Nicole Höchst vom AfD-Landesverband Rheinland-Pfalz
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Höchst brisant: Wozu braucht die Welt das Weltwirtschaftsforum?

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Seit Jahrzehnten gilt das jährliche Treffen des World Economic Forum in Davos als Treffpunkt einer globalen Funktionselite; ab morgen ist es wieder soweit. Doch wem nützt dieses klandestine Event eigentlich wirklich? Und warum spricht keiner mehr vom „Great Reset“? / von Nicole Höchst

Regierungschefs, Konzernlenker, Zentralbanker sowie ausgewählte Vertreter aus Wissenschaft und Medien kommen ab morgen wieder einmal zusammen, um über den Zustand der Welt zu sprechen. Ursprünglich war das Weltwirtschaftsforum einmal als informeller Gesprächsraum gedacht: ohne Beschlusskompetenz, ohne Verträge, ohne demokratischen Anspruch. Austausch statt Entscheidung, Analyse statt Steuerung. Genau diese Begrenzung verlieh dem Forum lange Zeit eine gewisse Legitimation. Gegründet wurde das WEF 1971 von Klaus Schwab als europäisches Management-Symposium. Bis heute beschreibt sich das Forum selbst als Plattform für Dialog und internationale Kooperation, nachzulesen hier. In einer zunehmend globalisierten Welt konnte ein solcher Ort des Austauschs durchaus sinnvoll sein, etwa als Frühwarnsystem für wirtschaftliche oder geopolitische Risiken.

Doch diese Rolle hat sich im Laufe der Jahre verschoben. Besonders deutlich wurde das während der Corona-Pandemie, als das WEF den Begriff „Great Reset“ in den öffentlichen Diskurs einführte. Dabei ist heute eine präzise Einordnung notwendig: Stand Januar 2026 findet sich das Konzept des „Great Reset“ nicht mehr prominent auf der aktuellen Website des World Economic Forum. Weder auf der Startseite noch in der Hauptnavigation des WEF wird der Begriff als Initiative, Projekt oder laufende Programmlinie erwähnt. Er ist faktisch aus der öffentlichen Präsentation verschwunden und offenkundig archiviert worden. Die heutigen Schwerpunkte des Forums liegen auf Themen wie dem Global Cooperation Barometer, Künstlicher Intelligenz, Cybersicherheit, Energie, Klima sowie neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodellen – ohne offene Bezugnahme auf den „Great Reset“.

Der „Great Reset“ weiterhin als Grundlage, aber nicht mehr explizite Agenda

Dieses Verschwinden ist politisch aufschlussreich, denn es bedeutet nicht, dass es dieses Konzept nie gegeben hätte. Die Inhalte aus den Jahren 2020 bis 2022 sind weiterhin dokumentiert und abrufbar. Zentrale Quelle ist das Buch „COVID-19: The Great Reset“ von Klaus Schwab und Thierry Malleret aus dem Jahr 2020, erhältlich als Print- und E-Book. Dieses Buch ist die maßgebliche Grundlage des Konzepts. Darin wird ausdrücklich die Idee entwickelt, die COVID-Krise als historische Gelegenheit zu nutzen, um den Kapitalismus „fairer, nachhaltiger und resilienter“ umzubauen – durch stärkere staatliche Koordination, einen Stakeholder- statt Shareholder-Fokus und den gezielten Einsatz neuer Technologien für gesellschaftliche Ziele.

Auch auf der Website des WEF selbst finden sich weiterhin Originaltexte aus dieser Phase, wenn auch nur noch in archivierter Form. Klaus Schwab erklärte im Juni 2020, es sei „jetzt die Zeit für einen großen Reset des Kapitalismus“. Im August 2020 folgte der Beitrag „Building Blocks of the Great Reset“, in dem vier zentrale Bausteine dieses Umbaus skizziert wurden. Diese Texte sind bis heute online abrufbar, werden aber nicht mehr aktiv beworben oder in aktuelle Programmlinien integriert.

