Fast alles, was auf „–mus“ endet wie Kommunismus, Sozialismus, Nationalismus, Feminismus und Bürokratismus, stellt mir die Nackenhaare auf. Heute aber geht’s um Herbert, einen Musterpessimisten.
Apfelmus mag ich. Schön säuerlich-süß, mit ein paar Stückchen drin. Optimismus mag ich besonders. Dieses naive Leuchten am Morgen, wenn man denkt, heute wird’s vielleicht nicht ganz so schlimm wie gestern. Und Pessimismus? Diesen zu hassen wäre zu viel Aufwand, zu Kraft zehrend. Der sitzt einfach da und brummt vor sich hin wie ein alter Kühlschrank, der nie ganz zur Ruhe kommt.
Mein Nachbar Herbert ist so ein Miesepeter. Baujahr 1954, irgendwo tief in Bayern zusammengesetzt, wo man den Schädel noch aus Granit herstellt und Optimismus eher als „spinneter“ Betriebsunfall gilt. Wenn ich sage, die Sonne scheint, sagt er, warte nur, morgen kommt der Regen, dann Hagel, und am Ende ist sowieso alles hin. Er sitzt dann da, zieht eine Miene wie bei sieben Tagen Regenwetter. Er rührt in seinem Apfelmus, als hätte ihm das Leben persönlich die letzte Portion versalzen.
Viel zu oft passiert Negatives
Und das Verrückte ist: Einfach zu oft passiert tatsächlich irgendwas Negatives. Dann schaut er mich an, als hätte er es bestellt und recht behalten. Wie immer. Ich sage dann nichts mehr. Wozu auch. Gegen solche Trefferquoten kommt man mit guter Laune allein nicht an.
Ich habe es ja versucht. Freundlich bleiben, zuhören, nicken. So wie man das halt macht, wenn man nicht gleich vom Stuhl kippen will. Ich sage also, ja, ist alles schwierig, die Welt und Windows sowieso. Er nickt. Und fünf Minuten später erklärt er mir, dass ich sowieso nichts kapiert hätte. Da weiß man dann, er will von mir, dass ich sein negatives Denken auch noch bestätige. Doch so weit kommt es nicht. Ich muss positiv bleiben, sonst kommt aus meiner Tastatur nichts Vernünftiges.
Inzwischen sehe ich das entspannter. Herbert, mein Nachbar, Balkon an Balkon, ist mein persönlicher politischer Wetterbericht. Immer Regen angesagt, manchmal Sturm, gelegentlich Weltuntergang. Und ich gehe trotzdem raus. Ohne Schirm. Man wird ja nicht aus Zucker geboren.
Living next door to Herbert
Er nörgelt, ich löffle Apfelmus. Er sieht das Glas halb leer, ich sehe es halb voll und gieße nach. So hat jeder seine Aufgabe. Ich nenne ihn spaßeshalber „Feile“. Er schärft ungewollt an meinen Gedanken. Das hat was.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es in seinem Kopf klingen mag: Leises Grollen, irgendwo zwischen Donner und Wirtshaus. Alles wird schlimmer, murmelt es da. Mag sein, denke ich mir dann. Aber heute schmeckt das Apfelmus einfach zu gut. Kam per Post von meinem Schwesterherz.
Zwanzig Jahre geht das jetzt so. Living next door to Herbert. Und ehrlich gesagt, ich würde ihn vermissen, wenn er plötzlich guter Laune wäre. Das hätte was Unheimliches. Wie ein Kühlschrank, der plötzlich still ist. Vielleicht ist das das ganze Geheimnis. Den Pessimisten nicht bekehren wollen. Das klappt sowieso nicht. Einfach daneben sitzen bleiben. Ein bisschen zuhören. Ein bisschen lachen. Und den Rest ziehen lassen.
Der Pessimist behält oft recht. Leider. Aber bis es so weit ist, esse ich mein Apfelmus.
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Dieser Beitrag erschien auch auf “MMNews”.























