Grönländer wurden von Dänemark über Jahrzehnte bevormundet, missbraucht und systematisch entrechtet
Vielleicht wollen die Grönländer weg: Dänemark inszeniert sich als moralische Vorzeigedemokratie – doch Grönland wurde über Jahrzehnte bevormundet, missbraucht und systematisch entrechtet.
Dänemark gibt sich gern als moralische Instanz Europas: fortschrittlich, humanistisch, aufgeklärt. Doch hinter dieser sauberen Fassade verbirgt sich ein dunkles Kapitel, das sich nicht mit einem schlichten „Es tut uns leid“ aus der Welt schaffen lässt. Jahrzehntelang wurde Grönland wie ein entfernter Besitz behandelt, nicht wie eine gleichwertige Gemeinschaft von Menschen mit Rechten, Würde und eigener Stimme. Was den Grönländern angetan wurde, war kein Versehen, sondern Ausdruck eines kolonialen Denkens, das sich anmaßte, besser zu wissen, was gut für ein anderes Volk sei.
Tausende grönländische Mädchen und Frauen wurden waren vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren von dänischen Ärzten ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung medizinischen Eingriffen unterzogen, die ihr Leben und ihre Zukunft unwiderruflich beeinflussten. Einer Untersuchung der dänischen Regierung zufolge erhielten mindestens 4.070 Mädchen und Frauen bis Ende 1970 solche Spiralen. Manche von ihnen waren laut dem Dänischen Institut für Menschenrechte zum Zeitpunkt des Eingriffs erst zwölf Jahre alt. Es ging um Kontrolle, um Anpassung, um Macht. Um die kalte Vorstellung, gesellschaftliche Probleme ließen sich durch Eingriffe in fremde Körper lösen. Dass diese Praxis ausgerechnet von einem Staat ausging, der sich heute als Vorreiter von Menschenrechten präsentiert, macht den Skandal umso größer.
Und es war nicht der einzige Akt der Entmündigung. Kinder wurden ihren Familien entrissen, kulturelle Identität wurde systematisch untergraben, Sprache und Tradition galten als rückständig. Grönland sollte „modernisiert“ werden – nach dänischem Maßstab.
Eine Entschuldigung wie Ende September durch die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen Jahrzehnte später lindert vielleicht das schlechte Gewissen in Kopenhagen – sie heilt aber nicht die Wunden der Betroffenen. Diese Aufarbeitung des Unrechts gibt es vermutlich auch nur weil Donald Trump US-Ansprüche auf Grönland angemeldet hat.
Vor diesem Hintergrund wirkt es fast zynisch, wenn heute Verwunderung darüber herrscht, dass sich viele Grönländer innerlich von Dänemark abwenden. Deshalb kann es nur eine ehrliche Konsequenz geben: Lasst die Grönländer selbst entscheiden. Nicht hinter verschlossenen Türen, nicht unter wirtschaftlichem oder politischem Druck, sondern in einem klaren, freien Volksentscheid. Sie allein sollten bestimmen, welchen Weg sie in Zukunft gehen wollen – für sich und für ihre Kinder. Alles andere wäre nur eine Fortsetzung alter Muster. Neutralität bedeutet hier nicht Gleichgültigkeit, sondern Respekt vor dem Recht eines Volkes auf Selbstbestimmung.
(SB)