Keine demokratisch legitimierte Institution

Warum ist der Begriff heute so schwer zu finden? Seit etwa 2022/2023 hat das WEF ihn bewusst zurückgefahren. Sehr wahrscheinlich ist dies eine Reaktion auf die massive öffentliche Kritik und die politische Sprengkraft, die das Schlagwort entwickelt hatte. Der „Great Reset“ wurde zur Projektionsfläche für eine Vielzahl von Vorwürfen und Ängsten, von technokratischer Übergriffigkeit bis hin zu Erzählungen über eine angebliche globale Kontrolle. Der Rückzug des Begriffs wirkt daher weniger wie eine inhaltliche Abkehr als wie ein strategisches Rebranding. Die Kernideen leben weiter: Stakeholder-Kapitalismus, ESG-Kriterien, nachhaltige Transformation und die Nutzung der sogenannten vierten industriellen Revolution prägen weiterhin die Arbeit des Forums, nur ohne das belastete Label „Great Reset“.

Genau hier setzt die grundsätzliche Kritik an. Das Weltwirtschaftsforum ist keine demokratisch legitimierte Institution. Es unterliegt keiner parlamentarischen Kontrolle und ist niemandem politisch rechenschaftspflichtig. Finanziert wird es maßgeblich von globalen Großunternehmen, deren Rolle als strategische Partner offen ausgewiesen ist (siehe hier). Gleichzeitig nutzen amtierende Regierungschefs und Minister Davos als informellen Abstimmungsraum, fernab nationaler Parlamente und öffentlicher Debatten. Auch wenn dort keine Gesetze beschlossen werden, entstehen Deutungsrahmen, Prioritäten und politische Leitbilder, die später in nationale und internationale Politik einfließen.

Entkopplung von Elite-Diskurs und Lebensrealität

Für viele Bürger steht Davos deshalb längst sinnbildlich für eine Entkopplung von Elite-Diskurs und Lebensrealität. Während im Alltag Inflation, Energiepreise und soziale Unsicherheit dominieren, wird in abgeschirmten Konferenzräumen über globale Transformationen diskutiert. Diese Distanz ist kein Kommunikationsproblem, sondern ein strukturelles Legitimationsproblem. Auch internationale Medien greifen diese Kritik zunehmend auf, etwa die BBC.

Braucht die Welt also dieses Forum? Als Ort des Austauschs mag ein informeller Dialog sinnvoll sein. Als politischer Taktgeber oder normativer Orientierungspunkt jedoch ist das Weltwirtschaftsforum weder legitimiert noch verantwortlich. Die Welt braucht demokratische Verfahren, transparente Entscheidungsprozesse und politische Verantwortung. Sie braucht keine informellen Machtzentren, die Einfluss ausüben, ohne dafür rechenschaftspflichtig zu sein. Dialog ist notwendig. Macht ohne Mandat bleibt es nicht.

 

 

 

 

 

Zur Person:

Nicole Höchst, Jahrgang 1970, ist AfD-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz. Sie trat 2015 in die AfD ein und ist seit 2017 Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 201 (Bad Kreuznach/Birkenfeld). Dort ist sie unter anderem als ordentliches Mitglied und Obfrau des Bildungsausschusses und als Sprecherin der AfD-Fraktion für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung tätig. Ferner ist sie stellvertretendes Mitglied in den Ausschüssen für Familie, Senioren und Jugend sowie für Digitales. Höchst ist desweiteren Delegierte des Deutschen Bundestages in den Europarat für die AfD-Fraktion und stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Desiderius-Erasmus-Stiftung.

Bis 2012 unterrichtete sie als Studienrätin am Staatlichen Speyer-Kolleg, anschließend war sie bis Oktober 2017 Referentin am Pädagogischen Landesinstitut (vormals IFB). Höchst war 2015 Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission und ist stellvertretende Vorsitzende des AfD-Kreisverbands Speyer. Sie ist katholisch, hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Speyer, wo sie auch Stadträtin ist.

Auf jouwatch veröffentlicht Nicole Höchst alle 14 Tage die kritische Kolumne „Höchst brisant“ zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Der erste Jahrgang dieser Kolumnen ist auch in Buchform erschienen. Unter demselben Titel veröffentlicht sie in unregelmäßigen Abständen Videobeiträge auf ihrem YouTube-Kanal.

 

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