Eine ehrliche Frage an die Politik: Was ist dran an der angeblichen Notwendigkeit, eine schwindende native europäische Bevölkerung durch Zuwanderung auszugleichen? / von Nicole Höchst
Es ist eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit – und sie wird in Deutschland erstaunlich selten ehrlich gestellt: Könnte Europa überleben, wenn die Nettozuwanderung gegen null ginge? Oder geht ohne „Ersatzmigration“ angeblich der Kontinent unter, bricht die Wirtschaft zusammen, versiegt die Rente und fällt das Licht aus? Die nüchterne Wahrheit ist: Ja, Europa könnte überleben. Aber es würde kleiner, älter und an manchen Stellen auch bescheidener werden. Die wirkliche Frage lautet also nicht: Untergang oder Rettung? Sondern: Welches Europa wollen wir – und wer entscheidet das eigentlich?
Unbestreitbar ist: Die Geburtenraten liegen fast überall in Europa deutlich unter dem, was langfristig eine stabile Bevölkerungszahl sichern würde. Daraus machen Politik und Leitmedien dann gern den Kurzschluss: „Ohne Massenzuwanderung geht es nicht!“ Das ist jedoch eine bequeme Erzählung. Denn Migration kann zwar das Schrumpfen verlangsamen – sie löst aber weder die Alterung noch die strukturellen Probleme unserer Sozialsysteme. Und sie bringt neue Herausforderungen mit sich, die man nicht einfach wegmoderieren kann: Parallelstrukturen, Integrationskonflikte, Spannungen im öffentlichen Raum. Das spüren die Bürger nun einmal täglich – egal, wie sehr man ihnen sagt, sie sollten „es anders sehen“.
Reden wir endlich ehrlich!
Reden wir also endlich einmal ehrlich über den Arbeitsmarkt. Der Fachkräftemangel verschärft sich nicht automatisch dadurch, dass jedes Jahr eine Stadt von der Größe Chemnitz’ zuwandert. Er verschärft sich dann, wenn diese Zuwanderung eben nicht aus Ärzten, Pflegekräften, Verwaltungspersonal, Lehrern, Handwerkern und anderen dringend benötigten Berufsgruppen besteht. Genau das zeigen die Fakten: Laut Statistischem Bundesamt arbeiten Menschen mit Einwanderungsgeschichte deutlich häufiger in gering qualifizierten Tätigkeiten als Menschen ohne Einwanderungsgeschichte – 2023 waren es 15,3 % gegenüber 4,5 % (siehe hier).
Gleichzeitig liegt die Beschäftigungsquote der ausländischen Bevölkerung spürbar unter dem Gesamtdurchschnitt, wie der Zuwanderungsmonitor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt. Und die OECD stellt fest, dass ein erheblicher Teil der Zuwanderer nicht als Erwerbsmigranten, sondern über humanitäre und familiäre Wege kommt – während die Anerkennung von Qualifikationen und Sprachbarrieren die Integration in echte Fachkräftetätigkeiten erschweren. Mit anderen Worten: Es wandert nicht automatisch „eine Stadt voller Fachkräfte“ zu. Häufig entstehen zusätzliche Integrations-, Sozial- und Bildungslasten – während in Krankenhäusern, Schulen, Verwaltungen und Betrieben die dringend benötigten Stellen weiter unbesetzt bleiben.
Es gäbe Alternativen
Europa könnte auch mit weniger Migration existieren. Ja – unsere Gesellschaft würde kleiner. Manche Regionen würden schrumpfen. Rentenmodelle müssten reformiert werden. Wir müssten produktiver werden, effizienter, entschlossener. Das wäre anstrengend – aber es wäre ehrlich. Ein Kontinent bricht daran nicht zusammen. Japan zeigt es seit Jahren: Probleme ja – kulturelle Selbstauflösung nein. Und es gäbe Alternativen: Man könnte Familien tatsächlich entlasten, statt sie nur in Sonntagsreden zu loben. Man könnte Wohnraum bezahlbar machen, Bürokratie abbauen, Steuern senken, Leistung belohnen. Man könnte Kinder wieder als Zukunftsleistung wertschätzen – statt Eltern mit Formularen und Abgaben zu überziehen. Dann müsste man die demographische Lücke nicht auf dem Weltmarkt teuer „einkaufen“.
Und ebenso ehrlich gehört gesagt: Wer Sozialsysteme immer weiter ausdehnt, immer mehr Transferansprüche erzeugt und die Leistungsbereiten steuerlich auspresst, macht sich zwangsläufig abhängig von ständigem Bevölkerungszuwachs. Das ist kein Schicksal. Das ist politische Entscheidung. Und diese Entscheidung alimentiert ganze „Industrien“, viele Akteure verdienen sehr viel Geld am aktuellen Status Quo und sind natürlich nicht an einer Änderung der Weichenstellung interessiert.
Welches Europa wollen wir?
Migration kann sinnvoll sein – gezielt, rechtsstaatlich, maßvoll. Aber eine Politik, die meint, unsere demographische Wirklichkeit einfach „aufzufüllen“, ohne die kulturellen und sozialen Folgen mitzudenken, handelt für einige lukrativ für die meisten aber fahrlässig. Denn Europa ist kein Rechenobjekt. Heimat ist mehr als Statistik. Europa geht nicht unter, wenn es die Nettozuwanderung begrenzt. Europa geht dann unter, wenn es aufhört, an sich selbst zu glauben. Wenn Familie, Leistung, Ordnung, Recht und kulturelle Selbstachtung nur noch als museale Begriffe gelten. Dann verliert ein Kontinent seine innere Substanz – ganz unabhängig davon, wer zuwandert oder nicht.
Die eigentliche Frage lautet also: Wollen wir ein Europa, das seine Zukunft selbst gestaltet – oder eines, das nur noch Krisen verwaltet und den ungezügelten Zuzug kompensierend hinterherorganisiert? Wer unser Land liebt, der darf nicht nur, der muss sogar diese Frage stellen. Freundlich. Klar. Ohne Hysterie. Aber endlich ehrlich!
Zur Person:
Nicole Höchst, Jahrgang 1970, ist AfD-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz. Sie trat 2015 in die AfD ein und ist seit 2017 Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 201 (Bad Kreuznach/Birkenfeld). Dort ist sie unter anderem als ordentliches Mitglied und Obfrau des Bildungsausschusses und als Sprecherin der AfD-Fraktion für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung tätig. Ferner ist sie stellvertretendes Mitglied in den Ausschüssen für Familie, Senioren und Jugend sowie für Digitales. Höchst ist desweiteren Delegierte des Deutschen Bundestages in den Europarat für die AfD-Fraktion und stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Desiderius-Erasmus-Stiftung.
Bis 2012 unterrichtete sie als Studienrätin am Staatlichen Speyer-Kolleg, anschließend war sie bis Oktober 2017 Referentin am Pädagogischen Landesinstitut (vormals IFB). Höchst war 2015 Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission und ist stellvertretende Vorsitzende des AfD-Kreisverbands Speyer. Sie ist katholisch, hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Speyer, wo sie auch Stadträtin ist.
Auf jouwatch veröffentlicht Nicole Höchst alle 14 Tage die kritische Kolumne „Höchst brisant“ zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Der erste Jahrgang dieser Kolumnen ist auch in Buchform erschienen. Unter demselben Titel veröffentlicht sie in unregelmäßigen Abständen Videobeiträge auf ihrem YouTube-Kanal.























