Die Posse um die Rettung des Wals „Timmy“, die seit über drei Wochen die Medien beherrscht, nimmt und nimmt kein Ende. Selbst dem aufmerksamsten Beobachter ist es kaum noch möglich, den Überblick über die ständigen Kapriolen zu behalten, die diese Narretei schlägt, auch wenn „Bild“ weiterhin geradezu im Minutentakt. Nach dem Thema Irankrieg kommen auf allen Kanälen sogleich die Wal-News im Liveticker. Bislang ist es auch der Gruppe um den Media-Markt-Gründer Walter Gunz nicht gelungen, das Tier endlich in die Nordsee oder gar den Atlantik zu befördern – trotz ausgeklügelter technischer Vorrichtungen mit Pontons. Der Wal ist erneut gestrandet, eine am Samstag eigens von der Gunz-Initiative aus Hawaii eingeflogene Tierärztin reiste bereits am Montag entnervt wieder ab, weil ihr die esoterischen und unwissenschaftlichen Ansätze der von “Wal-Flüsterern” gestellten Teamleitung zu bunt wurden. Auch Christiane Freifrau von Gregory, die Pressesprecherin des privaten Retter-Teams, trat „mit sofortiger Wirkung“ von ihrem Posten zurück, ist nun aber offenbar doch wieder an Bord.
Ab heute Abend soll die hessische Tierärztin Kirsten Tönnies das Team verstärken, die aber eigentlich Schafe, Kühe und Pferde behandelt. „Ich habe viel Erfahrung mit Wildtieren, allerdings nicht mit Walen“, sagte sie, kenne sich im Bereich Medikamente aber sehr gut aus und habe auch keine Angst davor, einen Wal zu spritzen. Der Unterschied “zwischen Maus und Mensch” sei größer als zwischen Pferd und Wal. In der deutschen Freiluftpsychiatrie, wo der in die Tausende zählenden Gesamtheit aller von zweibeinigen Gestrandeten niedergemesserten menschlichen Opfern nur ein Bruchteil des medialen und emphatischen Interesses zuteil wird wie diesem verirten Meeressäuger, ist inzwischen nichts mehr zu verrückt, als dass es nicht wahr werden könnte.
„Kackhaus” hat seine Berufung als Anti-Ahab entdeckt
Am bizarrsten mutet dabei die Rolle von Till Backhaus, dem SPD-Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, an, der nicht auch nur die allergeringste Gelegenheit auslässt, sich als oberster Walretter in den Mittelpunkt dieser absurden Geschichte zu stellen: Am Nachmittag teilte er mit, dass man dem Wal nun einen Peilsender verpasst habe; am Montagabend verkündete er, die Nacht vor Ort auf einem Fischereiaufsichtsboot zu verbringen und mit einem Nachtsichtgerät beobachten, was weiter passiere. An Schlaf werde nicht zu denken sein, aber er sei “hart im Nehmen”, so Backhaus ironiefrei, der auch nicht die Erwähnung versäumte, dass er in den vergangenen Wochen “überhaupt wenig geschlafen” habe. Backhaus-“Kackhaus” ist übrigens der dienstälteste Minister ganz Deutschlands: Seit 1998 (!) gehört er der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns an, das seit damals von der SPD regiert wird. Am 20. September sind Landtagswahlen. Während seine SPD im Bund ansonsten in einem ähnlichen Zustand wie der Buckelwal ist und nur noch schwach bläst, liegen die Genossen im Umfragen in Brandenburg mit immerhin noch 26 Prozent auf Platz zwei – was allerdings nichts daran ändert, dass die AfD 34 Prozent einsam an der Spitze ist. Die abgehalfterte CDU kommt hier nur noch auf 12 Prozent. Man liegt also sicher nicht falsch, wenn man davon ausgeht, dass Backhaus` Einsatz für den Wal, der sich längst zur Groteske entwickelt hat, vor allem Wahlkampfzwecken dient. In seiner Manie wirkt er wie ein Gegenentwurf zu Melvilles literarischer Figur des Käpt’n Ahab, der Moby Dick fast so besessen töten wollte, wie die Ostseehelfer heute “Timmy” zu retten versuchen.
Ein derart emotionalisierendes, überpolitisches Thema ist die ideale Steilvorlage dafür. Nicht bekannt ist freilich, ob sich Backhaus jemals auch Nächte um die Ohren geschlagen hat, um einem verletzten Polizisten, einem Terror- oder Vergewaltigungsopfer beizustehen, worauf auch Journalisten-Urgestein Waldemar Hartmann hinwies. Auf dem Rücken eines leidenden Tieres will ”Kackhaus” Punkte für sich und die SPD sammeln und einen weiteren Erdrutscherfolg der AfD in Ostdeutschland verhindern oder zumindest eindämmen – und wenn der zu Tode bemutterte Wal dafür draufgeht. Das ist der ganze Hintergrund dieser geschmacklosen Selbstdarstellung – und die allermeisten Wähler werden dies auch erkennen und sich nicht davon blenden lassen. Vielleicht aber ist “Timmy” so intelligent, dass er genau das alles bezweckte und sich einen diebischen Spaß daraus macht, eine hysterische Gesellschaft von Hypersensiblen und Drama-Queens zum Narren zu halten. Vielleicht hat er aber auch einfach keine Lust mehr zu leben und sich gedacht, dieses Deutschland ist ein guter Ort zum Sterben. (TPL)






















