Das seit rund drei Wochen anhaltende, vorgezogene Sommerloch-Drama um dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, dem „Bild“ den Namen „Timmy“ verpasst hat, geht in die nächste Runde. Nachdem man alle Rettungsversuche tagelang für ganz und gar aussichtslos erklärt hatte, wurde dem Multimillionär Walter Gunz und seinen Mitstreitern nun doch erlaubt, einen weiteren Anlauf zu übernehmen, um das Tier in die Nordsee zu befördern. Gestern wurde eine Ponton-Konstruktion installiert, heute soll der Wal dann angehoben, ein Netz unter ihm durchgezogen und an Pontons befestigt werden. Zusätzlich sollen um die Flossen auf dem Netz Luftkissen für Auftrieb sorgen und verhindern, dass der Wal sich in den Maschen verfängt. Die Spekulationen über dessen gesundheitlichen Zustand halten an. Dieser ist offenbar besser als gedacht. Der „Wal-Influencer“ Robert Marc Lehmann, ein selbsternannter führender “Experte” für Wal-Rettungen, obwohl er keinerlei nachprüfbare Erfahrungen auf dem Gebiet hat und sich tagelang medienwirksam um den Wal tummelte, meldete sich in einem einstündigen Wut-Video zu Wort, indem er allen anderen Beteiligten an der Aktion Unkenntnis vorwirft. „Bild“ berichtet weiterhin im Live-Ticker über sämtliche Entwicklungen.
Selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der seinen Amtssitz, wie schon öfter, in die Provinz verlegte und bis Donnerstag in Stralsund weilte, wo er unter anderem einen Brauerei- und einen Museumsbesuch absolvierte, ließ es sich nicht nehmen, einen Kommentar zum Thema Wal abzugeben. Dankenswerterweise gestand er ein, keinen Rat zu haben, was die Rettung angeht. Er wolle „nur die Bitte äußern, dass Anfeindungen, wie wir sie gegenwärtig in den sozialen Medien gerade auch gegenüber den Meeresexperten hören, dass wir die schleunigst unterlassen“. Das Staatsoberhaupt fand also auch hier einen Vorwand, um das aktuelle politische Lieblingsfeindbild „soziale Medien“ zu bedienen.
Das alles bestätigt erneut, zu welcher Massen-Farce die durch Vermenschlichung und psychologische Übertragung zum Hauptnachrichtenthema avancierte Wal-Rettung geworden ist.
Harmoniebedürfnis einer zutiefst gespaltenen Nation
Das leidende Tier ist zur Projektionsfläche für das Harmoniebedürfnis einer zutiefst gespaltenen Nation geworden, die sich hier endlich einmal auf etwas Positives einigen kann, wo es sonst nur Streit, Hass und Diskursverweigerung gibt. Zudem bietet sich die Gelegenheit, der Flut von existenziellen Problemen in diesem Land zu entfliehen. Im Mittelpunkt des Ganzen steht Till Backhaus, der SPD-Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, der sich von Anfang mit allem nur möglichen Pathos zum obersten Wal-Retter aufwarf und auch ankündigte, weiterhin dabeizubleiben, obwohl die Rettung nun in privaten Händen liegt. Die AfD wirft Backhaus vor, dies vor allem zu Wahlkampfzwecken zu betreiben. Backhaus` SPD, die das Bundesland seit 1998 ununterbrochen regiert, liegt derzeit in Umfragen mit 26 Prozent auf Platz zwei, die AfD mit 34 Prozent einsam an der Spitze, die CDU kommt auf erbärmliche 12 Prozent. Bei der Landtagswahl am 20. September zeichnet sich also ein weiterer AfD-Triumph in Ostdeutschland ab.
„Man hat schon ein bisschen den Eindruck, dass die Landesregierung versucht, den Wal jetzt zu Wahlkampfzwecken zu benutzen. Der Umweltminister ist ja quasi täglich vor Ort“, kritisierte der AfD-Landesvorsitzende Leif-Erik Holm. Besonders ärgere er sich darüber, „dass es so ein Hin und Her gab. Erst Rettung ja, Rettung nein, jetzt wieder Rettung“. Backhaus habe dabei keine gute Figur gemacht. Nicht nur um „Timmys“ Willen kann man jedenfalls nur hoffen, dass es Gunz und Co. gelingt, die Rettung erfolgreich durchzuführen. Denn damit wäre auch einmal mehr die Unfähigkeit staatlicher Stellen bewiesen, die das Tier unnötig leiden gelassen und bei der Rettung versagt hätten, so wie bei fast allem, was sie anpacken. Dass Backhaus` mediale Omnipräsenz vorbei wäre, ist ein weiterer positiver Nebeneffekt. (TPL)






















