Hintergründe des Feuerinfernos von Crans-Montana: Zustände, die man vielleicht in Deutschland erwartet – aber nicht in der Schweiz
Die furchtbare Brandkatastrophe im schweizerischen Crans-Montana, bei dem an Neujahr 40 junge Menschen verbrannt sind und weitere 119 teils schwerstens verletzt wurden, offenbart ein Ausmaß an Schlampigkeit und Verantwortungslosigkeit, das man eigentlich vor allem aus Deutschland kennt, aber in der vermeintlich so hochentwickelten und piekfeinen Schweiz für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten hätte: Bereits seit einigen Tagen ist bekann, dass – wie Bürgermeister Nicolas Féraud erklärte – in der Bar „Le Constellation“, in der sich das Unglück ereignete, letztmals 2019 Brandschutz- und Sicherheitskontrollen stattfanden. Man bedauere dies „zutiefst“, so Féraud. Zuvor hatten ehemalige Mitarbeiter berichtet, es sei ihnen verboten gewesen, die Notausgänge zu öffnen. Zudem soll eine Treppe nach einem Umbau der Bar deutlich schmaler gewesen sein, sodass die Besucher nach Ausbruch des Brandes nicht schnell genug hätten fliehen können.
Das korsische Ehepaar Jacques und Jessica Moretti, das die Bar betrieb, gibt ebenfalls ein äußerst dubioses Bild ab. Jaques Moretti wurde bereits 2005 in Savoyen im Osten Frankreichs inhaftiert. Drei Jahre später wurde er wegen Anstiftung zur Prostitution zu zwölf Monaten Haft verurteilt, weil er junge Frauen aus Frankreich angeworben haben soll, um in einem Erotikmassagesalon in Genf als Sexarbeiterinnen zu arbeiten. Moretti soll damals lediglich zugegeben haben, den Massagesalon drei Monate lang unter dem Namen eines Schweizer Betreibers geführt zu haben. 2010 wurde er offenbar auch noch wegen Sozialbetrug verurteilt. Seine Frau ist nicht vorbestraft, sie soll sich allerdings in der Brandnacht mit der Kasse in der Hand aus dem brennenden Gebäude gestürmt sein. Während ihrer mehrstündigen Abwesenheit wurden die Facebook- und Instagram-Seiten des „Constellation“ gelöscht. Es liegt also der Verdacht nahe, dass sie vor allem damit beschäftigt war, die Einnahmen des Abends zu retten und Kritik auf sozialen Medien zu verhindern. Überhaupt scheint das Paar über beträchtliche finanzielle Mittel zu verfügen, deren Herkunft sich aber nicht zurückverfolgen lässt. Aus der Berichterstattung geht hervor, dass zumindest Jacques Moretti Verbindungen zur korsischen Mafia haben soll. Das Paar hat sich nun gleich drei Staranwälte zugelegt, für die Hunderttausende Franken an Kosten anfallen.
Dubioses Finanzgebaren
Suspekt erscheint, dass die Morettis bereits kurz nach Jacques Morettis Ankunft in der Schweiz im Jahr 2000 im Besitz mehrerer Einfamilienhäuser und Gastronomiebetriebe waren, die sie – zumindest offiziell, – komplett selbst bezahlten. „Ich habe Informationen, dass er hier Immobilien im Wert von mehreren Millionen Franken gekauft hat, ohne auch nur einen Franken Hypothek aufzunehmen“, erklärte der Anwalt Sébastien Fanti, der mehrere Opferfamilien vertritt. „Ich bin 54 Jahre alt, arbeite seit 26 Jahren als Anwalt und habe auf jede meiner Immobilien eine Hypothek – und ich kenne keinen ausländischen Mandanten, der sich in der Schweiz niederlässt, ohne eine Hypothek aufzunehmen. Und Herr Moretti kommt nach Crans-Montana und kauft Immobilien im Wert von drei Millionen Franken in bar?”, denkt Fanti laut. Pro Monat zahle der Barbetreiber zudem 40.000 Franken Miete – eine absurd hohe Summe „Wissen Sie, wie viele Kaffees und Champagnerflaschen man verkaufen muss, um monatlich 40.000 Franken Miete zu bezahlen? Sehr viele“. Fanti sagte, er habe zudem Informationen darüber, dass Moretti bereits mehrere Konkurse in der Schweiz, in Frankreich und auf Korsika hinter sich habe.
Im Namen seiner Klienten werde er nun die Verhaftung der Morettis, aber auch von Gemeindeverantwortlichen beantragen. Das werde jedoch, raunt er ahnungsvoll-resignativ, höchstwahrscheinlich nicht passieren – „weil hier alle gemeinsam Golf spielen“. Fanti berichtet auch, dass er in seiner Zeit als Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter des Kantons Wallis in mehreren Korruptionsfällen ermittelt habe und dabei auch mehrfach mit Crans-Montana in Berührung gekommen sei. Dort scheinen Kungeleien und Schlimmeres offenbar an der Tagesordnung zu sein. Dies würde auch erklären, dass sich das Ehepaar sich noch immer auf freiem Fuß befindet, obwohl Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst eingeleitet wurden und hier eine Vielzahl Toter zu beklagen waren. Es wirkt fast so, als wolle man den Morettis Gelegenheit zur Flucht verschaffen, – möglicherweise um zu verhindern, dass etwaige Mitverantwortliche ans Licht der Öffentlichkeit kommen oder die zumindest suspekten Machenschaften in der Stadt publik werden. Hier zeigen sich jedenfalls Abgründe an Behördenversagen und Mauscheleien, die man mit der so wohlgeordneten Schweiz eigentlich als Letztes in Verbindung bringen würde. Mindestens 40 Menschen mussten für den offenkundigen Schlendrian und die dahintersteckende mutmaßliche kriminelle Skrupellosigkeit mit ihrem Leben bezahlen. (TPL)