. Und man dachte viel darüber nach, was man sagen durfte, und immer weniger darüber, was wahr war.
Einem inneren Impuls folgend öffnete der Junge die Tür.
Drinnen war es still. Wirklich still. Keine Musik. Kein Summen. Kein Aufleuchten. Es roch nach Wärme, Weihnachten und längst vergangenen Zeiten. Es rocht „echt“.
Hinter dem Tresen stand ein alter, vielleicht uralter Mann. Wartend. Kein Handy, kein Bildschirm, nur ein ruhiger Blick, der nicht musterte, sich nicht ablenken musste, sondern einfach wartete. „Was suchst du, mein Junge?“, fragte er.
Der Junge zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“
Der alte Mann nickte weise lächelnd. „Dann bist du richtig.“ Er nahm eine kleine selbstgezogene Kerze und stellte sie stabil und doch leicht schräg auf den Tresen.
„Diese Kerze brennt nur, wenn man die Wahrheit sagt.“
Der Junge lachte unsicher. „Welche Wahrheit?“
„Die eigene. Die Wahrheit, für die man keinen Applaus bekommt“, sagte der Alte. „Die, die man nicht posten würde. Die, die man sonst für sich behält, aus Angst, falsch zu sein.“
Der Junge schwieg lange. Er dachte an all die Sätze, die er nie geschrieben hatte. An die Gedanken, die er löschte, bevor sie jemand sehen konnte.
An die Schere im Kopf, die schneller war als sein Herz.
Dann sagte er leise: „Ich habe Angst. Die Welt fühlt sich falsch an. Alle schreien, aber keiner hört zu. Alle wollen Zustimmung, aber keiner Verantwortung. Ich habe viele Kontakte – und kaum Freunde. Und ich weiß nicht mehr, wo ich hingehöre.“
Die Kerze flackerte – und begann zu leuchten. Nicht hell, nicht grell. Warm.
Der alte Mann lächelte. „Das ist Weihnachten.“
„Eine Kerze?“, fragte der Junge.
„Nein“, sagte der Alte. „Dass du ehrlich warst. Dass du dich nicht größer gemacht hast, als du bist. Dass du zugegeben hast, dass dir Nähe fehlt – nicht Reichweite.“
Der Junge sah auf die Flamme. „Und was mache ich jetzt damit?“
„Du trägst sie hinaus“, sagte der Alte. „Nicht sichtbar. Nicht messbar. Aber echt.“
Als der Junge sich umdrehte, war der Laden verschwunden. Der Marktplatz war derselbe wie zuvor. Laut, hell, voll.
Die Menschen schauten weiter auf ihre Bildschirme.
Doch etwas hatte sich verändert.
Der Junge ging nach Hause. Niemand hatte ihn vermißt. Trotzdem war er jetzt wirklich da. Er hörte zu, statt sofort zu reagieren.
Er sagte, was er dachte, ohne zu verletzen. Er schwieg, wo Schweigen ehrlicher war als ein Kommentar. Er ließ die Schere im Kopf beiseite liegen.
Und überall, wo er so handelte, geschah etwas Merkwürdiges: Er wurde wahrgenommen. Mehr als das. Er wurde beachtet. Gespräche wurden langsamer.
Blicke blieben länger. Manche legten sogar das Telefon weg.
Niemand sah die warm brennende Kerze. Aber manche fühlten sich plötzlich weniger allein.
Und so geschah es, dass Weihnachten in diesem Jahr nicht in den Nachrichten stattfand, nicht in Trends, nicht in Parolen oder Reichweite.
Sondern dort, wo ein kleiner Mensch den Mut hatte, wirklich da zu sein – echt. So ganz ohne Filter, ohne Applaus, und mit einem kleinen Licht,
das man nicht teilen konnte, aber weitergeben.
In einer lauten Zeit.
Ich wünsche allen Jouwatch-Leser besinnliche und gesegnete Weihnachten und ein gutes und erfülltes 2026!
Zur Person:
Nicole Höchst, Jahrgang 1970, ist AfD-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz. Sie trat 2015 in die AfD ein und ist seit 2017 Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 201 (Bad Kreuznach/Birkenfeld). Dort ist sie unter anderem als ordentliches Mitglied und Obfrau des Bildungsausschusses und als Sprecherin der AfD-Fraktion für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung tätig. Ferner ist sie stellvertretendes Mitglied in den Ausschüssen für Familie, Senioren und Jugend sowie für Digitales. Höchst ist desweiteren Delegierte des Deutschen Bundestages in den Europarat für die AfD-Fraktion und stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Desiderius-Erasmus-Stiftung.
Bis 2012 unterrichtete sie als Studienrätin am Staatlichen Speyer-Kolleg, anschließend war sie bis Oktober 2017 Referentin am Pädagogischen Landesinstitut (vormals IFB). Höchst war 2015 Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission und ist stellvertretende Vorsitzende des AfD-Kreisverbands Speyer. Sie ist katholisch, hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Speyer, wo sie auch Stadträtin ist.
Auf jouwatch veröffentlicht Nicole Höchst alle 14 Tage die kritische Kolumne „Höchst brisant“ zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Der erste Jahrgang dieser Kolumnen ist auch in Buchform erschienen. Unter demselben Titel veröffentlicht sie in unregelmäßigen Abständen Videobeiträge auf ihrem YouTube-Kanal.























