Heiligabend. Wir drei Brüder standen staunend mit offenem Mund vor dem leuchtenden Christbaum. Meine Eltern zauberten eine Wunderwelt mit viel Lametta, mit vielen bunten Kugeln, mit kleinen Engelchen und Vögelchen aus Porzellan, die mit feinen Drähten an den Ästchen befestigt waren. Und die Spitze aus Glas, die bis an die Decke reichte. Dann der Teddybär mit der Batterie. Er klimperte mit seinen Schellen und hüpfte unbeholfen über den Dielenboden. Er war ein kleines Wunder.
Und dann die Krippe in der Ecke. Mit Ochs und Esel auf Moos. Mit vielen Schäfchen aus Porzellan. Ein Hirte mit einem Stab, an dessen Ende eine kleine Lampe baumelte. Zwei kleine Hunde und weiße Tauben auf dem Dach der Krippe, diese bestand aus alten Baumwurzeln. Über Jahrzehnte gesammelt, aufgehoben, immer wieder neu zusammengesetzt. Mein kindliches Gemüt wurde an diesem Abend mit Wundern überschüttet. In einer großen Kiste lag die Eisenbahn. Märklin. Spur H0. Mein Vater und wir Brüder bauten sie jedes Jahr gemeinsam auf dem Boden zusammen, auf allen Vieren krabbelnd, versunken in einer eigenen Welt.
So war die Welt eben. Voller Dinge, die größer waren als wir selbst. Doch irgendwann verlieren wir dieses kindliche Staunen. Nicht plötzlich, eher schleichend. Das Glücksgefühl, das wir als Kind erleben, verblasst. Wir nennen es Erwachsenwerden. Wir lernen zu erklären, zu ordnen, zu relativieren. Wir werden nüchtern. Vernünftig. Und wir räumen alles Wundersame gedanklich in ein stilles Regal, beschriftet mit Märchen, Kindheit, früher.
Doch vielleicht tun wir uns damit keinen Gefallen. Denn Staunen ist keine Schwäche. Staunen ist eine geistige Beweglichkeit. Wer staunen kann, ist nicht festgefahren, sondern offen für Neues. Er kann sich etwas Unbekanntes vor seinem geistigen Auge vorstellen. Doch genau diese Offenheit wird uns oft als Dummheit ausgelegt. Alles, was größer ist als der eigene Tagesplan, gehört plötzlich in das Reich der Ungewissheit, des Ungenauen, des Eventuellen und damit in das angeblich Unrealistische.
Darum halten wir uns an kleinen Brücken fest. An Feiertagen wie Weihnachten. Weil sie uns für einen Moment in eine Traumwelt entführen, sei es religiös oder nur emotional. Wir hören Frohe Weihnachten und erwidern die Wünsche. Sie sind unscheinbar, oft abgenutzt, beinahe überhört. Und doch erinnern uns der Paketfahrer, der Bäcker, der Arbeitskollege an ein Wunder.
Doch über das eigentliche Wunder unseres christlichen Glaubens sprechen wir kaum noch. Nicht am Arbeitsplatz. Man könnte ja einen Andersdenkenden irritieren. Insgeheim geben wir auf. Wir stehen nicht mehr dazu, was unsere christliche Tradition eigentlich ausmacht. Als Ministrant, der das Weihrauchfass schwenken durfte, erlebte ich die Messe wie ein Wunder, in dem ich Statist sein durfte.
Weihnachten ist das große Wunder unserer Tradition. Die Geburt Christi. Eine Geschichte von Verletzlichkeit, von einem neugeborenen Kind. Und vielleicht liegt genau darin das Problem unserer Zeit. Dass wir heutzutage ein Wunder nur noch als großes Ereignis akzeptieren. Als Spektakel. Als Ausnahme. Als etwas, das knallt, blinkt und laut sein muss. Das leise Wunder verstehen wir kaum noch.
Die heutige Zeit ist schnell. Bilder strömen unaufhörlich auf uns ein. Fertige Traumwelten im Fernsehen, perfekte Geschichten. Wir lassen sie in unseren Kopf, oft gedankenlos. Und verlieren dabei etwas Eigenes. Unsere eigenen Träume haben keinen Platz mehr, die Synapsen sind bereits besetzt. Unsere Fähigkeit, selbst zu staunen, wird uns aberzogen. Wir sollen nur noch glauben, was andere für uns als praktisch ausgedacht haben. Unsere eigene Vorstellungskraft als Hilfe im Alltag zu erleben, wurde uns ausgetrieben. Alles, was wir tun sollen und dürfen, ist schriftlich festgelegt.
Und doch sagen wir Ja zu großen Ereignissen. Wir wundern uns darüber, wenn sich diese urplötzlich ereignen. Ein neuer Mensch in unserem Leben, den wir uns selbst nicht vorstellen konnten. Das Wundersame kommt unverhofft, wenn wir ihm die Gelegenheit geben, zu uns zu sprechen.
Vielleicht ist Weihnachten genau die Zeit, um das wieder zuzulassen. Nicht aus Pflicht, nicht aus Frömmigkeit. Sondern aus Sehnsucht. Aus der leisen Ahnung heraus, dass uns etwas fehlt, wenn wir nur noch funktionieren, aber nicht mehr staunen. Viele, die diese Gedanken kennen, spüren genau das. Sie sagen nicht viel darüber. Aber sie merken, dass etwas in ihnen ruhiger wird, wenn sie sich dem Wunderhaften wieder nähern. Nicht als Flucht aus der Realität. Sondern als Rückkehr zu einer Tiefe, die immer schon da war. „Stille Nacht“ sagt, dass es auch in uns erst still werden soll.
Wunder wirken. Nicht, weil sie die Welt verändern. Sondern weil sie uns verändern. Und vielleicht ist das das eigentliche Weihnachtswunder. Dass wir für einen Moment wieder still werden. Und uns erinnern, wie es war, als wir nicht dachten, sondern mit offenem Mund staunten.
Wer nicht an Wunder glaubt, dem entgeht etwas. Und als ich begann, diesen Text zu schreiben, wusste ich nicht, wie er enden würde. Es überrascht mich selbst immer wieder, wenn Gedanken im Kopf über die Fingerspitzen auf der Tastatur zu Worten werden. Für die Tippfehler ist der zweite Glühwein verantwortlich.
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Dieser Beitrag erschien auch auf PI-News.























