Schon kurz nach Epsteins Tod 2019 erhoben US-Medien erste Zweifel an der Selbstmordtheorie (Foto:Imago)
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Epstein didn’t kill himself – oder doch?

Die Gerüchte um den Tod des Pädophilen und Triebtäters Jeffrey Epstein nehmen kein Ende. An der offiziellen Version, er habe sich am 10. August 2019 in seiner New Yorker Gefängniszelle erhängt, gab es von Anfang an erhebliche Zweifel, die auch durch zahlreiche Ungereimtheiten – wie etwa schlafende Wärter oder Lücken in der Kameraüberwachung – erhärtet wurden. Die vor einigen Wochen veröffentlichten Epstein-Files des US-Justizministeriums trugen dazu bei, dass die Spekulationen über die wahren Hintergründe seines Ablebens ins Kraut schossen und Verschwörungsfreaks aus dem Häuschen gerieten, allerdings finden sich darin auch substantiierte und hochinteressante Informationen und Dokumente zum Tod des kriminellen Investmentbankers und Sex-Netzwerkers, der zahlreiche Prominente und Mächtige in der Hand hatte. So enthalten die Files unter anderem ein Protokoll der Vernehmung von Kristin Roman, jener Gerichtsmedizinerin, die 2019 die Autopsie an Epsteins Leiche vornahm. 2022 erklärte sie unter Eid, sie sei sich zweifelsfrei sicher, dass es sich um Selbstmord gehandelt habe; zuvor hatte allerdings die Tatsache, dass Roman auf Epsteins Sterbeurkunde weder „Mord“ noch „Selbstmord“, sondern „laufende Untersuchungen“ angekreuzt hatte, die Selbstmordgerüchte jahrelang befeuert. In ihrer Vernehmung erklärte Roman dann explizit, nur deshalb mit einer eindeutigen Festlegung gewartet zu haben, weil sei „gründlich“ vorgehen habe vorgehen wollen. „Wäre er eine weniger prominente Person gewesen, die niemand umbringen wollte, hätte ich es wahrscheinlich am Tag der Autopsie als Erhängen eingestuft“, so Roman.

Hingegen pocht der erfahrene Gerichtsmediziner Michael Baden, der der von Roman durchgeführten Autopsie im Auftrag von Epsteins Bruder Mark als Beobachter beiwohnte, bis heute vehement darauf, dass es sich nicht um Selbstmord gehandelt haben könne. Daran halte er auch nach Durchsicht von Romans Verhörprotokoll fest, teilte er mit. Vor allem bezieht er sich dabei auf drei Frakturen an Epsteins Hals, die seiner Ansicht nach eher auf Strangulation als auf Erhängen hindeuten. Roman erklärte dagegen, das Zungenbein sei an der Spitze gebrochen, wo es gegen die Wirbelsäule gedrückt hätte, und nicht in der Nähe der Gelenke, wo man Frakturen erwarten würde, „wenn jemand einem mit kurzzeitigem Druck den Hals zudrückt“. Auch der Schildknorpel sei an den Stellen gebrochen gewesen, an denen das Zungenbein dagegen drückte, was ebenfalls mit einem Erhängen vereinbar sei. Manuelle Strangulation durch eine Fremdperson hingegen hätte zu ungleichmäßigen Frakturen führen müssen. Baden erklärt demgegenüber, in seinen 25 Jahren als Gerichtsmediziner in New York City und seiner jahrzehntelangen Tätigkeit in einer New Yorker Kommission, die Todesfälle in Gefängnissen untersucht und dabei naturgemäß etliche Selbstmörder obduziert, habe er noch nie drei Frakturen bei einem Suizid durch Erhängen gesehen. Das heiße zwar nicht, dass dies nie passieren könne, aber es sei „mit Sicherheit extrem selten“.

Anhaltende Spekulationen vorprogrammiert

Und es gibt noch weitere Ungereimtheiten: Laut Roman habe eine aus einem Bettlaken gefertigte Schlinge neben Epsteins Leiche gelegen, als diese in der Gerichtsmedizin zur forensischen Autopsie eingetroffen sei; sie räumte ein, sie sei „nicht so überzeugt, wie ich es gerne wäre“, welche Schlinge verwendet wurde; dies ändere jedoch nichts an ihrer Schlussfolgerung, dass Epstein sich erhängt habe.   Baden wiederum erklärt, er habe die Schlinge während der Autopsie nicht gesehen, später aber Bilder davon sowie von anderen Schlingen auf dem Boden von Epsteins Zelle – und die Strangulationsspuren an Epsteins Hals hätten definitiv nicht dem geähnelt, was er erwarten würde, wenn Epstein sich tatsächlich mit diesen Schlingen erhängt hätte. Auch Mark Epstein hält nach Lektüre von Romans Verhör daran fest, dass sein Bruder ermordet wurde: „Entweder lügen sie, sie sind inkompetent oder sie irren sich“, sagte er.

Die Spekulationen über Epstein Tod werden also weiter anhalten. Die einen sehen finstere internationale Mächte am Werk und vermuten, Epstein sei etwa von einem Geheimdienst ermordet worden, die anderen ziehen diesen durchaus begründeten Verdacht ins Lächerliche. Es ist durchaus möglich, dass Epstein sich einem so verzweifelten Zustand befand, dass er tatsächlich Suizid beging. Andererseits hatte er ein derart riesiges Netzwerk an Kontakten aufgebaut, dass sein Erpressungspotential gegenüber vielen der reichsten und mächtigsten Menschen der Welt gigantisch war. Der einflussreiche Sextäter verfügte über zahllose kompromittierende Informationen, die ganze Karrien und Lebenswerke vernichtet und über Jahrzehnte aufgebaute Fassaden philanthropischer Wohlanständigkeit zerstört hätten. Dies war ihm natürlich bewusst und hätte ihm die Möglichkeit zu einem vorteilhaften Deal ermöglicht – was einen Selbstmord unwahrscheinlich macht, zumal er damit rechnen musste, irgendwann aufzufliegen. Allerdings ist es auch keineswegs abwegig, dass gerade von dieser Seite ein Mord in Auftrag gegeben und so professionell durchgeführt wurde, dass er wie ein Suizid wirkte, um zu verhindern, dass Epstein auspackt. Eine staatlich-geheimdienstliche Verschwörung wäre dazu gar nicht erforderlich gewesen. Definitiv wird der Tod Epsteins einer der Fälle werden, bei denen sich – wie bei der Ermordung von John F. Kennedy oder im Fall von Uwe Barschel – keines der Lager jemals mit einer Erklärung zufriedengeben wird, und der auch nicht zur allgemeinen Befriedigung zu klären sein wird… (TPL)

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