Zwei Fälle zeigen das gleiche Muster: Klassische biblische Aussagen zu Schöpfung, Ehe und Sexualität geraten zunehmend in Konflikt mit modernen „Hassrede“-Regeln. Zwei aktuelle Vorgänge aus Finnland und Kanada geraten machen das besonders deutlich / von Nicole Höchst
Am 26. März 2026 hat das Oberste Gericht Finnlands in einer knappen 3:2-Entscheidung die christdemokratische Abgeordnete und ehemalige Innenministerin Päivi Räsänen sowie den lutherischen Bischof Juhana Pohjola verurteilt. Grundlage war eine Broschüre aus dem Jahr 2004 mit dem Titel „Mieheksi ja naiseksi hän heidät loi“ – auf Englisch „Male and Female He Created Them“. Die etwa 23-seitige Schrift legt die traditionelle christliche Lehre dar: Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, die Ehe ist ein Bund zwischen Mann und Frau, und homosexuelle Handlungen werden als Sünde und Abweichung vom biblischen Menschenbild beschrieben.
Homosexualität wird darin als „Entwicklungsstörung der psychosexuellen Entwicklung“ und als „sexuelle Abweichung“ bezeichnet. Die Broschüre lehnt die Auffassung ab, Homosexualität sei eine normale Variante menschlicher Sexualität, betont jedoch ausdrücklich die Gleichwertigkeit aller Menschen vor Gott. Das Gericht sah in diesen Formulierungen eine Beleidigung der Gruppe der Homosexuellen und verhängte Geldstrafen. Es stellte klar, dass kein Aufruf zu Gewalt vorlag. Zwei untere Instanzen hatten beide Angeklagten freigesprochen. Die vollständige englische Übersetzung der Broschüre ist hier einsehbar.
Kanada: Streichung des religiösen Schutzes in Bill C-9
Nur einen Tag zuvor, am 25. März 2026, hat das kanadische Unterhaus Bill C-9 (Combatting Hate Act) mit 186 zu 137 Stimmen angenommen. Das Gesetz liegt nun im Senat. Es enthält neue Straftatbestände zum Schutz religiöser Stätten und gegen Hass-Symbole. Der entscheidende Eingriff ist jedoch die Streichung der „good faith“-Verteidigung in Abschnitt 319(3)(b) des Criminal Code
Diese Klausel schützte bisher ausdrücklich Äußerungen „in gutem Glauben“ auf Grundlage religiöser Texte vor Verurteilung wegen Hassförderung. Im Justizausschuss hatten Liberale Abgeordnete Bibelpassagen aus Leviticus oder dem Römerbrief als „clearly hateful“ bezeichnet. Der Gesetzestext ist hier verfügbar.
Zwei Fälle als Angriffe auf den christlichen Glauben
In Finnland wurde eine rein theologische Schrift verurteilt, obwohl sie keine Gewalt befürwortete und die biblische Gleichwertigkeit aller Menschen betonte. In Kanada wird eine jahrzehntealte Schutzklausel für genau solche religiösen Äußerungen entfernt. Aus Sicht vieler christlicher Verbände handelt es sich um parallele Entwicklungen: Was seit Jahrhunderten als legitime Glaubenslehre galt – die biblische Anthropologie zu Mann und Frau, Ehe und Sexualmoral –, wird nun nicht mehr primär als Religionsausübung, sondern als potentielle Beleidigung oder Diskriminierung behandelt.
Das schafft Rechtsunsicherheit und führt zu Selbstzensur. Pastoren und Gläubige müssen befürchten, dass Predigten oder Bibelstudien zu diesen Themen strafrechtliche Folgen haben könnten.
Wie äußern sich die Kirchen?
Die Canadian Conference of Catholic Bishops (CCCB) hat bereits im Dezember 2025 in einem offenen Brief an den Premierminister scharfe Kritik geübt und vor einem „chilling effect on religious expression“ gewarnt. Die Bischöfe betonen, dass sie Hass und Diskriminierung ablehnen, fordern aber den Erhalt des Schutzes für gute-Glauben-Äußerungen auf Basis religiöser Texte. Sie sehen die Streichung der Klausel als Bedrohung für Predigt, Unterricht und Seelsorge . Auch der Erzbischof von Toronto, Kardinal Francis Leo, hat die Bedenken der Bischofskonferenz ausdrücklich unterstützt.
Weitere christliche Organisationen wie der Canadian Centre for Christian Charities und die Evangelical Fellowship of Canada teilen diese Sorgen und warnen vor einer Einschränkung der freien Religionsausübung. Über 350 muslimische Organisationen und orthodox-jüdische Vertreter haben sich ebenfalls besorgt geäußert. In Finnland hat die Evangelisch-Lutherische Missionsdiözese (ELMDF), für die die Broschüre geschrieben wurde, das Urteil als schwerwiegenden Eingriff in die Lehrfreiheit der Kirche kritisiert. Die Diözese betont, dass die beanstandeten Aussagen Teil der biblischen und katechismusgemäßen Lehre seien und kündigte an, das Urteil rechtlich weiter zu prüfen – möglicherweise bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Christliche Positionen und Originalzitate werden geahndet
Der finnische Fall ist bereits vollzogene Realität: Eine theologische Darstellung klassischer christlicher Positionen wurde strafrechtlich geahndet. In Kanada steht die Gesetzesverschärfung noch bevor – der Senat kann sie ändern oder ablehnen. Beide Vorgänge zeigen ein grundsätzliches Problem westlicher Rechtsstaaten: Der Kampf gegen „Hass“ droht fundamentale Rechte auf Religionsfreiheit und Meinungsäußerung auszuhöhlen. Die Kirchen warnen mit guten Gründen vor diesem Trend.
Wer sich selbst ein Bild machen will, sollte die Primärquellen lesen – die Broschüre und den kanadischen Gesetzestext – statt nur die Schlagzeilen. In Deutschland soll das angeblich (noch) unmöglich sein; wirklich? Wird sich die Kirche dazu äußern? Oder baut sie selbst die christliche Lehre um, damit der Zeitgeist sie nicht angreift?
Zur Person:
Nicole Höchst, Jahrgang 1970, ist AfD-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz. Sie trat 2015 in die AfD ein und ist seit 2017 Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 201 (Bad Kreuznach/Birkenfeld). Dort ist sie unter anderem als ordentliches Mitglied und Obfrau des Bildungsausschusses und als Sprecherin der AfD-Fraktion für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung tätig. Ferner ist sie stellvertretendes Mitglied in den Ausschüssen für Familie, Senioren und Jugend sowie für Digitales. Höchst ist desweiteren Delegierte des Deutschen Bundestages in den Europarat für die AfD-Fraktion und stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Desiderius-Erasmus-Stiftung.
Bis 2012 unterrichtete sie als Studienrätin am Staatlichen Speyer-Kolleg, anschließend war sie bis Oktober 2017 Referentin am Pädagogischen Landesinstitut (vormals IFB). Höchst war 2015 Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission und ist stellvertretende Vorsitzende des AfD-Kreisverbands Speyer. Sie ist katholisch, hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Speyer, wo sie auch Stadträtin ist.
Auf jouwatch veröffentlicht Nicole Höchst alle 14 Tage die kritische Kolumne „Höchst brisant“ zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Der erste Jahrgang dieser Kolumnen ist auch in Buchform erschienen. Unter demselben Titel veröffentlicht sie in unregelmäßigen Abständen Videobeiträge auf ihrem YouTube-Kanal.























