Bei Sandra Maischberger setzte sich am Dienstag die neue deutsche Unsitte fort, dass Prominente sich in pathostriefendem Selbstmitleid damit auseinandersetzten, dass irgendwelche Verwandte von ihnen, Nazis waren und dies damit verknüpfen, ihre infantilen Ansichten zum aktuellen Weltgeschehen zum Besten zu geben. Diesmal war es die 81-jährige Uschi Glas, die sich auf diesem Gebiet austoben durfte. Sie stellte ihr neues Buch mit dem grottig- ungelenken Titel: „Du bist unwiderstehlich: Wahrheit“, vor. Dabei handelt es sich um ein Gespräch zwischen ihr und Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern. Als Grund dafür, warum sie der Öffentlichkeit das Buch nicht vorenthalten wollte, schwadronierte Glas: „Die Lüge wird zur Wahrheit erhoben“. Dagegen müsse man angehen. Wir seien heute „in einer Situation auf dem ganzen Erdball, von der ich nie gedacht hätte, dass wir dahinkommen“, klagte sie, als ob es relevant wäre. Es sei „beängstigend, dass bei uns die demokratischen Menschen, die die Demokratie wollen, so still sind und nichts sagen, und dass die anderen von links und von rechts die Demokratie bedrängen. Und wenn wir, die stillen Menschen, die denken, es sei gut, dass wir die Demokratie haben, nicht aufstehen, dann sieht es bei uns eng aus“. Dieses schaurig-sinnfreie Geschwurbel sagt eigentlich schon alles.
Als Beispiel dafür, wie die Wahrheit verdreht werden kann, führt Glas ihren Vater an. Mit Hilfe eines Ahnenforschers hat sie herausgefunden, dass ihr Vater bereits 1931, mit 18 Jahren, Mitglied der NSDAP wurde. Deutschlands “Schätzchen” will also der Öffentlichkeit weismachen, dass sie sich im Alter von über 80 Jahren zum ersten Mal mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt hat? Ursprünglich hatte Glas dabei angeblich im Sinn gehabt, herauszufinden, ob sie jüdische Vorfahren hatte. Dummerweise kam gewissermaßen das Gegenteil heraus: Ihr Vater warn stramm systemkonform – und trat auch noch 1944 in die Waffen-SS ein, mit der er auf dem Balkan stationiert wurde. „Das war für mich nicht so überraschend. Wenn er Widerstandskämpfer gewesen wäre, hätte er es auch sagen können“, meinte sie. Laut einem Protokoll sei er zwangseingezogen worden und dann Funker gewesen. „Wenn du das dann schwarz auf weiß liest, dann tut es dir sehr weh“, sagte sie. Ihr sei klar geworden, dass ihr Vater wie viele andere „hineingeschlittert“ sei. So etwas könne immer wieder passieren. Sie sei traurig, „wenn ich sehe, wie wenig Menschen ihre eigene Demokratie verteidigen wollen und was es bedeutet, wenn man zu Hause bleibt“. Ihr Vater habe sie immer ermahnt, am Abend in den Spiegel schauen zu können, bei allem, was sie tue. „Jetzt denke ich: Vielleicht hat er bereut, dass er da reingeschlittert ist und nicht in den Spiegel geschaut hat, sondern wollte gar nicht mehr reinschauen“. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe ihr Vater sich bei der SPD engagiert.
Uralter Hut
Seit Monaten schon geht Glas mit dieser Geschichte in allen Medien hausieren, als handele es sich um eine ungeheuerliche Enthüllung. Dass sich Millionen von Jugendlichen damals von den Nazis verführen ließen, ist nun wahrlich keine bahnbrechende Erkenntnis, zu der es Glas` Buch gebraucht hätte. Noch dazu wurde ihr Vater zur Waffen-SS zwangsrekrutiert, hat sich offensichtlich völlig von seinen Nazi-Sympathien gelöst, sie selbst gut erzogen und war ihr sogar in vielem Vorbild. Die nach 1945 verdrängten Verstrickungen waren seit den 68er-Jahren und bis zur Enthüllung der SS-Mitgliedschaft des linken Säulenheiligen und verlogenen Erzheuchlers Günther Grass ein Dauerthema. Gerade Glas als Zeitzeugin von alledem müsste das eigentlich wissen. Sie vermittelt aber den Eindruck, sie sei die erste, die erfahren hat, dass ihr Vater Mitglied in der Nazi-Partei war. Dieser uralte Hut wird nun von ihr und den Medien als schweres Los dargestellt, das die arme Frau nun im hohen Alter noch ertragen muss. Dieses wohlfeile Suhlen im eigenen angeblich so schweren Schicksal, das noch immer von der Nazizeit überschattet wird, ist schier unerträglich. Nur in einer Gesellschaft, der jedes historische Bewusstsein aberzogen wurde, kann dieses Getue noch Aufmerksamkeit erregen. Natürlich soll auch hier wieder mit der Brechstange eine Parallele zur AfD gezogen werden, wenn Glas vor den Verwerfungen der Gegenwart warnt. Dass sie auch diese noch fehlinterpretiert, zeigt ihre Sympathiebekundung für Friedrich Merz.
„Ich glaube, dass wir heute in einer Situation sind, die wir bisher nicht gehabt haben. Die Wirtschaft geht runter. Solange ich denken kann, ging es mit unserem Land immer aufwärts. Man hätte damals nicht gedacht, dass wir noch einmal in so eine Situation kommen wie heute. Wenn wir uns das leisten wollen, was wir gerne hätten, dann muss die Wirtschaft wieder flutschen“, so Glas weiter. Das Absondern derartiger Banalitäten durch eine Frau dieses Alters ist das eigentlich Erschütternde an dieser ganzen Posse. (TPL)























